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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Informationen zur Vergabe von Gutachten

Fortpflanzungsmedizin - Wissenschaftlich-technische Entwicklungen, Folgen und Rahmenbedingungen

Gutachter im Rahmen des TA-Projekts gesucht

Die Einreichungsfrist für Angebote ist abgelaufen.

Gutachten 1:
»Psychosoziale Aspekte der assistierten Reproduktion«

Gutachten 2:
»Rechtliche Rahmenbedingungen für die Anwendung reproduktionsmedizinischer Interventionen«

Hintergrund, zentrale Aspekte des Themas

Seit der Geburt des ersten »Retortenbabys« 1978 hat die Fortpflanzungsmedizin (auch: technisch assistierte Reproduktion) wesentliche Weiterentwicklungen erfahren. Sie umfasst heute die extrakorporale Befruchtung mit anschließendem Embryotransfer (In-vitro-Fertilisation, IVF), die intrazytoplasmatische Spermieninjektion in die Eizelle (ICSI) mit anschließendem Embryotransfer, die Kryokonservierung von Keimzellen, imprägnierten Eizellen und Embryonen sowie deren spätere Verwendung in der assistierten Reproduktion. War die Fortpflanzungsmedizin ursprünglich auf die Behandlung weiblicher, organisch bedingter Unfruchtbarkeit ausgerichtet, wurden und werden seither weitere spezifische Techniken entwickelt. Diese ermöglichen

  • eine Ausweitung der Indikationen (z.B. männliche Unfruchtbarkeit),
  • den Austausch der am Fortpflanzungsprozess beteiligten Personen (z.B. Eizell- und Samenspende, Leihmutterschaft),
  • die räumlich-zeitliche Entkopplung verschiedener Phasen des Fortpflanzungsvorgangs (z.B. Kryokonservierung) sowie
  • die (morphologische und genetische) Kontrolle der Fortpflanzungszellen bzw. des frühen Embryos (z.B. durch Spermienselektionsverfahren, Polkörperdiagnostik, Präimplantationsdiagnostik, Auswahl und Reduktion der Zahl der übertragenen Embryonen (sog. elektiver Single-Embryo-Transfer).

Zudem gibt es enge Bezüge zwischen Fortpflanzungsmedizin und der Gewinnung von und Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen sowie mit dem therapeutischen und reproduktiven Klonen, die auf Techniken der Fortpflanzungsmedizin aufbauen. Zu den Zielen der aktuellen Forschung gehört es, die Wirksamkeit der technisch assistierten Reproduktionsverfahren zu erhöhen – z.B. durch eine gezieltere Vorauswahl der übertragenen Embryonen – und die Risiken für Frauen und Kinder zu verringern – insbesondere durch eine Verringerung der Zahl der Mehrlingsschwangerschaften, die immer eine gesundheitliche Gefahr und oft auch eine psychosoziale Belastung darstellen.

Vor diesem Hintergrund wurde das TAB beauftragt, einen Überblick über den aktuellen Stand und die Perspektiven der technisch assistierten Reproduktionsmedizin zu geben und zu untersuchen, welche internationalen Erfahrungen mit den Folgen der Reproduktionsmedizin und den jeweiligen Rahmenbedingungen ihrer Anwendung vorliegen. Durch die Analyse der mit der Anwendung dieser Techniken vorliegenden Erfahrungen soll gezeigt werden, welches Wechselspiel zwischen den jeweiligen Rahmenbedingungen für die Anwendung der Reproduktionsmedizin und ihren Folgen besteht. Zudem werden nichttechnische, alternative Interventionen bei ungewollter Kinderlosigkeit vergleichend einbezogen. Aus diesen Analysen sollen Hinweise abgeleitet werden, ob und in welcher Weise der in Deutschland bestehende Rechtsrahmen sowie die Rahmenbedingungen der Anwendung weiterentwickelt werden können (s. Projektskizze).

Vom TAB schon intensiv analysiert werden die aktuellen Lösungsansätze zum Umgang mit unerfülltem Kinderwunsch, die durch die Reproduktionsmedizin bereitgestellt werden und auf die Herbeiführung einer Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes abzielen. Dies betrifft – neben einer bibliometrischen Analyse der nationalen und internationalen Publikationsaktivitäten zur Reproduktionsmedizin - folgende Aspekte:

  • Art, Ursachen und Diagnostik von Fruchtbarkeitsstörungen;
  • Reproduktionsmedizinische Ansätze und Verfahren zur Kinderwunschbehandlung;
  • Anwendungen der assistierten Reproduktion in der klinischen Praxis;
  • Wirksamkeit und Erfolgsraten reproduktionsmedizinischer Verfahren;
  • gesundheitliche Belastungen und Risiken reproduktionsmedizinischer Verfahren bei Betroffenen;
  • Rahmenbedingungen (und weitere Folgen) reproduktionsmedizinischer Verfahren.

Diese Themenbereiche sollen somit nicht im Rahmen der ausgeschriebenen Gutachten bearbeitet werden.

Leistungsbeschreibung Gutachten 1:
»Psychosoziale Aspekte der assistierten Reproduktion«

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Einstellung zu psychosozialen Faktoren bei Fertilitätsstörungen verändert. Früher ging man von einem hohen Anteil psychisch bedingter Infertilität aus, sodass das »psychogene Infertilitätsmodell« die Forschung prägte. Dies war jedoch u.a. dadurch bedingt, dass etwa die Hälfte der heute bekannten Infertilitätsursachen noch nicht diagnostiziert werden konnte. In der Folge vermutete man psychogene Ursachen vor allem bei Paaren mit sog. idiopathischer Infertilität, d.h. mit Infertilität, deren Ursache nicht festgestellt werden kann. In jüngerer Zeit stehen hingegen die psychischen Folgen von Fertilitätsstörungen sowie die psychische Belastung durch reproduktionsmedizinische Behandlungen im Vordergrund. Zudem geht man davon aus, dass der Einfluss psychologischer Faktoren als alleinige Ursache von Infertilität im Allgemeinen deutlich überschätzt wird.

Das Gutachten soll in kurzer, überblicksartiger Form den Kenntnisstand zu gesundheitlichen Risiken, psychischen Belastungen und psychosozialen Folgen für Frauen, Männer, Kinder und Familien für die in der klinischen Praxis angewendeten reproduktionsmedizinischen Verfahren darstellen und Forschungslücken aufzeigen. Dabei sind die psychosozialen Folgen bei folgenden Ereignissen bzw. Lebenslagen zu berücksichtigen:

  • Erleben von Sub- und Infertilität: Krankheitswert, Auswirkungen auf Selbst- und Fremdwahrnehmung, Selbstwertgefühl, Lebensqualität.
  • Motive der Entscheidung für eine Behandlung mit Verfahren der assistierten Reproduktion (im Vergleich zu Alternativen); prädisponierende Faktoren, gerade diesen Weg zu wählen.
  • Erleben der reproduktionsmedizinischen Behandlung. Erleben des Misserfolgs der reproduktionsmedizinischen Behandlung; Bewältigung des dauerhaften Misserfolgs der reproduktionsmedizinischen Behandlung, Bewältigungsstrategien des unerfüllten Kinderwunsches.
  • Erleben von Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft bei erfolgreicher reproduktionsmedizinischer Behandlung; signifikante Unterschiede zu Eltern, die auf natürlichem Wege empfangen haben.
  • Elternschaft bei gesundheitlich beeinträchtigten Kindern; signifikante Unterschiede zu Eltern von gesundheitlich beeinträchtigten Kindern, die auf natürlichem Wege empfangen haben.

Vor diesem Hintergrund soll das Gutachten im Einzelnen mindestens folgende Arbeitsschritte und Leitfragen umfassen:

  • Wie ist die psychosoziale Betreuung im Allgemeinen in Deutschland organisiert und im Detail ausgestaltet?
  • Wie erfolgt die Integration psychosozialer Beratung in die reproduktionsmedizinische Behandlung; inwieweit ist sie auch davon unabhängig möglich?
  • Welche Maßnahmen werden durch wen angeboten?
  • Wie sind die Qualität der Beratung, die Qualifikation der Beratenden und die Qualitätssicherung insgesamt? Welche Ergebnisse wurden erzielt, gibt es systematische Evaluationen?
  • Wer sind die Zielgruppen (bzw. sollten es sein)? Inwieweit werden diese erreicht, wie ist die Inanspruchnahme, inwieweit treffen die Angebote die Bedürfnisse der Zielgruppen (auch unter Gender- und Diversity-Aspekten)?
  • Wie ist die deutsche Situation in internationaler Perspektive zu bewerten? Welche Stärken und Schwächen gibt es, wo besteht Handlungsbedarf?

Leistungsbeschreibung Gutachten 2:
»Rechtliche Rahmenbedingungen für die Anwendung reproduktionsmedizinischer Interventionen«

Gesetzliche, untergesetzliche und standesrechtliche Regelungen sowie strukturelle und institutionelle Rahmenbedingungen haben einen bestimmenden Einfluss auf Ausmaß und Art des Angebots, Durchführung, Nachfrage und Inanspruchnahme von Verfahren der assistierten Reproduktion. Hier gibt es im internationalen Vergleich z.T. große Unterschiede, inwieweit, mit welchen Zielsetzungen und unter welchen Rahmenbedingungen Verfahren der technisch assistierten Reproduktion überhaupt erlaubt sind, in welchem Maße sie in der reproduktionsmedizinischen Praxis eingesetzt werden und welche intendierten und nichtintendierten Folgen hiermit jeweils verbunden sind. Auch in Deutschland hat es in den letzten Jahren Veränderungen in den relevanten Rahmenbedingungen gegeben. Exemplarisch seien genannt: Novellierung der Richtlinie der Bundesärztekammer zur assistierten Reproduktion; Implementierung der EU-Geweberichtlinie 2004/23/EG; Einschränkung der Kostenübernahme für reproduktionsmedizinische Behandlungen durch gesetzliche Krankenkassen in Deutschland; Zahlung von Zuschüssen zu reproduktionsmedizinischen Behandlungen in den Bundesländern Sachsen und Thüringen.

Vor diesem Hintergrund soll das zu erstellende Gutachten im Einzelnen mindestens folgende Arbeitsschritte und Themenbereiche umfassen:

  • Rechtliche Rahmenbedingungen für die Anwendung reproduktionsmedizinischer Interventionen, dabei:
  • international vergleichender Überblick über die gesetzliche Regelung der Anwendung technisch assistierter Reproduktion;
  • Analyse der Ausgestaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen in international in der Reproduktionsmedizin führenden Ländern bzw. in Ländern mit umfassender Regelung der Fortpflanzungsmedizin;
  • Prüfung, inwieweit neue Entwicklungen in der Fortpflanzungsmedizin durch das geltende Recht in Deutschland abgedeckt bzw. nicht oder unzureichend geregelt sind, dabei auch Analyse datenschutzrechtlicher Aspekte;
  • Ableitung von Ansatzpunkten für eine mögliche Weiterentwicklung des gesetzlichen Rahmens in Deutschland.

Formales

Die Bereitschaft zur intensiven Diskussion und engen Kooperation mit dem TAB wird vorausgesetzt.

Bei der Erarbeitung der Angebote sind unbedingt die Hinweise für Gutachter zu beachten. Insbesondere muss die Kompetenz der Anbietenden aus den Angeboten hervorgehen. Auch müssen die beabsichtigte Vorgehensweise und der erforderliche Bearbeitungsaufwand deutlich werden.

Abgabetermin für Angebote ist der 12. Januar 2010

Mit der Bearbeitung der Gutachten soll voraussichtlich am 15.02.2010 begonnen werden. Die Fertigstellung und Abgabe der Gutachten ist für den 15.05.2010 vorzusehen.

Nach unseren Erfahrungen müssen die eingehenden Angebote formal, inhaltlich und/oder kalkulatorisch noch abgestimmt werden. Senden Sie uns deshalb bis spätestens zum 12. Januar 2010 zunächst eine elektronische Version ihres vollständigen Angebots zusammen mit dem Formblatt (s. Hinweise für Gutachter) an unsere E-Mail-Adresse . Sollte Ihr Angebot nach Prüfung durch uns in die engere Wahl kommen, werden wir Sie um die Zusendung eines unterschriebenen Original-Angebots an das TAB bitten.

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