Informationen zur Vergabe von Gutachten
Welchen Beitrag kann die Forschung zur Lösung des Welternährungsproblems leisten?
Thematischer Hintergrund
Das vom Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung beauftragte Projekt »Welchen Beitrag kann die Forschung zur Lösung des Welternährungsproblems leisten?« umfasst nach dem Verständnis des TAB zwei wesentliche Problembereiche: Zum einen das derzeitige Problem der Unterernährung, das weltweit rund eine Milliarde Menschen betrifft und das nach Ansicht des überwiegenden Teils der Experten in erster Linie ein Armuts- und Verteilungsproblem darstellt; zum anderen – in einer auf die nächsten Jahrzehnte gerichteten Perspektive – die Erwartung, dass aktuelle Entwicklungstendenzen sowohl auf der Nachfrageseite (Bevölkerungswachstum, überproportional zunehmender Konsum tierischer Nahrungsmittel) als auch auf der Angebotsseite (Degradierung fruchtbarer Böden durch Erosion, Versalzung usw.; Ernteausfälle infolge des Klimawandels; Nutzungskonkurrenzen) dazu führen können, dass die Ernährung der Weltbevölkerung sich künftig sowohl als Verteilungs- als auch als »Mengenproblem« darstellt (s. hierzu auch den Schwerpunkt des aktuellen TAB-Briefs Nr. 35 [0,85 MB]).
Vor diesem Hintergrund ist es Ziel des TAB-Projekts zu untersuchen, welche Forschungsansätze besonders große Beiträge zur Lösung der verschiedenen Dimensionen der Welternährungsproblematik zu leisten vermögen (s. Projektskizze). Dabei strebt das Projekt nicht an, eine umfassende Analyse und Darstellung der globalen Unter- und Mangelernährungsproblematik zu leisten. Vielmehr konzentriert es sich auf den Stand von einschlägiger Forschung und Entwicklung sowie zukünftige Forschungsaufgaben, wobei der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Forschungslandschaft in Deutschland liegt. Gefragt wird insbesondere, in welchen Bereichen besonderer Forschungsbedarf besteht, wo spezifische Restriktionen zu überwinden und neue Formen der inter- und transdisziplinären Forschung zu entwickeln sind. Die Auswahl der Forschungsfelder richtet sich danach, ob relevante Beiträge zu den zahlreichen, heterogenen Einflussgrößen auf die Welternährungssituation zu erwarten sind; dementsprechend breit ist das Spektrum der Forschungsfelder, die in den Blick genommen werden müssen.
Im Mittelpunkt des TAB-Projekts wird im Frühjahr 2010 ein Symposium stehen, dessen Ergebnisse in einem TAB-Diskussionspapier dokumentiert werden sollen. Zur inhaltlichen Vorbereitung dieses Symposiums soll eine Reihe von Kurzgutachten an Experten unterschiedlicher Fachrichtungen vergeben werden. Der organisatorische und thematische Zuschnitt des Symposiums soll erst nach Vorlage der Kurzexpertisen beschlossen werden.
Leistungsbeschreibung zu vergebender Kurzgutachten
Allgemeines
Die Definition relevanter Forschungsfelder und -themen ist gekoppelt an die Einschätzung, welche Einflussgrößen für das globale Problem der Unter- und Mangelernährung von Bedeutung sind. In der seit Jahrzehnten andauernden Diskussion zur Welternährungsproblematik wurden zahlreiche solcher Faktoren identifiziert. Dazu zählen so heterogene Größen wie die verfügbare Anbaufläche, die Entwicklung der Weltbevölkerung und der Ernährungsgewohnheiten, Fortschritte in der Pflanzenzüchtung, Reformen im Landrecht, Wasserverfügbarkeit, die Rolle von Frauen u.v.m.
Bislang existiert keine allgemein akzeptierte Systematik solcher Faktoren. Zur Verortung der Themen der Kurzgutachten kann jedoch folgende grobe Systematisierung dienen:
- Faktoren, die vorrangig die Produktion der Nahrungsmittel bestimmen: Dabei handelt es sich um Faktoren, welche die zur landwirtschaftlichen Nutzung geeigneten Flächen (z.B. Bodendegradation, Verlust von Agrarflächen durch Siedlungsbau), die Verfügbarkeit von Wasser, das genetische Ertragspotential sowie die Widerstandsfähigkeit der Kulturpflanzen, den Pflanzenschutz und sonstige Produktionsmittel oder auch Nacherntetechniken betreffen. Auf einer stärker integrierten Betrachtungsebene stellt sich die Frage von ressourcenschonenden Anbausystemen mit hohen Erträgen.
- Faktoren, welche die Art und Menge der Nachfrage nach Nahrungsmitteln prägen. Dabei handelt es sich v. a. um die Entwicklung der Weltbevölkerung sowie die Veränderung von Konsumgewohnheiten (Nahrungsmittel tierischen Ursprungs).
- Faktoren, die den Zugang zu den produzierten Nahrungsmitteln (bzw. deren Verteilung) beeinflussen. Dazu zählen u.a. die Landbesitzverteilung, die Welthandelspolitik, die rechtlichen Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung im Agrarbereich sowie Genderfragen.
- Sonstige Faktoren jenseits dieser Dreiteilung sind u.a. die Früherkennung von und Sofortmaßnahmen bei akuten Hungerkrisen, Strategien zur Behebung von Mikronährstoffdefiziten und – im vorliegenden Kontext besonders wichtig –Fragen der Forschungsausrichtung, -organisation und -institutionalisierung und des Wissens- und Technologietransfers.
Die Kurzgutachten zu Themen aus diesen vier Bereichen sollen jeweils auf folgende Punkte eingehen:
- Kurze Einschätzung der aktuellen und zukünftigen Bedeutung des Untersuchungsgegenstandes für das Welternährungsproblem
- Komprimierter Überblick zu Forschungslage (Fragestellungen, Schwerpunkte), Forschungsaktivitäten und -programmen, Forschungslandschaft in Deutschland (ggf. Europa), wichtige Kooperationen mit Entwicklungsländern
- Herausforderungen: inhaltliche und institutionelle Schwierigkeiten bei der Erforschung des Themenfelds und der Übertragung der Ergebnisse in die Praxis (Umsetzungsprobleme und Konsequenzen für verbesserte Strategien)
- Desiderate: wichtige zukünftige Fragestellungen, erfolgversprechende Forschungsstrategien, notwendig erscheinende Förderung (unter Berücksichtigung inter- und transdisziplinärer Ansätze)
Die Ergebnisse eines kürzlich abgeschlossenen Projekts der European Technology Assessment Group im Auftrag des Europäischen Parlaments zur Frage von angepassten Anbausystemen für Entwicklungsländer sollten mit berücksichtigt werden (Meyer 2009: »Agricultural Technologies for Developing Countries«). Im Rahmen dieses Projekts wurden Fallstudien erarbeitet zu »Rainwater Harvesting«, »Conservation Agriculture«, »System of Rice Intensification«, »Organic Farming«, »Agroforestry Systems« sowie »Transgenic Plants«.
Mögliche Teilthemen für Kurzexpertisen zu ausgewählten Forschungsfeldern werden im Folgenden ohne Anspruch auf Vollständigkeit skizziert. Vorschläge bzw. Angebote mit anderen thematischen Schwerpunkten und Zuschnitten sind ausdrücklich erwünscht.
Angesichts der Vielzahl möglicher Perspektiven strebt das TAB an, möglichst viele Expertisen einzuholen, deren jeweiliger Bearbeitungsumfang maximal zwei Personenmonate umfassen kann, wenn möglich weniger. Weitere Angaben zur Angebotserstellung finden sich am Ende dieser Bekanntmachung.
Themen für Kurzgutachten im Bereich »Produktion«
Bodenschonende Landwirtschaft
Prozesse der Bodendegradation – Erosion, Versalzung, Kontamination, Verdichtung – führen dazu, dass fruchtbare Böden ihre landwirtschaftliche Nutzbarkeit verlieren. Von den weltweit rund 1,5 Milliarden Hektar Ackerland (inkl. Dauerkulturen) sowie 3,5 Milliarden Hektar Gras- und Weideland (inkl. extensiv genutzte Steppe) gehen jährlich rund 10 Millionen Hektar durch Erosion sowie weitere 10 Millionen Hektar durch Versalzung für die Nahrungsmittelproduktion verloren. Zu den vielfältigen Ursachen für Bodendegradation zählen insbesondere unangepasste Bodenbearbeitung und Bewässerung. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die darauf abzielen, den Verlust fruchtbarer Böden durch Degradationsprozesse zu reduzieren.
Melioration marginaler und degradierter Böden
Durch unsachgemäße Bodenbearbeitung und Bewässerung gingen in der Vergangenheit in erheblichem Umfang ehemals fruchtbare Böden für die landwirtschaftliche Nutzung verloren. Zumindest ein Teil der betroffenen Böden könnte durch geeignete Maßnahmen wieder als fruchtbares Land zurückgewonnen werden. Außerdem sind große Landflächen auch ohne negative anthropogene Einflüsse marginale Standorte mit einer für ertragreichen Ackerbau ungenügenden Bodenstruktur. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die die Verbesserung der Fruchtbarkeit marginaler und degradierter Böden (etwa durch Erhöhung des Humusgehaltes) zum Gegenstand haben (z.B. conservation agriculture; vgl. Meyer 2009).
Pflanzenzucht für degradierte bzw. marginale Standorte
Der Schwerpunkt der Kulturpflanzenzüchtung bezog sich bislang auf den Anbau auf guten Standorten mit fruchtbaren Böden. Weltweit besitzt jedoch ein erheblicher Teil der Böden keine optimale Fruchtbarkeit, darunter auch Böden nach anthropogener Degradation. Solche marginalen Standorte könnten für die Nahrungsmittelproduktion an Bedeutung gewinnen, wenn die Pflanzenzüchtung hierfür geeignete Sorten – d. h. mit relativ geringen Ansprüchen an Wasser- und Nährstoffversorgung, relativ hohe Salz- und Trockentoleranz usw. – entwickeln könnte. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die die Züchtung von Kulturpflanzen für einen Anbau auf degradierten bzw. marginalen Standorten zum Gegenstand haben.
Flächensparender Siedlungsbau zum Erhalt von Agrarflächen
Im Zuge der Ausdehnung menschlicher Siedlungen gehen weltweit große Flächen für die landwirtschaftliche Nutzung verloren. Dabei sind besonders fruchtbare und ertragreiche Standorte in Flusstälern u.ä. überproportional betroffen, da hier häufig auch die Siedlungen lokalisiert sind. Schätzungen zufolge gehen auf diese Weise weltweit jährlich 1,3 % der Agrarflächen für die Nahrungsmittelerzeugung verloren. Einer flächensparenden Siedlungsentwicklung kommt daher gerade auch in Entwicklungsländern eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die Bewahrung landwirtschaftlich nutzbarer Flächen zu. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze zum Schutz fruchtbarer Böden angesichts intensiven Siedlungs- und Verkehrswegebaus.
Genetisches Ertragspotenzial
Das genetische Ertragspotenzial von Kulturpflanzen – d.h. der unter optimalen Standort- und Witterungsbedingungen erzielbare Ertrag – konnte in den letzten Jahrzehnten durch Züchtung erheblich gesteigert werden. Diese Steigerungen betreffen allerdings in erster Linie Kulturpflanzen, die in den Industrie- und Schwellenländern von Bedeutung sind, wie z. B. Weizen und Mais, und nur in wesentlich geringerem Maße Kulturpflanzen, die in Entwicklungsländern traditionell von Bedeutung sind. Es wird davon ausgegangen, dass insbesondere bei letzteren noch erhebliche Steigerungen des genetischen Ertragspotentials erzielt werden könnten, sofern sie ins Zentrum züchterischer Arbeit gerückt würden. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die darauf abzielen, mithilfe unterschiedlicher Züchtungsverfahren (z. B. klassische Züchtung, markerassistierte Selektion, gentechnische Modifikation) das genetische Ertragspotenzial von Kulturpflanzen zu erhöhen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf bislang züchterisch vernachlässigte Kulturpflanzen, die in Entwicklungsländern eine bedeutende Rolle spielen (neglected crops).
Pflanzenschutz
Die Schädlings-, Krankheits- und Unkrautbekämpfung in Pflanzenbeständen ist von zentraler Bedeutung für die Ertragssicherheit in der Nahrungsmittelerzeugung. Allerdings sind entsprechende Pflanzenschutzmaßnahmen häufig mit erheblichen Belastungen für die Umwelt wie auch für die Gesundheit der Landarbeiter verbunden. Darüber hinaus lässt sich auch heute noch der Befall mit bestimmten Schädlingen oder Unkräutern nicht zufriedenstellend regulieren. Schließlich konzentrierte sich die Entwicklung von Pflanzenschutzmitteln und -verfahren bislang auf den Anwendungskontext von Industrieländern. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die die Entwicklung effektiver und umweltverträglicher Pflanzenschutzstrategien zum Ziel haben, wobei ein Schwerpunkt auf dem Pflanzenschutz für Kulturpflanzen in Entwicklungsländern liegt.
Bewässerungstechniken und -management
Bewässerung ermöglicht Landwirtschaft auch in Regionen, die hierfür sonst nicht geeignet wären, bzw. führt zu erheblich höheren Erträgen. Allerdings ist der Wasserbedarf der Landwirtschaft mit ca. 70 % des globalen Süßwasserverbrauchs enorm. Mit dem hohen Wasserbedarf der Landwirtschaft gehen bereits heute zahlreiche Probleme einher, die zu gravierenden Beeinträchtigungen der landwirtschaftlichen Produktion führen können: die Erschöpfung fossiler Grundwasserspeicher, das Absenken des Grundwasserspiegels bzw. des Wasserspiegels von Oberflächengewässern usw. Eine ressourcenschonende Wassernutzung in der Landwirtschaft ist darüber hinaus auch im Hinblick auf die Trinkwasserversorgung von zentraler Bedeutung. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die ressourcenschonende Bewässerungstechniken zum Gegenstand haben. Dazu zählen u.a. Techniken und Verfahren, die eine nachhaltige Nutzung begrenzter Wasservorräte ermöglichen, aber auch Bewässerungstechniken, die es erlauben, den Anwendungsbereich von Bewässerungstechnik auf Regionen ohne nennenswerte Wasservorräte auszudehnen (z.B. rainwater harvesting; vgl. Meyer 2009).
Produktive und ressourcenschonende Anbausysteme
Bei einer integrierten Betrachtung stellt sich die Frage von effizienten und ressourcenschonenden Anbausystemen, angepasst bzw. anpassbar an unterschiedliche natürliche, ökonomische und soziale Bedingungen. Angesichts der problematischen Nebeneffekte der Hochleistungslandwirtschaft in Industrie- und Schwellenländern stellt sich mit Blick auf ökonomisch schwache Betriebe, insbesondere von Kleinbauern in Entwicklungsländern, die Frage, ob eine »low input intensification« gelingen kann (Meyer 2009). Diskutiert werden eine Intensivierung durch Erhöhung der Vielfalt der angebauten Pflanzen (Mischanbauformen) oder auch Strategien einer urbanen Landwirtschaft. Auch die Frage nach der Leistung, der Eignung und Anpassung von Anbau- und Erntetechnologie stellt sich in diesem Zusammenhang. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, welche die ökonomische Leistungsfähigkeit und soziale und ökologische Verträglichkeit verschiedener Anbausysteme (u.a. conservation agriculture, agroforestry systems, organic farming; vgl. Meyer 2009) zu verbessern suchen.
Ressourcenschonende Produktion tierischer Nahrungsmittel
Fleisch und Milchprodukte spielen in der Ernährung der Menschen vieler Weltregionen eine wichtige Rolle. Gleichwohl ist die Produktion von Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs vor dem Hintergrund der aktuellen und zukünftigen Welternährungssituation mit besonderen Problemen behaftet: Hierzu zählt insbesondere der hohe Flächenbedarf für den Anbau von Futtermitteln, die in der intensiven Tierhaltung eingesetzt werden, aber auch Belastungen verschiedener Umweltmedien, etwa von Böden und Gewässern (hohe Nährstoffeinträge) und der Luft (Klimagasemissionen), sowie Aspekte des Tierschutzes. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die eine ressourcenschonende und tiergerechte Produktion tierischer Nahrungsmittel zum Ziel haben.
Nachhaltiger Fischfang und Aquakultur
Nicht nachhaltige Praktiken des Fischfangs haben in den letzten Jahrzehnten zu einer starken Dezimierung der Bestände wichtiger Speisefischarten geführt, was zu gegenwärtig z. T. erheblich reduzierten Fischereierträgen geführt hat. Damit verbunden sind nicht nur Schädigungen der betreffenden Ökosysteme sowie eine Gefährdung des Angebots an Fisch zur menschlichen Ernährung, sondern auch unmittelbar der Verlust der Lebensgrundlage für traditionelle Fischer in bestimmten Regionen (z.B. Senegal). Auch Aquakulturen, die inzwischen zu rund der Hälfte des Angebots an Fisch beitragen, sind mit erheblichen Problemen verbunden, v.a. den häufig nicht nachhaltig erzeugten Futtermitteln (Fischmehl, Fischöl) sowie Gewässerbelastungen im Umfeld der Anlagen. Zudem stehen dem weiteren Ausbau von Aquakulturen in küstennahen Bereichen konkurrierende Nutzungsarten, insbesondere Naturschutz, Industrie, Schifffahrt und Tourismus entgegen. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die eine nachhaltige Versorgung mit Fisch aus Fang und Aquakultur zum Ziel haben (z.B. Offshore-Aquakultur).
Nacherntetechniken
Ein erheblicher Teil der Nahrungsmittelproduktion geht nach der Ernte, insbesondere durch Schädlingsbefall, Verderb und Verunreinigung, verloren. Dies betrifft schätzungsweise 10 bis 15 % der Erntemenge bei Getreide und Hülsenfrüchten in Entwicklungsländern, z.T. auch bis zu 50 %. Mithilfe geeigneter Transport-, Lager- und Verarbeitungstechniken könnten diese Verluste deutlich reduziert werden. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die darauf abzielen, die Nachernteverluste bei der Nahrungsmittelproduktion v.a. in Entwicklungsländern zu minimieren. Hiermit eng verbunden sind Fragen der Verbesserung der Infrastruktur, insbesondere der Transportwege und Lagerkapazitäten.
Strategien zur Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel
Selbst im günstigsten Fall einer baldigen Reduktion der Emissionen von Treibhausgasen werden anthropogene Klimaveränderungen in den kommenden Jahrzehnten nicht zu vermeiden sein. Die Landwirtschaft ist hiervon voraussichtlich stark betroffen. Es wird davon ausgegangen, dass sich zahlreiche relevante Einflussgrößen auf die Agrarproduktion ändern werden, z.B. die Häufigkeit extremer Wetterereignisse (Dürren, Überschwemmungen, Stürme), die Dauer der Vegetationsperiode, Wasserverfügbarkeit, das Auftreten von Schädlingen und Pflanzenkrankheiten u. a. Die Auswirkungen des Klimawandels werden regional stark unterschiedlich ausfallen. Insbesondere Entwicklungsländer werden – den Vorhersagen der Klimamodelle zufolge – hiervon negativ betroffen sein. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die sich mit der Prognose besonders relevanter Effekte des Klimawandels auf die Landwirtschaft (z.B. auf Kulturpflanzen wie Hirse, die insbesondere für die arme Landbevölkerung in Entwicklungsländern von Bedeutung sind) sowie möglichen Anpassungsstrategien befassen (in einer Perspektive, welche die verschiedenen Einzelaspekte wie Sortenwahl, Bewässerungstechniken, Ernteversicherungen integriert).
Themen für Kurzgutachten im Bereich »Nachfrage«
Bevölkerungsentwicklung
Die Pro-Kopf-Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln hängt unmittelbar von der Zahl der auf der Erde lebenden Menschen ab. Diese befindet sich nach wie vor in einer Phase starken Wachstums. Jährlich nimmt die Weltbevölkerung um 70 bis 80 Millionen Menschen zu. Laut UN World Population Prospects werden im Jahr 2050 rund 9 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wenngleich die Bevölkerungsentwicklung in der Welternährungsdebatte bisweilen als feststehende Größe behandelt wird, muss sie wegen ihres immensen Einflusses auf die Welternährungsproblematik und ihrer zumindest prinzipiellen Zugänglichkeit für eine Beeinflussung durch politische Maßnahmen auch als Ansatzpunkt zur Gewährleistung der künftigen Nahrungsmittelversorgung und entsprechender Forschung gelten. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die sich mit der Wirksamkeit und gesellschaftlichen Vertretbarkeit von Ansätzen zur Beeinflussung der Bevölkerungsentwicklung befassen. Dabei sind historische Erfahrungen ebenso von Interesse wie neuartige Ansätze für die Zukunft.
Wandel der Ernährungsgewohnheiten
In den letzten Jahren ist insbesondere in Schwellenländern wie China ein deutlicher Wandel der Ernährungsgewohnheiten hin zu einem stärkeren Verzehr tierischer Produkte zu verzeichnen. Es wird davon ausgegangen, dass dieser Trend in der nächsten Zeit anhalten wird: Die FAO rechnet damit, dass der Fleischkonsum in Entwicklungsländern bis 2030 um 37 % und der Konsum von Milch und Milchprodukten sogar um 43 % gegenüber 2000 zunehmen wird. Damit einher geht ein stark wachsender Bedarf an landwirtschaftlicher Fläche: Je nach Tierart sind bis zu zehn pflanzliche Kalorien im Futtermittel nötig, um eine tierische Kalorie zu erzeugen. Für 2009/2010 geht die FAO davon aus, dass rund 35 % der Weltgetreideernte (771 von 2.217 Millionen Tonnen) als Tierfutter verwendet werden. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die sich mit dem Wandel der Ernährungsgewohnheiten befassen (Phänomene und Erklärungsmodelle, differenziert nach Weltregionen), sowie Ansätze zur Beeinflussung von Ernährungsgewohnheiten (Erfahrungen aus anderen Kontexten staatlicher Maßnahmen zur Beeinflussung von Konsumgewohnheiten, z. B. gegen Adipositas). Auch Fragen zur Entwicklung des Ernährungswissens spielen hier eine Rolle.
Urbanisierung/Megacities
Das für die kommenden Jahrzehnte erwartete Bevölkerungswachstum wird sich aller Voraussicht nach stark in Ballungsregionen vollziehen, während der Anteil der im ländlichen Raum lebenden Menschen in Entwicklungsländern entsprechend abnehmen wird. Zugleich wird auch für Entwicklungs- und Schwellenländer erwartet, dass die städtische Nahrungsmittelversorgung zunehmend von großen Nahrungsmittelketten übernommen werden wird (»Supermarktisierung«). Dies wäre mit starken Rückwirkungen auf die gesamten Beschaffungsketten verbunden, da die Nahrungsmittelketten bestimmte Qualitäts- und Dokumentationsanforderungen stellen (z.B. große einheitliche Partien, Qualitätsstandards, Dokumentation des Pflanzenschutzmitteleinsatzes usw.), die von der heimischen – zumal einer kleinbäuerlichen – Landwirtschaft kaum oder nicht erfüllt werden können. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die den Einfluss der zunehmenden Urbanisierung und des damit verbundenen Wandels der Nahrungsmittelversorgung auf die Situation der von Armut und Unterernährung betroffenen Menschen untersuchen; die darüber hinaus Ansatzpunkte entwickeln, um sich abzeichnende negative Auswirkungen zu lindern sowie ggf. auch Chancen auszumachen, die sich durch die skizzierten Entwicklungstendenzen ergeben könnten.
Themen für Kurzgutachten im Bereich »Zugang« (Rahmenbedingungen)
Landreformen zur Förderung kleinbäuerlicher Landwirtschaft
Die ungleiche Verteilung von Landbesitz sowie unsichere Landbesitzverhältnisse gelten als Hauptursachen für ländliche Armut und Mangelernährung in Entwicklungs- und Schwellenländern (vgl. IAASTD 2009). Die weltweit am stärksten von Unter- und Mangelernährung betroffenen Menschen besitzen selbst kein Land. Ihre Zahl wird auf 500 Millionen geschätzt. Landbesitz oder langfristig gesicherte Pachtverhältnisse sind zentrale Ansatzpunkte, um Kleinbauern Wege aus Armut und Unterernährung zu ermöglichen. Andererseits stellen unsichere Landbesitzverhältnisse ein Hemmnis für wirtschaftliches Wachstum dar: Investitionen in neue Techniken, in Saatgut und andere Betriebsmittel sind nur zu erwarten, wenn die Eigentumsverhältnisse für die betreffenden Kleinbauern geklärt sind (Langzeitrechte als Bedingung für eine nachhaltige, auf dauerhaft gute Erträge abzielende landwirtschaftliche Produktion). Landreformen werden dementsprechend als Voraussetzung für eine erfolgreiche Hungerbekämpfung insbesondere der Landbevölkerung angesehen. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die eine Verbesserung der Landbesitzsituation in den betreffenden Regionen zugunsten von Armut und Unterernährung betroffener oder bedrohter Bevölkerungsschichten zum Ziel haben.
Welthandelspolitik
Die Welthandelspolitik der letzten Jahrzehnte gilt als eine der Ursachen für Armut und Hunger in Teilen der Welt. Die Landwirtschaftspolitik der Industrieländer mit direkter finanzieller Unterstützung der heimischen Landwirte, Exportsubventionen sowie Zugangsbeschränkungen zu den heimischen Agrarmärkten führte dazu, dass Kleinbauern in Entwicklungsländern ihre Existenzgrundlage verloren, da sie nicht mit den »künstlich« verbilligten Importprodukten konkurrieren konnten. Andererseits wird gegen die Liberalisierung des Weltagrarhandels häufig argumentiert, dass sie aufgrund der unterschiedlichen Ausgangslage der Industrie- und Entwicklungsländer mit negativen Effekten sowohl auf die Ernährungssicherheit als auch auf die Umwelt in den Entwicklungsländern einhergehen werde. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die sich mit der Frage befassen, welche Ansatzpunkte das Welthandelssystem für Modifikationen mit dem Ziel der Linderung des Welternährungsproblems aufweist.
Rechtliche Rahmenbedingungen für F&E im Agrarbereich
Geistige Eigentumgsrechte (intellectual property rights, IPR) spielen insbesondere in der privatwirtschaftlichen Agrarforschung und Entwicklung eine bedeutende Rolle. Sie sollen gewährleisten, dass Unternehmen die z.T. erheblichen Forschungsinvestitionen durch den – patentrechtlich geschützten – Verkauf ihrer Produkte wieder erwirtschaften können. Allerdings bergen IPR im Kontext der Welternährungsproblematik auch erhebliche Risiken für Entwicklungsländer: So führen Lizenzgebühren auf Saatgut und das damit verbundene Verbot der Saatgutvermehrung für den Eigengebrauch zu einer erheblichen Belastung für die Landwirte. Als Alternative wird häufig eine Stärkung der aus öffentlichen Mitteln finanzierten Agrarforschung, insbesondere in den internationalen Agrarforschungszentren der CGIAR, gefordert. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die sich mit Möglichkeiten der Ausgestaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen für F&E im Agrarbereich sowie mit einer geeigneten, zugehörigen Organisation von (privater und öffentlicher) Forschung befassen, die vor dem Hintergrund des Welternährungsproblems als hilfreich zu beurteilen sind.
Gender
Genderaspekte spielen in vielen Teilbereichen der Welternährungsproblematik eine große Rolle, z.B. bei der Arbeitsverteilung und Techniknutzung in der Landwirtschaft, beim Zugang zu Boden und Betriebsmitteln, bei Ausbildung und beruflicher Orientierung, bei Zuständigkeiten und Kompetenzen in Haushalt, Familie und Gesundheitsversorgung u.v.m. Das Verständnis und die Berücksichtigung von Geschlechterrollen im jeweiligen soziokulturellen und -ökonomischen Kontext gilt als notwendige Voraussetzung, um wirksame Handlungsstrategien in der Entwicklungszusammenarbeit erarbeiten zu können. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die sich im Hinblick auf Fragen von Landwirtschaft und Ernährung mit den Voraussetzungen, Bedingungen und möglichen Veränderungen des unterschiedlichen (Selbst-)Verständnisses und der unterschiedlichen Handlungsweisen von Frauen und Männern befasst.
Weitere mögliche Themen für Kurzgutachten
Früherkennung und Bewältigung von Hungerkrisen
Neben im Wesentlichen strukturell bedingten Ursachen treten in erheblichem Maße Hungerkatastrophen auf, die stark durch »einmalige Ereignisse« verursacht werden (Missernten, Kriege usw.). Solche akuten Hungerkrisen bringen spezifische Anforderungen an ihre Bekämpfung mit sich. Von großer Bedeutung sind die Früherkennung von Faktoren, die zu akuten Hungerkrisen führen können, sowie die Organisation von Sofortmaßnahmen. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die auf Grundlage von bisherigen Erfahrungen mit Sofortmaßnahmen zu einer Verbesserung von Hilfsmaßnahmen bei Hungerkrisen beitragen sollen.
Strategien zur Behebung von Mikronährstoffdefiziten
Neben einer kalorischen Unterversorgung sowie quantitativen und qualitativen Defiziten bei Makronährstoffen (Proteine, Fettsäuren) können Defizite bei sogenannten Mikronährstoffen (Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente) massive gesundheitliche Probleme hervorrufen. Sie sind das Resultat einseitiger Ernährung, die zum Teil durch mangelndes Ernährungswissen (auch in Industrieländern) hervorgerufen werden kann, vor allem aber armutsbedingt auftritt. Besondere öffentliche Aufmerksamkeit sowie eine gezielte Förderung v. a. durch Einrichtungen in den USA erfahren Ansätze der gentechnischen Anreicherung von Grundnahrungsmittelpflanzen (»Biofortifikation«); zum Teil werden auch konventionelle Züchtungsansätze verfolgt. Eine Anreicherung mit Vitaminen und Mineralien kann auch bei der Lebensmittelverarbeitung geschehen, eine auch in Industrieländern häufig vorkommende Maßnahme ist die Supplementierung als Nahrungsergänzungsmittel. Grundsätzlichere bzw. umfassendere Interventionsansätze sind die Schaffung (oder auch Reaktivierung) von Ernährungswissen und -kompetenz, gerade auch unter prekären Lebensbedingungen, z. B. durch eine Gemüseselbstversorgung in Kleinstgärten oder die Nutzung von Wildpflanzen. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die sich mit der Effektivität und Effizienz der Einzelmaßnahmen und der Angepasstheit und Nachhaltigkeit von Gesamtstrategien befasst.
Forschungsausrichtung, -organisation und -institutionalisierung
Ein grundlegendes Problem von Forschung im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit besteht darin, dass diese häufig von relativ abstrakt formulierten Forschungszielen (z. B. »Ertragssteigerung«) ausgeht und (zu) stark losgelöst von den Verhältnissen vor Ort durchgeführt wird. Die Produkte solcher FuE scheitern nicht selten an der »Umsetzung« vor Ort. Dem gegenüber existieren Forschungsansätze, die von den konkreten, vor Ort gegebenen Problemen ausgehen (problemorientierte oder transdisziplinäre Forschung), wobei z.T. Landwirte und andere »Zielgruppen« der Forschung selbst in den Forschungsprozess mit einbezogen werden (partizipative Forschung) – ausgehend von der Frage, worin überhaupt das Problem besteht, über die Frage, worin Ansätze zur Verbesserung der Situation bestehen könnten usw. In solchen Fällen sind angepasste Lösungen viel eher zu erwarten, ein »Transferproblem« wie das o. g. stellt sich nicht. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die sich mit der Verbesserung des Forschungs- und Innovationssystems in Entwicklungsländern befasst.
Wissens- und Technologietransfer – Capacity Building
In kleineren und ärmeren Entwicklungs- und Schwellenländern gelten die nationalen landwirtschaftlichen Forschungssysteme (national agricultural research systems, NARS) meist als unzureichend entwickelt und ausgestattet, um die jeweiligen landwirtschaftlichen Fragestellungen angemessen behandeln zu können. Eigentlich wäre es Aufgabe der NARS, die Ergebnisse der internationalen Agrarforschungszentren (IARCs) auf die jeweilige regionale Ebene hin zu projizieren und anzupassen. Das Forschungsfeld umfasst Forschungsansätze, die sich mit dem »capacity building« und Fragen des Wissens- und Technologietransfers insbesondere unter sozioökonomisch und politisch schwierigen Bedingungen befassen. Wichtige Teilaspekte stellen die Möglichkeiten der Kooperation mit Forschungseinrichtungen in Industrieländern und mit privaten Unternehmen dar.
Bearbeitungsumfang und -zeitraum, Hinweise zur Angebotserstellung
Der Bearbeitungszeitraum für die Kurzgutachten ist Mitte Oktober bis Ende November 2009, der Arbeitsaufwand kann mit ein bis zwei Personenmonaten vergütet werden.
Bei der Erarbeitung der Angebote sind unbedingt die Hinweise für Gutachter zu beachten. Die Angebote können kurz gehalten werden, müssen aber inhaltlich aussagekräftig sein. Insbesondere muss die Kompetenz der Anbietenden aus den Angeboten hervorgehen, und es müssen die beabsichtigte Vorgehensweise und der erforderliche Bearbeitungsaufwand deutlich werden.