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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Informationen zur Vergabe von Gutachten

Regulierung, Bewertung und öffentlicher Diskurs von Geoengineering-Eingriffen

Gutachter im Rahmen des TAB-Projekts »Geoengineering« gesucht

Die Einreichungsfrist für Angebote ist abgelaufen.

Im Rahmen des TA-Projekts werden folgende Gutachten vergeben:

Hintergrund

Geoengineering (oder Climate Engineering) umfasst bewusste großräumige Eingriffe in (bio)geochemische Prozesse der Erde mit dem Ziel, einer möglichen Erderwärmung entgegenzuwirken. Von Befürwortern werden Geoengineering-Eingriffe als dritte komplementäre, alternative oder im Notfall anzuwendende Klimaschutzstrategie propagiert, zusätzlich zu den Bemühungen um die Reduktion der Treibhausgasemissionen (Mitigationsstrategien) und der Anpassung an den Klimawandel (Adaptationsstrategien). Bereits in den 1970er Jahren wurde vorgeschlagen, Schwefelaerosole in hohe Luftschichten der Atmosphäre einzubringen, um damit einen kühlenden Effekt auf das Klima auszuüben. Mittlerweile wurde eine ganze Reihe unterschiedlichster Ideen und Konzepte vorgestellt, die in jüngster Zeit verstärkt zu Debatten in Fachkreisen und auch der Öffentlichkeit geführt haben.

Die vorgeschlagenen Konzepte lassen sich in zwei große Gruppen einteilen. Zum einen ist dies die Beeinflussung des globalen Strahlungshaushalts (Solar Radiation Management, SRM) in einer Weise, dass entweder weniger Sonnenstrahlung auf die Erde trifft (z.B. Beschattung durch in der Erdumlaufbahn installierte Sonnensegel) oder ein größerer Anteil der auftreffenden Strahlung zurückgeworfen wird (z.B. das Ausbringen von Schwefelaerosolen oder Aluminium-Nanopartikeln in die Stratosphäre oder die künstliche Verstärkung der Wolkenbildung). Zum anderen sind Eingriffe in den globalen CO2-Kreislauf denkbar, um den atmosphärischen CO2-Gehalt zu senken und damit den Treibhauseffekt abzuschwächen. Der wohl bekannteste Vorschlag in diesem Zusammenhang ist die großflächige Düngung der Ozeane (z.B. mit Eisen), um das Algenwachstum und damit deren CO2-Aufnahme anzuregen.

Eine Intervention in klimabestimmende globale Kreisläufe ist notwendigerweise von großer Eindringtiefe und birgt möglicherweise schwer absehbare und kaum zu kontrollierende Langzeitfolgen für Öko- und sozioökonomische Systeme. Bisher wurden Geoengineering-Konzepte überwiegend mit einem technologisch-naturwissenschaftlichen Fokus diskutiert (Machbarkeit, Klimawirksamkeit, Umweltrisiken und -folgen etc.), während ethische, sozioökonomische, (völker)rechtliche, politische u.ä. Dimensionen weniger Aufmerksamkeit erfahren haben. Angesichts weitreichender und ggf. nichtintendierter Konsequenzen stellt sich jedoch eine Reihe gesellschaftsrelevanter Fragen, die vor einer konkreten Umsetzung von Eingriffen in den CO2- oder Strahlungshaushalt der Erde beantwortet werden müssten, z.B.:

  • Wann, wie und unter welchen Bedingungen soll Geoengineering eingesetzt werden (dürfen)?
  • Welche Akteure kämen für die konkrete Durchführung von Geoengineering-Maßnahmen in Frage? Wer kontrolliert diese?
  • Welche politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen existieren bereits, und welche müssten erst geschaffen werden?
  • Wer haftet im Falle von unvorhergesehenen Langzeitfolgen?
  • Lenkt die Aussicht auf funktionierende Geoengineering-Maßnahmen die Aufmerksamkeit von Strategien zur Emissionsminderung bzw. zur Anpassung an den Klimawandel ab?

Die Wissenschaft hat gerade erst begonnen, sich mit diesen und weiteren Fragen auseinanderzusetzen, sodass diesbezüglich noch erhebliche Wissensdefizite bestehen. Dennoch waren diese Fragestellungen bereits Gegenstand erster politischer Debatten (z.B. in einer Serie von Anhörungen im britischen Parlament sowie im U.S. Congress seit dem Herbst 2009), da sich bereits ein spürbarer politischer Entscheidungsdruck aufbaut. Vor diesem Hintergrund ist das TAB durch den zuständigen Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung mit einem TA-Projekt zum Thema »Geoengineering« beauftragt worden.

Leistungsbeschreibung der zu vergebenden Gutachten

Im Rahmen des TA-Projekts »Geoengineering« sollen zum Themenbereich »Regulierung, Bewertung und öffentlicher Diskurs von Geoengineering-Eingriffen« drei Teilgutachten in Auftrag gegeben werden mit dem Ziel, die für diesen Themenbereich relevanten Fragestellungen, welche sich im Lichte der Erforschung und ggf. der Umsetzung von Geoengineering-Maßnahmen stellen, zu identifizieren und zu diskutieren (für eine weitere Gutachtenausschreibung im Rahmen des Projekts siehe HIER). Hierbei ist eine interdisziplinäre und international vergleichende Herangehensweise erwünscht, um die Erfassung aller relevanten Aspekte der Thematik zu ermöglichen.

Die nachfolgenden Hinweise und Fragestellungen sollen den Rahmen für die inhaltlichen Schwerpunkte der einzelnen Gutachten darstellen, wobei Erweiterungen der dargestellten Untersuchungsaspekte ausdrücklich erwünscht sind. Die Gutachten sollen sich auf das aktuelle internationale Schrifttum (Literaturrecherche) sowie eigene Expertise/Einschätzungen stützen. Wo notwendig soll die Diskussion nach den verschiedenen Geoengineering-Optionen und mit der Unterscheidung zwischen großmaßstäblichen Feldversuch und Einsatz differenziert werden.

Die Bearbeitung mehrerer Teilgutachten im Rahmen kombinierter oder modular aufgebauter Angebote ist möglich.

Teilgutachten 1: »Rechtliche Rahmenbedingungen und Regulierungserfordernisse«

Derzeit existiert kein internationales Regelwerk, das umfassend und rechtlich bindend auf die verschiedenen Geoengineering-Optionen angewendet werden könnte. Dass Handlungsbedarf besteht, hat die Kontroverse um ein deutsch-indisches Experiment zur Düngung des Ozeans im Südatlantik im Frühjahr 2009 gezeigt. Ein erster Schritt in Richtung einer internationalen Regelung wurde mit dem Beschluss eines Moratoriums für »klimabezogene Geoengineering-Aktivitäten, welche sich auf die Biodiversität auswirken könnten« im Rahmen der 10. Vertragsstaatenkonferenz im Herbst 2010 zum Biodiversitätsabkommen gemacht.

Im Rahmen des Teilgutachtens sollen einerseits die bestehende (völker)rechtliche Situation analysiert und andererseits mögliche Regulierungsnotwendigkeiten und -optionen identifiziert und diskutiert werden:

  • Welche nationalen, europäischen und globalen Rahmenbedingungen, Gesetze, Politikinstrumente, Richtlinien, völkerrechtliche Verträge etc. könnten bereits heute für eine (rechtliche) Regulierung und Kontrolle von Geoengineering-Maßnahmen (Feldexperiment oder Umsetzung) genutzt werden?
  • Welche weiteren Instrumente und Maßnahmen müssten noch geschaffen werden. Wie könnten mögliche Governance-Modelle gestaltet werden, und auf welchen Grundlagen und Prinzipien könnten diese beruhen? Welche Möglichkeiten bieten sich Deutschland, hierzu einen Beitrag zu leisten bzw. Einfluss zu nehmen?
  • Welche Akteure (private, staatliche, supranationale) kämen für die konkrete Durchführung von Geoengineering-Maßnahmen infrage, wer würde die Durchführung verantworten, wie ließen sich diese koordinieren und kontrollieren, und wie würde sich die Aufrechterhaltung der Maßnahme über lange Zeiträume garantieren lassen? Lassen sich objektive Kriterien, Maßstäbe oder Prinzipien identifizieren bzw. definieren, welche im Vorfeld einer Umsetzung erfüllt sein müssten? Besteht die Gefahr von unbedachten Alleingängen bzw. des Missbrauchs der Technologie durch einzelne Staaten, nichtstaatliche Akteure oder private Unternehmen?
  • Welche Finanzierungsmodelle sind denkbar, wie lassen sich Haftungsfragen und mögliche Kompensationsforderungen im Falle von nichtintendierten bzw. nicht vorhergesehenen (Langzeit-)Folgen bzw. regional unterschiedlicher Auswirkungen (ungleiche Verteilung von Nutzen und Risiken) regeln?

Es wird von einem Bearbeitungsaufwand von 2-3 Personenmonaten ausgegangen.

Teilgutachten 2: »Risikobewertung, Bewertungssätze und Entscheidungskriterien«

Angesichts möglicher geografischer und zeitlicher differenzierter Auswirkungen, Unsicherheiten oder nichtintendierter Folgewirkungen von Geoengineering-Eingriffen kommt der Risikobewertung und -kommunikation bereits in der Entwicklungsphase eine hohe Bedeutung zuteil. Stehen die Technologien erst einmal zur Verfügung, stellt sich die Frage, wie und von welcher Instanz eine moralisch und politisch verantwortbare Entscheidung über Einsatz oder Nichteinsatz einzelner Geoengineering-Eingriffe gefällt werden kann, insbesondere unter Bedingungen wissenschaftlicher Unsicherheiten.

Im Rahmen dieses Teilgutachtens sollen einerseits Fragen der Risikoabschätzung und -kommunikation thematisiert, andererseits mögliche Bewertungsansätze und Entscheidungskriterien diskutiert werden, wobei folgende Fragen den Rahmen bilden:

  • Wie hat sich der wissenschaftliche, politische und öffentliche Risikodiskurs (national, international) im Zusammenhang mit Geoengineering-Maßnahmen entwickelt, wer sind die Treiber und wichtigen Akteure der Debatte, welche Positionen nehmen diese ein? Welche Methoden stehen für die Risikobewertung zur Verfügung, und welche Aspekte wurden in der Debatte bisher vernachlässigt?
  • Lassen sich länderspezifische Unterschiede bezüglich der Risikowahrnehmung und der Risikodiskurse beobachten? Was sind die Gründe?
  • Wie lässt sich die Forschung, Entwicklung und (großmaßstäbliche) Erprobung von Geoengineering-Maßnahmen offen, transparent, im Einklang mit Prinzipien der Wissenschaftsethik und unabhängig von kommerziellen Interessen gestalten bzw. finanzieren?
  • Wie lassen sich die Erfolgswahrscheinlichkeiten, Risiken, Konfliktfelder und Konsequenzen von Geoengineering-Maßnahmen offen und transparent vermitteln?
  • Welche indirekten Kosten bzw. Folgekosten sind (nicht) erfassbar, wie lassen sich diese ggf. in eine Kosten-Nutzen-Analyse integrieren, und wie stellt sich unter diesen Voraussetzungen die Aussagekraft von Kosten-Nutzen-Analysen dar?
  • Wie lässt sich ggf. eine ungleiche Verteilung von Nutzen und Risiken (z.B. zwischen Entwicklungs- und Industrieländern oder zwischen Küsten- und Binnenlandbewohner) moralisch begründen und verantworten? Wie können ggf. Bevölkerungsgruppen, welche von den Risiken stärker betroffenen werden, identifiziert und nach ihrer Zustimmung/Ablehnung befragt werden?
  • Wie lassen sich die Risiken einzelner Geoengineering-Maßnahmen gegen die Risiken eines fortschreitenden Klimawandels abwägen?
  • Wie kann der Einsatz von Geoengineering-Maßnahmen oder die Erforschung der einzelnen Optionen – bzw. auf der anderen Seite der Verzicht darauf – ethisch begründet und verantwortet werden?
  • Welche Kriterien, Methoden, Prinzipien, Entscheidungsschemata etc. stehen für die Urteilsbildung zur Verfügung bzw. sind ggf. zu entwickeln?
  • Welche Argumente werden (von welchen Akteuren) für oder gegen bestimmte Geoengineering-Maßnahmen (z.B. »ultima-ratio«-Argument, Verlagerung der Probleme auf zukünftige Generationen etc.) vorgebracht, wie lassen sich diese einordnen, und welche Priorisierung ist denkbar? Welche Haltung nehmen die verschiedenen Akteure zu den Argumenten ein? Wovon können mögliche Bewertungsmaßstäbe abhängen (z.B. kultureller Einfluss, gesellschaftliche Technikakzeptanz, Wirtschaftsinteressen, Sicherheitskultur etc.)?
  • Lassen sich Argumente und Entscheidungsgrundlagen verschiedener Akteure, z.B. (Ingenieur-)Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Umweltschutz- oder Nichtregierungsorganisationen, Öffentlichkeit, direkt Betroffene, miteinander vereinbaren? Wie lassen sich alle Akteure in den Beurteilungs- und Entscheidungsprozess einbinden, und nach welchen Prinzipien könnte eine Entscheidung herbeigeführt werden?
  • Lassen sich länderspezifische Argumentationsmuster erkennen? Werden Geoengineering-Optionen als Ergänzung, Alternative oder letzte Option im Vergleich zu Vermeidungs- und Adaptationsstrategien wahrgenommen?

Es wird von einem Bearbeitungsaufwand von 4-5 Personenmonaten ausgegangen.

Teilgutachten 3: »Mediale Darstellung, öffentliche und politische Debatte«

Das Thema Geoengineering ist in der Öffentlichkeit vergleichsweise wenig etabliert, obwohl es in den Medien regelmäßig thematisiert wird. Zugleich finden einige der vorgeschlagenen Konzepte großes Interesse seitens der Politik, da diese sich ggf. als anschlussfähig an nationale und internationale umwelt- und klimapolitische Strategien erweisen könnten.

Dazu sollen in diesem Teilgutachten die mediale Berichterstattung sowie die öffentliche und politische Debatte zu Geoengineering-Technologien im internationalen Vergleich diskutiert werden:

  • Wie wird die Technologie in der internationalen Medienlandschaft dargestellt? Welche Zielgruppen werden erreicht? Lässt sich ein wachsendes Interesse an der Thematik feststellen?
  • In welchen Ländern wird das Thema Geoengineering öffentlich diskutiert, wie werden die Technologien wahrgenommen und kommentiert? Welche Merkmale der Technologie stehen im Fokus (z.B. Chancen, Risiken, unabsehbare Folgen etc.)? Herrscht in diesen Ländern eine ablehnende oder zustimmende Haltung bezüglich Geoengineering-Maßnahmen (Erforschung/Einsatz) vor (gesellschaftliche Akzeptanz)?
  • Wie werden Geoengineering-Maßnahmen in Entwicklungsländern kommentiert, nachdem eher Industrienationen über die technischen und finanziellen Ressourcen für die Umsetzung solcher Maßnahmen verfügen?
  • Welche Parlamente bzw. Regierungen haben sich bereits mit Geoengineering-Eingriffen auseinandergesetzt bzw. beabsichtigen eine Debatte darüber anzustoßen? In welcher Form finden diese Debatten statt und sind bereits Ergebnisse erzielt worden? Was ist der Beitrag der Wissenschaft und der Öffentlichkeit an diesen Debatten?

Es wird von einem Bearbeitungsaufwand von 1-2 Personenmonaten ausgegangen.

Die Bereitschaft zur intensiven Diskussion und engen Kooperation mit dem TAB wird vorausgesetzt.

Termine

  • Abgabetermin für die Angebote ist der 17. Juni 2011.
  • Mit der Bearbeitung der Gutachten soll voraussichtlich am 01. August 2011 begonnen werden.
  • Die Gutachten sollen bis zum 30. November 2011 abgeschlossen sein.

Hinweise zur Angebotserstellung

Bei der Erarbeitung der Angebote sind unbedingt die Hinweise für Gutachter zu beachten. Insbesondere muss die Kompetenz der Anbietenden aus den Angeboten hervorgehen, und es müssen die beabsichtigte Vorgehensweise und der erforderliche Bearbeitungsaufwand deutlich werden.

Nach unseren Erfahrungen müssen die eingehenden Angebote oft inhaltlich wie kalkulatorisch noch modifiziert werden. Senden Sie uns deshalb zunächst möglichst frühzeitig eine elektronische Version Ihres vollständigen Angebots zusammen mit dem FormblattPDF [0,04 MB] (s.a. Hinweise für Gutachter) an unsere E-Mail-Adresse Sollten wir Ihr Angebot nach Prüfung durch uns in die engere Wahl ziehen und dem Deutschen Bundestag zur Vergabe vorschlagen wollen, werden wir Sie um die Zusendung eines unterschriebenen Original-Angebots an das TAB bitten (Neue Schönhauser Str. 10, 10178 Berlin).

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