Technikakzeptanz und Kontroversen über Technik - Ist die (deutsche) Öffentlichkeit 'technikfeindlich'?
TAB-Arbeitsbericht Nr. 024. Berlin 1994, 57 Seiten
Zusammenfassung
Auf der Grundlage einer Vielzahl mittlerweile vorliegender Meinungsumfragen zum Thema Technik läßt sich - trotz manchmal widersprüchlicher Ergebnisse im einzelnen - zeigen, daß zwar seit den 60er Jahren die Zahl von positiven Bewertungen des "technischen Fortschritts" abnimmt. Dennoch überwiegt aber in keiner Umfrage die "technikfeindliche" Position. Seit Anfang der 80er Jahre ist eine leichte Tendenz zu positiveren Urteilen feststellbar, die allerdings in den letzten beiden Jahren wieder etwas verflucht (ohne daß man deshalb von einer Trendwende sprechen könnte). Eine - wenn man so will - überwiegende "Technikfreundlichkeit" der sechziger Jahre wird nicht durch eine überwiegende "Technikfeindlichkeit", sondern durch eine Neigung zu eher unentschiedenen oder abwägenden Urteilen abgelöst. Eine Tendenz zu "ambivalenter" Beurteilung der Technik im allgemeinen kann als gesichertes, vielfach bestätigtes Ergebnis der Umfrageforschung festgehalten werden.
Insgesamt kann die Bewertung der Technik durch die Bevölkerung durchaus als differenziert bezeichnet werden. Die Urteile variieren stark je nach Technologie; Großtechnologien werden in der Regel etwas negativer bewertet als alltagsnahe Technik. Auch je nach Anwendungsfeld oder Zweck der Nutzung einer Technologie fallen die Urteile unterschied-lich aus. Technik in der Medizin beispielsweise wird überaus positiv bewertet.
Feststellbar ist auch, daß meist sowohl positive als auch negative Konsequenzen des technischen Fortschritts gesehen werden. So steht eine weitverbreitete Furcht vor Arbeitsplatzverlust in folge der technischen Entwicklung neben einem ausgeprägten Bewußtsein von der wirtschaftlichen Bedeutung der modernen Technik. Der Meinung "Technik sichert die Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft" stimmten 1992 in einer repräsentativen Umfrage 95% der Befragten zu. Versucht man, die Urteile über verschiedene Technologien und Anwendungsfelder zusammenzufassen, so läßt sich sagen, daß es "den Technikfeind", der Technik konsistent negativ beurteilt, kaum gibt.
Deutlich machen Umfragen, daß der Zustand der natürlichen Umwelt für die Bevölkerung eines der wesentlichen Probleme in den letzten Jahren ist. Zusammen mit der Sorge um Arbeitsplätze werden bei entsprechenden Umfragen Umweltprobleme immer an erster Stelle genannt. Es findet sich aber kein entsprechender Zusammenhang mit der Technikeinstellung. Die Sorge um die Umwelt beschäftigt "Technikkritische" nahezu ebenso stark wie "Technikbefürworter". Dies deutet wiederum darauf hin, daß eine veränderte gesellschaftliche Wahrnehmung von mit Technik verbundenen Problemen unabhängig von generellen Einstellungen zur Technik zu sehen ist.
Auch im internationalen Vergleich erscheint die Einstellung der Deutschen zur Technik eher als normal, d.h. dem in den westlichen Industrienationen vorherrschenden Meinungsbild entsprechend. So zeigen Umfragen, daß auch in Japan kein überwiegend technikeuphorisches Meinungsklima herrscht - die Angst vor dem "Jobkiller Technik" beispielsweise wird laut einer Umfrage aus dem Jahr 1990 auch von 56 % der Japaner geteilt.
Eindeutig zurückweisen läßt sich das Urteil, daß insbesondere die Jugend "technikfeindlich" sei. Jugendliche zeigen sich in Umfragen im Vergleich zur älteren Generation eher "technikfreundlich".
Auch das Bild, das die Medien von der Technik zeichnen, ist offenbar differenzierter, als in Vorwürfen an die Medien oft unterstellt wird. Eine Untersuchung der Berichterstattung der deutschen Presse über Technik zeigt, daß das Thema Technik in den Medien seit den 60er Jahren an Bedeutung gewinnt (die Berichterstattung nimmt zu) und gleichzeitig in der Tendenz kritischer behandelt wird. Feststellbar ist auch, daß die Berichterstattung zu Risiken sich nicht an dem von Experten angelegten quantifizierenden Risikobegriff (Schadensausmaß, Eintrittswahrscheinlichkeit) orientiert, sondern eher dem Laienkonzept folgt, das qualitative Kriterien bei der Bewertung von Risiken anlegt (z.B. Freiwilligkeit/Unfreiwilligkeit der Risikoübernahme, Schrecklichkeit des Schadens etc.). Der Vorwurf einer dramatisierenden Berichterstattung läßt sich aber nicht stützen. Untersuchungen der Berichterstattung über Ereignisse wie etwa die Reaktorkatastrophen in Tschernobyl bzw. in Three Mile Island zeigen, daß ausgewogen sowohl Kritiker als auch Befürworter der Kernenergie zu Wort kamen und die Bevölkerung adäquat über das Maß der Gefährdung und der von Behörden getroffenen bzw. empfohlenen Maßnahmen informiert wurde.
Die Medien richten ihre Berichterstattung am politischen Geschehen aus. Sie verstehen sich nicht in erster Linie als Übersetzer wissenschaftlicher Informationen, sondern als "Arena" politischer Debatten. Insofern erscheint das Thema Technik in den politisch-nachrichtlichen Teilen der Medien - anders als etwa auf den Wissenschaftsseiten der Presse - eindeutig als politisches Thema. Hier wird dann aber in aller Regel die Debatte "korrekt", d.h. alle Positionen berücksichtigend, "abgebildet".
Insgesamt erscheinen Kontroversen über Technik in modernen Gesellschaften, in denen im positiven wie im negativen Sinne das Leben immer abhängiger von Technik und damit von auf Wissenschaft und Technik bezogenen politischen Entscheidungen wird, eher unvermeidlich. Wenn die Tragweite des Einsatzes neuer Technologien und technologiepolitischer Entscheidungen immer größer wird, ist es nicht verwunderlich, daß die Legitimität (also die Begründbarkeit) solcher Entscheidungen zunehmend zur (politischen) Diskussion steht. Insofern scheint es keine Wege aus, sondern nur Wege in der Akzeptanzproblematik zu geben.
Es ist davon auszugehen, daß das Problem der Technikakzeptanz weniger in einer weitverbreiteten Technikfeindlichkeit als vielmehr in gestiegenen Ansprüchen der Bürger an Kontrolle und eine sozialverträgliche Gestaltung des technischen Fortschritts begründet ist. Deshalb sind Alternativen zu Versuchen möglichst demokratischer und argumentativ-sachlicher Gestaltung von Technikkontroversen kaum vorstellbar bzw. wären in demokratischen Gesellschaften auch kaum wünschbar. Der Beitrag der Medien zu einer Verbesserung der Technikakzeptanz läge dann vor allem in der Darstellung von Technik und Technikentwicklung als politisch steuerbar und demokratischer Einflußnahme zugänglich.