Auswirkungen moderner Biotechnologien auf Entwicklungsländer und Folgen für die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern
TAB-Arbeitsbericht Nr. 034. Berlin 1995, 213 Seiten
Zusammenfassung
Status und Perspektiven biotechnologischer Forschung für Entwicklungsländer
Die Untersuchung des Stands und der Perspektiven biotechnologischer Forschung und ihrer Anwendungen ist vor allem in den Bereichen Landwirtschaft, Medizin und Ressourcenschutz von Relevanz für Entwicklungsländer. In den Anwendungsbereichen Landwirtschaft und Nahrungsmittel steht der Pflanzenbau im Mittelpunkt, da mit ihm die größten Erwartungen, vor allem im Hinblick auf die zukünftige Ernährungssicherung, verbunden sind. Besondere Beachtung finden von der Bundesrepublik Deutschland und der EU geförderte Forschungsprojekte, die Arbeit der Internationalen Agrarforschungsinstitute (IARCs) sowie die Forschungsfinanzierung. Für den Bereich Medizin wird der mögliche Beitrag, den Biotechnologie in der Gesundheitsversorgung von Entwicklungsländern leisten könnte, beschrieben. Dabei werden die Arbeiten im Rahmen internationaler Programme und die Tätigkeit von Privatunternehmen sowie das technologische Potential der Entwicklungsländer auf diesem Gebiet untersucht. Im Bereich des Ressourcenschutzes wird neben verschiedenen umweltrelevanten Anwendungen vor allem der Schutz der genetischen Vielfalt diskutiert.
Anwendungsbereiche Landwirtschaft und Nahrungsmittel
Pflanzenbiotechnologische Methoden umfassen eine Vielzahl von Verfahren: Zell- und Gewebekulturtechniken ermöglichen neuartige oder beschleunigen bisherige Züchtungs- und Vermehrungsansätze; analytische Methoden erleichtern die Untersuchung und Selektion gewünschter Eigenschaften von Pflanzen und werden zur Krankheitsdiagnostik eingesetzt; gentechnische Verfahren sollen die gezielte Neukombination von Einzelmerkmalen wie Virusresistenz oder Nährstoffzusammensetzung bewirken. Diese Methoden wurden in begrenztem Umfang in den vergangenen Jahren auch bei Pflanzenarten angewendet, die vor allem für Entwicklungsländer von Bedeutung sind. Konkrete Erfolge der Anwendung moderner biotechnologischer Verfahren, in Form neuer, besonders ertragreicher oder schädlingsresistenter Sorten, wurden bei diesen Pflanzen allerdings bisher nicht berichtet, im Gegensatz zu Arten, die für die Industrieunternehmen des Nordens finanziell lohnende Forschungsobjekte darstellen. Der potentielle Nutzen der zur Zeit möglichen, äußerst aufwendigen gentechnischen Veränderungen wird als eher gering eingeschätzt. Bessere Erfolgschancen bieten die verstärkte Anwendung erprobter, einfacherer moderner biotechnologischer Verfahren im Bereich Zell- und Gewebekultur sowie Analysetechniken. Als umweltfreundliche Option werden verbesserte Biopestizide und Biodüngemittel angesehen, durch die der Austrag konventioneller chemischer Produkte verringert werden könnte.
Die Viehwirtschaft bietet eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten für moderne biotechnologische Methoden, z.B. für Zuchtanalysen, die Produktion von Impfstoffen und im gesamten Bereich der Reproduktionsbiologie. Für Entwicklungsländer vordringlich ist jedoch eine grundsätzliche Modernisierung der (konventionellen) Viehzucht durch Aufbau der entsprechenden Infrastruktur, z.B. mit Hilfe der internationalen Agrarforschungszentren, wobei für die jeweilige Problemlage die an die örtlichen Bedürfnisse bestangepaßten Verfahren und Lösungsmöglichkeiten ermittelt werden müssen.
Moderne biotechnologische Methoden werden im Nahrungsmittelbereich zunehmend eingesetzt werden, v.a. bei der großmaßstäblichen industriellen Fertigung, die auch für die Ernährung der wachsenden Zahl "westlich orientierter", in Großstädten lebender Menschen in den Entwicklungsländern immer wichtiger wird. Neben der möglichen Weiterentwicklung und Optimierung traditioneller biotechnologischer, fermentativer Verfahren zur Lebensmittelproduktion werden moderne Methoden insbesondere zur Substitution bislang nur sehr aufwendig und teuer produzierbarer Stoffe (Enzyme, Aroma-, Geschmacks- und Farbstoffe u.ä.) zum Einsatz kommen.
Die Bundesrepublik Deutschland hat von 1988-1994 mehr als 100 pflanzenbiotechnologische Projekte gefördert, die auf Entwicklungsländer bzw. auf Entwicklungsländer-spezifische Pflanzenarten bezogen waren. Bei den Vorhaben, die oft nur einen sehr geringen finanziellen und zeitlichen Umfang hatten, dominierten einfachere Zell- und Gewebekulturtechniken sowie analytische Verfahren; Hauptforschungsgebiete waren Pflanzengenetik/züchtung und Pflanzenschutz. Während die deutschen Projekte meist eine übergreifende Koordination vermissen ließen, beschränkte sich die EU im gleichen Förderzeitraum auf 20 Vorhaben, die aber viel umfassender die jeweiligen Themen bearbeiteten und dabei auch ein größeres Spektrum moderner biotechnologischer Methoden einsetzten. Die weltweiten finanziellen Aufwendungen für biotechnologische Forschung können nicht quantitativ exakt ermittelt werden, was für eine weitergehende Abschätzung zukünftiger Trends notwendig wäre. Die verfügbaren Zahlen zeigen, welch geringe Bedeutung entwicklungsländerbezogene biotechnologische Forschung bislang besitzt.
Die internationalen Agrarforschungszentren sind die zentralen Einrichtungen, in denen versucht wird, die Ergebnisse moderner Agrarforschung zur Lösung landwirtschaftlicher Probleme der Entwicklungsländer anzuwenden. Bei Pflanzenarten, die auf den Weltmärkten keine Rolle spielen und daher für Privatunternehmen nicht lukrativ sind, aber der Ernährung in der "Dritten Welt" dienen, verfolgen die IARCs meist als einzige aufwendige und aktuelle Forschungsansätze. Die bisherige finanzielle Ausstattung muß angesichts der Bedeutung der Aufgabe der IARCs als zu gering angesehen werden. Bei der Anwendung moderner biotechnologischer, insbesondere gentechnologischer Methoden entstehen Probleme für die IARCs v.a. im Bereich des geistigen Eigentums. Da viele der modernen Methoden patentgeschützt sind, können sie nicht unlizenziert auf die Mandatspflanzen der Forschungszentren angewendet werden. Daneben sehen sich die IARCs bei Kooperationen mit Privatunternehmen teilweise zu eigener, "defensiver" Patentierung genötigt, die in Konflikt mit der bisherigen Politik der "offenen Türen" geraten kann.
Anwendungsbereich Medizin
Im medizinischen Sektor bieten biotechnologische und darunter vor allem gentechnologische Methoden theoretisch eine Reihe von Möglichkeiten, die Diagnose von Krankheiten in Entwicklungsländern zu verbessern, therapeutische Möglichkeiten zu erforschen, Impfstoffe herzustellen und immunologische Mittel zur Empfängnisverhütung zu entwickeln. Die Forschung mit gentechnologischen Methoden stellt jedoch sehr hohe Anforderungen an das Know-how der Wissenschaftler, die Ausrüstung entsprechender Forschungszentren - auch unter Sicherheitsaspekten beim Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen - und an die notwendigen Finanzmittel. Diese Voraussetzungen sind in der Regel in armen Entwicklungsländern nicht vorhanden. Eine Forschung und Entwicklung mit bio- und gentechnologischen Methoden an Krankheiten, die vor allem in Entwicklungsländern verbreitet sind, kann daher aus eigenen Mitteln vor Ort kaum stattfinden. Da Medikamente und Impfstoffe aus gentechnischer Forschung und Produktion in der Regel teurer sind als herkömmlich hergestellte Präparate, können sie auch nicht zur finanziellen Entlastung der medizinischen Versorgung von Entwicklungsländern beitragen.
Biotechnologische Methoden werden im Rahmen internationaler tropenmedizinischer Forschungsprogramme angewandt. Sie sollen dazu beitragen, die Erforschung einiger in den Tropen weit verbreiteter Krankheiten, wie Malaria, Bilharziose und Filariose, zu verbessern und Bekämpfungsmethoden zu entwickeln. Entsprechende Projekte werden sowohl mit Unterstützung des TDR-Programms von UNDP, Weltbank und WHO durchgeführt als auch durch das STD-Programm der EU gefördert. Im Rahmen dieser Projekte soll zum einen die Kooperation zwischen europäischen Instituten und Einrichtungen in den Entwicklungsländern auf- und ausgebaut werden, zum anderen soll sowohl die Zusammenarbeit innerhalb Europas gefördert als auch die Forschung in den Industrieländern stärker auf die Bedürfnisse der Entwicklungsländer ausgerichtet werden. Der Hauptanteil der vergebenen Fördermittel des STD-Programms entfällt auf die Europäische Gemeinschaft, gefolgt von Afrika, Lateinamerika und Asien. Nach einer Untersuchung der GTZ sind deutsche Forschungsinstitute in internationalen tropenmedizinischen Programmen unterrepräsentiert.
Die hohe Verschuldung vieler armer Entwicklungsländer bzw. ihr Devisenmangel macht ihnen die Einfuhr teurer Medikamente unmöglich. Dadurch fehlt der Pharmaindustrie weitgehend der Absatzmarkt für neu zu entwickelnde, relativ teure tropenmedizinische Medikamente. Viele deutsche Pharmafirmen haben daraufhin die Entwicklung entsprechender Medikamente eingestellt. Sie betonen, daß die unsichere Marktlage in armen Entwicklungsländern eine Zusammenarbeit mit staatlichen Geldgebern notwendig mache. US-amerikanische Pharmafirmen zeigen ein wachsendes Interesse an Märkten in Schwellenländern. Zur Finanzierung entsprechender Forschungsprojekte gegen Krankheiten in diesen Ländern bilden sie Forschungs- und Finanzpools und arbeiten mit wissenschaftlichen Instituten vor Ort zusammen.
Die Anwendung der medizinischen Biotechnologie ist in den Entwicklungsländern unterschiedlich weit fortgeschritten. In armen Entwicklungsländern gibt es kaum eigene Forschungsinstitute. Vertretungen von Pharmafirmen in diesen Ländern sorgen oft lediglich für den Vertrieb, ohne die wissenschaftliche Kapazität des Landes zu fördern. Die meisten Schwellenländer, jedoch nur wenige ärmere Länder, z.B. Kenia und Simbabwe, verfügen über moderne biotechnologische Forschungseinrichtungen. Ziel vieler Vorhaben in diesen Einrichtungen ist jedoch nicht die Entwicklung und Produktion tropenmedizinischer Präparate für die arme Bevölkerungsmehrheit, sondern die Produktion von Nachahmprodukten für den Pharmamarkt in Industrieländern oder für die reiche Bevölkerungsschicht im Lande.
Anwendungsbereich Ressourcenschutz
Umweltrelevante biotechnologische Anwendungen finden sich im Bereich Biogas- und Bioalkoholproduktion, beim Abbau von Schadstoffen in Boden und Wasser sowie bei der bakteriellen Erzlaugung. Gentechnische Ansätze spielen auf diesen Gebieten noch keine besondere Rolle, die Forschung beschäftigt sich vorrangig mit der Identifizierung und Charakterisierung geeigneter Mikroorganismen. Technologische Neuerungen können häufig aus Kostengründen von Entwicklungsländern nicht übernommen werden, wie auch wenig eigene Forschung finanziert werden kann.
Biotechnologische Methoden werden seit Mitte der 80er Jahre vermehrt für die Konservierung genetischer Ressourcen in Genbanken verwendet. Gewebekulturverfahren stellen die Mittel der Wahl für den internationalen Austausch von vegetativ vermehrbarem Pflanzenmaterial dar, das z.B. vor Virusbefall geschützt werden muß. In den letzten Jahren hat eine verstärkte Orientierung der weltweiten Konservierungsstrategien in Richtung Sammlung und Erhalt der Vielfalt lokal bedeutsamer Arten bzw. Sorten stattgefunden. Für Entwicklungsländer von besonderer Bedeutung ist die Frage der Standorte der internationalen Genbanken sowie der Nutzungs- und Wertschöpfungsrechte, auch bezüglich der "historischen" Proben, die die Grundlage industrieller Pflanzenzucht geliefert haben und zum Großteil aus tropischen Ländern stammen.
Auswirkungen der Nutzung neuer Biotechnologien
Auswirkungen auf die Position der Entwicklungsländer im internationalen Handel
Die Entwicklung der Biotechnologie sowie die Chancen und Risiken ihres Einsatzes hängen für einzelne Länder entscheidend von den nationalen und internationalen politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen ab. Zu solchen Bedingungen zählen - neben der nationalen Politik von Staaten und Wirtschaftsregionen - überregionale Abkommen wie das Weltwirtschaftsabkommen GATT und das in ihm enthaltene reformierte Patentrecht (TRIPS). Innerhalb dieser Rahmenbedingungen können biotechnologische Entwicklungen, die z.B. zur Substitution traditioneller, von Entwicklungsländern exportierter agrarischer Rohstoffe führen können, einen großen Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung besonders betroffener Länder ausüben. Bei der Einführung der Biotechnologie sind Entwicklungsländer mit gut ausgebautem technologischen und infrastrukturellen Potential im Vorteil und können daher biotechnologische Verfahren und Produkte schneller und erfolgreicher nutzen als Länder mit schlechter Infrastruktur. Dies gilt auch für den Aufbau von Nutzungsmöglichkeiten für genetische Ressourcen und die Einrichtung von Schutzmaßnahmen für artenreiche Ökosysteme.
Bei der Gestaltung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen spielen zahlreiche bi- und multilaterale Abkommen zwischen Regierungen und staatliche Regulative wie Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse sowie die finanzielle Unterstützung der heimischen Produktion und Exportsubventionen eine wichtige Rolle. Im Vergleich dazu wird der Einfluß der Biotechnologie auf die Weltmarktposition der Entwicklungsländer in absehbarer Zeit eher gering bleiben. Erhebliche Effekte werden indes von der im GATT geforderten Liberalisierung des Welthandels erwartet. Unter der Voraussetzung, daß eine Liberalisierung des Welthandels und des internationalen Agrarmarktes stattfindet, werden eine Belebung des Welthandels und ein Anstieg der Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt zumindest für diejenigen landwirtschaftlichen Produkte erwartet, deren Weltmarktpreis bislang durch Exportsubventionen niedrig gehalten wurde. Ein höherer Rohstoffpreis könnte die Entwicklung effizienterer Produktionsverfahren mit Hilfe biotechnologischer Methoden begünstigen. Von einem weitreichenden und wirksamen Schutz geistigen Eigentums werden positive Impulse für die Entwicklung der Biotechnologie in Industrie- und Schwellenländern erwartet. Sehr arme Entwicklungsländer könnten jedoch - beim Fehlen nationaler Sonderkonditionen -, z.B. durch finanzielle Forderungen für Lizenzverträge vom Zugriff auf gerade für sie wichtige patentierte biotechnologische Verfahren und Produkte ausgeschlossen werden. Eine Lücke bisheriger Regelungen zum Schutz geistigen Eigentums ist die rechtliche und finanzielle Behandlung indigenen Wissens.
Das vermutete Veränderungspotential der Biotechnologie auf dem Weltagrarmarkt stützt sich auf die nicht unstrittige Annahme, daß mit Hilfe biotechnologischer Entwicklungen bestimmte agrarische Rohstoffe billiger als mit traditionellen Methoden und Pflanzen erzeugt werden könnten. Die Produktion von Stoffen in Fermentern und die biotechnologische Veränderung von Pflanzen ermöglichen eine gewisse Entkopplung der Produktion bestimmter Stoffe von den sie bisher erzeugenden Pflanzen und Organismen. Besonders deutlich wird dies auf dem Gebiet der Erzeugung von pflanzlichen Fetten und Ölen (z.B. Kakaobutter), wo bereits zahlreiche Patentanmeldungen zur Veränderung der Fettsäurenzusammensetzung von Pflanzen und für mikrobiologische Produktionsverfahren von Fettsäuren vorliegen. Dies weist darauf hin, daß relativ teure Rohstoffe wie Kakaobutter, Erdnuß- und Kokosöl durch die biotechnologische Umwandlung billigerer Fettsäuren aus Raps-, Soja- und Palmöl schon bald ersetzt werden könnten. Hauptvoraussetzung für den breiten Einsatz von Substituten ist jedoch ihre Rentabilität. Diese ist zur Zeit bei vielen technisch bereits verfügbaren Substituten bzw. Substitutionsverfahren noch nicht gegeben, und es ist fraglich, ob sie bei anhaltend niedrigen Herstellungskosten für die entsprechenden natürlichen Rohstoffe in absehbarer Zeit erreicht werden kann.
Die Produktion und der Export bestimmter agrarischer Produkte sind auf dem Weltmarkt stark auf einzelne Länder konzentriert, so daß die Auswirkungen einer Reduktion der (insbesondere durch Industrieländer) nachgefragten Rohstoffmengen durch Substitutionen für einige exportierende Länder gravierend, für andere hingegen kaum spürbar wären. Zu den Ländern, auf die technisch bereits realisierbare Substitutionsmöglichkeiten einen nicht zu unterschätzenden Einfluß haben könnten, zählen Côte dŽIvoire, Ghana, Kongo, Mauritius, Nigeria, die Dominikanische Republik und Bolivien. Die Analyse ihrer Exportstruktur zeigt, daß sie in der Regel fast ausschließlich auf ein einziges Exportprodukt (meist Kakao oder Zucker) spezialisiert sind, so daß hier eine Substitution schwerwiegende Folgen haben könnte. Unter den Entwicklungsländern werden infrastrukturell gut ausgebaute Länder größere Vorteile durch biotechnologische Methoden und Produkte haben als Länder mit einer schwächeren Infrastruktur, da sie neue Pflanzensorten und biotechnologische Methoden schneller entwickeln und anpassen können und anderen Orts entwickelte Fortschritte schneller in ihrem Land etablieren können. Die ungleichen Anwendungsmöglichkeiten verfügbarer Techniken können daher weitere Handelsverschiebungen zu Lasten jetzt schon sehr armer Länder verursachen.
Bisher standen genetische Ressourcen für die Suche nach Wirkstoffen (z.B. für Medikamente) weitgehend kostenlos zur Verfügung. Vor dem Hintergrund des steigenden Wertes von Genen und der immer notwendiger werdenden Schutzmaßnahmen für artenreiche Gebiete versuchen neuere Strategien, die Nutzung vorhandener Genressourcen an gleichzeitige Schutzmaßnahmen zu binden (Nutzen-Schutz-Konzept). Um diesem Konzept völkerrechtliche Verbindlichkeit zu verleihen, wurde im Rahmen der Umweltkonferenz der Vereinten Nationen 1992 die Konvention über den Schutz der biologischen Vielfalt verabschiedet. Als eine erste konkrete Umsetzung dieses Konzepts gilt ein Vertrag zwischen dem amerikanischen Konzern Merck Sharp & Dohme Pharmaceuticals und dem Instituto de Biodiversidad (InBio) in Costa Rica, einer halbstaatlichen Firma, die genetisches Material sammelt und aufbereitet. Dieser Vertrag sowie der Aufbau von InBio in Costa Rica gelten einigen Entwicklungsländern (z.B. Mexiko, Indonesien und Kenia) als vorbildlich für die Vermarktung und den Schutz von genetischen Ressourcen bei gleichzeitigem Aufbau eigener technologischer Kapazitäten. Andere Entwicklungsländer betrachten ihre Chancen für den Aufbau von eigenen Verwertungs- und Vermarktungskapazitäten für ihre genetischen Ressourcen eher skeptisch. Länder, die nur über geringe wissenschaftliche und technologische Kapazitäten verfügen, werden sich eher auf die arbeitsintensiven Bereiche, wie erste Probensammlungen, beschränken müssen und bleiben daher wahrscheinlich bloße Rohstofflieferanten.
Ökologische Auswirkungen
Abgesehen davon, daß nachsorgende Maßnahmen, gleich auf welcher Technologie sie beruhen, in den meisten Fällen die zweitbeste Variante im Vergleich zu vorsorgenden Maßnahmen darstellen, werden im Bereich der konkreten umweltrelevanten Anwendungen die Möglichkeiten und Auswirkungen moderner biotechnologischer Verfahren meist positiv beurteilt. Durchaus kontrovers werden jedoch die Auswirkungen moderner Biotechnologie bei ihrem Einsatz in der Landwirtschaft und zum Schutz genetischer Ressourcen diskutiert.
Der vermehrte Einsatz von Biopestiziden und Biodünger könnte es ermöglichen, in Entwicklungsländern umwelt- und humantoxikologisch bedenkliche konventionelle chemische Produkte in größerem Umfang zu ersetzen oder ihren Einsatz ganz zu vermeiden. Allerdings gibt es große Wissensdefizite bezüglich der ökosystemaren Auswirkungen, die eine intensive Begleitforschung erfordern. Streßtolerante Pflanzen - die auf absehbare Zeit gentechnisch wohl nicht hergestellt werden können - könnten zur Entlastung von übernutzten Gunststandorten und/oder Ertragszuwächsen führen, bergen aber die Gefahr der Zerstörung der letzten unberührten, bisher landwirtschaftlich nicht genutzten Flächen. Nicht wünschenswert erscheint eine weitere Zunahme ökologisch bedenklicher, ausgedehnter Monokulturen zur Bioalkoholproduktion, zumal wenn dafür die Nahrungsmittelproduktion eingeschränkt wird.
Biotechnologische Methoden können im Rahmen von Ex-situ-Schutzmaßnahmen helfen, den drohenden weiteren Verlust biologischer Vielfalt zu vermeiden. Von der Anwendung biotechnologischer Methoden, v.a. in der Landwirtschaft, gehen jedoch auch Gefahren für die Arten- und Sortenvielfalt aus. Neben einer zunehmenden Uniformisierung des optimierten Pflanzgutes, die z.B. durch klonale Propagation verstärkt werden kann, besteht gerade in tropischen und subtropischen Entwicklungsländern, die in den Gebieten der größten biologischen Vielfalt liegen, eine größere Wahrscheinlichkeit des unkontrollierten "gene flow" von Kultur- auf Wildpflanzen. Die tatsächlichen Gefährdungspotentiale sind aufgrund der unzureichenden Kenntnisse der ökosystemaren Zusammenhänge bisher nicht genau abzuschätzen. Für die zukünftige Ernährungssicherung kaum zu überschätzen ist der Erhalt der Vielfalt lokaler standortangepaßter Sorten, der in situ über die Pflege einer vielfältigen Landwirtschaft erfolgen muß.
Die Frage der Biologischen Sicherheit stellt sich angesichts einer erwartbaren Zunahme des Transfers gentechnologischer Verfahren und Produkte in die Länder des Südens mit besonderer Dringlichkeit: Zum einen, weil besondere Risiken einer ungewollten Freisetzung von GVOs in den Zentren biologischer Vielfalt nicht auszuschließen sind; zum anderen, weil rechtliche Regelungen zur Biologischen Sicherheit sowie Infrastruktur und Know-how für entsprechende Kontrollen in den Entwicklungsländern größtenteils fehlen. Im Rahmen der Bemühungen um ein international verbindliches Protokoll zur Biologischen Sicherheit im Anschluß an die Biodiversitätskonvention wird zu diskutieren sein, ob für Länder des Südens besondere Sicherheitsbestimmungen gelten müssen. Unabhängig davon, ob grundsätzlich eine Einzelfallprüfung für Freisetzungen in Entwicklungsländern als nötig erachtet wird oder ob das in westlichen Ländern verfolgte "familiarity"-Konzept, d.h. eine generelle Genehmigung der Freisetzung von als ungefährlich eingestuften Organismen, als ausreichend angesehen wird, erscheint eine Unterstützung von Entwicklungsländern beim Aufbau eines rechtlichen und institutionellen Systems der Biologischen Sicherheit erforderlich.
Soziale Auswirkungen
Im Zusammenhang möglicher Auswirkungen des Einsatzes moderner Biotechnologie auf die soziale Lage der Bevölkerung wird zur Zeit vor allem die Frage diskutiert, ob die Biotechnologie geeignet ist, die Einkommenssituation der armen ländlichen Bevölkerung durch die Verfügbarmachung einfach zu handhabender Produktionsmittel zu verbessern. Daneben werden Effekte vor allem auf die Stellung der Frau durch die Veränderung traditioneller Produktionsprozesse und neue Verhütungsmethoden erwartet. Der Beitrag der Biotechnologie zur Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung in den Entwicklungsländern wird auf absehbare Zeit voraussichtlich eher gering sein. In der Folge zunehmenden internationalen Handels mit gentechnisch hergestellten Verbrauchsgütern wird die Frage des Verbraucherschutzes an Bedeutung gewinnen.
Mögliche positive Effekte angepaßter biotechnologischer Verfahren für die ländliche Bevölkerung, aber auch - soweit verfügbar - angepaßter Sorten werden kaum unmittelbar und von selbst zum Tragen kommen. Werden die Rahmenbedingungen kleinbäuerlicher Landwirtschaft - wie schlechte Kapitalausstattung und mangelnder Zugang zu Märkten - außer acht gelassen, kann der Einsatz der Biotechnologie möglicherweise eher zu sozialen Verwerfungen im traditionellen landwirtschaftlichen Produktionssystem der Entwicklungsländer führen. Es ist im wesentlichen eine gesellschaftspolitische und nicht eine technologiepolitische Frage, ob der Einsatz (vom Potential her) "angepaßter" Technologien den Kleinbauern zugute kommt oder gar marginalisierten kleinbäuerlichen Schichten - über die Sicherung einer Existenzgrundlage hinaus - die Möglichkeit bietet, durch einen Beitrag zur nationalen Volkswirtschaft insgesamt ihren Status zu verbessern. Die Rahmenbedingungen kleinbäuerlicher Produktion wie auch soziale, politische und kulturelle Strukturen in den ländlichen Regionen des Südens (Dominanz lokaler Eliten, Disparitäten der Landverteilung, geringe formale Bildung, Mangel an funktionierenden lokalen Verwaltungsstrukturen) werden den Zugang zu den neuen Technologien erschweren. Diese werden wahrscheinlich eher von bereits mit westlichem Know-how vertrauten Plantagenbetrieben oder sogenannten progressive farmers (bäuerliche Mittelschicht mit guter Land- und Kapitalausstattung) genutzt werden als von Kleinbauern.
In der biotechnologischen Forschung steckt zweifellos ein großes Potential zur Verhütung und Therapie von Tropenkrankheiten. Der Beitrag der modernen Biotechnologie zur Lösung der gesundheitlichen Probleme in den Entwicklungsländern wird aber im wesentlichen davon abhängen, daß sich die ökonomische und soziale Situation der Länder des Südens insgesamt verbessert und eine eigene Forschung und Entwicklung sowie ein funktionierendes Gesundheitswesen aufgebaut werden können. Grundsätzlich scheint die Verbesserung der gesundheitlichen Situation der Bevölkerung der Entwicklungsländer weniger vom Fortschritt medizinischer Forschung und Entwicklung abzuhängen. Die Weltbank schätzt, daß in den Ländern mit einem Pro-Kopf-Einkommen unter 350 Dollar schon durch die Verbesserung der öffentlichen Gesundheitsvorsorge sowie der klinischen Grundversorgung mit einem relativ geringen Kostenaufwand von 12 Dollar pro Kopf und Jahr die Krankheitsbelastung der Bevölkerung um 32 % reduziert werden könnte.
Der Einsatz neuer biotechnologischer Verfahren und Sorten in Landwirtschaft und Nahrungsversorgung läßt für Frauen nur dann positive Effekte erwarten, wenn den Bedürfnissen und dem Wissen von Frauen eigens Aufmerksamkeit in entsprechenden entwicklungspolitischen Projekten gewidmet wird. Auch "angepaßte" Technologien, wie z.B. die Gewebekulturtechnik, können unter bestehenden Bedingungen nicht als per se förderlich für die Lage der Frauen angesehen werden. Selbst dann, wenn Biotechnologie dazu angetan scheint, die Einkommensverhältnisse oder die Ernährungslage der Haushalte in den Entwicklungsländern zu verbessern, können wirtschaftliche Lage und sozialer Status der Frauen durch anstehende technologische Veränderungen negativ betroffen sein.
Hinsichtlich der Einschätzung von Notwendigkeit und Auswirkungen empfängnisverhütender Impfungen gehen die Ansichten weit auseinander. Ihre "Anwenderinnen-unabhängige" Wirksamkeit erscheint als Vorteil unter dem Gesichtspunkt effektiver Verhütungsprogramme, als Gefahr hinsichtlich reproduktiver Rechte der Frauen. Unbestritten scheint zu sein, daß eine weitere Untersuchung möglicher Gesundheitsrisiken notwendig ist. Einigkeit - so ergab die im Auftrag des TAB durchgeführte Recherche - herrscht weitgehend auch hinsichtlich der zu präferierenden Forschungsziele im Bereich der Verhütung. Nicht nur von Frauenorganisationen, sondern auch von Organisationen wie dem UNFPA, der Weltbank oder der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung wird der Entwicklung von Barrieremethoden (mit antiviralen Eigenschaften zum Schutz gegen Geschlechtskrankheiten), von Verhütungsmethoden für Männer sowie von Methoden, die von den Anwenderinnen selbst kontrolliert werden können, Priorität eingeräumt.
So wie bezüglich der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen ein den im Norden geltenden Regelungen zur Gentechnik entsprechendes völkerrechtlich verbindliches Protokoll nötig sein wird, so werden mit zunehmendem internationalen Handel mit gentechnisch hergestellten Lebensmitteln im Interesse des Verbraucherschutzes auch auf der Ebene der Produkte internationale Sicherheitsstandards und entsprechende Kontrollsysteme unumgänglich werden. Die Weichen hierfür werden über das GATT und hier über die Codex Alimentarius Commission gestellt werden. Strittig ist derzeit die Frage des angemessenen Sicherheitskonzeptes insbesondere bezüglich gentechnisch hergestellter Lebensmittel. Es wird die Frage zu klären sein, ob das Prinzip der "substantiellen Äquivalenz", das von einer prinzipiellen Vergleichbarkeit traditionell und gentechnisch hergestellter Lebensmittel ausgeht, der geeignete Ausgangspunkt für eine solche Vereinbarung ist. Auf jeden Fall erscheint aber eine Umsetzung internationaler Standards in nationale Rechtsvorschriften und erst recht in wirksame Kontrollsysteme - und damit die Realisierung eines effektiven Schutzes der Verbraucher in den Entwicklungsländern wie in den Industrienationen - von den meisten Entwicklungsländern nicht ohne entsprechende Unterstützung realisierbar zu sein.
Schlußfolgerungen für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit
Insgesamt gesehen sind zwei Leitlinien für die deutsche bzw. "nördliche" Entwicklungszusammenarbeit bzw. -politik zu erkennen: Einerseits sollte sie helfen, die möglichen negativen Folgen des Einsatzes moderner Biotechnologie für Entwicklungsländer abzufedern, andererseits sollte sie es den Entwicklungsländern ermöglichen, biotechnologische Methoden und Verfahren für ihre eigenen Ziele nutzbar zu machen. Ein übergreifender und grundlegender Schritt wäre es, die Koordination sowohl der deutschen als auch der internationalen Entwicklungsprogramme zu verbessern. Auch müßte Entwicklungszusammenarbeit als Querschnittsaufgabe deutscher Politik verstanden werden, die eine Integration von Maßnahmen der verschiedenen Ressorts (Wirtschaft, Gesundheit, Bildung und Forschung etc.) erfordert. Dies ergibt sich nicht zuletzt auch als Folge der weitreichenden Verpflichtung im Hinblick auf die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung, die die Bundesrepublik Deutschland durch die Ratifizierung der verschiedenen Dokumente der UNCED-Rio-Konferenz, insbesondere die Biodiversitätskonvention, übernommen hat.
Angesichts der Knappheit der finanziellen Mittel, die in den nächsten Jahren voraussichtlich für die Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung stehen werden, sollte die Förderung moderner Biotechnologien konzentriert auf strategisch wichtige Verfahren erfolgen. Anderenfalls besteht die Gefahr, daß die Unterstützung solcher - für den Einsatz in Entwicklungsländern besonders geeigneter - biotechnologischer Methoden im Rahmen der allgemeinen Förderung der Agrarforschung oder des Gesundheitswesens zu kurz kommt.
Das Ziel entsprechender Fördermaßnahmen kann nicht sein, lediglich die Ergebnisse bzw. Produkte moderner Biotechnologie in Entwicklungsländer zu transferieren. Fördermaßnahmen sollten vielmehr so angelegt werden, daß sich biotechnologische Anwendungen in die sozialen, kulturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen eines Landes einfügen und so einen Beitrag zur Weiterentwicklung seiner Eigenständigkeit leisten können. Es ergibt sich eine Reihe von Aufgaben und Handlungsoptionen:
Förderung angepaßter Biotechnologien
Ausgehend von den vergleichsweise geringen wissenschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Menschen in armen Entwicklungsländern, sollten bevorzugt angepaßte oder zumindest anpaßbare biotechnologische Verfahren gefördert werden. Dabei wird es sich - zumindest zur Zeit - kaum um gentechnologische Verfahren handeln. Das heißt jedoch nicht, daß den Entwicklungsländern der Einstieg in die Gentechnologie verwehrt werden soll. Die Förderung gentechnologischer Methoden mit Mitteln der Entwicklungshilfe muß jedoch an entsprechende institutionelle und finanzielle Voraussetzungen des entsprechenden Entwicklungslandes bzw. der dort vorhandenen Forschungseinrichtungen gebunden sein. Grundsätzlich sollte sich die Förderung des Technologietransfers in Entwicklungsländer angesichts der dringenden Versorgungsprobleme der Menschen in den meisten Ländern streng am vordringlichsten Ziel orientieren: der schon kurzfristig erreichbaren allgemeinen Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktionsweisen und damit der Nahrungsversorgung der Bevölkerung, ohne dabei längerfristig die Produktionsgrundlagen zu gefährden. Voraussetzungen für erfolgreichen Technologietransfer sind grundlegende Maßnahmen wie Bildungsförderung, die Stärkung der Finanzierungs-, Produktions- und Vermarktungssysteme sowie die Verbesserung der sozialen Rahmenbedingungen. Bei der Projektkonzeption zur Förderung von Biotechnologien sollte insbesondere geachtet werden auf:
- eine Orientierung der geförderten Maßnahmen an den Bedürfnissen von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, wobei ihr traditionelles Wissen miteinbezogen werden sollte;
- eine spezielle Förderung der Frauen, da sie durch (technische) Innovationsschübe besonders benachteiligt werden können;
- die Förderung nationaler und lokaler Forschungseinrichtungen sowie einheimischer Saatgutunternehmen, da diese die züchterische Weiterentwicklung angepaßter Sorten im Blick auf die spezifischen Bedingungen des jeweiligen Landes und die Umsetzung biotechnologischer Ergebnisse und Fortschritte vor Ort am besten gewährleisten können.
Ausrichtung der Forschungsförderung auf die Probleme und Bedürfnisse des Südens - Transfer moderner Biotechnologien
Angesichts der Größe der Probleme, die bei wachsenden Bevölkerungszahlen im Bereich der Ernährungs-, Gesundheits- und Umweltsituation in den Entwicklungsländern entstehen werden, sollten alle Optionen für Lösungsmöglichkeiten geprüft werden. Neben der vorrangigen Förderung angepaßter Technologien im Zuge einer umfassenden und nachhaltigen Modernisierung ist es notwendig zu untersuchen, welche Ergebnisse moderner biotechnologischer Forschung auf Pflanzen und Tiere des Südens übertragen werden können und welche Forschungsanstrengungen auch in Institutionen der Industriestaaten (z.B. in der Tropenmedizin) "zugunsten" von Entwicklungsländern durchgeführt werden können. Die Förderung teurer biotechnologischer Ansätze, die sich für Pflanzen des Südens fast ausschließlich im Experimentierstadium befinden, ist zwar im Hinblick auf längerfristige Anwendungsmöglichkeiten wünschenswert, erscheint jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt vor dem Hintergrund knapper Finanzmittel nicht vorrangig. Gentechnische Forschungsansätze sollten - nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen - wie bisher allenfalls in internationalen Agrarforschungszentren und entsprechend ausgerüsteten Forschungseinrichtungen in Entwicklungsländern verfolgt werden.
Die Finanzierung der IARCs und anderer Einrichtungen der internationalen Agrarforschung sollte nicht nur gesichert, sondern ausgebaut werden. Dabei sollten die öffentlichen Fördermittel auf die Weiterentwicklung traditioneller Nahrungspflanzen sowie bisher wenig genutzter Arten ("orphan crops") konzentriert werden.
Sinnvoll erscheint es, auch im Bereich der Tropenmedizin ein Netz internationaler Forschungszentren in Entwicklungsländern aufzubauen, die - in der Konzeption ähnlich den Internationalen Agrarforschungszentren - die Erforschung der Krankheiten vor Ort in Angriff nehmen könnten. Dies würde allerdings erhebliche zusätzliche Mittel erfordern. Für die erfolgreiche Entwicklung neuer Medikamente bis zur Marktreife müßte wegen des erheblichen Know-how- und Finanzbedarfes eine stärkere Kooperation mit der Industrie erfolgen. Hierzu bedürfte es neuer Finanzierungsmodelle, bei denen die öffentliche Hand z.B. einen Teil des Medikamentenpreises oder der Forschungskosten subventioniert, während die Unternehmen im Gegenzug - zumindest für eine gewisse Zeit - auf die sonst üblichen Gewinnspannen verzichteten.
Auch auf mittel- und langfristige Sicht wird es unverzichtbar bleiben, durch Genbanken das Aussterben der am stärksten bedrohten Arten, Sorten und Populationen so weit wie möglich zu verhindern und die genetische Vielfalt der Nutzpflanzen im Hinblick auf zukünftige Züchtungsanforderungen zu erhalten. Durch einen umfassenden Schutz der wenigen noch intakten Ökosysteme auf der Erde vor Eingriffen des Menschen würden nicht nur die bekannten Arten geschützt, sondern vor allem die vermutlich bei weitem größere Zahl der unbekannten Spezies.
Gestaltung der internationalen Rahmenbedingungen
Eine entscheidende Grundlage für die nachhaltige und umweltverträgliche Nutzung moderner biotechnologischer Verfahren ist die Schaffung entsprechender rechtlicher Rahmenbedingungen zum Schutz des geistigen Eigentums, auf dem Gebiet der Biologischen Sicherheit und zum Schutz genetischer Ressourcen.
Nationale und internationale Patent- und Sortenschutzsysteme sollten Ausnahmeregelungen für arme Entwicklungsländer enthalten, die es diesen Ländern ermöglichen, bestimmte biotechnologische Erfindungen nicht unter Patent- und Sortenschutz zu stellen, wenn dies für die Ernährung, die medizinische Versorgung oder die wirtschaftliche Entwicklung des entsprechenden Landes nützlich ist. Die Bundesrepublik Deutschland sollte sich in den entsprechenden internationalen Gremien weiterhin dafür einsetzen, daß die Entwicklungsländer eine schrittweise Annäherung an weltwirtschaftliche Maßstäbe des Patentrechtes und -schutzes vollziehen können. Außerdem sollte sie die Länder des Südens bei der Errichtung entsprechender Institutionen (z.B. von Patentämtern) beratend und personell unterstützen. Geklärt werden sollte, wie indigenes Wissens über medizinische Wirkungen von Heilpflanzen und Eigenschaften von Nahrungspflanzen entgolten werden kann. Auch bedarf es einer Regelung, wie die Nutzung des biologischen Materials, das vor der Rio-Konferenz in Genbanken der Industriestaaten eingelagert wurde, rechtlich zu behandeln ist.
Für den Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen sollten in den Entwicklungsländern mindestens so strenge Maßstäbe angestrebt werden wie in Industrieländern, weil dort eine größere Wahrscheinlichkeit des Entstehens von Gefahren für Mensch und Umwelt besteht. Als Grundlage könnte ein internationales Biosafety-Protokoll dienen, das angesichts der rasant ansteigenden Zahl von Freisetzungen gentechnisch veränderter Organismen in Entwicklungsländern so bald wie möglich verabschiedet werden sollte.
Des weiteren sollten in Entwicklungsländern rechtliche und institutionelle Systeme für die Lebensmittelüberwachung etabliert werden, wofür sich deutsche und europäische Behörden zur Beratung und Hilfestellung anbieten. Neben ihrer Funktion im Sinne des Verbraucherschutzes würde eine verläßliche Lebensmittelüberwachung in den Entwicklungsländern auch dazu beitragen, daß deren Exportprodukte den Anforderungen und Standards des Weltmarktes genügen.
Im Interesse einer nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung müßte langfristig die eigentliche Wertschöpfung aus der Nutzung genetischer Ressourcen in den Ländern des Südens selbst erfolgen. Zur Finanzierung der dafür notwendigen Maßnahmen, die von umfangreichen Kartierungs- bzw. Inventarisierungsmaßnahmen zur Dokumentation der biologischen Vielfalt bis zum Aufbau entsprechender eigener Industrieunternehmen reichen könnten, müßten dringend praktikable und international anerkannte Nutzen-Schutz-Konzepte entwickelt werden. Entscheidend für einen Erfolg möglicher Maßnahmen wird die weitgehende Einbeziehung der einheimischen Bevölkerung sein.
Begleitende Maßnahmen
Die umfassenden Bewertungsansätze und erprobten Methoden der Technikfolgen-Abschätzung könnten wichtige Beiträge bei der Bewertung von Entwicklungsprogrammen und -projekten darstellen. Technikfolgen-Abschätzung sollte besonders die Auswirkungen entsprechender Maßnahmen auf die Bevölkerung vor Ort, ihre traditionelle Organisation und ihre sozialen Strukturen, insbesondere die Aufgabenteilung zwischen Männern und Frauen, untersuchen und bewerten.
Manche Entwicklungsländer werden auf Dauer vermutlich am stärksten nicht durch die Anwendung moderner biotechnologischer Verfahren im Land selbst betroffen, sondern infolge des Einsatzes entsprechender Methoden in Industrie- oder konkurrierenden Entwicklungsländern, die landwirtschaftliche Produkte effektiv substituieren können. Um den potentiell negativ betroffenen Ländern des Südens zu helfen, auf solche Entwicklungen rechtzeitig zu reagieren, sollte eine Arbeitsgruppe aus Vertretern staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen (Universitäten, NGOs, Wirtschaft etc.) gebildet werden, die die weltweite Entwicklung der Biotechnologie beobachtet, im Hinblick auf Auswirkungen auf Länder der "Dritten Welt" analysiert und versucht, strategische nationale Konzepte zur Generierung von Produktionsalternativen zu erarbeiten.