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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Thomas Petermann • Arnold Sauter

Stand der Technikfolgen-Abschätzung im Bereich der Medizintechnik

TAB-Arbeitsbericht Nr. 039. Berlin 1996, 55 Seiten

Zusammenfassung

Die anhaltende öffentliche und wissenschaftliche Auseinandersetzung um Sinn und Nutzen immer neuer medizinischer Technologien läßt diese als ideales Objekt für Technikfolgen-Abschätzung erscheinen und eine Vielzahl entsprechender Aktivitäten erwarten.

Eine Bestandsaufnahme der internationalen Literatur sowie Anfragen bei einschlägigen Institutionen erbrachten 815 Studien bzw. Projekte zur TA im Bereich der Medizintechnik für den Zeitraum von 1980 bis 1995. Zugrundegelegt wurde eine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs "Medizintechnik", die in sieben Themenfelder unterteilt wurde: Technologien zu Diagnose, Heilung und Prävention, für "Krankheitsmanagement", "critical care und survival", "Systemmanagement" und "Übergreifende Themen".

Die erfaßten TA-Studien/Projekte wurden hinsichtlich der Parameter "Länder- bzw. Regionenverteilung", "Zeitlicher Verlauf und Entwicklung der TA-Aktivitäten", "behandelte Themen" (Identifikation der Schwerpunkte der internationalen TA) und "untersuchte Folgedimensionen" quantitativ ausgewertet.

Im Vergleich der Kontinente/Regionen sind in Europa die TA-Aktivitäten rein zahlenmäßig am stärksten ausgeprägt. Die Datenbanken weisen besonders zahlreiche Studien für solche Länder auf, in denen es spezielle Institutionen gibt, die medizintechnische Fragestellungen kontinuierlich und mit relativ großem personellen und finanziellen Aufwand bearbeiten (USA, Kanada, Australien, Frankreich, Niederlande). Das Fehlen einer solchen Institution in Deutschland spiegelt sich in der verhältnismäßig geringen Anzahl nachgewiesener deutscher TA-Studien wider.

Im zeitlichen Verlauf setzte die Entwicklung zuerst in den USA ein. Gegen Mitte der 80er Jahre scheint das Interesse an medizintechnischer TA-Analyse sprunghaft zugenommen zu haben, so daß gegen Ende der 80er Jahre Europa mit Nordamerika "gleichzieht" und" es danach recht rasch "überholt".

Die Zuordnung der TA-Studien zu den sieben Themenfeldern ergab, daß sich die meisten der Studien mit Technologien zur Heilung (knapp die Hälfte) oder zur Diagnose (knapp ein Drittel), den beiden zentralen Vorgängen/Aufgaben in der Medizin, befassen. Zahlenmäßig folgen Arbeiten zu "Krankheitsmanagement" und "Übergreifende Themen und Sonstiges" (je zehn Prozent) sowie zum "Systemmanagement" (fünf Prozent). Nur wenige Studien befassen sich mit den Themen "Prävention" bzw. "critical care" und "survival".

Die thematischen Schwerpunkte, d.h. diejenigen zehn Einzelthemen, die am häufigsten in den vergangenen 15 Jahren untersucht wurden, sind: Magnetresonanz-Tomographie, DNA-Diagnostik, Home-Care-Technologien, Knochenmarktransplantation, Angioplastie, Laseranwendungen, Lithotripsie, Radiotherapie, Oxygentherapie, IuK-Systeme. Gemessen an der Intensität der öffentlichen Aufmerksamkeit beschäftigen sich wenige Studien mit Fragen der Reproduktionsmedizin, mit minimal invasiver Chirurgie, Intensivmedizin und neuromedizinischen Themen.

Die Auswertung unter dem Gesichtspunkt der vorrangig untersuchten Folgedimensionen zeigt, daß technik- und ökonomiezentrierte Folgedimensionen (Fragen der medizinischen Wirksamkeit, ökonomische und Sicherheitsaspekte, Technikdiffusion und -distribution, Forschungsaspekte) deutlich dominieren. Die Bearbeitung psycho-sozialer und ethischer Aspekte der Technik hingegen ist relativ schwach ausgeprägt, ebenso spielen organisatorische, rechtliche und politische Fragen, die normative Elemente einschließen und sich quantifizierenden Betrachtungsweisen entziehen, eine eher untergeordnete Rolle.

Dieser Befund wurde durch eine exemplarische inhaltliche Auswertung von TA-Studien zur Transplantationsmedizin bestätigt. Ein Charakteristikum der erfaßten Studien ist die Einseitigkeit ihres Fokus' und die Selektivität ihrer Fragestellung. Medizinische und betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Betrachtungen stehen im Vordergrund, es fehlen u.a. jene Dimensionen, die sich auf den weiteren Kontext der jeweils untersuchten Therapie beziehen, so etwa strukturelle Charakteristika des Gesundheitswesens und deren Einfluß auf das Transplantationssystem.

Auf der Grundlage der erhobenen Daten war es nicht möglich, das Thema analytisch erschöpfend zu bearbeiten. Die zusammenfassende Beurteilung der Ergebnisse erfolgt daher nicht in Form eines abschließenden Urteils. Es werden reflektierte Thesen formuliert, die zu Diskussion und Ergänzung herausfordern sollen. Dabei wird folgenden Fragen nachgegangen: Erfassen die TA-Aktivitäten die wichtigen/wichtigsten Techniken bzw. die hierfür relevanten gesellschaftlichen Entwicklungen oder sind wesentliche Lücken vorhanden? Genügen die TA-Studien hinsichtlich ihres Konzeptes und ihrer Fragestellung den Kriterien, die eine TA anerkanntermaßen erfüllen sollte, wie z.B. Vollständigkeit und ex-ante-Orientierung? Sind die Rahmenbedingungen für TA zur Medizintechnik ausreichend angesichts der ökonomischen und gesellschaftlicher Bedeutung der Medizintechnik und der Notwendigkeit, deren Potentiale kritisch abzuschätzen und zu bewerten?

Insbesondere im Hinblick auf die Situation in Deutschland werden eine ganze Reihe von solchen thematischen, konzeptionellen und strukturellen Defiziten diagnostiziert. Schritte zur Verbesserung der Situation könnten darin bestehen

  • die institutionellen und finanziellen Rahmenbedingungen für TA zur Medizintechnik und die Kommunikation zwischen Vertreten der "TA-Szene" zu verbessern,
  • das spezifische Aufgabenfeld für TA im Zusammenhang mit dem bestehenden Bedarf näher zu beschreiben und entsprechendes Bewußtsein bei den Beteiligten zu wecken sowie
  • die Leistungsfähigkeit der deutschen TA-Szene im Bereich der Medizintechnik durch die Durchführung eines Spektrums exemplarischer TA-Untersuchungen zu demonstrieren.

Der Deutsche Bundestag könnte in allen drei Bereichen Initiativen ergreifen.

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