Forschungs- und Technologiepolitik für eine nachhaltige Entwicklung
TAB-Arbeitsbericht Nr. 050. Berlin 1997, 97 Seiten
Zusammenfassung
Kriterien für eine an Nachhaltigkeit orientierte FuT-Politik
Für eine Operationalisierung des Leitbildes "sustainable development" ist zu berücksichtigen, daß nachhaltige Entwicklung kein auf ein klar definiertes Ziel gerichteter Prozeß ist, sondern neue wissenschaftliche Erkenntnisse, veränderte gesellschaftliche Bewertungen und Rahmenbedingungen immer wieder in einen offenen Prozeß der Zielformulierung einschließen muß.
Es ist davon auszugehen, daß ein am Konzept der Nachhaltigkeit ausgerichtete FuT-Politik in der Regel nur dann ihren Ansprüchen gerecht werden kann, wenn sie zugleich mit innovativen methodisch-konzeptionellen Forschungsansätzen - etwa einer verstärkten Förderung interdisziplinärer und problemorientierter Untersuchungen oder einer systematischen Untersuchung und Einbeziehung der Handlungsmöglichkeiten sozialer Akteure - verknüpft ist. Entsprechend lassen sich folgende allgemeine Kriterien für eine an nachhaltiger Entwicklung ausgerichtete FuT-Politik formulieren:
- Problemorientierte Interdisziplinarität
- Verbindung von grundlagen- und theoriebezogener Forschung mit Anwendungs- und Gestaltungsorientierung
- Langfrist- und Folgenabschätzungsorientierung
- Verbindung von regionalen und globalen Analyseebenen
- Orientierung an gesellschaftlichen Bedürfnisfeldern
- Akteursorientierung
Diese Kriterien bieten einen allgemeinen Orientierungsrahmen für die Gestaltung von Methoden, Konzepten und Institutionen einer "nachhaltigen Forschungspolitik" und können so die Umsetzung von inhaltlichen Zielen und eine prozeßorientierte Vorgehensweise im Rahmen einer "nachhaltigen" Forschung und Technikentwicklung befördern. Gleichzeitig ermöglichen sie eine Bewertung, ob und wieweit sich die gegenwärtige FuT-Politik thematisch und methodisch-konzeptionell an nachhaltiger Entwicklung orientiert.
Insgesamt verweist das Kriterienset auf eine starke Einbindung von Wissenschaft und Technikentwicklung in den soziopolitischen Prozeß der Diskussion um Ziele und Umsetzungsperspektiven einer nachhaltigen Entwicklung. Die Rolle, die der Wissenschaft (und damit auch der FuT-Politik) zugeschrieben wird, entspricht einer wissenschaftssoziologisch vielfach festgestellten Entwicklung. Angesichts komplexer werdender sozialer Strukturen und zunehmender Komplexität der Folgewirkungen von Wissenschaft und Technik und damit auch schwer überschaubarer politischer Entscheidungssituationen richten sich Forschung und Entwicklung mehr und mehr auf gesellschaftlich definierte Problemlagen aus. Eine auf Nachhaltigkeit hin orientierte FuT-Politik muß die Schwierigkeiten einer "entscheidungsorientierten" Wissenschaft wie den Umgang mit unsicherem - da auf die Bewältigung zukünftiger Aufgaben ausgerichtetem - Wissen, mit Expertenstreit und Expertenkritik in Rechnung stellen. Sie wird aber auch den Beitrag von Wissenschaft und Technikentwicklung im Prozeß der (politischen) Operationalisierung des Leitbildes "Nachhaltige Entwicklung" unterstützen und die Auseinandersetzung zwischen Wisenschaft und Gesellschaft (mit-)organisieren müssen. Die gesamte politische Prozeßkette der Definition von Problemlagen, der Entwicklung von Indikatoren für eine nachhaltige Entwicklung, der Festlegung von Nachhaltigkeitszielen und der Entscheidung über geeignete Maßnahmen erfordert eine ständige Rückkopplung mit dem Stand von Wissenschaft und Technik - von Ergebnissen der Grundlagenforschung zu anthropogenen Veränderungen von Ökosystemen bis hin zur Begleitforschung zur Implementation nachhaltiger Technologien oder sozialer Innovationen.
Ziele und Leitbilder der FuT-Politik des BMBF
Als wichtigste übergreifende Zielorientierung der Forschungs- und Technologiepolitik des BMBF ist die Förderung von wissenschaftlich-technischen Innovationen zur Sicherung der wirtschaftlichen und technologischen Wettbewerbsfähigkeit anzusehen. Die wachsende Bedeutung technologischer Innovationen für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie führt in der aktuellen FuT-Politik zu einer starken Betonung der Kooperation von Wissenschaft und Industrie, zur Unterstützung der Umsetzung von wissenschaftlichem Wissen in marktreife Produkte und generell zu Bemühungen um eine Beschleunigung von Innovationsprozessen durch eine verbesserte Ausschöpfung des Innovationspotentials der FuT-Landschaft durch mehr Wettbewerb, kooperative Nutzung von Know-how, Förderung des Wissens- und Technologietransfers, Interdisziplinarität. Diese Akzentsetzungen sind an eine Orientierung der FuT-Politik auf das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung durchaus anschlußfähig. Hervorgehoben werden können unter dem Gesichtspunkt der Anschlußfähigkeit des Leitbildes "Nachhaltige Entwicklung" an aktuelle Tendenzen der FuT-Politik des BMBF folgende Aspekte:
- Die Orientierung an gesellschaftlichen Problemlagen und -bereichen (vor allem Umwelt, Gesundheit, Verkehr) spielt bereits heute eine wichtige Rolle für die Prioritätensetzung der Forschungspolitik.
- Die Akzentverschiebung der FuT-Politik von der reinen Grundlagenforschung hin zur "anwendungsorientierten Grundlagenforschung" und zur "produktorientierten Anwendungsforschung" kommt den Anforderungen einer an Nachhaltigkeit orientierten FuT-Politik (s. die o.g. Kriterien) durchaus entgegen.
- Die als neues Instrument der Förderpolitik eingeführten Leitprojekte mit ihrer Betonung von Interdisziplinarität und Anwendungsorientierung sind von ihrer Ausrichtung her geeignet, Aspekte wie Akteursorientierung, problemorientierte Interdisziplinarität, Orientierung an Bedürfnisfeldern zu integrieren: "Leitprojekte sollen anspruchsvolle Aufgabenstellungen mit einer konkreten Anwendungsperspektive bündeln und verschiedene Disziplinen und Anwendungen zusammenführen. Sie sollen von kooperationswilligen Partnern 'bottom up' vorgeschlagen und erarbeitet werden" (BMBF 1996e, S. 29).
- Nachhaltige Entwicklung fungiert bereits jetzt als Leitbild in den Bereichen Umwelt- und Energieforschung und ihren jeweils angrenzenden Feldern. Damit ist das Konzept der nachhaltigen Entwicklung bisher allerdings auf einen umweltpolitischen und ökologischen oder allenfalls ressourcenökonomischen Ansatz beschränkt.
Auf der Basis einer exemplarische Untersuchung von drei Förderbereichen, die für eine Orientierung an nachhaltiger Entwicklung relevant sind - der Umwelt- und Klimaforschung, der Verkehrs- und Mobilitätsforschung sowie der Materialforschung -, kommt der Bericht zu folgenden Schlußfolgerungen hinsichtlich der Perspektiven einer übergreifenden Orientierung der FuT-Politik am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung.
Bei den Instrumenten der Forschungsförderung bedarf eine an Nachhaltigkeit orientierte Forschungspolitik eines konsequenten Ausbaus der problemorientierten, interdisziplinären Verbundforschung. Dabei sollten natur-, ingenieur-, wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Disziplinen schon von der Phase der Problemdefinition an gleichberechtigt kooperieren. Einen Ansatzpunkt bieten diesbezüglich die im Bereich der Umweltforschung entwickelten Verbundprojekte, die mit konkreten räumlichen Bezügen und unter Einbeziehung der für eine Umsetzung von Ergebnissen relevanten Akteure arbeiten. Auch eine problemorientierte Ausrichtung der Leitprojekte könnte einer Orientierung von FuE auf Nachhaltigkeit hin förderlich sein.
Die Programme der Forschungsförderung sollten unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten mittelfristig stärker nach Bedürfnis- und Bedarfsfeldern gegliedert werden. Unabhängig davon wäre überlegenswert, die bereits jetzt an nachhaltiger Entwicklung ausgerichteten Förderschwerpunkte zu stärken und zu einem eigenen Programm "Nachhaltige Entwicklung" zu bündeln.
Nachhaltige Entwicklung eröffnet neue langfristige Zeithorizonte für Forschung und Technologieentwicklung und erfordert daher die Entwicklung und den Einsatz innovativer zukunftsorientierter Verfahren der FuT-Politik. Im Sinne einer "zeitnahen" Evaluation von Forschungsprogrammen zur flexibleren Anpassung der Forschung an neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder veränderte gesellschaftliche Problemlagen gilt es, neue Formen der gesellschaftlichen Bewertung und Gestaltung von Technologien zu entwickeln bzw. vorhandene Ansätze zu stärken und auszubauen.
Die Forschungslandschaft in der Bundesrepublik ist strukturell bisher nur ungenügend auf die Ziele und methodischen Zugänge einer nachhaltigen Entwicklung ausgerichtet. Neugründungen von Forschungseinrichtungen sollten im Unterschied zur bisherigen Praxis so angelegt werden, daß sie flexibel gestaltbar und damit selbst "zukunftsoffen" bleiben. Darüber hinaus erfordert nachhaltige Entwicklung die reflektierte und methodisch kontrollierte Vermittlung und "Übersetzung" von Wissen und Problemwahrnehmungen zwischen den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.
Forschungsziele und Inhalte, Förderstrategien und Instrumente im internationalen Vergleich
Eine im Rahmen der Vorstudie unternommene Untersuchung der Frage, wie bisher der Gedanke der "nachhaltigen Entwicklung" sich international in der Forschungspolitik niederschlägt, ergibt, daß in allen betrachteten Ländern (USA, Japan, Niederlande, Schweden) der Begriff "sustainable development" keinesfalls immer mit einer tatsächlichen Veränderung der Politik einhergeht bzw. daß die Politik den Ansatz in seiner vollen Breite kaum ausschöpft. Als Effekt der intensiven Diskussion um "sustainable development" in der Folge der Rio-Konferenz kann in den untersuchten Ländern lediglich eine Intensivierung der schon vorher verfolgten forschungs- und technologiepolitischen Linien beobachtet werden, so vor allem in den Bereichen Entwicklung "umweltschonender" Energieformen und Erhöhung der Energieeffizienz sowie bei der Entwicklung von additiven, sanierenden und integrierten Umwelttechniken.
In keinem der untersuchten Länder läßt sich eine Definition von Nachhaltigkeits-Zielen als Kriterium für die Förderung von FuE-Vorhaben in den offiziellen Dokumenten finden. Lediglich in den Niederlanden und Schweden werden quantitative Reduktionsziele mit einem verbindlichen Zeitrahmen festgelegt, die, zumindest in den Niederlanden, aus einer Konkretisierung des Leitbildes "sustainable development" abgeleitet sind.
Die Ökosystemforschung ist in allen Ländern ausgesprochen gut etabliert, alle Länder blicken auf eine mittlerweile 20jährige Geschichte der Entwicklung technischer Lösungen zur Vermeidung, Verminderung oder/und Sanierung von Umweltbelastungen als Kernbereich der FuT-Politik zurück. Intensiviert bzw. erstmalig aufgenommen wurden Anfang der 90er Jahre Entwicklungen zur integrierten Umwelttechnik.
Die Schließung von Stoffkreisläufen als Mittel zur Erhöhung der Ressourceneffizienz und damit als Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung gehört in allen betrachteten Ländern zur forschungs- und technologiepolitischen Agenda. In den Niederlanden und Schweden erscheinen die diesbezüglichen politischen Aussagen am verbindlichsten.
Deutlich werden Unterschiede zwischen den Ländern, wenn die Erforschung der sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen, die Umweltprobleme verursachen sowie deren Lösungen beeinflussen, und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für einen Übergang zu einer nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweise betrachtet werden. Hier nehmen die Niederlande mit ihrem Ansatz der Bedürfnisfeldanalysen im Rahmen des Programms Sustainable Technology Development (STD) eine Sonderstellung ein. Dieses Programm kann im Zusammenhang mit dem nationalen Umweltpolitikplan (NEPP) als besonders innovativ im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Forschungspolitik für eine nachhaltige Entwicklung gelten. Hier spiegeln sich insbesondere die Anforderungen wieder, die von der Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt" für die nachhaltige Entwicklung der FuT-Politik aufgestellt wurden: Bedürfnisorientierung, Prozeßorientierung und Interdisziplinarität.