Ambivalenz und Widersprüche: Die Einstellung der deutschen Bevölkerung zur Technik
(2. Sachstandsbericht zum Monitoring »Technikakzeptanz und Kontroversen über Technik«)
TAB-Arbeitsbericht Nr. 054. Berlin 1997, 126 Seiten
Zusammenfassung
Es zeigt sich, daß die Rede von einer besonderen "Technikfeindlichkeit" der deutschen Bevölkerung der Differenziertheit der Antworten auf Fragen nach der Einstellung zu verschiedenen Technologiefeldern, zu unterschiedlichen Anwendungsfeldern einer Technologie wie auch zu ökologischen, ökonomischen, gesundheitlichen und sozialen Folgen und Leistungen moderner Technik nicht gerecht wird.
Gefragt nach der staatlichen Förderungswürdigkeit verschiedener Technologiefelder, überwiegen nur für sogenannte Groß- und Risikotechnologien negative Antworten - vor allem für die Kernenergie, die Gentechnologie und auch für den Bereich Automation. Technologiefelder wie Sonnenenergie und Medizintechnik werden überaus positiv bewertet. Insgesamt beurteilen die Befragten - ein aus der Umfrageforschung bekanntes Bild - "Großtechnologien" weitaus skeptischer als Technik in der Arbeitswelt und auch im Haushalt oder im medizinischen Bereich. Auch unter den Befragten, die bei Fragen nach der persönlichen Einstellung zur Technik oder zum technischen Fortschritt positiv antworten, findet sich ein erheblicher Anteil, der sich gegenüber Großtechnologien skeptisch äußert.
Gefragt nach dem Informationsstand und Informationswunsch zu den verschiedenen Technologiefeldern, zeigt sich überwiegend, daß die Selbsteinschätzung, man wisse genug über ein Technologiefeld und brauche keine weiteren Informationen, eine Minderheitenposition ist. Allerdings wird auch deutlich, daß Informationskampagnen, die ja oft als Mittel der Verbesserung der Akzeptanz gesehen werden, neben dem bekannten Problem, daß mehr Information nicht mehr Akzeptanz, sondern auch mehr Problembewußtsein bedeuten kann, mit einem erheblichen Anteil von Nichtinteressierten in der Bevölkerung rechnen müssen - und dies gerade auch in den politisch umstrittenen Feldern wie Kern- und Gentechnologie. Zudem sind es gerade diejenigen, die eine Förderung dieser Bereiche eher ablehnen, die überdurchschnittlich häufig angeben, sie wüßten zwar wenig, seien an weiteren Informationen aber auch nicht interessiert. Hier scheint sich eine festgefügte grundsätzliche Ablehnung dieser Technologien in einem Desinteresse an Informationen zu manifestieren.
Im Vergleich zu früheren Meßpunkten zeigt die Umfrage für "Großtechnologien" eine leicht positive Entwicklung des Meinungsklimas. Dies trifft allerdings für die Gentechnologie nicht zu. Der Anteil derjenigen, die sich gegen eine Förderung der Gentechnologie aussprechen, ist sogar leicht gestiegen. Bestätigt wird der Eindruck einer negativen Entwicklung des Meinungsklimas, die mit der intensiven Medienberichterstattung über die Klonierung des Schafes "Dolly" zum Zeitpunkt der Befragung zusammenhängen könnte, durch Fragen nach verschiedenen Anwendungsfeldern der Gentechnologie. Für die drei im Fragebogen angesprochen Anwendungsfelder - Freisetzung gentechnisch veränderter Nutzpflanzen, gentechnisch veränderte Lebensmittel und Gentherapie - ergibt sich gegenüber 1992 eine deutlich zurückhaltendere Einschätzung des Nutzens und eine deutlich gestiegene Besorgnis bezüglich der Risiken der Anwendung. Dies trifft insbesondere auf den Anwendungsbereich Lebensmittel zu, der sich schon in der vom TAB 1992 durchgeführten Umfrage zur Gentechnologie - im Gegensatz zur deutlich positiv bewerteten Anwendungen der Gentechnologie in medizinischen Kontexten - als der Bereich herausgestellt hatte, in dem die Befragten den geringsten Nutzen und die größten Risiken sehen.
Sowohl positive als auch negative Einschätzungen kennzeichnen die Antworten der Befragten zu den Technologiefeldern Computer, Multimedia und Automation. Die Ambivalenz - oder, wenn man so will, der Realitätssinn der Befragten - zeigt sich hinsichtlich der Auswirkungen auf den Arbeitsbereich. Hier paart sich eine positive Einschätzung der Auswirkungen des Computers auf die Qualität der Arbeit (Entlastung von Routinearbeiten) mit einer gleichzeitig negativen Einschätzung der Auswirkungen auf die Arbeitsmarktsituation. Zum anderen deuten die Ergebnisse darauf hin, daß für den Großteil der Befragten der Computer mittlerweile ein durchaus positiv bzw. nüchtern-instrumentell gesehener Gebrauchsgegenstand ist, daß allerdings ein erheblicher Teil der Bevölkerung (ca. ein Viertel) durchaus subjektiv und wahrscheinlich auch objektiv (Arbeitsbedingungen, Einkommen) distanziert zu dieser Technologie bleibt. Die oft vertretene These der Gefahr einer "Spaltung der Mediengesellschaft" scheint einer objektiven Grundlage nicht zu entbehren. Auch das neue Feld "Multimedia" scheint für große Teile der Bevölkerung bisher noch eher irrelevant zu sein. 42 % der Befragten äußern, hierüber wenig zu wissen, an weiteren Informationen aber auch nicht interessiert zu sein.
Die grundsätzlich ambivalente, positive wie negative Aspekte der technologischen Entwicklung gleichermaßen berücksichtigende Einstellung der Bevölkerung zur Technik wird vor allem dann deutlich, wenn die Befragten mit wertenden politischen Statements zu den Wirkungen und Folgen moderner Technik konfrontiert werden. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen insgesamt positive Erwartungen hinsichtlich der Lösung von Umweltproblemen, der globalen Klimaproblematik, der Verkehrsprobleme und der Bekämpfung von Krankheiten durch Technik. Diese positive Sichtweise geht aber einher mit eher skeptischen Urteilen hinsichtlich der Problemlösungskapazität bei der "Bekämpfung von Armut und Unterentwicklung" sowie der "Verringerung von Hektik und Streß in Arbeit und Beruf". Hoffnungen hinsichtlich der Lösung von im wesentlichen durch Industrialisierung ausgelösten Problemen steht also Skepsis bezüglich der Auswirkungen auf die eigene Lebensqualität und der Lösung des Problems internationaler Gerechtigkeit gegenüber.
Diese Ambivalenz in den Urteilen zeigt sich auch für die Themen Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit sowie Umwelt und nachhaltige Entwicklung. Die Bedeutung moderner Technologien für die Stellung Deutschlands im internationalen Wettbewerb wird von einer deutlichen Mehrheit der Befragten hoch angesetzt. Eine Lösung der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise wie auch ein Abbau der Arbeitslosigkeit durch neue Technologien wird aber lediglich von einer Minderheit der Befragten erwartet. Auch rangiert Rationalisierung als Grund für die aktuelle Arbeitslosigkeit im Urteil der Befragten an erster Stelle - deutlich vor Faktoren wie einem "technologischen Rückstand" Deutschlands gegenüber anderen Ländern oder der "Technikfeindlichkeit" der Deutschen. Grundsätzlich würdigt ein erheblicher Teil der Befragten sowohl die wirtschaftspolitische Bedeutung neuer Technologien als auch die mit neuen Technologien möglicherweise verbundenen ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme. So stimmt beispielsweise mehr als ein Drittel der Befragten, die dem Statement zustimmen, "Ohne neue Technologien werden wir an Wohlstand einbüßen" gleichzeitig auch dem Statement zu "Für den Erhalt der Umwelt muß der Einsatz von Technik vermindert werden, auch wenn dadurch persönliche Einschränkungen nötig werden". Deutlich wird in der Umfrage auch ein ausgeprägtes Interesse an Verfahren der Bürgerbeteiligung in technologiepolitischen Fragen, und zwar weitgehend unabhängig davon, ob die Befragten zur Technik generell eher positiv oder eher negativ eingestellt sind.
Widersprüchliche Ergebnisse erbrachte die Umfrage zur allgemeinen (bilanzierenden) Einstellung zu "der" Technik bzw. zum "technischen Fortschritt". In der Umfrage wurden drei, in den letzten Jahren in verschiedenen Umfragen genutzte Bilanzurteilsfragen gestellt. Im dadurch möglichen Zeitreihenvergleich zeigt sich laut einem Indikator eine deutlich negative Entwicklung der Technikeinstellung. Dies entspricht in der Tendenz - nicht aber in der Deutlichkeit der Ausprägung - Ergebnissen anderer Umfragen aus den letzten Jahren. Nach einer positiven Entwicklung der generellen Einstellung zu "der" Technik in den 80er Jahren zeigt sich seit Beginn der 90er wieder eine - auf hohem positiven Niveau! - leicht negative Entwicklung. Ein zweiter in die Umfrage des TAB geschalteter Indikator weist aber deutlich auf eine positive Entwicklung der Technikeinstellung in den letzten Jahren hin.
Hieraus ergeben sich einige grundsätzliche methodische Fragen, die zukünftig bei der Durchführung und Interpretation von Umfragen stärker zu beachten wären. So wäre beispielsweise der Bedeutung der Institutshandschrift für die Ergebnisse von Umfragen durch die parallele Durchführung einer Umfrage durch mehrere Institute Rechnung zu tragen (die in der TAB-Umfrage eingeschalteten Bilanzurteilsindikatoren waren in den letzten Jahren von unterschiedlichen Instituten genutzt worden). Der Versuch, die Widersprüche zwischen den Indikatoren durch eine statistische Analyse inhaltlich aufzuklären, erbrachte Hinweise darauf, daß die Befragten - abhängig von der Formulierung der Frage - unterschiedliche Aspekte und Probleme mit dem Gegenstand "Technik" assoziierten. Waren für den Indikator, der eine positive Entwicklung des Meinungsklimas zur Technik anzeigt (hier wurde nach den "Folgen" von Technik gefragt), eher Aspekte wie das Vertrauen in Experten und die lebensweltliche Bedeutung von Technik prägend für die Antworten der Befragten, so scheint für die Antworten zu dem eine negative Entwicklung anzeigenden Indikator (hier wurde nach der "persönlichen Einstellung" zur Technik gefragt) die wirtschaftliche Bedeutung von Technik in der aktuellen wirtschaftlichen Krise entscheidend gewesen zu sein. Einmal mehr zeigt dieses Ergebnis die Problematik einer Ad-hoc-Interpretation von Umfrageergebnissen zur Technikakzeptanz im Sinne eines "Quasi-Plebiszites" und die Notwendigkeit auf, standardisierte Umfragen durch qualitative Untersuchungen zu ergänzen.