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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Christine Rösch

Einsatz nachwachsender Rohstoffe im Wohnungsbau

4. Sachstandsbericht zum Monitoring »Nachwachsende Rohstoffe«

TAB-Arbeitsbericht Nr. 061. Berlin 1999, 94 Seiten

Zusammenfassung

Die Errichtung bzw. der Erwerb von Häusern und Wohnungen ist eine der langfristigsten und einschneidensten Investitionen, die der Mensch in seinem Leben tätigt. Es ist gleichermaßen die Erfüllung des Traums von der Unabhängigkeit und Absicherung für das Lebensalter. Dementsprechend hohe Erwartungen werden an die Bauweise, die Konstruktionen und eingesetzten Materialien gestellt. Technisch hergestellte Baustoffe erfüllen diese Erwartungen: Sie zeichnen sich durch eine hohe Funktionalität und Leistungsfähigkeit, eine gute Handhabbarkeit und Dauerbeständigkeit sowie eine lange Lebensdauer und niedrige Preise aus. Dies führte dazu, daß der im Wohnungsbau früher sehr verbreitete Einsatz natürlicher Rohstoffe stark zurückgedrängt wurde.

Die allgemeine positive Grundeinstellung gegenüber den modernen Produkten hat sich in den vergangenen Jahren etwas gewandelt. Die Bauherren von heute erwarten bei Neubau oder Umbau neben exakten Kostenangaben auch Informationen zu Energie, Ökologie und Gesundheit. Im Unterschied zur bisher oft einseitigen Orientierung auf die Investitionsphase wird dabei mehr und mehr der vollständige Lebenszyklus der Bauwerke berücksichtigt. Die Bauherren reagieren so auf aktuelle Anforderungen zur Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auch im Gebäudesektor.

Ein Grund für diese Entwicklung ist die Erkenntnis über das Aufkommen an nicht bzw. kaum wiederverwertbaren Abfällen beim Bauen bzw. späteren Abriß des Wohngebäudes. Entscheidender dürften jedoch die Diskussionen über die möglichen gesundheitsbeeinträchtigenden Wirkungen von Baustoffen und -produkten bzw. darin enthaltenen Zusätzen (z.B. Formaldehyd) sein. Diese haben zu einer Sensibilisierung der Menschen gegenüber chemischen Verbindungen in der Gebäudehülle geführt.

Aus diesen Gründen nimmt das Interesse an nachwachsenden Rohstoffen stetig zu. Die Palette an nachwachsenden Rohstoffen, die als Baustoffe bzw. Bauhilfsstoffe genutzt werden können, ist groß. Sie reicht von lignocellulose- und faserhaltigen Pflanzen (z.B. Schilfrohr, Flachs, Hanf) über Ölpflanzen (z.B. Öllein, Raps) bis hin zu Stärkepflanzen (z.B. Kartoffeln) und Färberpflanzen (z.B. Färberwaid). Nachwachsende Rohstoffe sind im Wohnungsbau vielseitig einsetzbar. Sie eignen sich zur Herstellung von Wänden und Bauelementen (z.B. Fenster), zur Dacheindeckung und Bewehrung in Baustoffen, als Dämmstoffe (Wärme-, Schall- und Feuchteschutz), Fußbodenuntergrund oder Bodenbelag und zur Herstellung von Anstrichen und Farben oder als Bauhilfsstoffe (z.B. Schalöle).

Trotz der vielfältigen Anwendungsgebiete werden gegenwärtig nur relativ geringe Mengen an nachwachsenden Rohstoffen zur Herstellung von Baustoffen bzw. Bauhilfsstoffen eingesetzt. Von quantitativer Bedeutung ist der Einsatz nachwachsender Rohstoffe im Wohnungsbau allein im Bereich der Wärmedämmung. Der Anteil der Dämmstoffe aus biogenen und anderen alternativen Materialien ist in den vergangenen Jahren langsam, aber kontinuierlich auf 3 bis 5 % des Dämmstoffmarktes angewachsen.

Angesichts der bevorstehenden Verschärfung der Anforderungen an den Wärmeschutz von Bauteilen im Rahmen der geplanten Energieeinsparverordnung kann in den nächsten zehn Jahren mit einem Anstieg des Absatzes an Wärmedämmstoffen aus alternativen Materialien auf bis zu 10% des Dämmstoffmarktes bzw. rd. 7 Mio. m3 pro Jahr gerechnet werden. Der zu erwartende Zuwachs dürfte allerdings in erster Linie den etablierten preisgünstigen Dämmstoffen mit guten Wärmedämmeigenschaften aus Recyclingmaterialien (z.B. Altpapier) sowie forst- und landwirtschaftlichen Produktionsrückständen (z.B. Restholz) zugute kommen.

Dämmstoffe aus speziell für diesen Zweck angebauten nachwachsenden Rohstoffen werden dagegen in der Öko-Nische bleiben, wenn es nicht gelingt, diese preisgünstiger anzubieten. Die Kosten für die Wärmedämmung mit Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen werden bestimmt durch die technisch und finanziell aufwendigen Verfahren der Rohstoffverarbeitung, der Dämmstoffherstellung und des Dämmstoffeinbaus. Aber auch die Preise für die Rohstoffe selbst, die zwischen 10 und 25 % der gesamten Produktionskosten ausmachen, spielen dabei eine Rolle. Da die Rohstoffkosten durch züchterisch-technische Fortschritte nur bedingt gesenkt werden können, dürften die Absatzchancen zumindest für landwirtschaftliche Hauptprodukte (Flachs- und Hanffasern) begrenzt bleiben.

Baustoffe und -produkte aus nachwachsenden Rohstoffen sind erneuerbar; bei ihrer Entstehung wird genausoviel Kohlendioxid gebunden wie bei ihrer energetischen Endnutzung freigesetzt wird. Sie können somit einen Beitrag zur Verringerung der Freisetzung an zusätzlichen Treibhausgasen leisten. Die Fähigkeiten nachwachsender Baustoffe und -produkte, biologisch abbaubar zu sein und große Mengen an Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben zu können, gelten insbesondere im Innenausbau als weitere Vorteile. Damit verbunden sind jedoch auch mögliche nutzungstechnische Nachteile. Durch den Zusatz an verschiedenen Schutzstoffen kann die Entflammbarkeit und ein vorzeitiger mikrobieller Abbau wirksam verhindert werden. Diese Zusätze können jedoch den Anspruch biologischer Baustoffe, insgesamt gesundheits- und umweltverträglicher zu sein als vergleichbare konventionelle Produkte, in Frage stellen.

Abschließende Aussagen über die ökologische Vorteilhaftigkeit nachwachsender Baustoffe im Vergleich zu konventionellen sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich. Vor allem die Multifunktionalität und teilweise sehr lange Lebensdauer der Bauprodukte wirft bei der Erstellung von Ökobilanzen Bilanzierungs- und Bewertungsprobleme auf. Infolge der Möglichkeiten einer stofflichen oder thermischen Verwertung nach Beendigung ihrer Nutzungsphase könnte ein verstärkter Einsatz nachwachsender Baustoffe dazu beitragen, das Aufkommen an nicht verwertbaren Bauabfällen zu verringern.

Was den Zusammenhang zwischen Baumaterialien und gebäudebedingten Erkrankungen anbelangt, gibt es bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Asbest) keine gesicherten toxikologischen Erkenntnisse für die dort relevanten Konzentrationsbereiche und deshalb auch kaum Schutzbestimmungen für die Bewohner von Gebäuden. Im Hinblick auf einen vorbeugenden Gesundheitsschutz wird die rechtliche Situation insgesamt als unbefriedigend bewertet. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, daß vor allem im Bereich des Innenausbaus nach natürlichen, gesundheitlich unbedenklichen Baustoffen und Bauprodukten verlangt wird.

Die bestehenden baurechtlichen Vorschriften setzen vor die Markteinführung neuer Bauprodukte auf der Basis nachwachsender Rohstoffe Hürden. Die neuen Produkte müssen einen Verwendungs- bzw. Brauchbarkeitsnachweis gemäß Bauordnungen und Bauproduktengesetz über ein nationales bzw. europäisches Zulassungsverfahren erbringen. Die bestehenden Regelungen können auch zu Hemmnissen werden, wenn bei der Einführung neuer Baustoffe die rechtlichen und normativen Rahmenbedingungen nicht rechtzeitig genug erkundet und gegebenenfalls gezielt genutzt werden.

Trotz der gegenwärtig begrenzten Absatzchancen für Baustoffe und -produkte aus nachwachsenden Rohstoffen beschäftigen sich viele klein- und mittelständische Unternehmen mit ihnen bzw. bieten auf dem Markt bereits entsprechende Produkte an. Die Entwicklung und Demonstration neuer innovativer Bauprodukte auf der Basis nachwachsender Rohstoffe werden von den zuständigen Behörden gefördert. Die bislang erzielten Ergebnisse sind bescheiden, lassen jedoch hoffnungsvolle Ansätze erkennen. Aus einigen Möglichkeiten der Verwertung von nachwachsenden Rohstoffen lassen sich durchaus Ansatzpunkte für eine breitere Verwendung im Wohnungsbau ableiten. Das Interesse der Bauherren ist groß, nachwachsende Rohstoffe im Wohnungsbau einzusetzen. Aus Kostengründen erfolgt ein Einsatz allerdings nur sporadisch. Durch entsprechende Informations-, Verwertungs- und Vermarktungsstrategien könnte der Absatz gefördert und könnten Kostensenkungspotentiale ausgeschöpft werden.

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