Potenziale zum Ausbau der regionalen Nahrungsmittelversorgung
Endbericht zum TA-Projekt »Entwicklungstendenzen bei Nahrungsmittelangebot und -nachfrage und ihre Folgen«
TAB-Arbeitsbericht Nr. 088. Berlin 2003, 164 Seiten
Zusammenfassung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte des Berichts: Wechselwirkungen von Regionalität und Qualitätsaspekten
Regionalität spielt eine zunehmend wichtige Rolle in der Diskussion über die Produktion von Nahrungsmitteln, angesichts von Konzentrations-, Nivellierungs- und Globalisierungstendenzen im Lebensmittelsektor. Auf Seiten der Verbraucher besteht ein erhebliches Interesse an Nahrungsmitteln regionaler Herkunft. Dieses Interesse resultiert u.a. aus der emotionalen Bindung an die eigene und andere Regionen sowie aus dem Wunsch nach Vielfalt und Abwechslung.
Die stärkere Förderung einer regionalen Nahrungsmittelproduktion und -vermarktung ist daher ein Ziel, das von vielen Seiten verfolgt wird. Unklarheit besteht allerdings häufig darüber, wie realistisch dieses Anliegen ist. Hier prallen nicht selten idealisierte Zielvorstellungen auf phantasielose Wirtschaftlichkeitsargumente, die ausschließlich Preis und Umsatz als Parameter akzeptieren, ohne weitere (Qualitäts-)Kriterien betrachten zu wollen.
Ob und wann Regionalität ein Plus an Qualität bedeuten kann, ist nicht pauschal zu beantworten. Regionalität von Nahrungsmitteln könnte Transparenz, Herkunftsnachweis und Rückverfolgbarkeit als zentrale Forderungen der Lebensmittelsicherheitspolitik erleichtern.
Aufgabe und Ziel der Untersuchung des TAB war es nicht, eine Begründung oder Stellungnahme pro oder kontra einer stärkeren Regionalisierung der Nahrungsmittelversorgung zu liefern. Vielmehr war der Auftrag, folgenden Fragen nachzugehen:
- Welche Nahrungsmittel eignen sich besonders für eine regionale Produktion?
- Welche Chancen haben eine regionale Nahrungsmittelverarbeitung und -vermarktung trotz zunehmender Unternehmenskonzentration?
- Welche fördernden, welche hemmenden Einflüsse gehen von der EU-Politik und weltweiten Handelsabkommen aus?
- Welche Absatzwege sind besonders geeignet für eine regionale Nahrungsmittelproduktion?
- Welche neuen Interaktionen sind für eine Regionalisierung der Nahrungsmittelversorgung notwendig?
Die Vielfalt der Argumente pro und kontra einer Stärkung regionaler Lebensmittelproduktion und -vermarktung spiegelt sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Begriffe und Begriffsdefinitionen, Herangehensweisen und Handlungsebenen wider. Diese werden im Bericht überblicksartig vorgestellt (Kap. II). Eine tiefer gehende Auswertung der enormen Vielfalt existierender - meist bereichsübergreifender - Regionalinitiativen und -projekte, die sehr häufig auch Aspekte einer regionalen Nahrungsmittelversorgung einschließen, konnte und sollte im Projekt des TAB nicht geleistet werden. Informationen zu diesen Aktivitäten sind über die einschlägigen Internetportale (u.a. http://www.modellregionen.de, http://www.reginet.de, http://www.regionalvermarktung.info, http:// www.nachhaltig.org) im Detail erschließbar.
Da angesichts der Heterogenität der Ansätze regionaler Nahrungsmittelversorgung nicht alle Facetten von Regionalität bei Lebensmitteln untersucht werden konnten, wurde der Schwerpunkt des Berichts auf ausgewählte Entwicklungen und Handlungsfelder gelegt, die im Hinblick auf den weiteren politischen Umgang mit der Frage einer Regionalisierung der Nahrungsmittelversorgung von besonderer Bedeutung sind und zu denen bislang vergleichsweise wenig Informationen vorliegen.
Zwei Themen werden daher besonders ausführlich behandelt: zum einen der augenblicklich noch vorhandene und mögliche zukünftige Regionalbezug der deutschen Ernährungswirtschaft insgesamt, auch und gerade unter den Bedingungen der Konzentrations- und Globalisierungstendenzen (Kap. III.2), zum anderen die Bedeutung und Nutzung geschützter Herkunftszeichen nach EU-Verordnung 92/2081/EWG (Kap. III.3). Formen der öffentlichen Regionalförderung von der EU bis hin zur kommunalen Ebene werden im Überblick vorgestellt (Kap. III.1), Motive und Probleme der Akteure einer regionalen Nahrungsmittelversorgung werden in einer Gesamtschau diskutiert, von Bestimmungsfaktoren der Verbrauchernachfrage bis hin zu Fragen der Logistik und der Kommunikation (Kap. III.4).
Handlungsmöglichkeiten zur Erhöhung und Ausschöpfung von Potenzialen einer regionalen Nahrungsmittelversorgung (Kap. IV) werden korrespondierend zu drei Szenarien des Nahrungsmittelsektors beschrieben, in denen die möglichen längerfristigen Entwicklungslinien aller drei Themenbereiche des TA-Projekts (also auch zu Qualität und Information/Kennzeichnung) gebündelt werden: »Polarisierung«, »Konvergenz« und »Differenzierung«.
Ergebnisse der Untersuchung: Gesamteinschätzung und fünf Leitlinien
Das Thema »regionale Nahrungsmittelversorgung« wird in Wissenschaft und Politik kontrovers diskutiert, weil Verständnis, Motive und Ziele bei der Beschäftigung mit diesem Feld sehr heterogen sind. Gründe für Missverständnisse und Kontroversen sind beispielsweise
- auf der Verständnisebene die mangelnde Unterscheidung zwischen regionaler Produktion, Verarbeitung und Vermarktung von Nahrungsmitteln,
- auf der Motivationsebene Wertkonflikte zwischen »ganzheitlich", aber kleinräumig orientierten Regionalprojekten im NGO-Bereich sowie auf größere Märkte ausgerichtete Aktivitäten der Ernährungswirtschaft und
- auf der Zielebene daraus resultierend eine programmatische Beschränkung auf eine Region (selbst bei überregionalen Erfolgschancen) oder aber eine Beschränkung auf den Parameter Wettbewerbsgleichheit ohne Berücksichtigung regionaler Besonderheiten.
Im Rahmen der Gesamtkonzeption des TA-Projektes behandelt der vorliegende Bericht des TAB schwerpunktmäßig die Frage, welche Qualitätsaspekte mittel- und langfristig für eine Steigerung des Anteils regionaler Lebensmittel von (makro-)ökonomischer Bedeutung sein werden und wie diese den Verbrauchern vermittelt werden können. Als Gesamteinschätzung kann zusammengefasst werden:
- Eine deutliche Erweiterung regionaler Nahrungsmittelversorgung wird nur über den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) möglich sein - Direktvermarktung oder der Absatz über Gastronomie und andere Großverbraucher bleiben (für einzelne Erzeuger und im Rahmen bereichsübergreifender, z.B. touristischer Projekte durchaus bedeutsame) Nischen.
- Bloße Regionalität stellt keine tragfähige Produkteigenschaft für einen dauerhaften Erfolg dar. Um sich gegen die nationale und internationale Konkurrenz, zunehmend auch im Öko-Bereich, durchzusetzen, müssen regionale Produkte spezifische Qualitäten aufweisen. Lediglich bei besonders sensiblen Lebensmitteln (wie Fleisch) wird die geographische Nähe der Herkunft als solche von einem (phasenweise stark schwankenden) Teil der Verbraucher als Zusatznutzen wahrgenommen.
- Insbesondere der Öko-Bereich bietet sich als konkrete, aber begrenzte Perspektive einer regionalen Nahrungsmittelversorgung i.e.S. an durch die Rückbesinnung auf die bewusste, ganzheitlich begründete regionale Verhaftung ökologisch produzierter Lebensmittel, die einer kleinen, aber zahlungskräftigen Käuferschicht als Merkmal einer Premium-Qualität erfolgreich angeboten werden kann (»Ökoplus«).
- Ökonomisch am Erfolg versprechendsten (und zudem kompatibel mit EU-Recht und -Politik) erscheint die Entwicklung regionaler Produkte zu regionalen Spezialitäten mit geschützter Herkunftsangabe. Die Vermarktung wird sich sinnvollerweise nicht auf eine Region beschränken, sondern im Gegenteil den möglichst weiträumigen Absatz suchen. Gerade in Deutschland sind die Möglichkeiten der EU-Herkunftszeichen noch lange nicht ausgeschöpft.
- Nicht alle regionalen Lebensmittel fallen in den Spezialitäten-Bereich. »Standardprodukte« in Konkurrenz mit überregionalen Anbietern können vor allem im Mittelpreissegment erfolgreich sein. Auch die Produzenten solcher regionaler Waren können sich ökonomisch nicht sinnvoll auf eine Absatzregion beschränken, sondern müssen die Möglichkeiten einer Ausdehnung ihrer Märkte nutzen. Der Regionalbezug der deutschen Ernährungswirtschaft scheint (derzeit noch) größer zu sein, als gemeinhin angenommen.
- Der »Megatrend Convenience« ist geprägt durch den hohen Verarbeitungsgrad einer Vielzahl von Rohstoffen und Vorprodukten und stellt besondere Anforderungen an Technologie, Qualitätssicherung und Liefermengen. Dies bedeutet vor allem für kleinere Regionalanbieter eine große, oft nicht zu bewältigende Herausforderung.
Ausgehend von diesen Einschätzungen und aus der Gesamtschau des TA-Projektes lassen sich fünf »Leitlinien« für einen realistischen analytischen und argumentativen Umgang mit der Frage nach der politischen Zielsetzung sowie der möglichen Förderung der regionalen Nahrungsmittelversorgung selbst formulieren. Diese Leitlinien gelten nicht nur für die Politik auf Bundesebene, sondern ebenso für andere politische Ebenen und für andere Akteure.
Fragen einer regionalen Nahrungsmittelversorgung offen behandeln
- Einseitigkeiten vermeiden - realistische Ziele setzen
Es erscheint weder sinnvoll nach angemessen, entweder die ökologischen, ökonomischen und sozialen (Problemlösungs-)Potenziale einer regionalen Nahrungsmittelversorgung zu überhöhen oder sie auf der Basis stark reduktionistischer Ökobilanzen bzw. (agrar-)ökonomischer Kosten-Nutzen-Rechnungen pauschal zu verdammen. Regionale Produktion und Vermarktung von Lebensmitteln sind weder per se umweltfreundlich und sozial nachhaltig noch grundsätzlich Subventionen verschwendend und protektionistisch.
Akteure, Befürworter und Förderer regionaler Nahrungsmittelproduktion sollten sich immer des jeweiligen spezifischen Anspruchs, der potenziellen Leistungsfähigkeit sowie der realistischen Begrenzungen bewusst sein und diese auch kommunizieren, um keine falschen Erwartungen zu wecken.
Regionalität von Produktion, Verarbeitung und Vermarktung unterscheiden und fallweise angemessen kombinieren
Der »Grad« der Regionalität im Lebensweg eines Lebensmittels sollte nicht dogmatisch fixiert werden, weil dadurch Chancen zunichte gemacht werden können. Schwer verständlich und kontraproduktiv erscheint es sowohl, wenn Regionalförderungsprogramme einen überregionalen Absatz von Produkten zur Bedingung machen bzw. regionale Vermarktungsaktivitäten von einer Förderung ausschließen, als auch, wenn aus programmatischen Gründen potenziell überregional erfolgreiche Produkte und Absatzwege nicht weiter entwickelt werden. Die Eignung regionaler Produkte für den jeweiligen Absatzweg sollte sich vorrangig an der spezifischen Qualität orientieren.
Regionale Produktqualität definieren, differenzieren und kommunizieren
- vom Hofverkauf bis zum weltweiten Vertrieb von Spezialitäten
Der erfolgreiche Absatz regional produzierter Lebensmittel, ob regional, eventuell sogar nur lokal, oder aber überregional, möglicherweise gar global, hängt ausschließlich von einer klaren Qualitätsdefinition ab, welche den Verbrauchern überzeugend kommuniziert und von diesen entsprechend erfahren wird. Die Ansprüche an Umfang, Kennzeichnung, Nachvollziehbarkeit bzw. Rückverfolgbarkeit und Kontrollen steigen tendenziell mit zunehmendem Umfang des Absatzgebietes bzw. Absatzweges, vom Direktvertrieb bis zum LEH. Nur in wenigen Fällen reicht bloße Regionalität als Erfolgsfaktor aus. Objektiv nachweisbare Qualitätskriterien, der konkrete Verbrauchernutzen oder ergänzende emotionale Attribute gewinnen zunehmend an Bedeutung.
Strukturen anpassen, Synergien herstellen, Kooperationen fördern
Zugewinne an Qualität, Attraktivität und Effizienz einer regionalen Produktion und Vermarktung von Nahrungsmitteln könnten insbesondere durch eine verbesserte horizontale und vertikale Integration sowie durch einen (noch stärkeren) Ausbau bereichsübergreifender Kooperationen erzielt werden. Systematischer als bisher sollten geeignete Anknüpfungspunkte gesucht und Synergien gefördert werden. Dies betrifft den gezielten Anschluss an regional verankerte, kulturelle und touristische Traditionen, Strukturen und Aktivitäten ebenso wie eine stärkere Ausrichtung an den Bedürfnissen z.B. des überregionalen LEH, auch wenn die Anpassungsleistungen in beiden Fällen sehr unterschiedlich sind. Im ersten Fall geht es eher um eine Individualisierung, eine Spezialisierung des regionalen Produkts, im zweiten Fall um eine Standardisierung bzw. Professionalisierung.
Professionalisierung vorantreiben, Hemmnisse beseitigen
Je nach Erzeugungsbetrieb, Verarbeitungsstruktur und Vertriebsweg rücken eher die notwendige Professionalisierung oder eher der Abbau bzw. die Verhinderung drohender Hemmnisse in den Vordergrund. Starke Hemmnisse gehen sowohl von mangelhaften Verarbeitungs-, Vermarktungs- und Logistikstrukturen aus als auch von Einstellungs- und Motivationsproblemen der (potenziellen) Akteure. Zentrale Strukturen wie Schlachthöfe oder Molkereien oder allgemein gültige Hygienevorschriften der Lebensmittelverarbeitung haben besondere Auswirkungen auf die Nutzung der Potenziale einer regionalen Nahrungsmittelversorgung.
Handlungsoptionen - gebündelt nach Szenarien
Handlungsoptionen zur Erhöhung und Ausschöpfung von Potenzialen einer regionalen Nahrungsmittelversorgung können den drei im TA-Projekt formulierten Szenarien der zukünftigen Entwicklung des Nahrungsmittelsektors Polarisierung - Konvergenz - Differenzierung zugeordnet werden. Dabei handelt es sich um alternative Optionen, die jeweils durch konkrete Handlungsschritte weiter auszufüllen wären.
Polarisierung
Das Szenario »Polarisierung« geht von einer langfristigen Verfestigung der zwei Hauptqualitäten »konventionell« und »ökologisch« aus. Ansätze einer »Binnendifferenzierung« konventioneller Lebensmittel haben in diesem Szenario keinen Erfolg, während Öko-Lebensmittel die oberen Preissegmente dominieren. Da sich der Marktanteil des mittleren Preissegments bei Nahrungsmitteln weiter verringert und regional produzierte Lebensmittel im Niedrigpreissegment wenig konkurrenzfähig sind, bleiben für sie nur die gehobenen Preisbereiche. Erfolg werden nur echte Spezialitäten und Öko-Produkte mit regionaler Herkunft als Zusatzqualität haben (»Ökoplus«). Anderen Qualitäten und Produkten aus der Region und für die Region bleiben nur kleine Nischen, z.B. im Rahmen bereichsübergreifender Tourismus-, Agenda-21- oder Genossenschaftsprojekte. Mit diesem Szenario korrespondieren folgende Optionen:
- Ausgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik: Eine noch vorrangigere Förderung besonderer Produktionsverfahren, insbesondere des ökologischen Landbaus und anderer umweltverträglicher Anbaumethoden, würde das Öko-Segment weiter stärken.
- Marken, Zeichen und Programme: Herkunft von Öko-Lebensmitteln schützen - neues Zeichen: »Ökoplus«. Innerhalb des wachsenden Öko-Segmentes könnte ein neuer Premium-Bereich mit besonders strengen Vorgaben definiert und gekennzeichnet werden (»Ökoplus«), der u.a. auch die regionale Herkunft vorschreibt.
- Ein weiterer Schwerpunkt wäre eine Konzentration auf die Etablierung und Nutzung EU-geschützter Herkunftszeichen nach Verordnung 92/2081/ EWG, wofür unter anderem institutionelle Elemente auf staatlicher Seite geschaffen werden müssten. Dies müsste vermutlich auf Kosten der Förderung anderer Regionalzeichen erfolgen.
Konvergenz
Das Szenario »Konvergenz« geht von einer Angleichung der Anforderungen an die verschiedenen Produktionssysteme aus, von Aspekten der Lebensmittelsicherheit bis zu Standards von Umwelt- und Tierschutz. Als Folge würden die Qualitätsniveaus im konventionellen Bereich steigen und im Öko-Bereich zumindest stagnieren, wenn nicht sogar abgesenkt werden. Dies könnte durchaus das Resultat eines wachsenden Erfolges im Sinne größerer Marktdurchdringung von Öko-Lebensmitteln sein, wenn dabei z.B. zunehmend traditionelle Verarbeitungs- und Vermarktungswege genutzt werden oder die internationale Beschaffung steigt. Durch die allgemeine Angleichung der Qualitätsstandards nimmt die Bedeutung einzelner Produkteigenschaften ab. Regional produzierte Lebensmittel treten in nahezu reine Preiskonkurrenz mit überregional produzierten Waren, auch im Öko-Bereich. Neben dem Preis tritt der direkte Verbrauchernutzen, insbesondere der Faktor Convenience in den Vordergrund. Eine entsprechende Erweiterung der Produktpalette dürfte von Regionalerzeugern nur in größeren Zusammenschlüssen geleistet werden können und erfordert einen hohen Grad an Professionalisierung. Mit diesem Szenario korrespondieren folgende Optionen:
- Ausgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik: Eine noch stärkere Bindung von Direktzahlungen an das Niveau der in der Produktion eingehaltenen (Umwelt-, Naturschutz-, Tierschutz- und Lebensmittelsicherheits-)Standards oder aber eine direkte und allgemeine Erhöhung der gesetzlichen Mindeststandards hebt die Basisqualität, reduziert aber Differenzierungsmöglichkeiten.
- Marken, Zeichen und Programme: Mit einer allgemeinen Niveauerhöhung bietet sich auch eine Angleichung bis hin zur Vereinheitlichung der Regionalzeichen auf Bundesländerebene an, für die das von der EU genehmigte bayerische Regionalsiegel Orientierung bieten kann.
- Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen: Investitionsbeihilfen sollten vorrangig für den Aufbau von Logistikstrukturen und Vermarktungswegen von großen Erzeugerzusammenschlüssen verwendet werden, da nur diese auf längere Sicht ein breites Sortiment zu konkurrenzfähigen Preisen produzieren können.
- Weiterbildung: Für den Aufbau professioneller Produktions- und Vermarktungsstrukturen sind Qualifizierungsmaßnahmen auf allen Stufen der Produktionskette unerlässlich. Dies betrifft sowohl die Aus- und Weiterbildung der Beteiligten als auch die Behebung von Einstellungs- und Motivationsproblemen.
Differenzierung
Das Szenario »Differenzierung« beschreibt eine zunehmende Segmentierung des Lebensmittelmarktes, bei der entsprechend einer wachsenden Differenzierung der Verbraucherwünsche jeweils unterschiedliche Qualitätskriterien definiert, gekennzeichnet und beworben werden, von der Tiergerechtigkeit über die Umweltschonung hin zu Genuss, Nähr- und Gesundheitswert oder Convenience. Die Regionalität von Lebensmitteln ist - neben der Produktvielfalt - ein geradezu ideales Differenzierungsmerkmal, da es die unterschiedlichsten Zielgruppen mit variierenden Botschaften auf verschiedenen Vermarktungswegen ansprechen und erreichen kann. Je nach Eignung werden nur die Herkunft oder aber eine daraus resultierende besondere Qualität in den Vordergrund gerückt (Umwelt- und Sozialfreundlichkeit, Gesundheitsnutzen, Genusswert, Exklusivität), wird eher die Anknüpfung an Tradition, Identität, Heimat, an wegweisende, nachhaltige Produktionskonzepte oder an Feinschmeckerbedürfnisse gesucht, werden die entsprechenden Produkte von Bauernmärkten bis hin zu Internet-Feinkost-Kanälen vertrieben. Mit diesem Szenario korrespondieren die folgenden Handlungsansätze:
- Ausgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik: Den Unterschieden und Besonderheiten von Regionen kann im Rahmen einer verstärkten Förderung der integrierten (ländlichen) Entwicklung am ehesten differenziert entsprochen werden.
- Marken, Zeichen und Programme: Qualitätszeichen könnten stärker regional, Regionalzeichen müssten stärker qualitativ ausdifferenziert werden. Ein »Nachhaltigkeits-Dachsiegel« könnte je nach Art des Projektes die vorrangig anvisierte Dimension (ökologisch - ökonomisch/strukturverbessernd - sozial) betonen.
- Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen: Bestehende Vorschriften vor allem mit Auswirkungen auf das Ernährungshandwerk sollten überprüft und gegebenenfalls angepasst werden, bei der zukünftigen Fortschreibung der Regelwerke sollten systematisch die Belange kleiner Betriebe (im Sinn einer umfassenden Berücksichtigung von Qualitätsdimensionen) mit bedacht werden. Dezentrale Verarbeitungsstrukturen (Schlachthöfe, Molkereien) müssten reaktiviert bzw. neu aufgebaut werden.
- Kommunikation: Eine weitergehende Differenzierung des Angebotes regionaler Lebensmittel müsste vor allem mit einer Differenzierung der Information und Kommunikation einhergehen. Je nach Projekt, Produkt und Zielgruppe müssten unterschiedliche Qualitäten der regionalen Produkte beworben werden, am besten im Anschluss an vorhandene Konsumtrends (u.a. Gesundheit, Wellness, Genuss, Exklusivität, Natürlichkeit, Tradition, Heimat).
Eine Option in allen Szenarien: Geschützte Herkunftszeichen
Eine intensivere Nutzung der geschützten Herkunftszeichen passt grundsätzlich in alle Szenarien, zum einen weil diese eine klare Qualitätsbindung fordert und zum andern weil hier in Deutschland deutlicher Nachholbedarf festzustellen ist. Daher sind die beiden folgenden Handlungsansätze szenarienübergreifend:
- Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen: Zumindest in einer Anschubphase sowie auch längerfristig für besonders strukturschwache Gebiete könnte eine öffentliche (Mit-)Finanzierung für den Aufbau von Erzeugerzusammenschlüssen und (ersten) Betrieb von Kontroll- und Zertifizierungsinstanzen im Sinn der Verordnung 92/2081/EWG notwendig sein.
- Forschung, Weiterbildung, Kommunikation: Die grundlegende Maßnahme zur Ausweitung der geschützten Herkunft von Regionalspezialitäten ist die systematische Erfassung und Eignungsprüfung vorhandener Produkte im Hinblick auf den möglichen Schutz als geographische Spezialität. Danach erfolgt die Überprüfung und gegebenenfalls Anpassung der Produktions- und Produzentenstrukturen. Informationsmaßnahmen, d.h. Werbeaktivitäten, werden zu 50 % von der EU übernommen, wenn die öffentliche Hand 20 % und die Erzeuger 30 % beisteuern.