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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Thomas Petermann • Christoph Revermann • Constanze Scherz

Zukunftstrends im Tourismus

TAB-Arbeitsbericht Nr. 101. Berlin 2005, 200 Seiten

Zusammenfassung

Demografische, sozialstrukturelle und soziokulturelle Entwicklungen führen seit jeher zu Veränderungen in der touristischen Nachfrage und erheblichen Anpassungserfordernissen für die Leistungserbringer im Tourismus. Diese ständigen Herausforderungen haben sich in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends erheblich zugespitzt und erweitert. Insbesondere Krieg und Terrorismus, extreme Wetterereignisse, die weiter voranschreitende Internationalisierung des Tourismus sowie die – zunehmend ins allgemeine Bewusstsein gerückte – Alterung der Gesellschaft haben die latente Verletzlichkeit der Boombranche Tourismus nachdrücklich demonstriert. Die Zukunftsfähigkeit der Tourismuswirtschaft hängt entscheidend davon ab, ob rechtzeitig relevante Entwicklungen erkannt und berücksichtigt werden.

Vor diesem Hintergrund wurde das TAB – auf Initiative der Arbeitsgruppen der Fraktionen im Ausschuss für Tourismus – vom zuständigen Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung mit der Durchführung eines TA-Projektes »Zukunftstrends im Tourismus« beauftragt. In dessen Mittelpunkt standen die Themen »Demografischer Wandel«, »EU-Erweiterung« sowie »Sicherheit, Krisen und Gefahren«.

Der vorliegende Bericht

  • thematisiert auf der Basis einer Bestandsaufnahme und Auswertung vorliegender aktueller soziodemografischer Daten die relevanten Entwicklungsstränge und Konsequenzen für den Tourismus der Deutschen und in Deutschland;
  • nimmt die Auswirkungen der EU-Osterweiterung in den Blick und geht der Frage nach, welche Entwicklungen beim Urlaubsreiseverkehr in und aus den neuen EU-Ländern bzw. nach und aus Deutschland zu erwarten sind;
  • beschreibt aktuelle und zukünftige Gefährdungspotenziale im Tourismus und diskutiert Möglichkeiten der Verbesserung von Information, Prävention und Krisenmanagement.

Demografie

Die Tourismusbranche ist wie kaum eine andere Branche vielfältig und eng mit ihren gesellschaftlichen und natürlichen Kontexten verwoben. Eine Rahmenbedingung ist für die längerfristige Entwicklung der Gesellschaft deutlich erkennbar: der gegenwärtige und zukünftig absehbare demografische Wandel. Im »System Tourismus« wird – insbesondere auf der Nachfrageseite – der soziodemografische Wandel – und hier insbesondere die zunehmende »Alterung« der Gesellschaft – für einschneidende Veränderungen sorgen.

Auf der globalen Ebene wird die Weltbevölkerung weiter zunehmen. Das Wachstum findet vor allem in Entwicklungsländern statt, daher wird trotz globaler ökonomischer Fortschritte das Pro-Kopf-Einkommen nicht zunehmen. In den Industrieländern hingegen – und hier speziell in Deutschland – ist der demografische Wandel anders ausgeprägt. Zwar wird sich die Einwohnerzahl in den kommenden 10 bis 20 Jahren vermutlich nur moderat verändern (eher sinken als steigen), allerdings führen dauerhafter Geburtenrückgang und zugleich steigende Lebenserwartung zu einer deutlichen Verschiebung in der Altersstruktur: Nach Angaben der 10. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung waren 2001 20,9 % der deutschen Bevölkerung unter 20 Jahre und 24,1 % über 60 Jahre alt. Im Jahr 2050 werden nur noch 16,1 % unter 20, dagegen 36,7 % 60 Jahre oder älter sein. Diese Überalterung der Gesellschaft wird zum einen die Kosten für Gesundheit und Pflege in die Höhe treiben, zum anderen ist absehbar, dass in naher Zukunft der so genannte Generationenvertrag der Alterssicherung nicht mehr bezahlbar ist, da die Zahl der Menschen im Erwerbsalter kontinuierlich sinkt.

Frei verfügbares Einkommen, Arbeitszeit, Freizeit

Ein früheres Renteneintrittsalter, sinkende Rentenbeiträge, steigende Lebenserwartung und damit länger andauernder Rentenbezug im Ruhestand sind ursächlich für die bereits heute virulente Gefährdung der sozialen Sicherungssysteme. Durch die demografisch bedingte Schrumpfung der Zahl der Erwerbstätigen droht eine weitere Beeinträchtigung der Beitragsbasis. Bei Fortdauer zurzeit geltender Bedingungen werden die zukünftigen Erwerbstätigen-Generationen mit Beitragszahlungen stärker belastet als die heutigen. Vergleichbar problematisch ist die Situation bei der Pflegeversicherung. Diesen Entwicklungen wird man voraussichtlich durch zusätzliche private Altersvorsorge begegnen. Die teilweise Rückverlagerung der Verantwortung für Alter und Krankheit hin zu den privaten Haushalten wäre eine mögliche Antwort auf die demografische Herausforderung. Aber gleich, welche der zahlreichen diskutierten Reformen man auf den Weg bringen wird, in allen Fällen ergäben sich negative Auswirkungen auf die frei verfügbaren Einkommen.

Ohnehin ist auf absehbare Zeit ein reales Wachstum des frei verfügbaren Einkommens nicht zu erwarten. Im Kern lässt sich diese Aussage mit der konstant sehr hohen Zahl der Arbeitslosen bzw. Nichtverdienenden, den hohen privaten und gesellschaftlichen Kosten einer alternden Bevölkerung und einer hohen Steuer- und Versicherungslast begründen.

Die Arbeits- und Erwerbsformen über die Jahre sind insgesamt vielfältiger geworden (Teilzeitarbeit, Zweit- und Drittjobs, Zeitverträge, Telearbeit, Voll- oder Teilselbständigkeit). Das System der Vollarbeitszeit wird voraussichtlich auch zukünftig weiter erodieren, Beschäftigte auf Zeit und »Nichtnorm(al)arbeitsverhältnisse« werden zunehmen. Statt stringenter Karriereverläufe werden sich für relativ viele Menschen Zeiten der Arbeitslosigkeit mit solchen der Vollbeschäftigung oder der Teilzeitbeschäftigung im Lebenslauf abwechseln: So genannte »Patchwork-Biogra­phien« werden zunehmend selbstverständlich werden. Die Folge ist eine wachsende Heterogenität und Unübersichtlichkeit in den Zeitstrukturen der Arbeits- und Lebenswelten und damit auch der Tages-, Wochen-, Jahres- und Lebensfreizeit.

Auch ist die bis in die 1990er Jahre zu verzeichnende Zunahme der Freizeit gestoppt, aufgrund der Arbeitszeitentwicklung – längerer Arbeitszeiten und höherer Anteil mehrerer wahrgenommener Jobs – ist eher eine Abnahme der Freizeit wahrscheinlich. Geld und Zeit verteilen sich zunehmend ungleich. Langfristig deutet sich deshalb eine deutliche Strukturveränderung an: eine zunehmende Polarisierung der Bevölkerung in zwei Gruppen, Menschen mit hohem Einkommen oder Vermögen und wenig Freizeit auf der einen, Menschen mit wenig Geld und eher viel Freizeit auf der anderen Seite.

Entwicklungen wie die genannten werden sich weniger auf die Menge der Reisen auswirken als auf ihre Gestaltung (Reiserhythmus, Reisezeitpunkt, Zielwahl, kombinierte Geschäfts- und Privatreisen). Veranstalter, die es verstehen, mit Individualisierungs- und Modularisierungskonzepten die immer spezielleren Bedürfnisse der Kunden anzusprechen und ihnen Zeitersparnis und Convenience zu bieten, könnten von diesem Trend profitieren. Damit deuten sich auch – trotz mancher Unkenrufe bezüglich ihres Niedergangs – positive Perspektiven für organisierte Reisen an.

In der Stagnation oder gar Abnahme der Urlaubstage ist auch eine Chance für die heimische Tourismusbranche zu sehen: Wachstumschancen für den Inlandsurlaub liegen besonders im Bereich der zusätzlichen Urlaubsreisen. Da für zusätzliche Urlaubsreisen nicht mehr so viele Urlaubstage zur Verfügung stehen, wählt man eher näher gelegene Zielgebiete. Häufig ist auch das finanzielle und zeitliche Jahresurlaubsbudget durch den Haupturlaub im Ausland so weit aufgezehrt, dass für die Zweit- und Drittreisen nur mehr Nahziele in Frage kommen.

Senioren – Touristischer Hoffnungsträger?

Aufgrund der soziodemografischen Entwicklung wird das touristische Marktsegment der Senioren in Deutschland mengenmäßig wachsen. Öffnet man die Perspektive und bezieht weitere, insbesondere europäische Quellmärkte des Deutschlandtourismus ein, so zeigen sich auch dort längerfristige Wachstumspotenziale durch die Veränderung der Altersstruktur. Das erkennbare Potenzial im Seniorentourismus würde an Bedeutung weiter gewinnen, wenn die fernere Lebenserwartung schneller zunimmt als die Erhöhung der Lebensarbeitszeit, so dass hierdurch der Ruhestand zumindest nicht verkürzt wird. Auch Verbesserungen des Gesundheitszustands bei älteren Personen oder technologisch und organisatorisch bedingte Erleichterungen des Reisens können das demografisch-quantitativ bis 2050 zu erwartende Potenzial für den Tourismus aktivieren helfen. Dafür, dass die Senioren in absehbarer Zukunft »der Wachstumsmotor des Tourismus« bleiben, spricht insbesondere die Tatsache, dass ein großer Teil dieses Marktsegments finanziell zurzeit noch gut abgesichert ist, so dass zum Teil erhebliche Kaufkraft für den touristischen Konsum vorhanden ist. Ab dem Zeitpunkt des Austritts aus der Erwerbstätigkeit steigt zusätzlich das Zeitbudget erheblich an. Reisen wird von Senioren als Möglichkeit geschätzt, sich körperlich und geistig fit zu halten und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Zu erwarten ist, dass gerade die Senioren der Zukunft in die Beibehaltung des gewohnten Lebensstils investieren werden. Damit könnte eine zunehmende Steigerung der Reiseintensität verbunden sein, die jetzt noch unterdurchschnittlich ist.

Die Frage, wann und wie sich die Reisegewohnheiten und -erfahrungen der heutigen jüngeren und mittleren Altersgruppen auf das Reiseverhalten im Alter auswirken werden, ist für die Zukunft des Deutschlandtourismus von zentraler Bedeutung. Die erhöhte körperliche und geistige Mobilität sowie die verbesserten Fremdsprachenkenntnisse zukünftiger Senioren dürften bisherige Barrieren beseitigen, so dass Reiseziele im europäischen Ausland an Attraktivität gewinnen dürften. Weiter­hin könnte aufgrund hoher Reiseerfahrung und besserer (Schul-)Bildung dieser Alterskohorten die Tendenz zu Fernreisen zunehmen. Eine solche Entwicklung könnte ein gewisses Risiko für den Deutschlandtourismus darstellen.

Neuorientierung der touristischen Produktgestaltung und -vermarktung

Die touristische Produktgestaltung und -vermarktung hat sich darauf einzustellen, dass ihre Kunden zunehmend älter werden. Zusammen mit der erwarteten Steigerung der Reiseintensität dieser Altersgruppe dürfte sich dies positiv auf den Seniorentourismus auswirken. Es darf aber nicht vergessen werden, dass mit zunehmender Alterung der Gesellschaft auch die Zahl der Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen steigen wird. So wird mit wachsendem Anteil der Hochbetagten an der Gesamtbevölkerung auch die Zahl der chronisch kranken alten Menschen zunehmen. Als Folge wachsender Zahlen von Hochbetagten sowie steigender Gesundheits- und Pflegekosten werden sich die sog. Jung-Senioren zunehmend durch Betreuung ihrer Eltern zeitlich (und finanziell) gebunden sehen. Kombinierte Angebote der Tourismus- und Pflegedienstleistungsbranche, welche die Bedürfnisse der Angehörigen von Langzeitkranken oder der Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen berücksichtigen, sind derzeit im touristischen Markt noch selten.

Hinzu kommt die Tendenz einer Aufspaltung auch des Seniorenmarkts in zwei Segmente, zum einen in den »Erlebniskonsumenten«, welcher hohe touristische Ausgaben tätigt, und zum anderen den »Sparkonsumenten«, dem ein eher geringes Budget zur Verfügung steht, aber dessen Reiselust ungebrochen ist. Die Tourismuswirtschaft wird dann – stärker als heute – für beide Gruppen zielgruppengenaue Angebote entwickeln müssen. Insbesondere die »Sparkonsumenten« sind eine Zielgruppe, die aufgrund ihres Volumens nicht vernachlässigt werden darf. Zukünftig muss die Vermarktung vermehrt auf die Bedürfnisse und Wünsche der älteren Menschen zugeschnitten werden. Um die sehr heterogene Zielgruppe der Senioren erfolgreich ansprechen zu können, sind allerdings gründliche Kenntnisse über deren durchaus differenzierte Motive und Lebensstile erforderlich, die erst noch erarbeitet werden müssen.

Generell gilt, dass die Einschätzung der zukünftigen Entwicklung des Seniorentourismus mit großen Unsicherheiten behaftet ist. Während Anzahl sowie relatives Gewicht der Senioren innerhalb der Bevölkerungsstruktur für die nächsten Dekaden mit relativer Sicherheit antizipiert werden können, herrscht Unklarheit darüber, ob und wie sich das Reiseverhalten (Reiseintensität und Reiseziele) der älteren Bevölkerung in Zukunft im Konkreten verändern wird. Unklar bleibt bislang auch die mittelfristige Entwicklung der Bevölkerungszahl. Motive, Einstellungen und Verhalten zukünftiger Generationen von Senioren sind ebenso wie die Einschätzung ihrer materiellen Lage noch weitgehend »terra incognita«.

EU-Erweiterung

Die Bedeutung der neuen EU-Länder (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechische Republik, Slowakei, Slowenien, Ungarn, Malta, Zypern und ab 2007 auch Rumänien und Bulgarien) als Quellmärkte für die Destination Deutschland, aber auch als Zielgebiete für deutsche Touristen wird in den nächsten Jahren zunehmen. Die Volkswirtschaften der acht osteuropäischen Länder werden sich im restlichen Jahrzehnt mit großer Wahrscheinlichkeit weiterhin positiv entwickeln. Es wird erwartet, dass ihr reales Wirtschaftswachstum bis 2010 mehr als doppelt so hoch ausfallen wird wie in den alten EU-Ländern. Die infolge des ökonomischen Expansionsprozesses realisierten Einkommenszuwächse werden in diesen Ländern neben dem nationalen Urlaubstourismus auch den internationalen Urlaubstourismus beflügeln. Erwartet wird eine erhebliche Zunahme der realen touristischen Auslandsnachfrage in den nächsten Jahren.

Da sich das Gros der östlichen EU-Länder in räumlicher Nähe zu Deutschland befindet, wird der einheimische Tourismus deutlicher als der anderer EU-Staaten betroffen sein: Der einheimische Tourismusmarkt wird weiter internationalisiert, und es bieten sich Marktchancen sowohl im Incoming- als auch im Outgoing-Tourismus.

Deutschland als Zielland

Verschiedene aktuelle Tourismusprognosen zeigen, dass sich durch die EU-Erwei­terung für Deutschland prinzipiell große Potenziale bieten. Deutschland könnte es im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern in den kommenden Jahren gelingen, Marktanteile im Incoming-Tourismus zu gewinnen, da sowohl die alten EU-Länder mit einem jährlichen realen Wachstum der Einnahmen aus dem internationalen Tourismus von 5,5 % als auch die neuen EU-Länder mit knapp 6,3 % hinter der prognostizierten Wachstumsrate für Deutschland von 7,0 % zurückbleiben (so die Prognosen des WTTC). Allerdings wird dies – trotz des prognostizierten dynamischen Ausgabenwachstums von ausländischen Reisenden in Deutschland – nur relativ geringe Wirkungen auf die daraus resultierende direkte Wertschöpfung der Inlandsnachfrage des Tourismus haben.

Eine andere Prognose (WTTOUR) erwartet geringere Wachstumsraten für Deutschland, die Aussage ist aber ähnlich. Ihr zufolge ist das Wachstum der touristischen Ausgaben im Inland wie im Ausland in den neuen osteuropäischen EU-Ländern in den kommenden Jahren zumeist mehr als doppelt so groß wie das Wachstum des BIP. Schätzungen für Polen und die Tschechische Republik zufolge sollen dort die touristischen Ausgaben im Ausland zwischen 2001 und 2010 real um 10,3 % bzw. 12,3 % pro Jahr steigen. Deutschland profitiert unter allen europäischen Ländern von diesen hohen Wachstumsraten am meisten und könnte dadurch seine Stellung im internationalen Tourismus ausbauen.

Unabhängig von der Höhe des zu erwartenden Wachstums kommen beide Prognosen zu dem Ergebnis, dass die deutsche Tourismuswirtschaft im Vergleich zu den Tourismuswirtschaften der alten EU-Länder aller Voraussicht nach mittelfristig zu den Gewinnern der EU-Osterweiterung zählen wird.

2003 verzeichnete Deutschland ca. 5,2 Mio. übernachtende Besucher aus den acht osteuropäischen EU-Staaten, wobei das Gros aller getätigten Urlaubsreisen nach Deutschland längere Reisen mit mindestens vier Übernachtungen waren. Für die beiden bevölkerungsreichsten direkten Nachbarländer Polen und Tschechische Republik ist Deutschland mit Marktanteilen von 35 % bzw. 19 % die bedeutendste Zielregion. Erwartet wird, dass die rasch wachsende Kaufkraft der Bürger in den neuen EU-Ländern den Urlaubstourismus aus diesen Ländern positiv beeinflusst.

Eine große Bedeutung innerhalb des Reiseverkehrs der osteuropäischen EU-Länder nach Deutschland haben schon jetzt die Geschäftsreisen. Attraktive Angebote für Messeteilnehmer könnten das Segment Geschäftsreisen weiter fördern und gleichzeitig Deutschland als internationalen Messestandort in Europa stärken. Auch könnte dann mit einem so genannten »Spill-Over-Effekt« auf den Incoming-Urlaubsreiseverkehr gerechnet werden.

Zwischen 20 % und 30 % aller Übernachtungsreisen nach Deutschland werden zu Verwandten und Freunden unternommen, daher erfolgt in den meisten Fällen auch die Unterkunft privat. Ansonsten werden neben Ferienwohnungen oder Campingplätzen insbesondere Hotels der niedrigen und mittleren Preisklasse aufgesucht; dies wird vermutlich auch in den nächsten Jahren so bleiben. Das könnte (insbesondere bei Rundreisen) auch den Hotelbetrieben außerhalb der städtischen Zentren zugute kommen. Generell gilt aber, dass es gerade für die im gesamtwirtschaftlichen und internationalen Vergleich relativ kleinen Beherbergungsbetriebe häufig sehr schwierig ist, sich im Marktsegment von Rundreisen zu behaupten. Zur Überwindung der kleinbetrieblichen Struktur könnte die Intensivierung der Bildung von regionalen und überregionalen Kooperationen eine Option sein. Diese Kooperationen sollten auch Aktivitäten entlang der weiteren touristischen Wertschöpfungskette mit einbeziehen, insbesondere auch, um externe Größen- und Verbundvorteile zu internalisieren.

Generell könnten Wettbewerbsvorteile der heimischen Tourismuswirtschaft (besser) erschlossen werden, wenn Wettbewerbsverzerrungen zu Lasten der deutschen Tourismuswirtschaft, z.B. in Form steuerlicher Benachteiligung oder rechtlicher Vorschriften und Auflagen, durch Harmonisierung abgebaut werden können. Außerdem wäre es wichtig, Tourismusdestinationen mit spezifischen Alleinstellungsmerkmalen aufzubauen und die knappen öffentlichen Mittel der Tourismusförderung zielgerichtet und effizient in Regionen mit hohem Tourismuspotenzial einzusetzen.

Die neuen EU-Länder als Zielländer

Es kann davon ausgegangen werden, dass eine erhebliche Chance zur Steigerung des Tourismus in die neuen EU-Länder in deren niedrigem Preisniveau liegt. Sie haben dadurch einen großen Wettbewerbsvorteil gegenüber traditionellen Urlaubsländern. Mindestens kurzfristig profitieren die neuen EU-Länder auch vom großen Interesse der Öffentlichkeit und ausführlicher Berichterstattung in den Medien, die das Interesse an einer Reise in die Beitrittsländer weckt bzw. verstärkt. Nach den Prognosen des World Travel and Tourism Council (WTTC) werden von 2004 bis 2014 die Einnahmen durch den Incoming-Tourismus in den neuen EU-Ländern um durchschnittlich 6,3 % pro Jahr wachsen. Die WTTOUR-Prognose erwartet hier eine etwas weniger günstige Zukunftsentwicklung. Übereinstimmend kommen beide Studien aber zu der Einschätzung, dass der Incoming-Tourismus in den nächsten Jahren in allen neuen osteuropäischen EU-Ländern wachsen wird.

Dieses Wachstum ist sicherlich auch damit zu erklären, dass diese Länder vielen Reisenden bislang noch unbekannt sind und kaum Reiseerfahrungen vorliegen. Zudem ist das Interesse hoch, diese Länder zu bereisen. Deshalb, aber auch aus weiteren Gründen (Einwohnerzahl, Einkommenshöhe, Reiseintensität, Lage), ist Deutschland als Quellmarkt für alle neuen EU-Länder von besonderer Bedeutung. Prognostiziert wird, dass der Reiseverkehr in diese Länder speziell von Deutschland aus zukünftig noch zunehmen wird.

Die neuen EU-Länder zeigen sich als interessante und preisgünstige Destinationen, die allerdings noch wenig bekannt sind. Um bei Urlaubs- und Geschäftsreisenden Interesse für die neuen EU-Länder als touristische Destinationen zu wecken bzw. zu verbessern, werden die dortigen Akteure die Verstärkung profilbildender Marketingmaßnahmen, die Bündelung der Vermarktungsressourcen und die Professionalisierung der Internetauftritte in Angriff nehmen müssen. Die Erschließung dieser neuen Märkte setzt voraus, dass sowohl Reiseveranstalter als auch die entsprechenden Orte der osteuropäischen Zielländer ihre Vermarktungsanstrengungen intensivieren, aber auch, dass die einheimischen Reisebüros ihre Angebotspalette neu gestalten.

Insbesondere die bereits etablierten Ferienorte (Ostsee, Balaton in Ungarn, Hohe Tatra, slowenische Alpen) könnten zukünftig attraktive Urlaubsreiseziele sein. Sie stellen insbesondere für preisbewusste deutsche Urlauber mit geringerem Einkommen eine Alternative zu den tradierten europäischen Reisezielen dar. Durch die zunehmenden Angebote von Billigfluglinien ist zu erwarten, dass die auf diesem Weg direkt erreichbaren osteuropäischen Städte in den nächsten Jahren einen Ansturm deutscher Urlaubsreisender erleben werden. Dies könnte auch Auswirkungen auf den heimischen Markt für nationale Städtereisen haben, da die osteuropäischen Destinationen in Zeiten knapper Konsumbudgets der Touristen einen erheblichen Wettbewerbsvorteil haben. Der ländliche Urlaubstourismus wird sich hingegen in vielen Regionen in den nächsten Jahren trotz Investitionsimpulsen durch EU-Fördermaßnahmen nur langsam entwickeln. Gründe hierfür sind vor allem unzureichende Tourismusinfrastrukturen sowie unterentwickelte und veraltete Verkehrsinfrastrukturen.

Gute Chancen hat der Gesundheitstourismus, besonders in der Tschechischen Republik, der Slowakei und in Ungarn; sehr niedrige Preise und die im Binnenmarkt vorgesehene Kostenübernahme bei medizinischer Behandlung und Rehabilitation in den neuen EU-Ländern dürften zu einem beachtlichen Nachfragezuwachs führen und einen dauerhaften Patientenstrom aus Deutschland bewirken.

Die für die Zukunft erwartete wirtschaftliche Entwicklungsdynamik der neuen EU-Länder wird sich positiv auf den Markt für Geschäftsreisen auswirken. Die Schätzungen des WTTC weisen für diese Länder im Zeitraum 2004 bis 2014 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von real knapp 5 % auf. Viele deutsche Unternehmen verlagern ihre Standorte in die östlichen EU-Länder, wodurch neue wirtschaftliche Verflechtungen entstehen und damit Tätigkeitsfelder für entsprechend auf diese Länder bzw. Regionen spezialisierte Reisebüros.

(Un)Sicherheit, Risiken und Krisen im Tourismus

Kriege und gewalttätige Auseinandersetzungen, internationaler Terrorismus, neue Krankheiten und Epidemien sowie die Zunahme von Naturkatastrophen und extremen Wetterereignissen haben dazu geführt, dass das Bedürfnis nach Sicherheit zurzeit verstärkt thematisiert wird. Wohl nicht unbegründet ist die Annahme, dass neue Sicherheitsrisiken und Krisen ein bisher unbekanntes Ausmaß annehmen werden, einmal aufgrund weiter zunehmender »Entstaatlichung« des Krieges, z.B. in Form ethnischer und religiöser gewaltförmiger Konflikte, weiterhin, weil sich Epidemien innerhalb kürzester Zeit global ausbreiten, und schließlich, weil extreme Wetterereignisse weltweit immer regelmäßiger zum normalen Wetterzyklus bei zunehmendem Schadensausmaß zu gehören scheinen. Fragen der Sicherheit und touristischer Risiken werden deshalb immer wichtiger für die Zukunft des Reisens. Heute ist in allen touristischen Zielgruppen ein großes Sicherheitsbedürfnis erkennbar, wobei Sicherheit ein weites Spektrum umfasst: Abwesenheit einer Bedrohung durch Kriege, Terror, Epidemien und Naturkatastrophen, verlässlich positive sozioökonomische Entwicklung, Wunsch nach Vertrautheit und Ordnung.

Zugleich ist wiederholt festzustellen, dass die Wahrnehmung von Bedrohung bei Reisewilligen nach einem konkreten (Krisen-)Ereignis schnell wieder nachlässt. Befragungen zufolge scheinen beispielsweise die Auswirkungen bisheriger Katastrophen und Krisen auf die Reisesaison 2005 gering: Nur 1 % der Befragten will in diesem Jahr ein anderes Reiseziel als das ursprünglich geplante wählen, 1 % verzichtet aufgrund der Flutkatastrophe in Südostasien auf eine Reise, 3 % sind in ihrem Verhalten noch unschlüssig, aber 95 % ändern ihre Urlaubspläne überhaupt nicht.

Der Tourismus insgesamt erholt sich nach jeder Krise relativ schnell – vor allem bei Einmalereignissen und Naturkatastrophen. Dennoch bleibt grundsätzlich die Frage, wie die Tourismusbranche zukünftig reagieren wird, wenn Risiken häufiger und verstärkt auftreten und sich in ihren Auswirkungen verstärken.

Wetter, Klima und Natur

Überschwemmungen sind neben Stürmen die häufigste Ursache für Schäden und Opfer aus Naturereignissen. So kamen zwischen 1998 und 2003 weltweit ca. 800.000 Menschen bei Naturkatastrophen ums Leben. Der Tsunami vom 26. Dezember 2004 in Südostasien hat erneut gezeigt, welche verheerende und unvorhersehbare Macht die Natur haben kann. Insbesondere die Klimaveränderung –Auslöserin von kritischen Veränderungen in Landschaft und Natur (z.B. Wüstenbildung) – trägt dazu bei, dass unerwartete extreme Naturereignisse und problematische Witterungsverhältnisse zunehmen. Dass dieser Zusammenhang nicht von der Hand zu weisen ist, zeigt die »International Disaster Database«. Die dort verzeichneten Stürme, Überflutungen, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Seuchen und Plagen weisen eine steigende Tendenz auf. Im Einzelnen sind insbesondere folgende Trends zu konstatieren:

  • Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse nehmen zu.
  • Extreme Klima- und Wetterereignisse und Naturkatastrophen sind ubiquitäre Phänomene, die regionale Betroffenheit nimmt zu.
  • Das materielle und immaterielle Schadensausmaß steigt deutlich.
  • Naturkatastrophen betreffen sowohl Zentrum und Peripherie, ländliche Gebiete und städtische Ballungsräume.
  • Es treten regionale und lokale Versorgungsengpässe bei Wasser, Nahrung und Energie auf.

Nach Meinung vieler Experten werden sich der globale Klimawandel und seine Folgen für Wetter und Natur zu einer ernsten Gefahr entwickeln, wenn nicht bald einschneidende Maßnahmen ergriffen werden.

Der Tourismus zählt zu denjenigen Wirtschaftszweigen, die besonders von einer Klimaänderung und Naturkatastrophen betroffen sind, insbesondere auch deshalb, weil sie letztlich auf verschiedenen Ebenen zu einem veränderten Verteilungsmuster touristischer »Gunst- und Ungunsträume« führen. Die Diskussionen und Maßnahmen im Tourismus sollten sich dabei nicht in Anpassungsstrategien erschöpfen. Vielmehr sind auch Vermeidungsstrategien notwendig, die dazu beitragen, das Ausmaß und die Geschwindigkeit einer Umwelt- und Klimaänderung zu reduzieren. Der Tourismus als Mitverursacher des anthropogenen Treibhauseffektes sollte dazu – schon aus ureigenem Interesse – einen relevanten Beitrag leisten.

Terror und Gewalt

Gab es früher Attentate, Überfälle oder Entführungen, denen auch vereinzelt Touristen zum Opfer fielen, kann mittlerweile auch ein zielgerichteter Terror gegen Touristen bzw. Destinationen konstatiert werden. Terroristen nutzen das »System Tourismus«, um durch spektakuläre Anschläge gegen Touristen oder die touristische Infrastruktur eine weltweite Medienresonanz zu erzeugen. In der Folge werden diese Destinationen von Touristen gemieden, wodurch wiederum die Tourismuswirtschaft betroffen ist. Die größten Auswirkungen auf die touristische Nachfrage haben Terrorattentate, bei denen Touristen und Einheimische direkt das Ziel bzw. Opfer des Anschlages sind. Im Einzelnen charakterisieren insbesondere folgende Aspekte die Situation:

  • Sicherheitsgefährdungen werden vielfältiger, diffuser und häufiger.
  • Das materielle und immaterielle Schadensausmaß nimmt zu.
  • Gewalt tritt national und international auf durch Fremdenfeindlichkeit, Übergriffe auf Ausländer sowie durch terroristische Angriffe und Geiselnahmen.
  • Terroristische Anschläge zielen auf Metropolen, touristische Zentren und Versorgungseinrichtungen sowie direkt auf Touristen.
  • Die Sicherheitsgefährdungen sind ubiquitär und regional nicht vorhersehbar.

Die Bedeutung von sicherem Reisen nimmt für Touristen zu, von der Buchungs- (oder Nichtbuchungs-)Entscheidung bis hin zur Erwartung der Kunden an Reiseveranstalter und Touristikmanager vor Ort, Verantwortung für Integrität, Leben und Gesundheit der Touristen zu übernehmen. Die Bedeutung von »Urlaub der Kunden sichern« wird aber noch unterschätzt. Unter Experten besteht Einigkeit darüber, dass die Wahrnehmung von Risiko und Sicherheit durch Touristen das Image einer Destination und die Gesamtzufriedenheit auf signifikante Weise – aller­dings in sehr unterschiedlicher Ausprägung – beeinflusst. Entsprechend tragen konkrete und objektiv nachvollziehbare hohe Sicherheitsleistungen auf jeder Stufe des »Produkts Reisen« sowie eine transparente Kommunikation maßgeblich dazu bei, die tatsächliche (objektive) Sicherheit zu verbessern und das subjektive Schutz- und Sicherheitsempfinden der Touristen positiv zu beeinflussen.

Epidemien und Gesundheitsrisiken

In Folge der Expansion der Fernreisen in Länder mit anderen klimatischen und hygienischen Bedingungen setzen sich Reisende der Gefahr verschiedenster Krankheiten aus. In vielen sog. Entwicklungsländern, die zugleich aber häufig touristische Destinationen sind, gehen 50 % der gesamten Sterberate auf infektiöse Seuchen zurück. Folgen solcher Verhältnisse können sich umso schneller ausbreiten, je mobiler der Mensch ist, beispielsweise durch touristische Aktivitäten. Eine lokale touristische Krise kann sich durch die Verbreitung eines Virus im schlimmsten Fall weltweit rasend schnell ausdehnen, wie die globale Ausbreitung von SARS im Frühjahr 2003 aufgrund der weltweit Reisenden gezeigt hat. Aus dem Gesamtbild sind insbesondere folgende Aspekte festzuhalten:

  • Die ungleiche Verteilung des Einkommens und der Lebensbedingungen nimmt zu; arme Bevölkerungsschichten und Regionen sind überproportional von Krankheiten betroffen.
  • Zunahme von Armut und Bevölkerungswachstum sowie Zunahme von Krankheiten verstärken sich gegenseitig.
  • Neue und alte Infektionskrankheiten treten ubiquitär und häufiger auf, sie verbreiten sich schneller.
  • Staatliche und private Kosten für Prävention und Krankheitsfolgen wachsen.
  • Zwar wird Touristen heute bei Reisen in gesundheitlich bzw. epidemiologisch problematischen Destinationen bundesweit eine qualifizierte Beratung durch Reise- bzw. Tropenmediziner angeboten, doch die Eigenverantwortung der Reisenden kann kein noch so gutes Angebot zur Gesundheitsvorsorge ersetzen.

Risikokommunikation

Die Risikowahrnehmung aller Tourismus-Akteure wird bisher überwiegend von Terror- und Gewaltakten dominiert, doch zukünftig wird durch das verstärkte Auftreten weiterer Risikotrends ein umfassenderes Verständnis von Sicherheit für den Tourismus an Bedeutung gewinnen.

Deshalb wird die Risikokommunikation zukünftig vielfältigere bzw. neue Funktionen übernehmen müssen. Hierbei sollte – unter dem Gesichtspunkt der Risikovorsorge und eines bewussten Umgangs mit Risiken – die aufklärende Funktion mehr im Vordergrund stehen. Dies betrifft sowohl Reisehinweise und -warnungen via Medien durch öffentliche Stellen, Verbrauchernetzwerke, Reiseführer und -ratgeber, die direkte Beratung von Reisewilligen und Touristen vor Ort sowie Informationsdienstleistungen der Reiseveranstalter und Reiseversicherungen. Ein höherer Stellenwert einer solchen Risikokommunikation muss aber noch gegen Marketing- und Standortinteressen durchgesetzt werden. Bislang hat Risikokommunikation positive Aspekte und Informationen – mehr Sicherheit als Zugewinn für Reisende und nicht als Einschränkung – noch kaum vermitteln können. Dies liegt vor allem daran, dass viele Risiken bislang nicht ausreichend abgeschätzt werden können und auch nicht selbstverständlicher Bestandteil der Unternehmenskommunikation sind. Es steht aber zu vermuten, das Risikokommunikation zukünftig ein Alleinstellungsmerkmal sein könnte, das Marktchancen verbessert oder eröffnet. Eine Voraussetzung dafür ist allerdings die Existenz verbesserter Frühwarnsysteme und ihre systematische Erweiterung und Nutzung.

Krisenprävention und Krisenmanagement

Trotz erster ernsthafter Bemühungen um strategische Frühaufklärung im Blick auf touristische Risiken sind große Reiseveranstalter bislang vornehmlich im Bereich des (reaktiven) Krisenmanagements aktiv. Strukturelle Krisenursachen sind dagegen kaum ein Thema. Risikoerkennung und Risikomanagement der Fluggesellschaften zielen vorwiegend auf Maßnahmen zur unmittelbaren Gefahrenabwehr sowie Prävention vor terroristischen Anschlägen. Fluggesellschaften haben nach den Anschlägen des 11. September 2001 ihre Sicherheitskonzepte zum Teil grundlegend überarbeitet. Neue Sicherheitsstrategien konzentrieren sich nun auf präventive Maßnahmen, die von verbesserten Check-Ins bis zu Sicherheitsvorkehrungen in Flugzeugen reichen. Diese Maßnahmen beruhen entweder auf Initiativen der Fluggesellschaften selbst oder resultieren aus der Umsetzung nationaler und internationaler Regelungen. Das Hotel- und Gaststättengewerbe befindet sich hinsichtlich der Risikoprävention und Gefahrenabwehr noch am Anfang. Betreiber von Hotelanlagen reagieren auf neue Risiken vorwiegend mit verbesserter Sicherheitstechnik, Standortauswahl und Risikomanagement. Die meisten großen Hotels bzw. Hotelketten haben Sicherheitsbeauftragte eingesetzt und kooperieren mit Firmen für Sicherheitstechnik. Internationale Hotelketten werden zudem von Risk Consultants und Sicherheitsfirmen beraten. Die Aktivitäten weisen allerdings noch Defizite bei der Beachtung struktureller Krisenfaktoren auf. Dem Schutz der Touristen und touristischer Anlagen sind zudem Grenzen gesetzt, wenn etwa Sicherheitsmaßnahmen den Komfort und damit Erlebniswert der Urlaubsreise einschränken.

Die Tourismuspolitik versucht auf verschiedenen Ebenen, auf die skizzierten Risikotrends zu reagieren. Ein Schwerpunkt der Maßnahmen der Bundesregierung liegt im Bereich der Luftverkehrssicherheit. Die Europäische Union hat am 19. Januar 2003 eine Verordnung mit dem Ziel verabschiedet, die Sicherheitsstandards auf europäischer Ebene auf hohem Niveau zu vereinheitlichen. Die Verordnung verpflichtet zudem alle Mitgliedstaaten, ein System der Qualitätssicherung und nationale Programme zur Luftsicherheit zu erarbeiten. Ein aktueller Aktionsplan der G8-Regierungen zielt ebenfalls auf eine verbesserte Sicherheit des internationalen Flugreiseverkehrs und identifiziert diverse Maßnahmen (z.B. Sicherheit von Reisedokumenten, verstärkter Informationsaustausch, Eindämmung der Gefahren durch tragbare Flugabwehrsysteme), bei deren Umsetzung die G8-Staaten auch Entwicklungs- und Schwellenländer unterstützen werden. Neben der Sicherheit von Auslandsreisenden ist für die deutsche Tourismuspolitik auch die Sicherheit von nationalen Attraktionen und Großveranstaltungen in Deutschland relevant, wie die Ausrichtung der FußballWeltmeisterschaft im Jahr 2006. Wie das Beispiel der Olympiade in Athen 2004 zeigte, müssen dabei umfassende und kostenintensive Sicherheitsvorkehrungen getroffen und gleichzeitig Bürgerrechte gewahrt werden.

Die zunehmende Unsicherheit im Tourismus – Gefahren für Reisende durch mögliche Anschläge, Epidemien, Naturkatastrophen – hat bei den Reiseversicherungen nicht dazu geführt, dass gänzlich neue Produkte angeboten werden. Da jedoch durchaus ein veränderter Bedarf an Versicherungen vorhanden ist, setzen einzelne Reiseveranstalter auf eine intensivierte Kommunikation mit ihren Kunden, auf risikobewusste Aufklärung (vornehmlich von Geschäftsreisenden) sowie auf eine unabhängige Bewertung möglicher Risiken im Zielland.

Wissenschaft und die Zukunft des Tourismus

In den drei zentralen thematischen Feldern dieses Berichtes zeigen sich zahlreiche wichtige Forschungsfragen, denen sich die Tourismuswissenschaften verstärkt zuwenden sollten. So könnte mit Hilfe interdisziplinärer Ansätze der demografische Wandel periodisch – unter Berücksichtigung touristischer Aspekte, wie z.B. die Entwicklung der Reisemotive und des Reiseverhaltens in verschiedenen Altersgruppen – beobachtet und analysiert werden. Durch ein solches Monitoring, das Szenarien zukünftiger Vermögensbildung und Einkommensentwicklung einschließt, könnten soziodemografische Entwicklungen rechtzeitig erkannt und eine verbesserte Informationsgrundlage für die anstehenden Herausforderungen gegeben werden. In Erwartung einer Intensivierung des Reiseaufkommens durch die EU-Erweiterung könnten im Dialog zwischen Politik und Wissenschaft deren Folgen erörtert werden, beispielsweise ob und wie Rahmenbedingungen geschaffen werden könnten, die den Reiseverkehr nach Deutschland intensivieren. Schließlich sollten sich Risiko- und Folgenforschung der Analyse und Bewertung eines zukünftigen Tourismus im Schatten möglicher struktureller globaler Friedlosigkeit, Folgen des Klimawandels sowie verstärkter Epidemien zuwenden. Mit Hilfe von Szenarien ebenso wie durch historische und empirische Fallanalysen könnten Beiträge für eine verbesserte Risikokommunikation sowie zu präventiv orientierten Früherkennungssystemen für Risiken und Krisen im Tourismus erarbeitet werden.

Insgesamt stellt sich die Forschung die Aufgabe, über die bloße Extrapolierung von Trends hinaus, Methoden zu entwickeln, mit deren Hilfe sich zukünftige Entwicklungen besser analysieren und auf die Erfordernisse der Praxis ausgerichtet kommunizieren lassen. Diese Aufgabe ist ebenso ambitioniert wie unabweisbar. Einige exemplarische Felder und Forschungsfragen werden in diesem Bericht angesprochen und zur Diskussion gestellt.

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