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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Michael Nusser • Sven Wydra • Juliane Hartig • Sibylle Gaisser

Forschungs- und wissensintensive Branchen

Optionen zur Stärkung ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit

TAB-Arbeitsbericht Nr. 116. Berlin 2007, 348 Seiten

Zusammenfassung

Forschungs- und wissensintensive Branchen (z.B. Pharmabranche, Medizintechnik, Fahrzeugbau, EDV-Dienstleistungen) verfügen durch ihre hohen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (FuE) und die in diesen Branchen verwendeten neuen Technologien (z.B. Bio-, Nano-, Informationstechnologien) über große Potenziale zur Entwicklung neuer oder verbesserter Prozesse, Produkte und Dienstleistungen. Hierdurch können sie über Innovationen neue Märkte erschließen und andere Branchen wettbewerbsfähig umgestalten. Diese Branchen sind für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland daher von hoher Bedeutung für das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigungsentwicklung.

Innovationen sind meist der Schlüssel zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit forschungs- und wissensintensiver Branchen. Diese entstehen in Innovationssystemen, in denen diverse Akteure in einem interaktiven, interdisziplinären und kollektiven Prozess mit vielen Rückkoppelungseffekten beteiligt sind. Hierzu müssen nicht nur alle Teilsysteme (u.a. Wissenschaft/Ausbildung, industrielle Akteure, Nachfrage) innerhalb eines Innovationssystems leistungsstark sein, sondern diese müssen auch untereinander gut vernetzt sein. Nicht einzelne Faktoren oder Akteure, sondern das Zusammenspiel und die Vernetzung leistungsstarker Teilsysteme und deren Akteure sind entscheidend für die Innovationskraft. Dies impliziert, dass zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit kontinuierliche Verbesserungen angebots- und nachfrageseitiger Standortfaktoren sowie deren Vernetzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette erforderlich sind.

Zielsetzung dieses TAB-Innovationsreports ist es, ausgehend von dieser systemischen Perspektive, Handlungsoptionen zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit forschungs- und wissensintensiver Branchen zu entwickeln, mit denen bestehende Potenziale am Standort Deutschland erhalten und ausgebaut sowie Innovationshemmnisse abgebaut werden können. Folgende Fragen standen im Fokus der Untersuchungen:

  • Welche wirtschaftspolitische Bedeutung haben forschungs- und wissensintensive Branchen in Deutschland?
  • Welche angebots- und nachfrageseitigen Faktoren sind entscheidend zur Erzielung von Wettbewerbsvorteilen in diesen Branchen?
  • Wie attraktiv ist der Standort Deutschland für forschungs- und wissensintensive Branchen hinsichtlich dieser angebots- und nachfrageseitigen Faktoren?
  • Welche Handlungsoptionen stehen den Akteuren aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zur Verfügung, um die forschungs- und wissensintensiven Branchen am Standort Deutschland und dessen Forschungsinstitutionen und Unternehmen international wettbewerbsfähiger zu machen?

Zur Beantwortung dieser Fragen wurde ein »3-Säulen-Konzept« zur Bewertung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit entwickelt (Abb. 1), das in einem ausgewogenen Verhältnis gesamtwirtschaftliche und branchen- bzw. sektorspezifische Standortfaktoren sowie betriebliche Leistungsfaktoren enthält.

Zentrale Ergebnisse der Pharmastandortanalysen

Viele Analysen im Rahmen dieses Innovationsreports wurden am Beispiel der Pharmaindustrie durchgeführt, da die Pharmabranche eine der forschungs- und wissensintensivsten Wirtschaftsbranchen ist und sich daher gut für gezielte, vertiefende Untersuchungen eignet. Um über bereits existierende Pharma-Standortstudien hinauszugehen, wurde diese Branche auf einer sehr disaggregierten Ebene, nämlich für einzelne Krankheitsbilder, untersucht. Diese differenzierten Ergebnisse können zukünftig u.a. als Basis dienen für FuE-Schwerpunktsetzungen.

Die international vergleichende outputorientierte FuE-Pipeline-Analyse im Rahmen des Projektes (Kap. V.2) kommt für Deutschland zum Ergebnis, dass für das weltweit am meisten beforschte Indikationsgebiet Neubildungen/Krebs die positivsten Entwicklungstendenzen zu erkennen sind. In der Präklinik ist in Deutschland im Zeitraum 1995–2005 im Bereich Neubildungen/Krebs eine sehr starke Wachstumsdynamik zu erkennen. D.h., eine Steigerung um den Faktor 5,4 bei der Standortattraktivität (durchgeführte Forschungsprojekte am Standort Deutschland) und um den Faktor 6,3 bei der Wettbewerbsfähigkeit (von deutschen Unternehmen weltweit durchgeführte Forschungsprojekte). Dadurch konnte der Anteil Deutschlands im Vergleich zu den betrachteten zwölf Nationen (u.a. USA, UK, Japan, Frankreich, Schweiz) ausgehend von unter 3 % 1995/96 auf etwa 8 % 2004/05 deutlich gesteigert werden. Ähnlich positiv, aber in abgeschwächter Form gelten die Ergebnisse für die klinische Forschung der Phase I-III. Verknüpft man die outputorientierten Ergebnisse mit input-/prozessorientierten Indikatoren (Tab. 1), so erkennt man folgende Zusammenhänge: Beim Indikationsgebiet Neubildungen/Krebs mit der besten Outputperformance schneiden alle input- und prozessorientierten Indikatoren sehr gut ab.

Überall zeigen sich (leichte) Wettbewerbsvorteile gegenüber wichtigen Konkurrenzländern (Werte > 3). Sowohl auf der Angebotsseite (Qualität Grundlagenforschung und klinische Forschung, Verfügbarkeit qualifiziertes Personal) und der Nachfrageseite (Marktattraktivität) als auch bei der Vernetzung von angebots- und nachfrageseitigen Faktoren in Clustern und Netzwerken (Kooperation Wissenschaft-Wissenschaft, Kooperation Wissenschaft-Wirtschaft) liegt das Indikationsgebiet Neubildungen/Krebs an erster Stelle (bei der Qualität klinischer Forschung an zweiter Stelle). Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass Innovationen vor allem in Innovationssystemen entstehen, in denen das Zusammenspiel und die Vernetzung leistungsstarker Teilsysteme und Akteure gut funktioniert.

Dies impliziert, dass punktuelle Stärken-Schwächen-Analysen sowie Handlungsoptionen für einzelne Stufen oder Akteure der Wertschöpfungskette nicht ausreichen, um den Standort Deutschland und dessen forschungs- und wissensintensive Unternehmen dauerhaft international wettbewerbsfähiger zu machen. Daher wurde für die Wettbewerbsanalysen und Ableitung der Handlungsoptionen ein »ganzheitlicher« Ansatz entlang der gesamten Wertschöpfungskette gewählt, der alle relevanten angebots- und nachfrageseitigen Faktoren sowie deren Vernetzung adäquat berücksichtigt. In den folgenden zwei Abschnitten werden zunächst die gesamtwirtschaftliche Bedeutung und wichtige Outputgrößen (Patent- und Exportzahlen) der forschungs- und wissensintensiven Branchen anhand ausgewählter Indikatoren beschrieben.

Hohe Innovations- und Wirtschaftskraft

Die Ergebnisse des TAB-Innovationsreports zur gesamtwirtschaftlichen Bedeutung forschungs- und wissensintensiver Branchen (Kap. II) zeigen die große Bedeutung dieser Branchen für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Dies ist darauf zurückzuführen, dass sie sowohl als Innovationsmotor, d.h. als »Produzent«, aber auch als Kunde und Lieferant von Innovationen, als auch durch ihren Wertschöpfungs-, Beschäftigungs- und Exportbeitrag erheblich zur Stärkung des Standortes Deutschland beitragen.

Innovationen sind häufig auf externe Wissensquellen/Impulsgeber zurückzuführen. In ihrer Rolle als »Innovationsmotor« sind forschungs- und wissensintensive Branchen als Kunde bei den vorgelagerten Zulieferern für 48 % aller Produktinnovationen und als Lieferant von Technologien für 55 % aller Produkt- und 58 % aller Prozessinnovationen in nachgelagerten Sektoren verantwortlich. Damit stärken sie nicht nur durch eigene FuE-Aktivitäten, sondern auch als externe Impulsgeber die technologische Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Die Pharmaindustrie z.B. ist mit einem Anteil der FuE-Beschäftigten an den Gesamtbeschäftigten mit rund 15 % sowie einem Anteil der FuE-Ausgaben am Umsatz in Höhe von 14–15 % einer der forschungsintensivsten Wirtschaftssektoren in Deutschland. 2004 wurden über 4 Mrd. Euro für FuE ausgegeben. Als Abnehmer von innovativen Vorleistungsgütern stoßen sie zusätzlich FuE-Aktivitäten (aber auch Beschäftigung) in Höhe von rund 4 Mrd. Euro FuE-Ausgaben in den vorgelagerten Zulieferersektoren an (z.B. bei Chemie- und Biotechnologieunternehmen). Bei diesen FuE-Ausstrahleffekten zeigt sich jedoch eine starke »FuE-Abhängigkeit« der deutschen Pharmaindustrie vom Ausland, z.B. durch Lizenzkäufe von US-Biotechnologieunternehmen.

Die forschungs- und wissensintensiven Branchen in Deutschland sind für rund 50 % der gesamten Wertschöpfung in Deutschland verantwortlich. Hierbei zeigen sich jedoch Stärken und Schwächen. So ist Deutschland, gemessen an der Wertschöpfung pro Kopf bei den Hochwertigen Technologien (z.B. Fahrzeugbau) international Spitze, bei Spitzentechnologien (z.B. Pharma/Biotechnologie) sowie wissensintensiven Dienstleistungen (z.B. im EDV-Bereich) hingegen oft »abgeschlagen«.

Rund 37 % der gesamten Beschäftigung sind den forschungs- und wissensintensiven Branchen direkt zurechenbar. Durch Investitionstätigkeiten (u.a. Bau von Gebäuden) und Ausgaben für Vorleistungskäufe sind forschungs- und wissensintensive Branchen über Lieferverflechtungen zudem mit anderen Wirtschaftssektoren verbunden und stoßen dadurch zusätzlich indirekte Beschäftigungseffekte in vorgelagerten Zulieferersektoren (z.B. Baugewerbe) an (Kap. II.4). Hinsichtlich der Beschäftigungsentwicklung ist bei den forschungsintensiven Industriebranchen seit 1993 trotz eines Produktionsanstieges um 4,5 % p.a. aufgrund von Produktivitätsfortschritten die Beschäftigung um 1,7 % p.a. reduziert worden. Allerdings konnten dort, wo FuE und Innovationen schnell vorangetrieben wurden (z.B. Automobilbau), bei günstiger Konjunktur auch Personalzuwächse vermeldet werden. Zur Schaffung neuer und Sicherung bestehender Beschäftigung sind jedoch vor allem die wissensintensiven Branchen, aber auch die nichtwissensintensiven Dienstleistungsbranchen (z.B. Transport-, Hotel-, Reinigungsgewerbe) zukünftig von großer Bedeutung.

Patent- und Exportzahlen stimmen zuversichtlich

Patent- und Exportzahlen sind wichtige FuE-Indikatoren, die Hinweise auf die technologische Leistungsfähigkeit von Ländern geben. Sie zeichnen ein positives Bild für Deutschland, denn sie deuten bei den deutschen forschungsintensiven Industriebranchen auf eine hohe technologische Wettbewerbsfähigkeit hin. Bei den wissensintensiven Dienstleistungen ist die deutsche Wettbewerbsposition deutlich ungünstiger. Diese Ergebnisse werden nachfolgend erläutert.

Die Entwicklung der Patent-Intensitäten (Patente pro 1 Mio. Erwerbstätige) deutet auf eine hohe Dynamik und kontinuierliche Steigerung der »Produktion von technologischem Wissen« hin (Kap. IV.3.1.2): Zwischen 1995 und 2003 nahm Deutschland bei den Hochtechnologie-Patenten (Spitzentechnologie wie z.B. Pharma und Hochwertige Technologien wie z.B. Fahrzeugbau) sowohl beim Zuwachs (fast eine Verdoppelung der Patent-Intensitäten) als auch beim absoluten Niveau eine absolute Spitzenposition im Vergleich zu wichtigen Konkurrenzländern ein. Ähnlich positive Entwicklungen waren auch bei den weniger forschungsintensiven Branchen zu verzeichnen (rund 50 % Zuwachs).

Auch bei den Export-/Importzahlen ergibt sich ein positives Bild (Kap. II.2). Deutschland ist stark mit der Weltwirtschaft verflochten (2004 10 % des Weltexports und 7,6 % des Weltimports). Beim Export zeigt sich eine hohe technologische Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Die größten Anteile am Welthandel mit forschungsintensiven Waren haben die USA und Deutschland, gefolgt von Japan und Großbritannien. Beim Exportüberschuss (Export minus Import) lag Deutschland 2002 mit einer Export-Importquote von 1,5 bei forschungsintensiven Waren hinter Japan (2,5) an zweiter Stelle, deutlich vor den USA. Beim Welthandel gewinnen die Spitzentechnologien an Bedeutung. Der Anteil FuE-intensiver Waren der Spitzentechnologien am Welthandel stieg von rund 16 % zu Beginn der 1990er Jahre auf ca. 21–23 % Anfang des neuen Jahrtausends.

Zu beachten ist in diesem Kontext ein starker Anstieg der Vorleistungsimporte (Kap. II.2). Zwischen 1995 und 2002 stieg der Anteil der ausländischen Wertschöpfung an deutschen Warenausfuhren von knapp 31 % auf knapp unter 42 % stark an, seit 2000 in abgeschwächter Form. Besonders forschungsintensive Branchen zeigen zum Teil einen recht starken Anstieg der Vorleistungsimporte. Allerdings ist der Anteil der durch den Export induzierten inländischen Bruttowertschöpfung am deutschen Bruttoinlandsprodukt von knapp unter 16 % 1995 auf knapp über 23 % im Jahr 2005 gestiegen. Der Anstieg der Exporte hat somit den sinkenden inländischen Wertschöpfungsanteil überkompensiert. Die Integration von kostengünstigen Vorleistungen scheint demnach die internationale (preisliche) Wettbewerbsfähigkeit der inländischen Industrie erhöht zu haben.

Bei den wissensintensiven Dienstleistungsbranchen stieg zwar zwischen 1994 und 2002 die Exportquote von 6,4 % auf 9,8 % an, Deutschland ist aber weiterhin Nettoimporteur. Somit ist die deutsche Wettbewerbsposition bei den wissensintensiven Dienstleistungen ungünstiger einzuschätzen als bei den forschungsintensiven Waren.

Standort Deutschland: Stärken und Schwächen

Standorte in den USA, Japan und Europa und deren Innovationsakteure stehen nicht nur in einem immer härteren Innovationswettbewerb untereinander, sondern sind auch mit zunehmender Konkurrenz aus aufstrebenden Ländern in Osteuropa und Asien konfrontiert. Aufstrebende Länder dringen zunehmend in die bisherigen Spezialisierungsfelder der Industrienationen vor, u.a. bei den Gütern der Hochwertigen Technologien (z.B. Automobilbau). Deshalb müssen etablierte Industrieländer wie Deutschland ständig neue und höherwertigere Produktions- und Exportbereiche erschließen, um ihre Wettbewerbsposition halten zu können. In dieser Hinsicht zeigen die Analysen gravierende Schwächen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, die darauf hindeuten, dass Deutschland seine derzeitige Wettbewerbsposition dauerhaft nicht wird halten können.

So wird das positive Bild der Patent- oder Außenhandelszahlen z.B. stark getrübt, wenn man inputorientierte Innovationsindikatoren betrachtet, die Frühindikatoren bzw. Frühwarnsignale für die zukünftige technologische Leistungsfähigkeit sind. Während Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren bei wichtigen FuE-Inputindikatoren absolute Spitzenpositionen im internationalen Vergleich einnahm, haben sich viele Indikatoren seit Beginn der 1990er Jahre gravierend verschlechtert. Diese Entwicklungen werden im Folgenden für die Inputindikatoren Wissensbasis, Bildung und Qualifikation näher erläutert.

Wissensbasis

Die in diesem TAB-Bericht zusammengestellten Daten zeigen, dass existierende Wettbewerbsvorteile hinsichtlich der (technologischen) Wissensbasis, die für die forschungs- und wissensintensiven Branchen von essenzieller Bedeutung ist, langfristig zu erodieren drohen. Seit Beginn der 1990er Jahre ist die industrielle (vor allem bei kleinen und mittelständischen Unternehmen), aber auch die staatliche FuE-Dynamik in Deutschland sehr gering (Kap. IV.3.1.2). Die Länder Nordamerikas (u.a. USA, Kanada), Nordeuropas (u.a. Finnland, Schweden) und Asiens (u.a. Japan, Korea, Indien, China) zeigen hingegen eine deutlich höhere FuE-Dynamik. So ist Deutschland, gemessen am FuE-Anteil am Bruttoinlandsprodukt, von Rang 3 1991 auf Rang 9 2004/2005 abgerutscht. Der Umsatzanteil neuer Produkte sank von 31,0 % (1987) auf 27,5 % (2004). Der staatliche FuE-Finanzierungsanteil an der Wirtschaft wurde von ca. 14 % der industriellen FuE-Ausgaben in den 1970er Jahren auf ca. 4 % im Jahr 2003 stark zurückgefahren. Auch die investiven Komponenten in den FuE-Budgets forschender Unternehmen, die als Indikator der Standortbindung gelten, sanken von 11 % (1989) auf 8 % (2003). Die Bindung an den FuE-Standort Deutschland scheint zu schwinden. Auch der Unternehmensbestand junger Technologieunternehmen nimmt seit 2002 in allen forschungs- und wissensintensiven Wirtschaftsbranchen in Deutschland ab. Beim FuE-Personal, das zur Umsetzung von neuem Wissen in wettbewerbsfähige Prozesse, Produkte und Dienstleistungen wichtig ist, musste Deutschland zwischen 1991 und 2003 einen Abbau von minus 7 % verzeichnen (im Vergleich zu +35 % zwischen 1979 und 1991), während sich wichtige Konkurrenzländer seit 1991 beim FuE-Personal positiv entwickelten (z.B. USA +37 %, EU-Durchschnitt +29 %).

Die absolute Höhe der FuE-Aktivitäten für sich alleine betrachtet ist zwar wichtig, ist aber kein Indikator für die Effektivität und Effizienz der FuE-Prozesse. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass die deutsche FuE-Dynamik nicht ausreicht für einen dauerhaften Erhalt der derzeitigen internationalen technologischen Wettbewerbsfähigkeit. Vor diesem Hintergrund zeigen die 2006 veröffentlichte Hightechstrategie der Bundesregierung und die wieder zunehmenden industriellen FuE-Ausgaben in einigen Branchen in die richtige Richtung. Ob dies allerdings ausreicht, wird entscheidend von der FuE-Dynamik anderer Konkurrenzländer abhängen. China z.B. verfünffachte die realen FuE-Ausgaben zwischen 1995 und 2004 mit einer jährlichen Wachstumsrate von 20 % und lag hinter den USA und Japan 2004 bereits weltweit an dritter Stelle.

Bildung und Qualifikation

Die Erforschung, Entwicklung, Anwendung und Vermarktung forschungs- und wissensintensiver Prozesse, Produkte und Dienstleistungen stellen besondere und zum Teil neue Anforderungen an die Arbeitskräfte. Dies lenkt den Blick zum einen auf die quantitative Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte und zum anderen auf die Passfähigkeit der Qualifikationsprofile zu den Anforderungen. Wie nachfolgende Ausführungen (Kap. IV.4.1.2) darlegen, werden sich derzeit noch bestehende Wettbewerbsvorteile bei der Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte bereits in wenigen Jahren in Wettbewerbsnachteile umkehren, wenn die Anstrengungen zum Gegensteuern nicht verstärkt werden.

Passfähigkeit: In einigen Bereichen existiert eine zu geringe Passfähigkeit zwischen benötigter und angebotener Qualifikation. Vor allem eine fehlende Interdisziplinarität, die in der Wissenschaft und Wirtschaft zunehmend an Bedeutung gewinnt, und ein unzureichender industrierelevanter Bezug der Ausbildungsinhalte werden seitens der Industrie oft bemängelt. Kleine und mittelständische Technologieunternehmen sehen sich zunehmend mit Engpässen bei qualifiziertem Personal mit geeigneten Kenntnissen in den Bereichen Produktion, Marketing und Vertrieb konfrontiert. Auch die zunehmenden Internationalisierungsprozesse sind laut Expertenmeinungen bislang unzureichend in den Bildungsinstitutionen berücksichtigt (z.B. in den Bereichen Sprachenausbildung, interkulturelles Management-Know-how). Zudem werden sich durch den demografischen Wandel zukünftige Konsumausgabenstrukturen verändern (z.B. zunehmende Bedeutung der Gesundheitspflege); dadurch muss fast jeder sechste Arbeitsplatz in Deutschland zukünftig »umgeschichtet« werden mit Konsequenzen für die erforderlichen Qualifikationsprofile.

Verfügbarkeit: Die Untersuchungen zur Personalverfügbarkeit zeigen aktuell ein differenziertes Bild. In einigen forschungs- und wissensintensiven Branchen wie der Pharmaindustrie, dem Software- und Telekommunikationsbereich oder bei den technischen und FuE-Dienstleistern sind derzeit sehr geringe Engpässe bei qualifiziertem Personal zu erkennen. Viele andere forschungsintensive Industriebranchen, in denen ingenieurwissenschaftliches Know-how eine besondere Rolle spielt, haben jedoch bereits derzeit große Rekrutierungsschwierigkeiten. Vor allem im Fahrzeugbau und der Instrumententechnik (Medizin-, Mess-, Steuer-, Regeltechnik, Optik) lag der nicht gedeckte Bedarf an Akademikern zwischen 2001 und 2003 bei über 20 %, im Bereich Maschinenbau und Elektroindustrie zwischen 15 % und 20 %. In diesem Kontext zeigen die Ergebnisse, dass besonders kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) Probleme bei der Rekrutierung haben.

Die somit teilweise bereits existierenden Personalengpässe beim hoch qualifizierten Personal, vor allem bei Naturwissenschaftlern und Ingenieuren, werden sich zukünftig verschärfen, da das Angebot (u.a. Studienabsolventen) deutlich hinter der steigenden Arbeitsnachfrage aus Industrie und Wissenschaft hinterherhinkt. Hinsichtlich der Arbeitsnachfrage zeigen Studien, dass sich zwischen 1975 und 2004 die Erwerbstätigenzahl mit Fach-/Hochschulabschluss fast verdreifacht hat. Vieles spricht dafür, dass sich dieser Trend der Wissensintensivierung in der Zukunft fortsetzen wird (u.a durch die zunehmende Bedeutung neuer Querschnittstechnologien oder das politische Ziel, 3 % FuE-Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt zu erreichen). Die Arbeitsnachfrage nach qualifiziertem Personal wird daher zukünftig weiter stark ansteigen. Kann dieser steigende Personalbedarf nicht gedeckt werden, bleiben Wachstums- und Beschäftigungspotenziale ungenutzt.

Unausgeschöpfte Potenziale: Zukünftige Personalengpässe könnten gemildert werden, wenn vorhandene Arbeitskräftepotenziale effizient genutzt würden. Deutschland hinkt jedoch im Vergleich zu wichtigen Konkurrenzländern abgeschlagen hinterher, was die Integration hoch qualifizierter Frauen und älterer Arbeitskräfte, Jugendlicher sowie die Ausschöpfung der Potenziale aus Fort-/Weiterbildung betrifft (Kap. IV.4.2.1).

Zu den größten Potenzialen hoch qualifizierter Arbeitskräfte zählen Frauen. In Deutschland sind rund 50 % der Studienanfänger und Studienabsolventen Frauen. Mit fortschreitender beruflicher Entwicklung werden diese Potenziale immer weniger ausgeschöpft. Im deutschen Hochschulsektor ist im Jahr 2001 der Forscherinnenanteil mit knapp 21 % bescheiden, z.B. im Vergleich zu Finnland (37 %). Gleiches gilt beim Frauenanteil mit Lehrbefugnis an Hochschulen: 9 % in Deutschland im Vergleich zu 36 % in Finnland und einem EU-15-Durchschnittswert von 26 %. Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Anteil der Frauen am FuE-Personal in der Wirtschaft (10 % in Deutschland im Vergleich zu 18–23 % in skandinavischen Ländern). Im deutschen Staatssektor ist der Forscherinnenanteil mit ca. 22 % im Vergleich zu über 35 % in anderen europäischen Ländern ebenfalls gering.

Auch bei der Integration Älterer in das Erwerbsleben lag Deutschland im Jahr 2004 mit einer Erwerbsquote der 55–64-Jährigen von knapp unter 40 % im internationalen Vergleich zurück. Länder wie Schweden, Norwegen, Schweiz, Japan, Dänemark und die USA weisen Werte zwischen 60–70 % auf. Neben hohen Kosten für die Rentensysteme bleiben Innovationspotenziale, z.B. der große Erfahrungsschatz Älterer, unausgeschöpft. Dies vor dem Hintergrund, dass der Anteil der Erwerbstätigen, die 55 Jahre oder älter sind, im Zuge des demografischen Wandels von ca. 11 % 2000 auf rund 23 % 2025 ansteigen wird. D.h., fast jede vierte Arbeitskraft wird 2025 älter als 55 Jahre sein.

Auch Potenziale vieler junger Menschen bleiben aufgrund einer großen Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem derzeit ungenutzt. Die Chance, ein Hochschulstudium aufzunehmen, ist für Kinder der sozialen Herkunftsgruppe »hoch« mehr als sieben Mal (Faktor 7,4) größer als für Kinder der sozialen Herkunftsgruppe »niedrig«.

Im Zuge der technologischen Entwicklung müssen Wissen und Fertigkeiten stets durch Aus- und Weiterbildung auf den neuesten Stand gebracht werden. Auch hier liegt Deutschland bei vielen Indikatoren (z.B. Anzahl Unternehmen, die Mitarbeitern Weiterbildungsangebote offerieren, Zahl der Teilnehmer und besuchte Kursstunden, Ausgaben je Jahr und Teilnehmer) eher zurück (Rang 13 der betrachteten 21 OECD-Länder 2003). Zudem ist Deutschland im Zeitverlauf zurückgefallen.

Nachfrage

Das Konzept der Vorreitermärkte weist auf die Bedeutung der Nachfrage für die Wettbewerbsfähigkeit hin; ein hohes Nachfrageniveau und eine hohe Qualität der inländischen Nachfrage kann die internationale Wettbewerbsfähigkeit forschungs- und wissensintensiver Unternehmen über folgende Mechanismen dauerhaft erheblich stärken: Existiert ein innovationstreibender Problemdruck, so können Kunden neue Bedarfe artikulieren, die durch bestehende Prozesse, Produkte oder Dienstleistungen nicht abgedeckt werden können. Ein Beispiel hierfür könnte der Klimawandel und die Forderung nach einem 3-Liter-Auto sein. Entsprechend anspruchsvolle und qualitätsbewusste (private und Industrie-)Kunden mit einer großen Innovationsaufnahmebereitschaft und -neugier und einer hohen Technikoffenheit werden als »Lead User« bezeichnet. Dabei erscheint es umso günstiger, je mehr unabhängige »Lead User« es gibt. Nimmt ein Land bzw. deren »Lead User« globale Nachfragetrends rascher und früher an als andere Länder, können Vorreitermarkt-Gewinne in Form erhöhter inländischer Wertschöpfung (inkl. Außenhandelserfolge) und Beschäftigung entstehen. »Lead User« sollten daher von den Innovationsakteuren frühzeitig in die FuE-Prozesse einbezogen werden, um schnell herauszufinden, wie passfähig neue (technologische) Lösungen sind. Dies erfordert enge Kunden-Lieferanten-Produzenten-Beziehungen. Die Untersuchungen (Kap. IV.5.1.2 und IV.6.3) zeigen, dass in Deutschland Wettbewerbsvorteile bei der Industriekundennachfrage existieren.

Deutschland besitzt Vorreitermarkt-Positionen auf der Nachfrageseite z.B. im Automobilbau und in Branchen, in denen es um Prozesstechnik für Industriekunden geht (z.B. Maschinenbau, Steuer-, Mess-, Regelungs- und Umwelttechnik, technische Industriegüter-Komponenten). Diese Vorreitermarkt-Position wird durch eine sehr starke Industriebasis (insb. bei Hochwertigen Technologien) und durch Präferenzen der Industriekunden nach qualitativ hochwertigen und leistungsfähigen, flexibel einsetzbaren und vor allem kosteneffizienten Maschinen, Anlagen, Softwaresystemen und technischen Komponenten begünstigt. Ein wichtiger Auslöser ist der Kostendruck in Deutschland (z.B. hohe Arbeits-, Umweltschutz-, Energiekosten). Die Präferenzen deutscher Industriekunden liegen im globalen Trend, da z.B. der Kostendruck langfristig in vielen Ländern zunehmen wird, da die nachgefragten Produktionsfaktoren knapper werden (z.B. steigende Rohstoffpreise, bereits hohe Lohndynamik in asiatischen und osteuropäischen Ländern).

Dieses positive Bild trübt sich jedoch, wenn man zusätzlich die private Nachfrage mit einbezieht. Bei der Nachfrage privater Kunden nach forschungs- und wissensintensiven Gütern haben vielmehr viele andere nordamerikanische, skandinavische und asiatische Länder Wettbewerbsvorteile. Die Ergebnisse des TAB-Innovations­reports zeichnen hier folgendes Bild (Kap. IV.5.1.2):

Nachfrageniveau: Hinsichtlich der Konsumausgaben liegen die USA deutlich vor Japan, gefolgt von Deutschland und Großbritannien. In Deutschland hat zudem der Nachfrageanteil an den größten OECD-Ländern seit Beginn der 1990er Jahre abgenommen. Bei der Nachfrage nach FuE-intensiven Gütern und wissensintensiven Dienstleistungen pro Kopf liegt Deutschland im Mittelfeld und beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (Indikator für die Kaufkraft von Innovationen) sogar im letzten Drittel im OECD-Vergleich. Hieraus lässt sich schließen, dass z.B. die geringe Binnennachfrage (vor allem im privaten Konsumbereich) in Deutschland auf Dauer auch die Exportstärke schwächen dürfte, u.a. weil eine kritische Masse an innovationsimpulsgebenden privaten Nachfragern fehlen könnte.

Die zukünftigen Absatzmarktwachstumspotenziale liegen vor allem im Osten: Exporte nach Osteuropa und Asien stiegen zwischen 2001 und 2005 jährlich mit 8–10 %, das durchschnittliche Ausfuhrwachstum lag bei knapp über 5 % p.a. Der Anteil Asiens wird voraussichtlich von derzeit 13 % auf etwa 18 % (2015) ansteigen, wohingegen der Anteil Europas von 72 % auf 67 % sinken wird, obwohl Osteuropa Anteile hinzugewinnen wird. Die zukünftig weiter stark zunehmende Bedeutung Asiens auf den globalen Absatzmärkten ergibt sich nicht nur durch deren stärkere Einbindung in den Welthandel sowie die internationale Arbeitsteilung und das daran geknüpfte Wirtschaftswachstum, sondern auch durch die unterschiedliche Altersstruktur der Bevölkerung im Vergleich zu etablierten Industrieländern. Allein bedingt durch den demografischen Wandel werden Länder wie die USA und Deutschland ab 2010 an Nachfragebedeutung verlieren, während asiatische Länder mit einer jüngeren Bevölkerungsstruktur (z.B. Indien) zukünftig weiter an Nachfragebedeutung hinzugewinnen werden. Hieraus ist abzuleiten, dass deutsche forschungs- und wissensintensive Unternehmen durch eine intensive Markterforschung dieser (zukünftigen Vorreiter-)Märkte sowie die Integration der Kundenbedarfsstrukturen dieser Länder in die FuE-Prozesse zukünftig erhebliche (Export-)Vorteile erzielen könnten.

Nachfragequalität: Auch bei der Nachfragequalität bewegt sich Deutschland im Mittelfeld der 17 betrachteten OECD-Länder. Zwar nimmt Deutschland bei der Anspruchshaltung der Kunden mit Rang 3 eine Spitzenposition ein, bei den Kategorien »technologisches Niveau lokaler Kunden« sowie der »staatlichen Nachfrage nach fortschrittlichen technologischen Produkten« befindet sich Deutschland im Mittelfeld im OECD-Vergleich.

Auch Einstellungen zu Technik, Wissenschaft und Risiko beeinflussen die Präferenzen von Konsumenten, innovative Produkte zu kaufen. Bei der Bereitschaft, Risiken zu tragen, oder bei Vorbehalten gegenüber Technik liegt Deutschland entweder im Mittelfeld oder letzten Drittel im OECD-Vergleich. Nur bei risikoarmen Technologien, deren Nutzen erkennbar ist (u.a. Leben wird gesünder, Arbeit wird interessanter, neue Möglichkeiten für künftige Generationen) stellt das deutsche Nachfrageverhalten kein Hemmnis dar.

Netzwerke und Cluster

Neue Technologien (z.B. Bio-, Nano- und IuK-Technologien) erfordern in den FuE- und Produktionsprozessen eine neue Wissensbasis. Wegen ihrer Interdisziplinarität steigt die Zahl der erforderlichen wissenschaftlichen Fachdisziplinen. Das neue technologische Wissen und die zusätzlich benötigten Disziplinen gehören nicht notwendigerweise zum bisherigen Erfahrungsschatz der Unternehmen und FuE-Einrichtungen. Dies impliziert, dass kein bzw. nur wenige Akteure zukünftig in der Lage sein werden, den gesamten Innovationsprozess alleine effizient zu bewältigen, sodass stärker als bislang auf externes Wissen (u.a. aus Hochschulen, FuE-Instituten, jungen Technologieunternehmen) zurückgegriffen werden muss. Eine effiziente Vernetzung in leistungsstarken Innovationsnetzwerken ist daher essenziell für die zukünftige Innovationskraft. Vor allem Unternehmen der forschungs- und wissens­intensiven Branchen sind auf Kooperationen angewiesen.

Analysen zu Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft für die Pharmaindustrie zeigen im Vergleich zu wichtigen Konkurrenzländern leichte Wettbewerbsnachteile (Tab. 1). Nur in wenigen Indikationsgebieten wie z.B. bei Neubildungen/Krebs existieren leichte Wettbewerbsvorteile. Die branchenübergreifenden Untersuchungsergebnisse (Kap. IV.6.1.2) deuten darauf hin, dass vor allem KMU unzureichend in bestehende Cluster und Netzwerke integriert sind. Zudem scheinen die Cluster und Netzwerke in Deutschland strategisch oftmals zu forschungslastig (technologiegetrieben) ausgerichtet zu sein und sich noch zu wenig an Kundenbedarfsstrukturen, existierenden regionalen Technologieprofilen oder unternehmerischen Innovationsstrategien zu orientieren.

Handlungsoptionen

Aufgrund der zum Teil gravierenden Schwächen besteht akuter Handlungsbedarf für die Akteure aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, Maßnahmen zum Gegensteuern zu ergreifen, wenn die Wettbewerbsfähigkeit forschungs- und wissensintensiver Branchen gestärkt werden soll. Ein solches Ziel lässt sich durch den hohen Beitrag zu Wertschöpfung, Export und Beschäftigung begründen. Der hier gewählte Ansatz der Systemanalyse legt zudem überzeugend dar, dass punktuell ansetzende Maßnahmen zu kurz greifen. Vielmehr erscheint es notwendig, die gesamte Wertschöpfungskette zu berücksichtigen. Die Handlungsoptionen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit forschungs- und wissensintensiver Branchen lassen sich wie folgt zusammenfassen.

Koordinierte Innovationspolitik

Die Ergebnisse international vergleichender Analyse von Politikansätzen zeigen, dass es Erfolgskriterien gibt, an denen sich die Politik zukünftig stärker orientieren sollte, damit Politikinstrumente zum gewünschten Erfolg führen (Kap. IV.2). Viele der folgenden Erfolgskriterien sind bereits heute in Politikmaßnahmen integriert worden, aber noch nicht in der erforderlichen Breite. Die Herausforderung besteht meist darin, dies bei konkreten Maßnahmen in die tägliche politische Praxis vollständig umzusetzen.

Politikmaßnahmen sollten zukünftig noch stärker verzahnt und regional/national, europaweit und wenn erforderlich auch international besser aufeinander abgestimmt werden, um so die Passfähigkeit zu erhöhen. Dies impliziert u.a. eine stärkere Verzahnung verschiedener Politikressorts wie z.B. Technologie-, Forschungs-, Bildungs-, Wirtschafts- und Verbraucherpolitik auf Bundes- und Länderebene. Bei Bedarf sollten nationale Zielsetzungen proaktiv auf internationaler Ebene eingebracht werden (z.B. bei Normen und Standards). Politikmaßnahmen sollten durchaus bewusst »Stärken weiter stärken«, was die Erhebung und regelmäßige Fortschreibung regionaler bzw. nationaler Kompetenz- und Technologieprofile und ihre Orientierung an internationalen Standards (Benchmark) voraussetzt. Da forschungs- und wissensintensive Branchen stark miteinander verflochten sind und zudem von diesen Branchen erhebliche FuE-Ausstrahleffekte auf das gesamte deutsche Innovationssystem ausgehen, sollten Innovationspolitikmaßnahmen, die die Förderung einzelner Technologien und/oder Branchen zum Ziel haben, stets auch das Gesamtsystem im Blick haben.

FuE-Zyklen in forschungs- und wissensintensiven Branchen können hohe Anfangsinvestitionen erfordern und vollziehen sich oftmals über mehrere Jahre. Langfristige Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit der Rahmenbedingungen sind für Wissenschafts- und Industrieakteure daher essenziell. Entscheidend ist eine hohe Transparenz und Stabilität der rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen. Zudem sollten bei der Festlegung von Politikzielen, -prioritäten und -strategien alle relevanten Stakeholder (u.a. Wissenschaft, Industrie) frühzeitig eingebunden werden, um politisch verbindliche, mittelfristig orientierte Leitkonzepte (z.B. nationale Strategien/Teilstrategien für Technikfelder/Branchen) zu entwickeln, die von allen Akteuren gemeinsam getragen werden. Diese Strategien sollten nicht nur im nationalen, sondern auch im ausländischen Raum mit entsprechender Breitenwirkung kommuniziert werden, um Sichtbarkeit für in- und ausländische Investoren zu entfalten. Dabei sollten die Politikinstrumente nicht punktuell, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette ansetzen. Der Erfolg von Politikmaßnahmen sollte an ausgewählten (in einem diskursiven Prozess festgelegten) quantitativen Zielvorgaben gemessen werden. Durch Evaluationen, Soll/Ist-Vergleiche und Identifizierung von Good-Practice-Beispielen können Lernprozesse angestoßen werden.

Bei den mit Politikmaßnahmen verknüpften Verwaltungsprozessen sollten unnötige Prozessschritte beseitigt und erforderliche Prozessschritte besser verzahnt werden und sich stärker an den Kundenbedarfen der Wissenschafts- und Industrieakteure orientieren (z.B. »One-Stop-Shop«-Idee).

Wissensbasis und Wissenstransfer

Wissensbasis: Deutschland liegt in Bezug auf die FuE-Dynamik hinter wichtigen Konkurrenzländern zurück. Dadurch besteht die Gefahr der Erosion bestehender Wettbewerbsvorteile in der Wissensbasis. Um ihr entgegenzuwirken, erscheint eine dauerhafte Intensivierung der staatlichen und industriellen FuE-Dynamik erforderlich. In Bezug auf die staatliche FuE-Förderung bietet sich ein Instrumenten-Mix an, der wie folgt strukturiert sein könnte (Kap. IV.3.1.3).

In 70 % der OECD-Länder werden bei der Förderung in die Breite (»Sockel«) indirekte FuE-Förderinstrumente (z.B. FuE-Zulagen/»Tax Credits«, Forschungsprämie) eingesetzt, die auf alle FuE-treibenden sowie FuE-einstiegsbereiten Akteure abzielen. Zielgruppen sollten vor allem die KMU und wissensintensive Dienstleistungsunternehmen sein. Die Förderung sollte unabhängig von der technologischen Ausrichtung und Branchenzugehörigkeit erfolgen. Der Staat steht hier nicht (wie bei der direkten Förderung) dem Informationsproblem gegenüber, welche Technologie, Unternehmen oder Netzwerke gefördert werden sollen. Es ist bekannt, dass diese Art der Förderung die Gefahr von Mitnahmeeffekten und Manipulationen birgt. Um dies zu vermeiden, sollten indirekte Förderinstrumente an relativ eindeutige und eng definierte FuE-Größen gekoppelt werden (z.B. direkte FuE-Personalausgaben).

Die derzeit angewendete direkte Förderung (u.a. in Fachprogrammen des BMBF, BMWi, BMU oder FuE-Programme wie z.B. PRO-INNO, EXIST-SEED) zur Beseitigung spezifischer Innovationsbarrieren und zur Förderung von Spitzentechnologien hat sich bewährt und sollte beibehalten werden. Sofern es sich bei diesen Förderprogrammen jedoch um ein Substitut zur indirekten Förderung in die Breite handelt, sollten entsprechend die indirekten Fördersätze abgesenkt oder aber bisherige direkte Förderprogramme (oder Teilbereiche davon) abgeschafft werden. Die vorherrschende breite thematische Ausgestaltung in der deutschen Forschungslandschaft trägt den vorhandenen Kompetenzen Rechnung und sollte fortgeführt werden. Jedoch sollte die derzeitige Programm-Vielfalt in der Innovationspolitik (»Förder-Dschungel«) verringert werden, um die Transparenz zu erhöhen und Doppelförderungen zu vermeiden. Auch der administrative Aufwand für die Beantragung und Abwicklung von Fördermitteln sollte reduziert werden.

Zur Optimierung der Forschungsförderung sollte eine weitere Stärkung wettbewerblicher Vergabekriterien, eine stärkere Einbindung der Vertreter aus angewandter Forschung in »Peer-Review«-Prozesse, die Etablierung kontinuierlicher Evaluationsprozesse mit quantitativen Erfolgskontrollen sowie eine Intensivierung alternativer Förderungen (u.a. Stiftungen) erfolgen. Bei der Förderung der Spitzentechnologien sollten vermehrt etablierte Verfahren wie Foresights und Technologie-Roadmaps unter Einbeziehung vieler Innovationsakteure (»marktnähere« Lösung) eingesetzt werden.

Hinsichtlich der strategischen FuE-Ausrichtung sollten die staatlich geförderten, aber auch die privatwirtschaftlichen FuE-Prozesse konsequenter als bislang an nationalen und internationalen Kundenbedarfsstrukturen (insb. in den jeweiligen Vorreitermärkten) ausgerichtet sein. Dies impliziert u.a., dass bei Förderanträgen verstärkt eine fundierte Marktpotenzialabschätzung, eine Darstellung der nationalen und internationalen Vermarktungschancen, mögliche Markteintrittshürden sowie darauf zugeschnittener Vermarktungsstrategien enthalten sein sollten. Ebenso könnte eine stärkere Integration von verwertungsstarken Partnern in die Förderprojekte sinnvoll sein. Um die Passfähigkeit der FuE-Strategien zu erhöhen, sollte der Austausch inländischer Unternehmen und FuE-Einrichtungen über ihre Innovationsstrategien intensiviert werden. Zudem sollte in einem auf Langfristigkeit angelegten diskursiven Prozess auf Basis von Zukunftsprognosen die öffentliche Förderung von Bildungsprofilen zukünftig stärker auf die Innovationsstrategien und Qualifikationsbedarfe der Wissenschafts- und Industrieakteure abgestimmt werden.

Wissenstransfer: Gerade die Unternehmen forschungs- und wissensintensiver Branchen zeichnen sich durch eine starke Nähe zur Wissensbasis aus. Eine effiziente Ausgestaltung des Wissens- und Technologietransfers und ein effizienter Wissensfluss zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sind daher für diese Branchen von zentraler Bedeutung. Die Handlungsoptionen, die im Folgenden dargestellt werden, setzen an der Effizienz der Transferinfrastrukturen, der Personalmobilität und Gründungsdynamik an (Kap. IV.3.2.3), da hier ebenfalls Schwächen identifiziert wurden (Kap. IV.3.2.2).

Transferinfrastrukturen sind zwar kein »Allheilmittel«, dennoch sind sie von zentraler Bedeutung, damit potenzielle Kooperationspartner miteinander in Kontakt treten bzw. besser in Netzwerken zusammenarbeiten können. Um die Effizienz und Wirksamkeit von Transferinfrastrukturen weiter zu steigern, sollten sich wissenschaftsnahe, wirtschaftsnahe und eigenständige Transferstellen zukünftig stärker als bislang an ihren Kernkompetenzen ausrichten und stärker spezialisieren. Dies impliziert einerseits eine Fokussierung auf eine Promotor-Funktion (z.B. Aufbau und Pflege von Kontakten). Andererseits sollten sich Intermediäre in ihrer Funktion als Supporter auf den administrativen Bereich (z.B. Unterstützung bei Vertragsabschlüssen), die auf den Transfer ausgerichtete PR-Arbeit (z.B. themen- und zielgruppengerechte Aufbereitung von Informationen, Medienpräsenz) fokussieren und Anlaufstelle bei technologietransferspezifischen Fragen zu Förderprogrammen sein. Darüber hinaus sollte es spezialisierte Einrichtungen geben, die Beratungsleistungen anbieten, die in der Breite nicht vorzuhaltende Spezialkenntnisse erfordern. Hierzu zählen z.B. Beratungsleistungen zu Patentschutz, technologischen Problemen, Qualifizierungsmaßnahmen. Diese Dienstleistungen können dadurch mit einer höheren Qualität als bisher erbracht werden. Im Zuge dieser zunehmenden Spezialisierung ist zudem eine einrichtungsübergreifende Konzentration von Ressourcen anzustreben (z.B. Transferstelle für mehrere FuE-Einrichtungen und Universitäten). Auch sollten sich einzelne Transfer- und Verwertungseinrichtungen stärker vernetzen, und zwar unter regionalen (u.a. zum schnelleren und direkten Kontaktaufbau zwischen regionalen Innovationsakteuren und zu gemeinsamer Durchführung von Kontaktforen) und technologiespezifischen (u.a. für bundesweiten Zugriff auf technologiespezifische Unterstützungsangebote/Expertise anderer Intermediäre) Gesichtspunkten.

Die Anforderungen an gute Transferstellenmitarbeiter hinsichtlich der technischen und betriebswirtschaftlichen Qualifikation, der Persönlichkeit sowie »Soft Skills« (z.B. Kontaktfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Moderations-/Präsentationskompetenz) sind hoch, da sie z.B. das technologische Umsetzungspotenzial, die Marktchancen und konkurrierende technische Lösungen einschätzen müssen. Eine Weiterqualifizierung der Transfermitarbeiter sowie die Rekrutierung erfahrener Experten sind daher erforderlich. Hierzu sollte u.a. eine Flexibilisierung des Dienstrechts erwogen werden (z.B. Lohn an den Verwertungserfolg koppeln). Zudem sollten kontinuierliche Evaluationsprozesse als Instrument zur Qualitätssicherung und Identifizierung von Ansatzpunkten für Lernprozesse verankert werden.

Um die Personalmobilität zu erhöhen, sollten bestehende Hürden des Personalaustauschs zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung/Politik (u.a. Mitnahme von Rentenansprüchen) konsequent abgebaut werden. Der temporäre Seitenwechsel sollte bei allen Innovationsakteuren stärker als bislang aktiv gefördert werden. In der Industrie z.B. gibt es erfolgreiche Modelle, wo die Erfinder innerhalb eines Konzerns (zeitweise) mit ihrer erfolgversprechenden Idee in die Organisationseinheit wechseln, in der die Idee bis zur Serienreife weiterentwickelt wird. Gleiches wäre z.B. auch denkbar zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Auch die Rahmenbedingungen für die Einwanderung nach und den Aufenthalt ausländischer Wissenschaftler in Deutschland sollten verbessert werden.

Wenn neugegründete junge Unternehmen scheitern, dann meist aufgrund unzureichender kaufmännischer Kenntnisse und Strategiekompetenz im Gründerteam, einer zu geringen Eigenkapitalausstattung, einer falschen Einschätzung des Finanzbedarfs, einer fehlenden Einbindung in Netzwerke oder einer falschen Beratung durch das Unterstützungsnetzwerk. Deshalb sollten die Handlungsoptionen hier ansetzen. Bei der öffentlichen Förderung sollte ein externes Gutachtergremium (aus Wissenschaft und Industrie) Businesspläne hinsichtlich der Markt- und Wettbewerbsfähigkeit des Geschäftsmodells (z.B. marktfähiges Alleinstellungsmerkmal) kritisch prüfen. Auch persönliche Gespräche zwischen Förderadministration, Gutachtergremium und Gründerteam sind hilfreich. Zudem sollten unerfahrene Gründer durch erfahrene Experten bei der (Weiter-)Entwicklung von Unternehmenskonzepten und Strategien (zumindest in den Startphasen) gecoacht werden.

Die Verfügbarkeit von Kapital ist für Unternehmensgründungen zentral. Bei der Gründungsförderung sollte der wettbewerbliche Ausleseprozess des Marktes nicht bzw. so wenig wie möglich gestört werden. Eine öffentliche Förderung sollte daher nur dann erfolgen, wenn ein sinnvoller Finanzierungs-Mix aus verschiedenen privaten und öffentlichen Quellen (d.h. Fremd-, Eigenkapital und Cash Flow/Umsatz) vorliegt. Eine Überfinanzierung, z.B. durch eine großzügige (öffentliche) Gesamtfinanzierung, sollte möglichst vermieden werden, da sich überfinanzierte Unternehmen häufig z.B. zu wenig am Markt orientieren und ein mangelndes Kostenbewusstsein entwickeln. Vor diesem Hintergrund ist eine degressive Ausgestaltung der öffentlichen Förderung zu bevorzugen, d.h. der staatliche Finanzierungsanteil sollte mit zunehmender Förderdauer abnehmen.

Um die Gründungskultur zu verbessern, sind eine noch stärkere Etablierung einer Kultur der Selbständigkeit an Schulen und Hochschulen sowie die Kommunikation von »Success Stories« in der breiten Öffentlichkeit hilfreich (»Vorbildeffekt erfolgreicher Gründer«). Zudem sind Bürokratiehemmnisse insbesondere für KMU weiter abzubauen.

Bildung und Qualifikation

Folgende Handlungsoptionen im Bereich Bildung und Qualifikation sollten erwogen werden (Kap. IV.4.3):

Bildungsaktivitäten für techniknahe Berufe forcieren: Zukünftig ist mit erheblichen Engpässen beim qualifizierten Personal zu rechnen. Engpässe in natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bereichen können u.a. durch eine Mobilisierung bildungsferner sozialer Schichten sowie von Frauen gefördert werden. Dies erfordert u.a. eine verstärkte Durchlässigkeit des Bildungssystems. Ein schnellerer Wechsel zwischen einzelnen Ebenen des Schulsystems sollte möglich sein (z.B. Hochschulzugang auch ohne Abitur/Fachhochschulreife auf Basis von Aufnahmetests). Um den Frauenanteil in techniknahen Fächern zu erhöhen, sollten punktuelle Maßnahmen (z.B. »Girls go Informatik«, »Girls Days«) ergänzt werden durch eine stärkere Verankerung des Gender-Themas, u.a. in technischen Fächern in Hochschulen und FuE-Einrich­tungen. Auch weiche Instrumente zur Erhöhung des Images natur- und ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge und Berufsbilder unter Jugendlichen sollten verstärkt eingesetzt werden (z.B. Einführung eines Faches Technik an Schulen, Schülerlabors, Integration von »Success Stories« erfolgreicher Naturwissenschaftler in den Schulunterricht). Außerdem können direkte Anreize gesetzt werden (z.B. für techniknahe Fächer Studiengebühren verringern).

Eine Voraussetzung für die Forcierung von Bildungsaktivitäten auf breiter Front ist eine transparentere Bereitstellung von geeigneten Informationen, u.a. über aktuelle Entwicklungen und zukünftige Arbeitsmarktbedingungen sowie über Ausbildungsmöglichkeiten und Studiengänge. In Finnland wurde z.B. eine zentrale übersichtliche Website geschaffen, die Informationen zu allen verfügbaren Aus- und Weiterbildungsprogrammen bietet. Zudem sollten Studienberechtigten realistische Einblicke in die Studienanforderungen ermöglicht werden. Längerfristig angelegte Formen (z.B. Probestudium, Sommerkurse, Studienpraktikum über mehrere Wochen) sind hier zu bevorzugen.

Vorhandene Arbeitsangebotspotenziale besser ausschöpfen: Zur Vermeidung zukünftiger Personalengpässe sollten existierende Arbeitsangebotspotenziale und vorhandene »stille Reserven« im Inland besser ausgeschöpft werden. Dies impliziert vor allem die Erhöhung der Quote von älteren Arbeitskräften und Frauen an den Erwerbstätigen sowie die Intensivierung der Fort-/Weiterbildung, aber auch die langfristig ausgerichtete Gewinnung von hochqualifizierten ausländischen Arbeitskräften. Hinsichtlich der Integration älterer Arbeitskräfte ist es ratsam, Anreize zur Frühverrentung zu beseitigen. Erste Reaktionen sind bereits zu erkennen, der erforderliche Perspektivenwechsel ist aber noch nicht vollzogen. Auch das Prinzip der lebenslangen Fort- und Weiterbildung sollte stärker verinnerlicht und in alle Prozesse und die Organisationskultur der Innovationsakteure implementiert werden. Bisherige Aktivitäten reichen nicht aus, um den erforderlichen Perspektivenwechsel zu vollziehen. Institutionelle und infrastrukturelle Anreizstrukturen sollten vermehrt geschaffen werden, um Fort-/Weiterbildungsaktivitäten auf breiter Front zu forcieren (z.B. Weiterbildungsgutscheine, Bildungskarenz, spezielle Universitätskurse für ältere Menschen). Bei der Fort- und Weiterbildung hat sich bewährt, Wissensvermittlung, Erfahrungsaustausch zwischen den Teilnehmern und Coaching z.B. bei der Lösung veränderter betrieblicher Aufgaben unmittelbar miteinander zu verbinden.

Zur verstärkten Attraktion ausländischer Wissenschaftler müssen gezielte Anreize (z.B. attraktive Lehrstühle) verbunden werden mit unbürokratischen Verwaltungsprozessen (z.B. »One-Stop-Shop« mit einem einzigen Formular). Zudem sollte ein internationales Informationsnetzwerk aufgebaut werden, das bei Bedarf aktiviert werden kann.

Um hochqualifizierte Frauen stärker in industrielle, wissenschaftliche und öffentliche Prozesse zu integrieren, könnte das finnische Modell als Vorbild dienen, das verschiedene Instrumente sinnvoll verzahnt, wodurch familienfreundliche Strukturen geschaffen werden (z.B. Kleingruppen-Kinderbetreuung mit sehr flexiblen Betreuungszeiten). Zudem wirken familienfreundlichere Arbeitszeitmodelle und Arbeitsformen (z.B. Telearbeit) sowie frauenadäquate Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote unterstützend.

Finanzierungsstrukturen anpassen: Vor dem Hintergrund der Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem ist zu erwägen, inwieweit der Finanzierungs-Mix des Bildungssystems anzupassen ist. Von Bildungsexperten wird weniger die absolute Höhe der Bildungsausgaben kritisch gesehen, als vielmehr die Verteilung auf die Bildungsbereiche Kindergarten/Vorschule, Schule und Hochschule. Die größten privaten Finanzierungsbeiträge erfolgen im Bereich Vorschule. Daher sollten staatliche Bildungsinvestitionen in den Bereichen Vorschule/Schule erhöht werden, da hier wesentliche Grundlagen für späteren Erfolg, Leistungsfähigkeit aber auch für Einstellungen zu Wissenschaft, Technik und Risiko gelegt werden. Im Bereich Vorschulerziehung/Schulbildung sollte großer Wert auf qualifiziertes Personal gelegt werden. Höhere Investitionen in die kontinuierliche Fort- und Weiterbildung von Erziehern und Lehrern sind daher ebenso erforderlich wie die Anpassung und Aktualisierung von Lehrinhalten.

Effizienz des Bildungssystems erhöhen: Internationale Schülerleistungsvergleiche zeigen, dass sich erfolgreiche Länder u.a. dadurch auszeichnen, dass eine klarere externe Leistungsüberprüfung von Schulen implementiert ist, personal- und prozesspolitische Entscheidungskompetenzen dezentral an die Schulen verlagert sind (z.B. bei der Lehrerrekrutierung), die stärkere Einbindung des privaten Sektors ins Schulmanagement und eine Mehrgliedrigkeit im Schulsystem zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden. Die Übertragung auf Deutschland sollte geprüft werden, um die Qualität der Schulausbildung zu erhöhen. Um die Systemeffizienz des Bildungswesens zu erhöhen, bietet sich eine stärkere Einbindung des privaten Sektors an. Zudem sollten Teile der Budgetierung von Ausbildungsstätten oder Anteile des Lehrergehaltes an klar definierte Erfolgskomponenten geknüpft werden. Im Hinblick auf die Begrenztheit öffentlicher Mittel sollten staatliche Finanzierungsmittel zukünftig stärker um private Finanzierungsmittel (u.a. Public Private Partnership, Fonds, Stiftungen, private Trägerschaften) ergänzt werden.

Passfähigkeit Qualifikationsprofile erhöhen: Die Akzeptanz von Abschlüssen auf allen Bildungsebenen kann dadurch erhöht werden, dass sich Ausbildungsinhalte (z.B. Studienfächer/-inhalte) stärker als bisher an den künftigen Bedarfsstrukturen der potenziellen Arbeitgeber aus Wirtschaft, Wissenschaft und im Öffentlichen Dienst ausrichten. Beispielsweise könnten sich Ausbildungsinstitutionen (u.a. bei Lehrstuhlneubesetzungen) stärker als bisher an dem Technologie-Portfolio regionaler Cluster oder den Profilen leistungsstarker Kompetenznetzwerke ausrichten. Hierzu müssen sich Bildungsinstitutionen und potenzielle Arbeitgeber(gruppen) zukünftig in einem langfristig ausgerichteten kontinuierlichen Prozess früher und intensiver als bisher darüber abstimmen, welches die zukünftigen Qualifikationsbedarfe sein könnten. Die Identifizierung zukünftiger Bedarfe sollte nicht nur »industriegetrieben« sein, sondern auf einem kritischen Diskurs aller Beteiligten sowie auf regelmäßig (wissenschaftlich-neutral) durchgeführten Foresights zum Qualifikationsbedarf basieren. Finnland setzt dies bereits um, indem verschiedene Institute Prognosen über Arbeitsmarktbedarfe speziell im hochqualifizierten Bereich erstellen. Zusätzlich sollte eine kontinuierliche Erfassung von Soll/Ist-Abweichungen zwischen dem künftigen Bedarf und dem künftigen Angebot durchgeführt werden.

Im Hinblick auf zukünftig benötigte Qualifikationsprofile zeigen die Analysen des TAB-Berichtes, dass die Fähigkeit zu interdisziplinärem und internationalem (Team-)Arbeiten zukünftig noch stärker gefordert sein wird. Hierbei sollten die interdisziplinären Anforderungen von Zukunftstechnologien (u.a. Bio-, Nano-, IuK- Technologie) stärker als bisher in den jeweils relevanten Studiengängen (z.B. Medizin, Informatik, Chemie) vermittelt werden. Zudem sollten techniknahe Bildungsinstitutionen gezielt wichtige betriebswirtschaftliche Inhalte mit in die Lehrpläne aufnehmen (u.a. Finanzierungs- und Risikomanagementinstrumente, interkulturelles Management). Zudem sollten neben dem Erwerb soliden Fachwissens und geeigneten (kreativen) Problemlösungstechniken verstärkt auch weiche Schlüsselkompetenzen (»Soft Skills«) wie z.B. Teamfähigkeit, Netzwerkmanagement-Know-how, Präsentations-/Kommunikationstechniken gefördert werden, da diese Fähigkeiten beim Arbeiten in Netzwerken hilfreich sind. Auch internationale Bildungsinhalte wie z.B. Fremdsprachenkenntnisse und das Wissen hinsichtlich international orientierter Analyseinstrumente (z.B. internationale Marktforschungs- und Technologie-Moni­toring-Analysemethoden) sollten verstärkt in die Lehrpläne integriert werden.

Internationale Öffnung der Bildungsinstitutionen fördern: Um Deutschland für ausländische Studenten attraktiver und Auslandaufenthalte für deutsche Studenten interessanter zu machen, sind nicht nur Lehrinhalte, sondern auch die Strukturen der Ausbildungsinstitutionen (z.B. Prüfungsordnungen, Aufbau internationaler Universitätsnetzwerke und deren Verknüpfung mit internationalen außeruniversitären FuE-Institutionen) stärker für den internationalen Raum zu öffnen (z.B. durch Bachelor-Master-Strukturen auf breiter Basis und verstärkte Modularisierung und Flexibilisierung einzelner Bildungsgänge). Unbürokratische Verwaltungsprozesse zur Durchführung von Auslandsaufenthalten wirken hier unterstützend (z.B. durch bessere Anrechenbarkeit der im Ausland erzielten Leistungen). Zur dauerhaften Attraktion von ausländischen Studenten sollte den ausländischen Studenten frühzeitig die Aussicht auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung angeboten werden. Zudem sollte der internationale Studenten- und Lehrkräfteaustausch ähnlich wie in Finnland forciert werden durch festgelegte Zielvorgaben, die in die regelmäßigen Hochschulbewertungen und die Mittelvergabe mit einfließen sollten.

Nachfrage

Die Handlungsoptionen im Bereich Nachfrage lassen sich wie folgt zusammenfassen (Kap. IV.5.1.3):

Nutzer stärker und früher integrieren: Innovationsakteure vor allem aus der Wirtschaft (aber auch aus Wissenschaft und Politik) sollten früher als bislang die Kunden (Konsumenten und Bürger) interaktiv in ihre Innovationsprozesse einbinden. Dies hat für die Innovationsakteure eine Doppelwirkung: Einerseits wird meist eine schnellere und breitere Marktdurchdringung erreicht (z.B. durch höhere Akzeptanz aufgrund einer höheren Passfähigkeit technologischer Lösungen), und andererseits erhalten die Innovationsakteure frühzeitig Anregungen zu Neuerungen, Verbesserungen und Weiterentwicklungspotenzialen. Die stärkere Öffnung z.B. unternehmerischer Innovationsprozesse (»Open-Innovation«-Philosophie) in Richtung nationale und internationale Endkunden/Zielgruppen und die regelmäßige aktive strategische Einbindung aktueller und potenzieller Kunden, Wissenschaftler, Zulieferer und anderer Externer (z.B. aus verwandten Sektoren und Disziplinen) in industrielle Innovationsprozesse führt in der Regel zu einer Vergrößerung des Innovationserfolges, da nationale und internationale Markt-, Industrie- und Technologietrends frühzeitig aufgespürt werden. Die mit einer Öffnung verknüpften Risiken (insb. Wissensabfluss) müssen z.B. über Vereinbarungen minimiert werden.

Nutzungskompetenzen verbessern: Durch Investitionen in Aus- und Weiterbildung können Konsumenten und industrielle Akteure sowohl auf innovative Prozesse, Produkte und Dienstleistungen aufmerksam gemacht als auch gleichzeitig in die Lage versetzt werden, diese zu nutzen. Partnerschaften zwischen Innovationsakteuren (z.B. Politik und Wirtschaft) sind hier hilfreich, um eine Breitenwirkung zu erzielen (z.B. durch gemeinsam organisierte Projekte, Informationsveranstaltungen, Basis- und Fortgeschrittenenkurse, Fortbildungen, günstige bzw. kostenlose Beratungsangebote).

»Kostengünstige« Infrastruktur und Endprodukte: Um die Nachfrage nach innovativen Produkten und Dienstleistungen und deren Nutzung zu ermöglichen, müssen oft Infrastrukturvoraussetzungen geschaffen werden (z.B. Investitionen zur flächendeckenden Bereitstellung von Internetanschlüssen). Hierbei sollte für Wettbewerb gesorgt werden, damit die angebotenen Produkte und Dienstleistungen zu einem »angemessenen« (möglichst kostengünstigen) Preis den Konsumenten angeboten werden. Häufig wirkt auch ein kostengünstiger Zugang zu verwandten Technologien unterstützend. Dies erfordert u.U. eine Liberalisierung von Schlüsselindustrien (z.B. Telekommunikation). Um eine initiale Nachfrage für Innovationen zu stimulieren, kann auch eine zeitlich befristete (degressiv ausgestaltete) Subventionierung neuer Prozesse, Produkte und Dienstleistungen sinnvoll sein (z.B. bei erneuerbaren Energien). Wichtig ist, dass sich die Innovationen nach einer bestimmten Zeit im Wettbewerb (z.B. zu anderen Technologien) »am Markt rechnen«.

Bewusstsein für Innovationen erhöhen: Eine Offenheit, sich mit Innovationen und neuen Technologien auseinanderzusetzen, kann die Aufnahmebereitschaft und Auf-nahmefähigkeit für Innovationen begünstigen. Bestehende Vorbehalte in der Bevölkerung müssen von der Politik, Wissenschaft und Industrie ernst genommen werden, denn nur so kann ein gesellschaftliches Klima erreicht werden, in dem Innovationen offen aufgenommen werden. Eine kritische Diskussion neuer Technologien kann zu einer bedarfsgerechteren und u.U. auch länderspezifischen Gestaltung neuer Technologien beitragen. Nachhaltige Maßnahmen zur Steigerung der Offenheit gegenüber Wissenschaft, Technologie und Innovation sollten bereits in den allgemein bildenden Schulen ansetzen. Über die Reform von Lehrplänen und Integration neuer Technologien in den Schulalltag kann bereits früh eine (durchaus kritische) Offenheit erzeugt werden. An Schulen sollte jedoch nicht nur die Infrastruktur (z.B. PC, Internetanschlüsse, Experimentiermöglichkeiten) bereitgestellt werden, sondern vor allem müssen die Lehrer als Promotoren interaktiv mit einbezogen und auch entsprechend aus- und weitergebildet werden. Hierbei ist ein effizienter Abstimmungsprozess zwischen Bundes- und Landesinitiativen erforderlich.

Unsicherheiten reduzieren: Um Unsicherheiten z.B. über Sicherheit und Qualität bei Innovationen in neuen Technikfeldern zu reduzieren, sollten leichtverständliche Informationen zu Chancen und Risiken dieser Innovationen sowie zu den einschlägig geltenden Gesetzen, Standards und Normen (und was diese bedeuten) möglichst kostenfrei öffentlich bereitgestellt werden. Eine offene und objektive Informations- und Aufklärungspolitik seitens Wirtschaft, Wissenschaft und Politik kann das Vertrauen der Öffentlichkeit dauerhaft stärken. Hierbei sollte die Zusammenarbeit zwischen Politik, Wissenschaft und Medien verbessert werden, damit die Informationen häufiger als bisher direkt bei den Bürgern ankommen. Internetpräsenzen (u.a. mit interaktiven Webseiten) sowie Newsletter, Branchenführer, kostenlose Publikationen, Telefon-Hotlines oder Veranstaltungen können hierbei dienlich sein. Zudem kann die Sicherstellung und Stärkung der Konsumentenrechte (z.B. Kennzeichnungspflichten) wichtig sein für Vertrauensbildung und Risikoreduktion. Damit Maßnahmen zur Stimulierung öffentlicher Debatten sowie Informationskampagnen die nötige Breitenwirkung entfalten, ist eine Koordination über verschiedene Ministerien bzw. Innovationsakteursgruppen notwendig.

Auch über Demonstrationsprojekte kann die Erprobbarkeit neuer Technologien geprüft und dadurch Unsicherheiten reduziert werden. Bei Demonstrationsprojekten sollten sowohl Anbieter und Nachfrager eingebunden sein, da z.B. seitens der Nachfrager Probleme und Anpassungsbedarfe direkt an die Anbieter zurückgekoppelt werden können. Erfolgreiche Demonstrationsprojekte und deren Ergebnisse sollten breit bekannt gemacht werden, um zum Abbau von Unsicherheiten beizutragen. Auch Regulierungen können positiv auf das Nachfrageverhalten einwirken. National und international abgestimmte Standards (z.B. bezüglich Sicherheit oder Qualität, Angaben zur Produktzusammensetzung) und Normen können Informa-tionskosten und das Risiko für die Nachfrager reduzieren und damit Vertrauen schaffen. Standards und Normen können zudem die Kompatibilität und Interoperabilität verschiedener Anwendungen gewährleisten und dadurch Adoptionskosten abbauen, vor allem wenn sie offen für technologische Weiterentwicklungen sind. Dadurch unterstützen sie eine frühzeitige breite Nachfrage nach Innovationen.

Netzwerke und Cluster

Forschungs- und wissensintensive Branchen kooperieren besonders intensiv. Aufgrund der zunehmenden Bedeutung von Clustern und Netzwerken wurde in der Vergangenheit die nationale Innovations- und Technologiepolitik bereits um Cluster- und Netzwerk-Ansätze erweitert. Die Ergebnisse des TAB-Innovationsreports deuten darauf hin, dass die Cluster und Netzwerke oftmals aber strategisch noch nicht optimal positioniert und KMU häufig noch unzureichend in bestehende Cluster und Netzwerke integriert sind. Vor dem Hintergrund der Analyse von Erfolgsfaktoren von Cluster- und Netzwerkpolitik lassen sich wichtige Erfolgskriterien wie folgt zusammenfassen (Kap. IV.6.1.3):

Die Politik sollte bei der Cluster- und Netzwerkbildung koordinierend und unterstützend einwirken (z.B. Erschließung/Bereitstellung von Inkubator-, Produktionsflächen und Verkehrsinfrastruktur), und nicht steuernd. Auf Cluster- und Netzwerkbildung ausgerichtete regionale Entwicklungsstrategien sowie Förderprojekte von Bund, Länder und EU sollten stärker als bisher in einen dynamischen Verbund mit Innovationsentscheidungen und -strategien führender multinational agierender Unternehmen (mit einer »Open-Innovation«-Philosophie) eingebunden sein. Die strategische Ausrichtung regionaler Cluster sollte dabei den räumlichen Gegebenheiten Rechnung tragen und vor allem an vorhandene (technologische) Stärken anknüpfen, diese bündeln und weiterentwickeln (»Stärkung der Stärken«). Eine auf Ansiedlung von Unternehmen und FuE-Einrichtungen gerichtete regionale Entwicklungsstrategie muss an den Standortfaktoren in ihrer Komplexität ansetzen. Hierzu ist die aktive Entwicklung und Umsetzung eines technologieorientierten Regionalmarketing-Konzepts sinnvoll, das die regionalen technologiespezifischen Kompetenzen verdeutlicht, die Region als innovativen Standort (z.B. in der Einheit von Wissen, Qualifikation, Forschung, Aus-/Fortbildung, Technologietransfer, Wachstum, freundlicher Bürokratie, attraktivem Lebens-/Wohnumfeld) sowohl nach innen als auch nach außen (z.B. bei Messen, Veranstaltungen im In- und Ausland) darstellt.

Zudem ist vor allem darauf zu achten, dass auch die Transformation zu markt- und anwendungsorientierten Clustern gelingt. Cluster und Netzwerke sollten sich daher zukünftig viel stärker als bisher an nationalen, aber auch an globalen Kundenbedarfsstrukturen ausrichten, d.h. sie müssen rechtzeitig auf Exportierbarkeit und Weltmarktfähigkeit »getrimmt« werden und im weltweiten Vergleich tragfähige Strukturen entwickeln. Hierbei sollten vermehrt Foresight-Prozesse, Roadmap-Prozeduren, Technology Assessments und (internationale) Vergleichsstudien durchgeführt werden, um veränderte (globale) Markt-, Industrie- oder Technologietrends frühzeitig zu erfassen.

Vor allem in reiferen Clustern/Netzwerken sollten die »Öffnung nach außen« und die Internationalisierung vorangetrieben werden. Diese externen überregionalen/internationalen Kooperationen sind wichtig, um kontinuierlich ausreichend neue Impulse und Informationen (z.B. zu internationalen Markterschließungspotenzialen und globalen Technologietrends) zu erhalten und »Lock-in«-Effekte zu vermeiden. Nachdem in den letzten Jahren Cluster- und Netzwerkansätze in die Innovationspolitik integriert wurden, sollten zukünftig weniger die Quantität von Netzwerken als vielmehr die Qualität, inhaltliche Ausrichtung (u.a. technologische/sektorale Schwerpunktsetzung) und Zielgerichtetheit im Vordergrund stehen. Qualifizierungsmaßnahmen (z.B. Aufbau von Netzwerkmanagement-Kompetenzen) sowie die explizite Aufnahme von Qualifizierungszielen in die Netzwerkziele sind hierbei hilfreich. Zudem sollte verstärkt auf Bestehendem aufgesetzt werden (z.B. Vernetzung der Netzwerke und Cluster, Informations- und Erfahrungsweitergabe bereits durchgeführter Aktivitäten). Kontinuierliche Evaluations- und Verbesserungsprozesse (u.a. auf Basis qualitativer und quantitativer Erfolgsgrößen) sollten institutionalisiert werden, wobei auf eine hohe Transparenz der Prozesse zu achten ist. Die Ergebnisse könnten eine Plattform für Vergleiche und Lernprozesse bieten. Dadurch wird u.a. vermieden, dass (dauerhaft staatlich geförderte) »künstliche Netzwerke« geschaffen werden.

Gerade bei KMU ist die Kooperationsbereitschaft, oftmals aber auch deren Kooperationsfähigkeit im Vergleich zu Großunternehmen gering (z.B. zu geringe finanzielle und personelle Mittel), und ihre Einbindung in Cluster und Netzwerke ist bislang noch unzureichend. Wirtschaftliche Potenziale (z.B. breitere Marktdurchdringung, bessere Kapazitätsauslastung), z.B. durch Produktions- und Vertriebspartnerschaften im In- und Ausland, bleiben häufig ungenutzt. Deshalb erscheint eine Unterstützung von KMU bei der Vernetzung bzw. Einbindung in Netzwerkstrukturen in Kombination mit FuE-Förderung (z.B. mithilfe indirekter Förderinstrumente) sinnvoll. Bei der Vernetzung sollte eine ausgewogene Mischung aus technisch innovativen Akteuren (z.B. Forschungseinrichtungen) und vermarktungsstarken Netzwerkpartnern (z.B. international agierende KMU, größere Global Player) gewählt werden. Dabei sollte beim Aufbau von KMU-Netzwerken nicht nur der Anstoß zur Netzwerkbildung, sondern auch das Erlernen des Kooperationsmanagements stärker in der Netzwerkförderung berücksichtigt werden.

Die Leistungsfähigkeit von erfolgreichen Clustern wird stark beeinflusst durch die Effektivität und Effizienz betrieblicher Leistungsprozesse der beteiligten Unternehmen. Überdurchschnittlich erfolgreiche Unternehmen mit profitablem Wachstum zeichnen sich dadurch aus, dass sie konsequent eine konsistente Unternehmensstrategie verfolgen und diese auf ihre Kernkompetenzen abstimmen. Der Erfolg beruht zudem darauf, dass sie systematisch neue Absatzmärkte erschließen (u.a. in Asien, Osteuropa), ihre Wertschöpfungsprozesse unter Faktorkosten- und Kompetenzgesichtspunkten weltweit optimieren (aber ihre Kernkompetenz »in-house« behalten), kontinuierlich mehr in Forschung und Entwicklung und ihre Innovationsfähigkeit investieren und verstärkt auf Kooperationsnetzwerke zurückgreifen, innovative Finanzierungs- und Risikomanagementinstrumente (z.B. Sensitivitätsanalysen, Szenarientechnik) kontinuierlich nutzen sowie einen starken Fokus legen auf die Weiterbildung der Mitarbeiter. Diese Erfolgsfaktoren können als Handlungsoptionen für die industriellen Innovationsakteure verstanden werden.

Gesamtfazit

Der TAB-Innovationsreport zeigt, dass die zukünftige internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht nur von der Effektivität und Effizienz staatlichen Handelns abhängt, sondern auch erheblich von der Effektivität und Effizienz der wissenschaftlichen und betrieblichen Leistungsprozesse und damit vom Handeln der Akteure aus Wissenschaft und Industrie.

Während wichtige Konkurrenzländer Deutschlands in den letzten Jahren massiv in Forschung und Entwicklung und in Reformen im Bildungssystem investiert haben, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und dauerhaftes Wirtschaftswachstum zu sichern, hat Deutschland hier Nachholbedarf. Die Studie identifizierte entlang der gesamten Wertschöpfungskette zum Teil erhebliche Schwächen, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit forschungs- und wissensintensiver Branchen am Standort Deutschland dauerhaft gefährden. Will man am Standort Deutschland die forschungs- und wissensintensiven Branchen dauerhaft international wettbewerbsfähiger machen, reichen punktuelle Maßnahmen nicht aus. Vielmehr ist ein »ganzheitlicher systemischer Ansatz« erforderlich, der alle relevanten angebots- und nachfrageseitigen Faktoren sowie deren Vernetzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette adäquat berücksichtigt.

Die Ansatzpunkte zur dauerhaften Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit forschungs- und wissensintensiver Branchen liegen demnach in den Handlungsfeldern Erhöhung der staatlichen und industriellen FuE-Dynamik, einem effizienteren Bildungssystem, einer besseren Ausschöpfung des qualifizierten Arbeitsangebotspotenzials, einer innovationsoffenen Nachfragekultur, einer stärker marktorientierten Cluster- und Netzwerkpolitik sowie in einer erhöhten Effektivität und Effizienz wissenschaftlicher und industrieller Leistungsprozesse.

Die abgeleiteten Handlungsoptionen in diesen Handlungsfeldern könnten zukünftig als Bezugsrahmen und Plattform für einen intensiven Dialog zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft dienen mit dem Ziel, sowohl die Standortbedingungen als auch die wissenschaftlichen und betrieblichen Leistungsprozesse in Deutschland international wettbewerbsfähiger zu machen.

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