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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Bärbel Hüsing • Juliane Hartig • Bernhard Bührlen • Thomas Reiß • Sibylle Gaisser

Individualisierte Medizin und Gesundheitssystem

TAB-Arbeitsbericht Nr. 126. Berlin 2008, 348 Seiten

Zusammenfassung

Seit wenigen Jahren wird in Zukunftsstudien und auch in der wissenschaftlichen Literatur eine individualisierte Medizin als bedeutsame Entwicklung thematisiert, die die Gesundheitsversorgung in etwa 20 Jahren prägen könnte. Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel dieses Zukunftsreports, bereits in der Frühphase der forschungs- und gesundheitspolitischen Diskussion über die Zukunftsoption der individualisierten Medizin zu analysieren,

  • welche Entwicklungslinien in den Lebenswissenschaften zu einer individualisierten Medizin beitragen können;
  • wie der aktuelle Stand von Wissenschaft und Technik und die möglichen künftigen Entwicklungen einzuschätzen sind;
  • welche Implikationen sich für die Technikentwicklung und die Einbettung dieser Techniken in das zukünftige Gesundheitssystem ergeben, wenn sie einen Beitrag zu einer individualisierten Medizin leisten sollen.

Diese Implikationen werden insbesondere im Hinblick auf Wissenschaft und Technikentwicklung, medizinische Versorgung, Unternehmen und Krankenversicherung thematisiert. Dabei wird eine Systemperspektive eingenommen.

Definition und Typologie der individualisierten Medizin

Da es bisher keine anerkannte übliche Definition der individualisierten Medizin gibt, wird hierunter in diesem Zukunftsreport eine mögliche künftige Gesundheitsversorgung verstanden, die aus dem synergistischen Zusammenwirken der drei Trei­ber »Medizinischer und gesellschaftlicher Bedarf«, »Wissenschaftlich-technische Entwicklungen in den Lebenswissenschaften« und »Patientenorientierung« entstehen könnte. Dabei besteht der medizinische und gesellschaftliche Bedarf darin, der wachsenden Herausforderung der bislang nur unzureichend behandelbaren komplexen und oft chronischen Krankheiten, wie z. B. Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel-, Krebs- und neurologische Erkrankungen, zu begegnen. Entstehung und Verlauf dieser Krankheiten werden durch ein komplexes, wenig verstandenes Zusammenspiel von vielen, noch nicht vollständig bekannten Faktoren (z. B. Umwelteinflüsse, Lebensführung, genetische Disposition, sozioökonomischer Status) bestimmt. Ansätze liegen in der Entwicklung von neuen oder verbesserten therapeutischen, präventiven und rehabilitativen Interventionen bzw. in der Einführung neuer Interventionen mit erhöhter Wirksamkeit sowie in der Vermeidung chronischer Krankheiten durch Präventionsmaßnahmen bzw. in der Verschiebung des Zeitpunkts der Erkrankung nach höheren Lebensaltern (»healthy ageing«). Letztlich sollen zugleich die Lebensqualität erhöht, Qualitäts- und Kostenziele in der Gesundheitsversorgung erreicht und die Sozialsysteme entlastet werden.

Eine Voraussetzung für die Entwicklung von Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten für komplexe Krankheiten, die verbesserte Ergebnisqualität aufweisen, ist die möglichst umfassende Kenntnis aller relevanten Krankheitsfaktoren und ein Verständnis ihres Zusammenwirkens. Hierzu zählen Umweltfaktoren (z. B. Ernährung, Exposition gegenüber Umweltschadstoffen, Krankheitserreger), Lebensführung und sozioökonomischer Status, Gene, körperliche und psychische Verfassung sowie Interventionen (z. B. Medikamentengabe). Im Kontext der individualisierten Medizin wird insbesondere an die Genom- und Postgenomforschung, die molekulare medizinische Forschung und die zellbiologische Forschung die Erwartung gerichtet, eine Wissens- und Technologiebasis bereitzustellen, von der aus verbesserte Diagnose-, Therapie- und Präventionsmöglichkeiten entwickelt werden können.

Schließlich gewinnt in den letzten Jahren im internationalen und nationalen gesundheitswissenschaftlichen und -politischen Diskurs eine stärkere Berücksichtigung der Patientinnen und Patienten an Gewicht: Die bislang – im Vergleich zu anderen Akteuren im Gesundheitssystem – schwache Stellung der Pa­tientinnen und Patienten soll gestärkt werden, damit sie größeren Einfluss auf Entscheidungen und Handlungen gewinnen, die ihre Gesundheit betreffen. Dies zielt auf eine Stärkung der Patientenautonomie und Konsumentensouveränität ab. Auf gesellschaftlicher Ebene korrespondiert dies einerseits mit einem steigenden Gesundheitsbewusstsein bei Bürgerinnen und Bürgern und der zunehmenden Bereitschaft, Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen, andererseits aber auch mit der zunehmenden gesellschaftlichen Erwartung an Einzelne, diese Eigenverantwortung durch entsprechendes Gesundheitsverhalten und finanzielle Beiträge auszuüben.

Diese drei – zunächst einmal unabhängig voneinander verlaufenden – Treiber werden in der individualisierten Medizin zusammengeführt, die in Aussicht stellt, Qualitäts- und Kostenziele in der gesundheitlichen Versorgung durch eine auf das Individuum maßgeschneiderte Gesundheitsversorgung zu erreichen. Dabei soll diese Maßschneiderung zum einen durch erweiterte analytische und diagnostische Möglichkeiten zur Feststellung des individuellen Gesundheitszustandes und des Erkrankungsrisikos erreicht werden. Hierbei werden neue, aus der Genom- und Postgenomforschung und molekularen Medizin hervorgehende Biomarker auf der Ebene des Genoms, des Transkriptoms, Proteoms, Metaboloms sowie der Morphologie und Zellbiologie sowie entsprechende Verfahren zu ihrer Messung, z. B. bildgebende Verfahren, herangezogen. Zum anderen beinhaltet die individualisierte Medizin präventive oder therapeutische Interventionen, auf die individuellen Situationen spezifisch passen.

Insgesamt lassen sich innerhalb der individualisierten Medizin fünf verschiedene Individualisierungskonzepte identifizieren (»Typologie der individualisierten Medizin«):

  • biomarkerbasierte Stratifizierung (Gruppenbildung);
  • genombasierte Informationen über gesundheitsbezogene Merkmale;
  • Ermittlung individueller Erkrankungsrisiken;
  • differenzielle Interventionsangebote;
  • therapeutische Unikate.

»Therapeutische Unikate« stellen auf den einzelnen Patienten maßgeschneiderte therapeutische Interventionen dar (z. B. individuell mittels »Rapid Prototyping« gefertigte Prothesen und Implantate oder Zelltherapien auf der Basis patienteneigener Zellen), bei denen die »Individualisierung« auf dem Herstellverfahren der Einzelanfertigung und dem daraus resultierenden Produkt beruht, das seine besondere therapeutische Qualität dadurch erlangt, dass es nur für den Zielpa­tienten, nicht aber für andere Menschen in vergleichbarer Weise geeignet bzw. wirksam ist.

Bei den anderen vier Konzepten beruht die »Individualisierung« vor allem auf einer über den bisherigen Status quo hinausgehenden Unterteilung der Patientenpopulation in klinisch relevante Untergruppen (sog. Stratifizierung), z. B. in Gruppen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko oder in Gruppen mit besonders gutem Ansprechen auf eine bestimmte Therapie. Leitend ist dabei die Annahme, dass Diagnosen, Risikospezifizierungen und Interventionen umso zielgenauer sein können, je mehr bzw. je spezifischere Kriterien zur Gruppeneinteilung herangezogen werden können. Für diese Unterteilung werden in der individualisierten Medizin neue und spezifischere Biomarker herangezogen, die insbesondere aus der Genom- und Postgenomforschung hervorgehen. Zwar wird durch den Begriff der biomarkerbasierten individualisierten Medizin suggeriert, dass diese Stratifizierung in Teilpopulationen bis zu »Gruppen« geführt wird, die nur noch von Einzelpersonen besetzt sind. Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit, der Praktikabilität und des Nutzens ist dies jedoch nicht möglich, sodass eine besser zutreffende Begriffswahl eine »stratifizierte« Medizin wäre.

Die Konzepte »Ermittlung individueller Erkrankungsrisiken« und »Differenzielle Interventionsangebote« beinhalten eine Stratifizierung im Hinblick auf die Prävention bzw. die Auswahl geeigneter Interventionen, wobei ersteres im besonderen Maße auf die Eigenverantwortung von Patientinnen und Patienten für ihre Gesundheit rekurriert. Im Konzept »Genombasierte Informationen über gesundheitsbezogene Merkmale« werden genetische Biomarker für die Stratifizierung herangezogen. Da zugleich die genetische Ausstattung jedes Menschen einzigartig, individuell und unverwechselbar ist, können alle genombasierten Verfahren »per Definition« als individualisierte Medizin aufgefasst werden.

Mit jedem Individualisierungskonzept sind jeweils spezifische Fragestellungen und mögliche Folgen verbunden. Für die weitere Diskussion über eine individualisierte Medizin ist es wichtig, zwischen diesen Individualisierungskonzepten zu differenzieren und sie nicht unkritisch und unhinterfragt miteinander zu vermischen.

Potenziale der individualisierten Medizin

Mit der individualisierten Medizin werden folgende Erwartungen und Potenziale verknüpft:

  • Erhöhung der Genauigkeit von Krankheitsdiagnosen und -prognosen, indem Krankheiten zusätzlich auf molekularer Basis klassifiziert werden. Dadurch soll – insbesondere bei bislang schwierig zu diagnostizierenden Krankheiten wie z. B. verschiedene Krebsformen, bestimmte neurologische und psychische Erkrankungen – die bisher vorwiegend an klinischen Symptomen orientierte Diagnose ergänzt werden. Dies wird als Voraussetzung für die Entwicklung effektiverer Therapien angesehen.
  • Treffsichere Früherkennung von Risikopersonen und Früherkennung von Krankheiten bereits in frühen, ggf. präsymptomatischen Krankheitsstadien, um präventive bzw. therapeutische Interventionen frühzeitig einleiten zu können. Durch eine Frühintervention vor Eintreten irreversibler Schädigungen erhofft man sich eine günstige Beeinflussung des Krankheitsverlaufs oder sogar die Vermeidung von Krankheitsfällen durch Präventionsmaßnahmen.
  • In höherem Maße zutreffende, wissensbasierte Einschätzungen des Krankheitsverlaufs und der Behandlungs- und Heilungschancen in Abhängigkeit von Therapieoptionen (Prognose).
  • Gezielte Auswahl derjenigen Therapieoption, die für den jeweiligen Patienten bzw. Krankheitstyp mit höherer Wahrscheinlichkeit wirksam ist als andere Therapieoptionen. Hierbei kann es sich beispielsweise im Rahmen der »Regenerativen Medizin« um Transplantate aus patienteneigenem Zellmaterial oder um individuell gefertigte Implantate handeln. Auf der Ebene der medikamentösen Intervention sollen Gen- oder Stoffwechselprofile im Sinne einer Pharmakogenetik herangezogen werden, um diejenigen Medikamente auszuwählen, die die beim Patienten tatsächlich vorliegende molekulare Zielstruktur adressieren, bzw. die Medikamentenauswahl und -dosierung an die Fähigkeit zur Verstoffwechselung durch den Patienten optimal anzupassen. Insgesamt sollen dadurch die Wirksamkeit medikamentöser Interventionen erhöht, die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen verringert, unnötige, nichtwirksame Interventionen vermieden und auch die Therapietreue der Patienten (Compliance) erhöht werden.
  • Bessere Verlaufskontrolle von Krankheiten, um die Intervention an den aktuellen Verlauf schneller und gezielter anpassen zu können.

Für die pharmazeutische Industrie werden eine Effizienzsteigerung in der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung sowie die Erschließung neuer Wirkstoffe, Zielstrukturen sowie neuer Wirk- und Therapieprinzipien erwartet. Zudem können Diagnostik und Therapie als Paketlösungen angeboten werden. Für die medizintechnische und die Diagnostikindustrie birgt die Entwicklung das Potenzial, diagnostische Verfahren und Produkte auf allen Stufen der medizinischen Leistungserbringung zu etablieren und damit gegenüber dem derzeitigen Stand deutlich auszuweiten.

Patientinnen und Patienten sollen durch die angebotenen medizinisch-techni­schen Optionen in die Lage versetzt werden, durch Kenntnis ihrer persönlichen aktuellen und künftigen Gesundheitssituation Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen, z. B. durch Lebensstilveränderungen und Prävention: Durch Genotypisierung und Multiparameterdiagnostik sollen bereits vor dem Auftreten von klinisch erkennbaren Krankheitssymptomen individuelle Risikoprofile erstellt und damit Wahrscheinlichkeitsaussagen über die künftige gesundheitliche Entwicklung des Individuums getroffen werden, die eine besser zutreffende Risikoeinschätzung ergeben sollen, als dies auf Basis der bislang bekannten Risikofaktoren möglich ist.

Stand und Perspektiven der Entwicklung der Wissens- und Technologiebasis für eine individualisierte Medizin

Der Prozess von der Schaffung der Wissens- und Technologiebasis für eine individualisierte Medizin bis zu ihrer Realisierung in der medizinischen Routine­versorgung umfasst charakteristische Stufen, die eine gewisse zeitliche Abfolge implizieren. Diese Stufen sind:

  • Schaffung der Wissensbasis durch grundlegende Untersuchungen zu den Krankheitsprozessen und Therapieoptionen, Identifizierung und Charakterisierung von Biomarkern;
  • Schaffung der Technologiebasis, z. B. durch Entwicklung von Test-, Mess- und Auswerteverfahren für die jeweiligen Biomarker, Entwicklung von prototypischen Herstell-, »Drug Delivery«-, Diagnose- und Therapieverfahren;
  • Prüfung der Eignung für klinisch relevante Fragestellungen, z. B. durch klinische Prüfungen und klinische Validierungen;
  • Weiterentwicklung für und spezifische Anpassung an die klinische Routineanwendung;
  • Zulassung;
  • Routineeinsatz in der Klinik.

Nach Experteneinschätzung aus dem Bereich der biomedizinischen Forschung wird es in den kommenden 20 Jahren möglich sein, die Wissensbasis für eine individualisierte Medizin zu erarbeiten. Hierzu zählen die Entwicklung eines umfassendes Verständnisses der Entstehung und des Verlaufs von Krankheiten auf molekularer Ebene, die Aufklärung von Gen-Umwelt- und Gen-Ernährungs-Interaktionen, die Aufklärung von Zell- und Gewebeentwicklungs- und Differenzierungsprozessen sowie die Erarbeitung eines umfassenden Verständnisses der Determinanten von gesundheitsförderndem Verhalten bzw. Ernährungsverhalten.

Zurzeit liegt der Schwerpunkt der Forschungsaktivitäten und Technologieentwicklung auf der Identifizierung und Charakterisierung neuer (molekularer) Biomarker und der Entwicklung von Test-, Mess- und Auswerteverfahren für diese Biomarker. Am intensivsten untersucht und am weitesten fortgeschritten ist die Identifizierung von genomischen Biomarkern für Gene, die mit komplexen Krankheiten assoziiert sind und die Entwicklung der dafür erforderlichen Hochdurchsatztechnologien (DNA-Sequenzierung, DNA-Arrays [»Genchips«]). Noch nicht so weit fortgeschritten und auch technologisch anspruchsvoller ist die Erforschung von Markern auf Transkriptom-, Proteom- und Metabolomebene sowie der Aufklärung ihrer jeweiligen Funktion und Interaktion. Zurzeit fokussieren die Forschungsarbeiten auf einzelne Plattformen bzw. Biomarker, was aber für die Erreichung des Ziels, ein umfassendes Verständnis des Krankheitsgeschehens auf molekularer Ebene zu erarbeiten, nicht ausreichend ist. Es wird erwartet, dass die zurzeit plattform- bzw. biomarkertypspezifischen diversen Wissensbestände in den kommenden 10 bis 15 Jahren mithilfe der Systembiologie zu integrativen Modellen zusammengeführt werden, die ein Gesamtbild liefern. Hierfür müssen auch softwarebasierte Werkzeuge zur inhaltlichen und problemorientierten Erschließung bereitgestellt werden. Es wird erwartet, dass die Postgenomforschung in den kommenden 20 Jahren eine überwältigende Fülle an Biomarkern hervorbringen wird, die für eine klinische Anwendung potenziell nützlich sein könnten. Allerdings stellt die Leistungsfähigkeit der Hochdurchsatztechnologien zur Identifizierung potenziell nützlicher Biomarker jedoch auch in der Hinsicht eine Herausforderung dar, als für die sich an die Identifizierung anschließende Charakterisierung und ressourcenaufwendige Validierung nur Niedrigdurchsatzverfahren zur Verfügung stehen. Somit kommt der Entscheidung, welche der zahlreichen Biomarker den erheblichen Aufwand für die Weiterentwicklung zu klinisch einsetzbaren Tests lohnen, hohe Bedeutung zu. Deshalb besteht noch dringender Bedarf nach systematischen Vorgehensweisen und rationalen Werkzeugen, die diesen Entscheidungsprozess unterstützen.

Es besteht ein intensives Wechselspiel zwischen Technologieplattformen, die bestimmte Messungen erst ermöglichen, der Identifizierung von molekularen Biomarkern, dem wachsenden Kenntnisstand über Krankheitsprozesse auf molekularer Ebene und dem Ausloten von Möglichkeiten der Anwendung in der Klinik. So ist es beispielsweise durch die Entwicklung von Hochdurchsatztechnologien zur Messung von Biomarkern in den letzten Jahren erstmals möglich geworden, hypothesengetriebene Forschungsansätze (z. B. Untersuchung von Kandidaten­genen) durch explorative Ansätze (z. B. genomweite Assoziationsstudien) zu ergänzen. Zugleich wird das Spektrum der Untersuchungsobjekte von Modellsystemen auf Populationen und künftig, z. B. mit der Entwicklung von Hochleis­tungssequenzierverfahren für DNA, auf Individuen ausgedehnt. Für die Zukunft besteht die Herausforderung darin, die Synergien zwischen diesen komplementären Ansätzen auszuschöpfen, indem z. B. die Ergebnisse explorativer Ansätze zur Generierung neuer Forschungshypothesen genutzt werden, die dann in hypothesengetriebenen Ansätzen überprüft werden. Essenziell für eine qualitativ hochwertige Forschung und für die Gewinnung belastbare Erkenntnisse sind die Neu- und Weiterentwicklung und breite Durchsetzung von Standards und Qualitätskriterien für entsprechende Biomarkerexperimente, Studien und statistische Auswertungen, eine umfassende Forschungsinfrastruktur (z. B. langfristig zu betreibende Daten- und Biobanken [zu den damit verbundenen Fragen siehe TAB 2006]) sowie institutionenübergreifende, interdisziplinäre und internationale Kooperation.

Um ein umfassendes Verständnis der Entstehung und des Verlaufs komplexer Krankheiten erarbeiten zu können, ist es erforderlich, zusätzlich zu den biomarkerbasierten Ansätzen die Umweltfaktoren zu erforschen, da sie in größerem Maße als z. B. genetische Faktoren zum Krankheitsgeschehen beitragen. Hierfür müssen die bisher etablierten Instrumente zur Erfassung und Messung von Umweltfaktoren qualitativ weiterentwickelt werden, um z. B. kontinuierliche Messungen in Echtzeit bezogen auf Individuen durchführen zu können. Hierzu gehören z. B. miniaturisierte Messsonden zur Überwachung von Aktivitäten und Körperfunktionen und die telemetrische Übermittlung der Messwerte.

Insgesamt wird in den kommenden zwei Jahrzehnten mit den relevanten Technologien, Biomarkern und Erkenntnissen eine Technologie- und Wissensbasis geschaffen, die in vielfältiger Weise nutzbar ist. Zurzeit überwiegen andere Nutzungszwecke als die der individualisierten Medizin: An erster Stelle steht gegenwärtig der Erkenntnisgewinn in der Grundlagenforschung über die den jeweiligen Krankheiten zugrundeliegenden biologischen Prozesse, in der Generierung neuer Hypothesen für die weitere Forschung, in der Erweiterung der Forschungsansätze und in der Bereitstellung von Forschungsressourcen für weiterführende Arbeiten. In der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung setzen forschende Pharmaunternehmen einen strategischen Schwerpunkt auf die Nutzung dieser Technologie- und Wissensbasis für die Effizienzsteigerung in der klinischen Forschung und Entwicklung, ohne jedoch deren Überführung in die klinische Anwendung systematisch anzustreben. Dies heißt aber auch, dass sich eine umfassende biomarkerbasierte individualisierte Medizin nicht »automatisch« aus dieser Technologie- und Wissensbasis entwickeln wird. Vielmehr könnte das Potenzial der Wissens- und Technologiebasis für eine individualisierte Medizin nur unvollkommen bzw. mit zeitlicher Verzögerung ausgeschöpft werden, wenn nicht weitergehende Anreize gesetzt werden bzw. ressourcenstarke Akteure strategische Schwerpunkte setzen.

Überführung von Forschungserkenntnissen in die klinische Anwendung

Weil sich die Entwicklung der Wissens- und Technologiebasis für eine indivi­dualisierte Medizin noch in einem frühen Stadium befindet, gibt es bislang erst wenige Anwendungen, Produkte und Dienstleistungen, die kommerzialisiert sind und außerhalb klinischer Studien zum Einsatz kommen.

Die zeitlich frühesten Anwendungen von DNA-basierten Technologien mit medizinischem Zusatznutzen gegenüber dem Status quo sind für die genetische Diagnostik von Erbkrankheiten zu erwarten und damit zuerst für Krankheiten, die üblicherweise nicht im Kontext der individualisierten Medizin thematisiert werden. Gegenwärtig können in Deutschland mit der »klassischen« Gendiagnostik knapp 800 Krankheiten gezielt mit geeigneten Methoden molekulargenetisch untersucht werden. Eine parallele Analyse vieler Erbanlagen im Sinne eines »Genchecks« war noch vor Kurzem technisch, finanziell und zeitlich in der klinischen Praxis nicht realisierbar. Dies beginnt sich jedoch mit der Weiterentwicklung der DNA-Arrays zu ändern: In den kommenden fünf Jahren werden zumindest im Bereich der Diagnostik von »klassischen« Erbkrankheiten klinisch validierte »Themenarrays« für spezifische diagnostische bzw. analytische Fragestellungen in der klinischen Anwendung erwartet. 2007 wurden in etwa 10 % der Chromosomenanalysen, die in der medizinischen Versorgung veranlasst wurden, DNA-Arrays für die Detektion von Deletionen oder Duplikationen in umschriebenen Chromosomenregionen eingesetzt und könnten in den nächsten Jahren die konventionelle Karyotypanalyse weitgehend ersetzen.

Mit DNA-Arrays können auch Aussagen über das Vorliegen krankheitsassoziierter genomischer Marker getroffen werden, die mit komplexen Krankheiten verknüpft sind. In der Forschung, z. B. in genomweiten Assoziationsstudien, werden hochdichte DNA-Arrays verwendet, die bis zu 1,8 Mio. genetischer Marker (knapp 1 Mio. Einzelnukleotidpolymorphismen (SNP) und ca. 800.000 Marker für Kopienzahlvarianten), die über das gesamte Genom verteilt sind, parallel abtesten. Allerdings sind für die meisten der verwendeten Marker weder Funk­tionen bekannt, noch können sie vermutet werden, sodass die tatsächlichen Ursachen und genetischen Faktoren für die Krankheit auf diese Weise nicht identifiziert werden können. Die mit solchen Analysen bisher erzielten Ergebnisse stellen deshalb primär eine Forschungsressource dar, auf deren Basis Hypothesen, z. B. über die Krankheitsentstehung, generiert und weitere Analysen begonnen werden können.

Anfang 2008 boten mindestens 27 Firmen über das Internet SNP-basierte Analysen für Privatpersonen meist zu Preisen von 1.000 bis 3.000 US-Dollar/Analyse an, die der Spezifizierung des individuellen Erkrankungsrisikos für eine oder mehrere komplexe Krankheiten dienen sollen. So bietet beispielsweise das US-Unter­nehmen Navigenics, Inc. Privatpersonen eine SNP-Analyse, bei der Assoziationen mit 18 häufigen Krankheiten untersucht werden, für 2.500 US-Dollar an. Teilweise ist in diesen Angeboten auch die Erarbeitung von auf die individuelle Disposition abgestimmten Empfehlungen für einen auf Erhalt der Gesundheit ausgerichteten Lebensstil enthalten. Wegen der fehlenden klinischen Validität und des prädiktiv-probabilistischen Charakters des Analyseergebnisses mit unzureichender Relevanz für eine klinische Entscheidungsfindung wird dieses Angebot von Klinikern jedoch als verfrüht eingeschätzt. Firmen mit entsprechenden Angeboten sind beispielsweise die 2007 gegründeten US-Firmen 23andMe, Inc., Navigenics, Inc., Knome Inc., das isländische Unternehmen deCODE genetics und das deutsche Unternehmen LifeCode AG.

In Bezug auf die Totalsequenzierung individueller Genome nimmt das US-Unter­nehmen Knome insofern eine Vorreiterposition ein, als es diese Leistung Privatpersonen zu einem Preis von 350.000 US-Dollar anbietet. Ansonsten finden Totalsequenzierungen individueller Genome zurzeit im Rahmen von Forschungsprojekten statt.

Bislang sind nur wenige Arzneimittel bzw. Tests für eine individualisierte Arzneimitteltherapie zugelassen, von denen einige aber sehr attraktive Umsätze erreichen und der neuen Gruppe der »niche-busters«, d. h. auf kleine Zielmärkte ausgerichtete Medikamente mit dennoch hohen Umsätzen, zuzurechnen sind. Die wichtigsten Kandidaten für individualisierte therapeutische Ansätze aus Sicht der pharmazeutischen Industrie sind derzeit Krebserkrankungen, Autoimmunerkrankungen und Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Kommerzialisierte Produkte finden sich in verschiedenen Gruppen der individualisierten therapeutischen Interventionen:

  • Tests zur Unterstützung der Entscheidung über die Art des einzuleitenden Behandlungsschemas. In diese Gruppe fallen mehrere Genotypisierungstests und Testsysteme für die Analyse von Transkriptionsprofilen. Dies sind auf Transkriptionsprofilen beruhende Brustkrebstests Oncotype DX® (Anbieter Genomic Health, Inc., USA), MammaPrint® (Agendia BV, NL), der Leukämietest AmpliChip® (Roche Diagnostics, CH) und Tests für Krebsformen mit unbekanntem Primärtumor CUPprint (Agendia BV, NL) und Tissue of Origin Test (Pathwork Diagnostics, Inc., USA). Weitere Tests auf der Basis von Genotypisierungen unterstützen ebenfalls die Entscheidung über die Art der einzuleitenden Behandlung bei AIDS, nach Herztransplantationen sowie bei verschiedenen Krebserkrankungen.
  • Bestimmte Medikamente greifen an Wirkorten an bzw. wirken auf Stoffwechselwege ein, die nur bei einer Subpopulation der Erkrankten vorliegen, sodass dieses Medikament nur bei dieser Patientensubpopulation wirksam ist. Ob ein Patient zu der Subpopulation gehört, die von dem Medikament profitieren könnte, wird über ein geeignetes Testverfahren ermittelt, das das Vorliegen des Wirkorts anzeigt. In diese Kategorie fallen die Brustkrebsmedikamente Herceptin® (Trastuzumab) und Tamoxifen, das Leukämiemedikament Glivec® (Imatinib) und das AIDS-Medikament Celsentri® (Maraviroc).
  • Die Fähigkeit zur Verstoffwechselung bestimmter Arzneimittelwirkstoffe ist genetisch mitbedingt. Von der individuellen genetischen Disposition zur Verstoffwechselung dieses Wirkstoffs hängt ab, in welcher Dosis das Medikament individuell wirksam ist bzw. ob bei diesem Patienten schwere Nebenwirkungen zu erwarten sind. Durch einen geeigneten Gen- oder biochemischen Test wird die jeweilige Fähigkeit zur Verstoffwechselung ermittelt und in Abhängigkeit vom Testergebnis die wirksame Dosis festgelegt bzw. wegen zu erwartender Nebenwirkungen ein anderer Wirkstoff gewählt. In diese Gruppe gehören der 2003 von der FDA zugelassene AmpliChip® CYP450, der 30 verschiedene Allele der Gene CYP2D6 und CYP2C19 parallel analysiert; Verigene® Nukleinsäuretests, die u. a. die Dosisfindung für den Blutverdünner Warfarin unterstützen, ein Test zur Dosisfindung des Darmkrebsmedikaments Camptosar® (Irinotecan), und der TPMT-Test zur Dosisfindung des Leukämiemedikaments Puri Nethol® (Mercaptopurin).

Bei dem aktuell geringen Kommerzialisierungs- und Verbreitungsgrad der individualisierten Medizin wird der klinische Nutzen für komplexe Krankheiten in zehn Jahren gering sein. Jedoch wird eine wachsende Zahl neuer biomarkerbasierter Tests und Untersuchungsverfahren sowie individualisierter Therapien in den nächsten Jahren ein Entwicklungsstadium erreichen, in dem sie am Übergang in die Anwendung in der Gesundheitsversorgung stehen, sodass aus wissenschaftlich-technologischer Sicht eine Individualisierung der Gesundheitsversorgung mit einer zeitlichen Perspektive etwa 15 bis 20 Jahren möglich erscheint.

Erfahrungen aus den letzten Jahrzehnten mit der klinischen Anwendung neuer medizinischer Verfahren zeigen allerdings, dass nichtintendierte Wirkungen auftreten, wenn sich der Einsatz eher am technisch Machbarem bzw. wissenschaftlich oder wirtschaftlich Attraktivem orientiert als am klinischen Nutzen. Dies ist häufig der Fall, wenn die technische Verfügbarkeit zeitlich vor der Erarbeitung der Wissensbasis zur Beurteilung der neuen Verfahren hinsichtlich ihrer Validität und den Bedingungen ihres »sinnvollen« klinischen Einsatzes liegt. Einerseits kann ein unzureichender Nachweis der klinischen Validität und des klinischen Nutzens ein wesentliches Hemmnis für die breite Anwendung eines potenziell sinnvollen Verfahrens darstellen. Andererseits werden Untersuchungs- und Behandlungsverfahren teilweise schneller und breiter in der klinischen Praxis angewendet, als klinische Evidenz geschaffen, Referenzstandards und Leitlinien entwickelt und validiert werden.

Vor diesem Hintergrund besteht weitgehend Konsens, dass die erwünschten gesundheitlichen Wirkungen einer biomarkerbasierten individualisierten Medizin nur eintreten, nichtintendierte negative Wirkungen vermieden und damit auch eine biomarkerbasierte individualisierte Medizin in größerem Umfang und nachhaltig, d. h. über einzelne Nischen- bzw. kurzfristige Anwendungen hinaus, in die Gesundheitsversorgung integriert werden können, wenn dafür Sorge getragen wird, dass keine unzureichend validierten Verfahren der individualisierten Medizin in die Gesundheitsversorgung eingeführt werden.

Aus international anerkannten Bewertungsschemata für neue Testverfahren, wie z. B. dem in den USA entwickelten ACCE-Modell, lässt sich ableiten, dass für die Überführung in die klinische Anwendung insbesondere Daten zur Bewertung der analytischen Validität, der klinischen Validität und des klinischen Nutzens benötigt werden. Allerdings steht der Diskurs darüber erst am Anfang, welche Nachweise für neue Testverfahren konkret mit welchem Verbindlichkeitsgrad und von welchen Akteuren im Gesundheitswesen zu erbringen sind, um

  • eine Marktzulassung zu erlangen;
  • die Tests und Verfahren in der Gesundheitsversorgung außerhalb klinischer Studien anzuwenden, ggf. schrittweise in zu spezifizierenden Zielgruppen bzw. institutionellen Kontexten;
  • eine Kostenerstattung der Verfahren durch Kostenträger, wie z. B. gesetzliche oder private Krankenkassen, zu erlangen.

Von der Ausgestaltung der jeweiligen Anforderungen und ihrem Verbindlichkeitsgrad hängt wesentlich ab, ob diese Tests die klinische Entscheidungsfindung verbessern und zur Erreichung gesundheitspolitischer Zielsetzungen beitragen können, in welchem Ausmaß und welcher Geschwindigkeit diese Tests in die klinische Praxis eingeführt werden und ob es für Unternehmen wirtschaftlich attraktiv ist, Testverfahren für die individualisierte Medizin zu entwickeln und anzubieten. Der Bereitstellung dieser Informationen kommt somit eine Schlüsselrolle für die künftige Entwicklung der individualisierten Medizin zu. Vor diesem Hintergrund sind Maßnahmen erforderlich, die sich richten auf

  • die Generierung der Wissensbasis zur Bewertung von analytischer und klinischer Validität sowie klinischem Nutzen;
  • die Erschließung entsprechender Wissensbestände für Bewertungs- und Entscheidungsprozesse;
  • die Verbreitung der Ergebnisse entsprechender Bewertungen für Entscheidungs­prozesse.

Insbesondere im Bereich der Forschungsförderung wurden in jüngster Zeit in Deutschland zahlreiche Fördermaßnahmen im Bereich der translationalen Forschung implementiert, die die analytische und klinische Validierung von biomarkerbasierten Verfahren zum Ziel haben und die damit eine bislang in der Förderlandschaft existierende Lücke schließen sollen. Darüber hinaus sind weitere Forschungsförderer, Forschungseinrichtungen und in diesem Bereich aktive Unternehmen sowie Krankenkassen angesprochen, aktiv dazu beizutragen, die für die jeweiligen Testverfahren zunächst nur rudimentär vorhandenen Daten und Wissensbestände schrittweise zu erweitern, um in einem mehrjährigen, nichtlinearen, interdisziplinären Multiakteursprozess die erforderliche Evidenz aufzubauen und eng mit Entscheidungsträgern bzw. Entscheidungsprozessen zu verzahnen. Für den Einführungsprozess neuer Anwendungen der individualisierten Medizin in die medizinische Praxis wäre die Konzentration auf eine begrenzte Anzahl von Zentren bzw. multizentrischen Verbünden hilfreich, die personell und sächlich in der Lage sind, zum einen die Generierung der erforderlichen Datenbasis zur wissenschaftlichen Auswertung und evidenzbasierten Weiterentwicklung der neuen Dia­gnose- und Behandlungsverfahren für einen späteren breiteren Einsatz in der Gesundheitsversorgung sicherzustellen. Zum anderen könnten sie die koordinierte Zusammenarbeit aller erforderlichen Disziplinen für die medizinische Versorgung und ggf. psychosoziale Betreuung der Patienten gewährleisten.

Neue biomarkerbasierte Testverfahren für die individualisierte Medizin müssen nach der In-vitro-Diagnostika-Richtlinie bzw. dem Medizinproduktegesetz zugelassen werden. Hierfür ist jedoch lediglich der Nachweis der analytischen Validität zu erbringen. Da die EU-Kommission zurzeit eine Revision des Medizinprodukterechts durchführt, bietet sich hier eine günstige Gelegenheit auszuloten, inwieweit zumindest für bestimmte Tests der Nachweis der klinischen Validität als Voraussetzung für die Marktzulassung in der IVD-Richtlinie gefordert werden sollte, um auf diesem Wege die Bereitstellung dieser Daten für die Gesundheitsversorgung zu gewährleisten.

Einführung in die Gesundheitsversorgung

Weil zurzeit offen ist, wie der Prozess der Überführung von prototypischen Anwendungen aus der Forschung in die Routinegesundheitsversorgung gestaltet werden wird, sind Überlegungen mit großen Unsicherheiten behaftet, wie eine künftige Gesundheitsversorgung ausgestaltet sein könnte, in der individualisierte Medizin einen größeren Raum einnimmt. Aus heutiger Sicht werden Herausforderungen und Veränderungen in folgenden Bereichen liegen:

  • medizinisches Personal;
  • Strukturen, Abläufe und Organisationsformen der Leistungserbringung;
  • Kostenübernahme (Krankenkassen, Patienten als Selbstzahler);
  • Patientennachfrage und -verhalten;
  • stärkere präventive Ausrichtung der Gesundheitsversorgung.

Mit dem zunehmenden Einzug der individualisierten Medizin in die Gesundheitsversorgung ist für die Gesundheitsberufe, insbesondere das ärztliche Personal, ein erheblicher Aus- und Weiterbildungsbedarf verbunden, da sich diesen neue Anforderungen stellen werden:

  • grundlegenden Kenntnisse in Genetik, molekularer Medizin und in den eingesetzten Testverfahren;
  • Identifizierung von Zielgruppen für biomarkerbasierte Test- und Diagnoseverfahren;
  • Durchführung der Testverfahren und Auswertung der Messungen;
  • Interpretation der Testergebnisse im Hinblick auf die medizinische Fragestellung und Auswahl einer geeigneten Intervention;
  • Kommunikation mit Patienten.

Hier wird sich mittelfristig Klärungsbedarf ergeben, welche Ausbildungsinhalte vermittelt und welche Ausbildungsziele erreicht werden sollen, welcher Ressourceneinsatz hierfür adäquat ist und welche Maßnahmen hierfür zu implementieren sind.

Zugleich wird die Notwendigkeit zur Integration von vielfältigen Gesundheitsdaten und medizinischen Disziplinen neue Aufbau- und Ablauforganisationen und Kooperationsformen bei Leistungserbringern im stationären und ambulanten Sektor sowie sektorenübergreifend erfordern.

Zurzeit ist offen, ob Leistungen der individualisierten Medizin künftig eher in einer begrenzten Anzahl spezialisierter Einrichtungen oder breit in vielfältigen Einrichtungen der Gesundheitsversorgung erbracht werden könnten. Dies wird sicherlich wesentlich davon beeinflusst, welche Anforderungen mit welchem Verbindlichkeitsgrad an die Qualifikation des Personals, die sächliche Ausstattung und die Qualität der Leistungserbringung gestellt werden. Ob sich die jüngst aufgetretenen Unternehmen, die sich auf das Angebot von genombasierten Tests an Ärzte oder direkt an Patienten spezialisiert haben, in dieser Form werden dauerhaft etablieren können, ist ebenfalls noch nicht zu beurteilen.

Prävention

Ein Kernelement der individualisierten Medizin ist die Erwartung, dass in absehbarer Zeit für jedes Individuum eine personalisierte Risikospezifizierung auf Basis der Kenntnis prädisponierender Gene erstellt werden könne, um die betreffenden Personen in die Lage zu versetzen, in Kenntnis ihres Erkrankungsrisikos Eigenverantwortung für die Gesundheit zu übernehmen und präventive Maßnahmen zu ergreifen. Noch weiter geht die – meist von Lobbygruppen der individualisierten Medizin vorgetragene – Vision, die hierin sogar einen wesentlichen Treiber für einen Umbau des derzeit auf die akutmedizinische Versorgung ausgerichteten Gesundheitssystems in ein auf Prävention ausgerichtetes System sieht. Beim derzeitigen Stand von Wissenschaft und Technik sind die Realisierungschancen jedoch skeptisch zu beurteilen, und es ist nicht absehbar, wie die individualisierte Medizin als zentraler Treiber für ein präventionsorientiertes Gesundheitsversorgungssystem fungieren könnte, wenngleich sie hiervon sicherlich profitieren würde.

Bislang stehen keine Testverfahren zur Verfügung, die für sich genommen für eine Identifizierung von Risikopersonen bei bedeutsamen Volkskrankheiten oder gar für ein Bevölkerungsscreening geeignet wären; in Einzelfällen könnten sie durch Integration in bestehende Risikoscores die Vorhersagewerte verbessern. Inwieweit eine Risikospezifizierung künftig möglich werden könnte, hängt vom Erfolg gerade angelaufener Forschungsansätze ab, die auf die Identifizierung neuer Risikogene bzw. Genkombinationen mit Relevanz für die klinische Entscheidungsfindung abzielen.

Gleichwohl werden entsprechende Tests mit fragwürdigem klinischem Nutzen bereits heute angeboten, und zwar bevorzugt gesundheitsbewussten, bildungsnahen, wohlhabenden Personen. Im Sinne des Verbraucherschutzes wäre es wünschenswert, neutrale, allgemeinverständliche Informationen bereitzustellen, um einer Irreführung über den möglichen Nutzen dieser Tests entgegenzuwirken und für diese Gruppe eine informierte, autonome Entscheidung in Kenntnis der gesamten Sachlage zu ermöglichen.

Inwieweit die genetischen Suszeptibilitätstests tatsächlich einen wirksamen Beitrag mit einem günstigen Kosten-Nutzen-Verhältnis zur Verbesserung der derzeitigen Präventionspraxis darstellen, kann beim jetzigen Kenntnisstand nicht klar beantwortet werden, wird aber skeptisch beurteilt. Auf den stärkeren Einfluss nichtgenetischer Faktoren bei der Entstehung komplexer Krankheiten wurde bereits hingewiesen. Empirische Daten zum Kosten-Nutzen-Verhältnis und zur Wirksamkeit sind nicht verfügbar und könnten auch nur in großangelegten, zeit- und ressourcenintensiven Studien erhoben werden. Allerdings besteht in der Präventionsforschung generell – nicht nur in Bezug auf die individualisierte Medizin – Bedarf, den Nutzen entsprechender Maßnahmen zu evaluieren und sowohl die Wirksamkeit als auch die Kostenwirksamkeit zu verbessern. Zugleich zeigt die Analyse von Erfahrungen aus bisherigen Präventionsprogrammen bei komplexen Krankheiten und die Fallstudie Diabetes, dass es sicherlich zu kurz gegriffen ist, eine Stärkung der Prävention allein durch die Bereitstellung neuer valider Suszeptibilitäts- und Früherkennungstests erreichen zu wollen. Zum einen werden neue Tests nicht immer erforderlich sein. Zum anderen können Präventionsziele nur erreicht werden, wenn die Testverfahren in ein umfassendes Gesamtkonzept eingebettet sind.

Patientinnen und Patienten

Die individualisierte Medizin spricht in besonderem Maße Aspekte der Patientenautonomie und der Konsumentensouveränität an, wenn sie in Aussicht stellt, den Patienten mehr und bessere Informationen über ihren aktuellen und möglichen künftigen Gesundheitszustand als bisher zur Verfügung stellen und ihnen auch möglichst große Wahlmöglichkeiten gemäß ihren Präferenzen geben zu können. Zugleich werden sich die erhofften positiven individuellen und kollektiven Gesundheitseffekte durch eine individualisierte Medizin nur realisieren lassen, wenn Bürgerinnen und Bürger nicht nur dazu bereit sind, Untersuchungen zur Ermittlung ihres individuellen Erkrankungsrisikos durchführen zu lassen, sondern auch in der Lage sind, das Testergebnis in ein – aus medizinischer und gesundheitspolitischer Perspektive – »sinnvolles« und angemessenes gesundheits­bezogenes Handeln umzusetzen.

Hierfür ist ein hohes Maß an Gesundheitskompetenz bei den Patientinnen und Patienten erforderlich. Auf absehbare Zeit werden eine hohe Aufgeschlossenheit gegenüber Maßnahmen der individualisierten Medizin, materielle und kognitive Voraussetzungen zu ihrer Nachfrage und Nutzung mit größerer Wahrscheinlichkeit bei gesundheitsbewussten, bildungsnahen Personen in höheren sozialen und einkommensstärkeren Gruppen anzutreffen sein, die damit auch zu einer bevorzugten Zielgruppe entsprechender medizinischer Leistungsangebote werden. Demgegenüber dürften bildungsferne Personen und Menschen in sozial benachteiligten Milieus mit höherer Wahrscheinlichkeit Schwierigkeiten haben, die entsprechenden Gesundheitskompetenzen und -ressourcen bereitzustellen und Zugang zur individualisierten Medizin zu erlangen, solange sie hierbei nicht durch zielgruppenspezifische Maßnahmen unterstützt werden.

In den meisten Publikationen zur individualisierten Medizin wird zwar unreflektiert davon ausgegangen, dass identifizierte Risikopersonen wirksame Präven­tionsmaßnahmen wie z. B. eine Änderung der Lebensführung hin zu einem gesünderen Lebensstil, Wahrnehmung von engmaschigen Früherkennungsunter­suchungen etc. tatsächlich auch ergreifen werden. Diese Annahme ist bislang jedoch nicht empirisch abgesichert. Aus der Gesundheits-, Versorgungs- und Präventionsforschung liegen hingegen Hinweise vor, dass das hier skizzierte Verhalten nur eine von zahlreichen, mindestens ebenso plausiblen Optionen des Umgangs mit den Tests und ihren Ergebnissen sein dürfte.

Bislang wurden nur wenige sozialwissenschaftliche Untersuchungen zu dieser Problemstellung durchgeführt. Dies ist für neue Technologien und ihre möglichen Nutzungsoptionen zwar nicht ungewöhnlich, sondern eine häufig zu konstatierende Forschungslücke. Für ein Forschungs- und Technologiegebiet, das auf die »Individualisierung« im Sinne einer Maßschneiderung auf einzelne Personen und deren Präferenzen abzielt, ist es dennoch bemerkenswert, dass die eigent­liche Zielgruppe bislang kaum nach ihren Präferenzen befragt wurde. Bedingt durch die Komplexität des Untersuchungsgegenstandes und unterschiedliche Operationalisierungen der Forschungsfragen liegen aus den bisher durchgeführten Studien nur punktuelle und teilweise inkonsistente Ergebnisse vor, die noch keine eindeutigen Aussagen zulassen.

Vor diesem Hintergrund besteht dringender Bedarf, die sozialwissenschaftliche Untersuchung des möglichen künftigen Adressaten- und Nutzerverhaltens auszuweiten und schon frühzeitig im Forschungs- und Entwicklungsprozess der individualisierten Medizin durchzuführen. Die Ergebnisse sollten für die Gestaltung der Technik und der Rahmenbedingungen ihres Einsatzes genutzt werden, um die gesundheitsbezogenen Ziele unter Berücksichtigung der Präferenzen und des Verhaltens der Zielgruppe erreichen zu können. Dafür sind im Verlauf der kommenden Jahre vielfältige Forschungsansätze erforderlich. Sie reichen von der Untersuchung der Reaktionen auf ein fiktives Testergebnis in hypothetischen Testszenarios über sozialwissenschaftliche Begleitforschung im Rahmen klinischer Studien zur Validierung von biomarkerbasierten Testverfahren bis hin zu entsprechenden Untersuchungen in der medizinischen Routineversorgung.

Nicht zuletzt sind Patientinnen und Patienten vor allem von Krankheit konkret Betroffene, die Unterstützung bei der Bewältigung des Krankheitsgeschehens erwarten bzw. erhoffen – auch durch das ärztliche Personal, und auch über die rein medizinische Behandlung hinaus. Eine individualisierte Medizin stellt Optio­nen zur Bewältigung von Krankheit bereit, die befund- und krankheitsprozessorientiert sind. Von Kranken wird häufig aber gerade eine Medizin als »individuell« empfunden, die in besonderem Maße die seelische Dimension und die Frage, wie mit der Krankheit weitergelebt werden kann, im Arzt-Patient-Verhältnis thematisiert und Handlungsoptionen entwickelt. Hierzu leistet eine individualisierte Medizin keine unmittelbaren Beiträge. Vielmehr sind gerade bei schweren Erkrankungen mit denjenigen Verfahren der individualisierten Medizin, die prädiktiv-probabilistische Informationen liefern, besondere psychische Belastungen verbunden, und es müssen schwierige Aufgaben gelöst werden, um diese Testergebnisse zu interpretieren und in Alltagshandeln zu transferieren. Dies weist auf die Notwendigkeit hin, die Eringung dieser Leistungen der individualisierten Medizin in Kontexte einzubetten, die im Bedarfsfall den Betroffenen durch »sprechende Medizin« und psychosoziale Unterstützung Hilfestellung leisten.

Gesundheitswirtschaft

Bei den Unternehmen, die Innovationen in der individualisierten Medizin hervorbringen und vermarkten können, handelt es sich um Pharmaunternehmen, Medizintechnik- und Diagnostikunternehmen sowie Biotechnologieunternehmen. Durch die Aktivitäten dieser Unternehmen wird mitbestimmt, mit welcher Geschwindigkeit, in welcher Breite und in welchem Ausmaß, mit welchen Produkten und Dienstleistungen und für welche Indikationen und Anwendungs­zwecke die individualisierte Medizin vorangetrieben wird. Wie diese Aktivitäten konkret ausgestaltet werden können, hängt stark vom Unternehmenstyp sowie den Rahmen- und Marktbedingungen in der jeweiligen Branche ab, in der die Unternehmen angesiedelt sind. Jeder dieser Unternehmenstypen deckt nur einen Teil der möglichen Produkte, Dienstleistungen und Anwender der individualisierten Medizin, teilweise auch nur eine bestimmte Phase im Innovationsgeschehen ab. Deshalb müssten sie synergistisch zusammenwirken, um Innovationen in der individualisierten Medizin zur Anwendungs- und Marktreife zu bringen. Um die sich abzeichnenden, ökonomisch durchaus attraktiven Geschäftsmodelle – vom »niche-buster« über Diagnostika-Therapeutika-Paketangebote bis hin zur überwiegenden Wertschöpfung bei den Diagnostika – zu erschließen, stellt sich die Herausforderung, die bislang sehr unterschiedlichen Geschäftswelten und -stra­tegien bei Diagnostika und Therapeutika zu einer kohärenten Strategie zusammenzuführen.

Das Kerngeschäft von forschenden Pharmaunternehmen ist die Erforschung, Entwicklung, Produktion und Vermarktung von Pharmazeutika. Alle hierfür erforderlichen Kompetenzen und Ressourcen sind meist in den Unternehmen selbst vorhanden bzw. werden durch geeignete Kooperationen, z. B. mit Biotechnologieunternehmen, erschlossen. In der individualisierten Medizin sind für Pharmaunternehmen neben präventiv zu verabreichenden Medikamenten insbesondere Diagnostik-Medikamenten-Paketangebote von Interesse, sofern damit insgesamt höhere Umsätze und Gewinne erzielt werden können, als dies durch die Vermarktung des Medikaments alleine möglich wäre. Zurzeit ist etwa eine Handvoll entsprechender Produkte zugelassen, von denen einige »niche-buster«-Status erlangt haben. Bislang loten nur wenige Pharmaunternehmen das Potenzial von Biomarkern für Diagnostika-Wirkstoff-Kombinationen systematisch aus, da für eine parallele, miteinander integrierte Entwicklung von Pharmawirkstoffen und zugehörigen, klinisch einsetzbaren Diagnoseverfahren Know-how erforderlich ist, das traditionell in Diagnostikfirmen, nicht jedoch in Pharma­unternehmen vorliegt. In Einzelfällen wurde dieses Know-how durch Joint Ventures oder andere Kooperationen mit Unternehmen der Diagnostikindustrie erschlossen, doch ist offen, inwieweit solche Kooperationen zwischen Pharma- und Diagnostikunternehmen künftig häufiger eingegangen werden.

Biotechnologieunternehmen sind in der individualisierten Medizin vor allem bei der Erforschung und Entwicklung neuer Technologien z. B. für Wirkstoffscreening und Genomsequenzierung, der Identifizierung neuer Biomarker und Wirkstoffkandidaten sowie neuer Analyse- und Diagnoseverfahren aktiv. Obwohl hochinnovativ, fehlen den meisten Unternehmen die Kompetenzen und Ressourcen, um vielversprechende Produktkandidaten bis zur Marktreife zu entwickeln und breit zu vermarkten. Hierfür gehen sie üblicherweise strategische Allianzen mit Pharmaunternehmen, in geringerem Maße auch mit großen Medizintechnik- oder Diagnostikfirmen ein. Zudem sind weltweit mehr als 20 Firmen aktiv, die die Ermittlung von individuellen Genprofilen, teilweise auch deren Interpretation im Hinblick auf Erkrankungsrisiken anbieten. Die Gewinnung von Kunden erfolgt entweder durch Direktansprache von Patientinnen und Patienten oder über Vertragsärzte. Hierbei ist zurzeit eine Vielfalt an Geschäftsmodellen zu beobachten, wobei gegenwärtig nicht beurteilt werden kann, ob sich diese Vielfalt erhalten oder auf wenige bevorzugte, ggf. auch neue Geschäftsmodelle verringern wird.

Mehrere große, forschungsintensive, international aktive Medizintechnik- und Diagnostikunternehmen, die Großgeräte für bildgebende Verfahren (z. B. Computer- und Magnetresonanztomografie) oder Analyse- und Auswerteplattformen für Labortests entwickeln und anbieten, verfolgen innerhalb der individualisierten Medizin die Strategie, ihre bereits in der klinischen Analytik und Diagnostik etablierten Geräte und Verfahren spezifischer und sensitiver zu machen (bei bildgebenden Verfahren vor allem durch molekulares Imaging), alle Stufen der medizinischen Leistungserbringung zu durchdringen und die Verfahren insbesondere durch entsprechende Software in die Organisations- und Arbeitsabläufe von Kliniken, Großlabors und Praxen zu integrieren. Im Rahmen einer individualisierten Medizin erhofft man sich eine deutliche Ausweitung der Einsatzmöglichkeiten dieser Großgeräte und Analyseplattformen. Obwohl technologisch gut aufgestellt, weisen die marktführenden Medizintechnik- und Diagnostikunternehmen einen relativen Mangel an innovativem »Content« (z. B. Biomarker, Deliverysysteme, spezifische Sonden) auf. Deshalb kooperieren sie mit kleinen innovativen Molekulardiagnostikfirmen, die dadurch Zugang zu der installierten Instrumentenbasis der marktführenden Diagnostikunternehmen erhalten. Zudem zeichnet sich die Herausbildung integrierter Diagnostikanbieter ab, die Labor- und bildgebende Diagnostik aus einer Hand anbieten, vernetzt durch maßgeschneiderte IT-Lösungen. Dahinter steht unter anderem die Überlegung, dass bildgebende Verfahren meist zu aufwendig sind, um ihre Massenanwendung z. B. in Krebsvorsorgeuntersuchungen zu rechtfertigen. Deshalb sollen preiswerte Labortests eine Identifizierung derjenigen Personen mit erhöhtem Krebsrisiko ermöglichen, für die dann eine Untersuchung mit bildgebenden Verfahren angezeigt wäre (»Türöffnerfunktion der Labortests«).

Für die Erbringung von Leistungen der individualisierten Medizin kommen neben den »traditionellen« Leistungserbringern im deutschen Gesundheitssystem, den niedergelassenen Ärzten im ambulanten Sektor und den Hochschulkliniken und Krankenhäusern im stationären Sektor noch Spezialkliniken in Betracht. Diese Spezialkliniken, meist in privater Trägerschaft gegründet, haben sich auf bestimmte Krankheiten (z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen) oder auch bestimmte Kundengruppen (z. B. wohlhabende Gesundheitsbewusste) spezialisiert. Diese Kliniken verfügen über modernste Ausstattung und hochspezialisiertes Personal für das jeweilige Indikationsgebiet. Sie könnten wegen ihrer avancierten Diagnose- und Behandlungsverfahren bzw. ihrer der individualisierten Medizin gegenüber besonders aufgeschlossenen Klientel mit zu den ersten Anbietern von Verfahren der individualisierten Medizin gehören.

Krankenversicherung

Die Implikationen der individualisierten Medizin für das Versicherungssystem sind derzeit aufgrund des frühen Entwicklungsstadiums und des daher geringen Umfangs erbrachter Leistungen noch eng begrenzt. Wegen der starken Betonung der Ermittlung individueller Krankheitsrisiken und der Eigenverantwortung des Patienten in der individualisierten Medizin stellt sich insbesondere die Frage, wie die individuellen Krankheitsrisiken bei der Festlegung der Höhe der Beiträge und den im Krankheits- und Pflegefall gewährten Leistungen berücksichtigt werden bzw. werden sollten.

Dies ist im gegenwärtigen Krankenversicherungssystem, das die auf dem Solidarprinzip fußenden gesetzlichen Krankenkassen sowie die auf dem Äquivalenzprinzip beruhenden privaten Krankenversicherungen umfasst, zunächst primär für private Krankenversicherungen relevant. Für sie ist die richtige Zuordnung eines Antragstellers bzw. Versicherten zu einem Risikokollektiv entscheidend, da hiervon die Festlegung von erhöhten Risikotarifen, Leistungsbeschränkungen und -ausschlüssen oder die Verweigerung der Versicherung insgesamt abhängen. Daher sind für sie Verfahren der individualisierten Medizin grundsätzlich interessant, die in Aussicht stellen, das Erkrankungsrisiko einer Person, welche in die Versicherung aufgenommen werden möchte, besser als bisher voraussagbar zu machen.

Sofern entsprechende Informationen von Versicherungen im Rahmen ihres Fragerechts erhoben werden dürfen, ist zu befürchten, dass sich Personen mit hohem Erkrankungsrisiko in größerem Maße als bisher

  • nur noch zu für sie sehr ungünstigen Konditionen oder möglicherweise auch gar nicht mehr krankenversichern können;
  • hohen (finanzielle) Hürden im Zugang zu gerade den Leistungen der individualisierten Medizin, von denen sie eventuell in besonderem Maße profitieren könnten, gegenübergestellt finden;
  • in der gesetzlichen Krankenversicherung sammeln;
  • keiner Testung mehr unterziehen, um der Versicherung keine daraus resultierenden bekannten Risiken mitteilen zu müssen.

Da in der gesetzlichen Krankenversicherung Beitragshöhe und Leistungsumfang nicht von den individuellen Krankheitsrisiken abhängig gemacht werden, stellt sich hier insbesondere die Frage danach, inwieweit Leistungen der individualisierten Medizin Bestandteil des Leistungskatalogs werden. Dies wird wesentlich davon abhängen, wie das Kriterium der Notwendigkeit ausgelegt werden wird und wie strenge Evidenzanforderungen an die wissenschaftlichen Daten gestellt werden, die bei derartigen Entscheidungen begutachtet werden. Zudem müssen sich gesetzliche Krankenkassen dahingehend positionieren, inwieweit sie der individualisierten Medizin Potenzial zumessen, Qualitäts- und Kostenziele in der medizinischen Versorgung zu erreichen und durch (begrenzte) Integration von Leistungen der individualisierten Medizin in ihr Angebot Vorteile im Wettbewerb der Krankenkassen untereinander erzielen zu können.

Eine breite Nutzung von biomarkerbasierten prädiktiv-probabilistischen Gesundheitsinformationen für das Gewähren bzw. Versagen von Krankenkassenleistungen bzw. für das Einfordern bestimmter gesundheitsbezogener Verhaltensweisen würde eine Einschränkung der Selbstbestimmung des Einzelnen darstellen, das gegen das Interesse der Solidargemeinschaft abgewogen werden muss. Hierfür ist zu legitimieren, unter welchen Bedingungen eine solche Einschränkung gerechtfertigt erschiene, und ob auch wirksame und ethisch angemessene Wege gewählt werden, um die Entscheidungen des Einzelnen zu beeinflussen. Für eine solche Legitimierung müsste im Einzelnen geklärt sein, ob die Maßnahme nachgewiesenermaßen wirksam ist, ein günstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis und ein akzeptables Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweist. Diese Voraussetzungen sind zurzeit noch nicht gegeben. Auch der Ausschöpfung möglichst wenig restriktiver Wege zur Beeinflussung des Verhaltens Einzelner (z. B. durch Information und Beratung, Anreize statt Sanktionen), die dem Einzelnen noch größere Freiräume für subjektive Abwägungen lassen, sowie transparente Entscheidungsverfahren sind von großer Bedeutung.

Schlussfolgerungen, Gestaltungsbedarf und -optionen

Schaffung der Wissens- und Technologiebasis für eine individualisierte Medizin

Für die Weiterentwicklung der Wissens- und Technologiebasis in Richtung einer individualisierten Medizin zeichnen sich drei Handlungsfelder ab:

  • Unterstützung bei der Strategiebildung: Hinsichtlich der künftigen Entwicklungspotenziale einer individualisierten Medizin bestehen kontroverse Einschätzungen und Unsicherheiten bei Akteuren in Unternehmen, Politik, Forschungseinrichtungen und Gesundheitswesen. Eine Unterstützung in der Strategiebildung durch systematische und längerfristige Vorausschau künftiger Entwicklungen unter Einbindung aller relevanten Stakeholder, aufbauend auf der 2007 vom Gesundheitsforschungsrat vorgelegten Roadmap für das Gesundheitsforschungsprogramm der Bundesregierung, könnte diese Unsicherheiten verringern.
  • Ausgestaltung der Forschung: Künftige Forschungsaufgaben lassen sich nur in multi- und interdisziplinärer, auch internationaler Kooperation bewältigen, die institutionenübergreifend erfolgen und strategisch ausgerichtet sein muss. Sie erfordert eine spezifische Forschungsinfrastruktur, z. B. umfangreiche Bio- und Datenbanken, die etabliert und langfristig betrieben werden müssen. Zudem sollten die schon begonnenen Bemühungen um Qualitätsstandards und Vereinheitlichungen in den kommenden Jahren weiterentwickelt und in der Forschungspraxis durchgesetzt werden.
    Bisher konnte nur ein eingeschränktes Spektrum der krankheitsassoziierten Varianten im menschlichen Genom erfasst werden. Um das noch lückenhafte Bild der krankheitsassoziierten genetischen Varianten zu komplettieren, sollten die Untersuchungen auch auf andere und mit geringerer Häufigkeit in Populationen vorkommende Varianten ausgedehnt werden.
    Zurzeit fokussieren die Forschungsarbeiten überwiegend auf einzelne Plattformen bzw. Biomarkertypen. In den kommenden 10 bis 15 Jahren besteht die Herausforderung darin, die zurzeit plattform- bzw. biomarkertypspezifischen separaten Wissensbestände mithilfe der Systembiologie zu integrieren und Werkzeuge zur inhaltlichen und problemorientierten Erschließung bereitzustellen. Es besteht ferner Bedarf nach systematischen Vorgehensweisen und rationalen Werkzeugen, die zur Auswahl derjenigen Biomarker beitragen, die den erheblichen Aufwand für die Weiterentwicklung zu klinisch einsetzbaren Tests und zur Nutzung in medizinischen Behandlungsverfahren lohnen.
  • Erweiterung des Forschungsfokus auf Umwelt- und psychosoziale Faktoren: Seit der Initiierung großangelegter Genomforschungsprogramme wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert, ob diese Schwerpunktsetzung auch in dem Maße zu einer verbesserten medizinischen Versorgung – beispielsweise im Sinne einer individualisierten Medizin – beitragen kann, die den investierten Ressourcen angemessen ist. Während der Erkenntnisgewinn einer auf genetische Krankheitsfaktoren ausgerichteten Forschung nicht bestritten wird, wird im Hinblick auf die Erreichung von Gesundheitszielen darauf verwiesen, dass der Einfluss genetischer Faktoren auf die Entstehung multifaktorieller Krankheiten – im Vergleich zu Umweltfaktoren – eher gering bzw. über Gen-Umwelt-Interaktionen nur ein mittelbarer ist. Zurzeit wird der Erforschung genetischer Faktoren ein größerer Stellenwert eingeräumt als Umwelt- und psychosozialen Faktoren. Vor diesem Hintergrund sollte bei der künftigen Schwerpunktsetzung von Forschungsprogrammen geprüft werden, wie eine Ausweitung auf die Erforschung von Gen-Umwelt-Interaktionen, auf den Ausbau der technischen Möglichkeiten zur Erfassung von Umweltfaktoren und Expositionen sowie die Erforschung der Patienteneinstellungen und des ‑verhaltens in der individualisierten Medizin erfolgen kann.

Überführung in die klinische Anwendung

In den kommenden 10 bis 15 Jahren wird der Gestaltung der Übergangsphase von der Forschung zur Anwendung in der Routinegesundheitsversorgung zentrale Bedeutung für die künftige Entwicklung der individualisierten Medizin zukommen. In dieser Entwicklungsphase werden vor allem Daten zur Bewertung der analytischen Validität, der klinischen Validität bzw. des klinischen Nutzens der jeweiligen Anwendungen benötigt. Hierfür bedarf es jeweils eines mehrjährigen, nichtlinearen, interdisziplinären Multiakteurprozesses, um für die jeweiligen Testverfahren die zunächst nur rudimentär vorhandenen Daten und Wissensbestände schrittweise zu erweitern. Hier besteht Handlungsbedarf, Maßnahmen zu ergreifen, die sich darauf richten, die Wissensbasis zu generieren, die zur Bewertung von analytischer und klinischer Validität sowie klinischem Nutzen erforderlich ist. Dies beinhaltet vor allem

  • eine systematische Vorausschau (»horizon scanning«) und Priorisierung der zu bewertenden Tests und Verfahren;
  • die Ressourcenbereitstellung und den Kapazitätsauf- und -ausbau für entsprechende Forschungsarbeiten und Bewertungsprozesse;
  • die Methodenentwicklung voranzutreiben und den erst am Anfang stehenden Diskurs darüber fortzuführen, welcher Grad der Evidenzbasierung für welche gesundheitsbezogenen Entscheidungen als ausreichend anzusehen ist;
  • das Spektrum der zur Verfügung stehenden Instrumente zu vergrößern, die geeignet sind, in Abhängigkeit von der sich schrittweise erweiternden Evidenz auch eine sich schrittweise erweiternde, aber dennoch begrenzte klinische Anwendung zu ermöglichen;
  • eine enge Verzahnung der Forschung mit Entscheidungsprozessen, um zu gewährleisten, dass die Forschungsarbeiten konzeptionell geeignet sind, Antworten auf entscheidungsrelevante Fragen zu geben und dass diese auch in Entscheidungsprozesse einfließen.

Hierbei sind primär Forschungsförderer, Forschungseinrichtungen, Einrichtungen des Health Technology Assessment, in diesem Bereich aktive Unternehmen sowie Krankenkassen und wissenschaftliche und medizinische Fachgesellschaften angesprochen, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen bzw. sich an ihnen zu beteiligen.

In jüngster Zeit wurden in Deutschland zahlreiche Maßnahmen implementiert, die zum einen den effizienten und effektiven Transfer von Ergebnissen der biomedizinischen (Grundlagen-)Forschung in die klinische Anwendung (translationale Forschung) generell stärken sollen, zum anderen aber auch konkret Ressourcen für die analytische und klinische Validierung von neuen molekularen Biomarkern bereitstellen. Diese sollten in Mittelfristperspektive daraufhin evaluiert werden, inwieweit sie einen wesentlichen Beitrag zu den skizzierten Herausforderungen geleistet haben.

Der translationalen Forschung kommt weit über die individualisierte Medizin hinaus große Bedeutung für die Überführung von Forschungsergebnissen in die klinische Anwendung und umgekehrt für die Einspeisung klinisch relevanter Fragestellungen in die Forschung zu. Sie hat große Relevanz für den medizinischen Fortschritt, die Wettbewerbsfähigkeit der medizinischen Forschung und der wissenschaftlich gesicherten Patientenversorgung, den Marktzugang für Medizintechnik- und Pharmafirmen und die Erreichung von Qualitäts- und Kostenzielen im Gesundheitswesen. In der letzten Zeit haben sich in der translationalen Forschung vielfältige Organisationsformen, Modelle und Instrumente entwickelt, die sich in ihrer Zielsetzung, den beteiligten Akteuren und der Finanzierung unterscheiden. Mit dem Ziel, die translationale Forschung weiterzuentwickeln und zu stärken, könnte die Durchführung einer Studie in Erwägung gezogen werden, die einen Überblick über die verschiedenen Typen gibt und deren Eignung für bestimmte Zielsetzungen sowie ihre Funktion im Prozess der translationalen Forschung analysiert.

Voraussetzung für die Marktzulassung neuer biomarkerbasierter Tests im Rahmen der individualisierten Medizin gemäß der In-vitro-Diagnostika-Richtlinie (98/79/EC; IVD-Richtlinie) bzw. des Medizinproduktegesetzes ist der Nachweis der technischen Leistungsfähigkeit (analytische Validität) durch den Hersteller. Eine verbindliche Anforderung an den Hersteller, auch die klinische Validität nachzuweisen, besteht derzeit nicht. Da die EU-Kommission zurzeit eine Revi­sion des Medizinprodukterechts durchführt, sollte auf europäischer Ebene aus­gelotet werden, inwieweit zumindest für bestimmte Tests in höheren Risikokategorien der Nachweis der klinischen Validität als Voraussetzung für die Marktzulassung in der IVD-Richtlinie gefordert werden sollte, um auf diesem Wege die Bereitstellung dieser für die Gesundheitsversorgung erforderlichen Daten zu gewährleisten. Über die konkrete Ausgestaltung der Anforderungen müsste dann eine Balance zwischen dem Schutz der Patienten und der öffentlichen Gesundheit und gleichzeitig dem raschen Verfügbarmachen von neuen Tests in der Gesundheitsversorgung gefunden werden.

Darüber hinaus wäre zu prüfen, inwieweit ergänzend in nationalem Recht eine Akkreditierung sowie ein (Fach-)Arztvorbehalt eingeführt werden sollte, um auch eine hohe Qualität der Testdurchführung und Interpretation zu gewährleisten. Für genetische Untersuchungen und Analysen sind entsprechende Regelungen in dem vom Kabinett im August 2008 verabschiedeten Entwurf für ein Gendiagnostikgesetz bereits vorgesehen.

Patientenpräferenzen und -verhalten

Die individualisierte Medizin ist ein Forschungs- und Technologiegebiet, für das in hohem Maße auf die »Individualisierung« im Sinne einer Maßschneiderung auf die Gegebenheiten und Präferenzen einzelner Personen rekurriert wird. Deshalb ist es besonders bemerkenswert, dass die sozialwissenschaftliche Forschung zu Patientenpräferenzen und ihrem (möglichen) Nutzungsverhalten der individualisierten Medizin bislang äußerst spärlich ist. Es besteht daher dringender Bedarf, das mögliche künftige Adressaten- und Nutzerverhalten frühzeitig im Forschungs- und Entwicklungsprozess der individualisierten Medizin zu erforschen. Die Ergebnisse lassen wesentliche Erkenntnisse erwarten, wie die Technik und die Rahmenbedingungen gestaltet werden sollten.

Von Kranken wird häufig gerade eine Medizin als »individuell« empfunden, in der das Leben mit der Krankheit und die psychosoziale Dimension der Erkrankung im Arzt-Patient-Verhältnis thematisiert und Handlungsoptionen entwickelt werden. Eine biomarkerbasierte individualisierte Medizin leistet hierzu jedoch keine unmittelbaren Beiträge. Möglicherweise könnten die psychischen Belastungen bei schweren Erkrankungen noch erhöht werden, wenn die Testverfahren der individualisierten Medizin prädiktiv-probabilistische Informationen liefern, deren Umsetzung in angemessenes lebensweltliches Handeln sehr schwierig ist. Vor diesem Hintergrund sollten diese Leistungen der individualisierten Medizin in Kontexten erbracht werden, in denen die Betroffenen durch »sprechende Medizin« und psychosoziale Beratung unterstützt werden können.

Prävention

Im Kontext der individualisierten Medizin werden häufig Zukunftspotenziale für die Prävention postuliert. Sie gründen sich wesentlich auf die Annahme, dass in absehbarer Zeit für jedes Individuum eine personalisierte Ermittlung des Erkrankungsrisikos auf Basis der Kenntnis prädisponierender Gene oder anderer prädiktiver Biomarker durchgeführt werden könne, um die betreffenden Personen in die Lage zu versetzen, Eigenverantwortung für die Gesundheit in Kenntnis ihres Erkrankungsrisikos zu übernehmen und präventive Maßnahmen zu ergreifen. Allerdings sind bislang weder entsprechend valide Testverfahren verfügbar, noch ist die Annahme in Bezug auf das Patientenverhalten empirisch abgesichert. Somit ist noch erheblicher Forschungsbedarf zum Patientenverhalten zu konstatieren.

Vor diesem Hintergrund sind die Realisierungschancen der Vision skeptisch zu beurteilen, die die biomarkerbasierte Ermittlung von Erkrankungsrisiken als wesentlichen Treiber für einen Umbau des derzeit auf die akutmedizinische Versorgung ausgerichteten Gesundheitssystems in ein auf Prävention ausgerichtetes System darstellt.

Zudem sollte aus dem möglichen Einbezug von genetischen Faktoren in die Identifizierung von Risikopersonen für Präventionsmaßnahmen nicht ohne Weiteres abgeleitet werden, dass sich hieran unbedingt eine Verhaltensprävention in der Verantwortung des einzelnen Individuums anschließen müsste. Vielmehr sollte sich die Konzeption der sich anschließenden Intervention nach den jeweiligen Anteilen der unterschiedlichen Risikofaktoren und Wirkungsmechanismen richten, die das Auftreten der Krankheit erklären, und auch den Grad ihrer Beeinflussbarkeit durch das Individuum berücksichtigen.

Information und Aufklärung

Bereits heute werden einige Verfahren mit fragwürdigem klinischem Nutzen angeboten, und zwar bevorzugt gesundheitsbewussten, bildungsnahen, wohlhabenden Personen. Einzelfallbezogen und unter Berücksichtigung persönlicher Präferenzen kann ein Nutzen jedoch vorhanden sein. Individuen stehen daher vor der persönlichen Entscheidung für oder gegen den Einsatz bzw. die Inanspruchnahme entsprechender Leistungen. Hierfür müssten ärztlichem Personal sowie Patientinnen und Patienten ausreichende Informationen zugänglich gemacht werden.

Im Sinne des Verbraucherschutzes wäre es wünschenswert, neutrale, allgemeinverständliche und zielgruppengerechte Informationen bereitzustellen, um einer Irreführung über den möglichen Nutzen dieser Tests entgegenzuwirken und eine informierte, autonome Entscheidung in Kenntnis der gesamten Sachlage zu ermöglichen. Medizinische Fachgesellschaften und neutrale Stellen der Patienteninformation (z. B. die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) sollten entsprechende Informationen über konkrete Anwendungen der individualisierten Medizin anbieten, und zwar bereits in der Frühphase ihres Angebots auf dem Markt. Dies betrifft aktuell beispielsweise Genotypisierungen, welche die Ermittlung des individuellen Erkrankungsrisikos für komplexe Krankheiten in Aussicht stellen, und die Gewinnung und Einlagerung von Nabelschnurblut.

Zu prüfen wäre, ob die zuständigen Behörden im Vollzug in stärkerem Maße Auslobungen, Produktkennzeichnungen, Produktinformationen und Werbematerial für biomarkerbasierte Tests auf Korrektheit, Vollständigkeit und faire Darstellung der Stärken und Nutzen, Schwächen und Risiken sowie Wissenslücken prüfen könnten, um die Nutzer vor falschen und irreführenden Angaben zu schützen.

Wegen der teilweise komplexen und heterogenen Distributionspfade für biomarkerbasierte Tests gelangen dem Test beigegebene Produktinformationen nicht notwendigerweise zu den veranlassenden Ärzten und Patienten. Zu prüfen wäre die Option eines internetbasierten Registers, in dem entsprechende Informationen hinterlegt werden sollten. Da diese Informationen bereits weitgehend in den Dossiers enthalten sind, die den Zulassungsbehörden vom Antragsteller mit dem Ziel der Zulassung eingereicht werden, könnte ein solches Register möglicherweise bei den zuständigen Behörden angesiedelt sein. Dies würde jedoch eine Anpassung des Medizinprodukterechts erforderlich machen, da die Dossiers der Geheimhaltung unterliegen und auch Zusammenfassungen bzw. Auszüge daraus nicht veröffentlicht werden dürfen.

Genetische und prädiktive Gesundheitsinformationen

Genombasierte Tests, genetische Diagnostik und insbesondere prädiktive Gentests nehmen in der individualisierten Medizin eine prominente Stellung ein. In langjährigen Debatten wurde darüber Konsens erzielt, dass grundsätzlich Regelungsbedarf für die Gendiagnostik besteht, und es wurde im August 2008 ein Entwurf für ein entsprechendes Gendiagnostikgesetz vom Kabinett verabschiedet. Aus den im Rahmen dieser Studie durchgeführten Analysen lassen sich keine Hinweise darauf ableiten, die gegen den Abschluss dieses weitvorangeschrittenen Gesetzgebungsprojekts zum jetzigen Zeitpunkt aufgrund eines Infragestellens des exzeptionellen Status genetischer Informationen sprächen. Es zeichnen sich jedoch in mittelfristiger Perspektive neue Aspekte ab, die noch der vertiefenden Analyse und des Diskurses bedürfen.

Im Gesetzentwurf zu einem Gendiagnostikgesetz vom August 2008 fallen nicht nur genetische Analyseverfahren, sondern auch Analyseverfahren für Genprodukte (RNA, Proteine, Metabolite) in den Regelungsbereich, sofern auch sie genetische Eigenschaften feststellen. Es bliebe zu beobachten, inwieweit sich die im Gesetzentwurf vorgesehene Differenzierung zwischen diagnostischen Untersuchungen einerseits und prädiktiv-probabilistischen Untersuchungen andererseits bei komplexen Krankheiten als angemessen und praktikabel erweisen wird. Der Diskurs darüber, welche Differenzierungskriterien anzulegen sind, sollte aufbauend auf diesen Erfahrungen fortgeführt werden. Darüber hinaus wurde insbesondere durch die Stellungnahmen des Nationalen Ethikrates zu prädiktiven Gesundheitsinformationen eine perspektivische medizinethische und rechtspolitische Diskussion angestoßen zu der Frage, inwieweit der bislang auf prädiktive genetische Informationen fokussierte Diskurs auch um prädiktive nichtgenetische Gesundheitsinformationen zu erweitern ist. Diese noch im Anfangsstadium befindliche Debatte sollte fortgeführt werden.

Zurzeit findet eine sehr dynamische Technologieentwicklung bei den Verfahren zur DNA-Sequenzierung statt mit dem Ziel, komplette Genome einzelner Organismen zu einem Bruchteil der bislang erforderlichen Kosten und des Zeitaufwandes zu sequenzieren. Diese Verfahren bergen große Potenziale für neuartige Forschungsansätze und -fragen in den Lebenswissenschaften. Dies weist zum einen auf den Bedarf zur gesetzlichen Regelung von genetischen Untersuchungen und Analysen und des Umgangs mit genetischen Proben und Daten zu Forschungszwecken hin. Zugleich zeichnet sich ab, dass ethische und rechtliche Prinzipien, die bislang für den Umgang mit genetischen Informationen wegleitend sind, in der bisher praktizierten Form nicht mehr anwendbar bzw. gewährleistbar sein könnten. Deshalb sollte eine Studie in Erwägung gezogen werden, in der die Potenziale der neuen Hochleistungssequenzierungstechnologien sowie ihre ethischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Implikationen analysiert werden.

Akzentverschiebungen im gesellschaftlichen Diskurs

Die mit der individualisierten Medizin in Aussicht gestellten biomarker- und genombasierten Untersuchungsmöglichkeiten zur Ermittlung individueller Erkrankungsrisiken sind mit einer bemerkenswerten Akzentverschiebung im Diskurs verknüpft. Hatten bislang Solidarität mit und Nichtdiskriminierung von Kranken und Rechte des Einzelnen auf Selbstbestimmung einen hohen Stellenwert, so werden zunehmend Leitbilder der Verantwortung und der bürgerlichen Mündigkeit angeführt, um Personen stärker im Hinblick auf ihre Verantwortung für Dritte und für eine Solidarität mit der Gemeinschaft in die Pflicht zu nehmen, sei es im Kontext der Bereitstellung von Körpersubstanzen und Informationen für Forschungszwecke, der Durchführung populationsweiter Screeningmaßnahmen, der Einflussnahme auf das individuelle Gesundheitsverhalten, der Legitimierung von Zuzahlungen für Gesundheitsleistungen oder der Ausgestaltung von Krankenversicherungskonditionen. Wie weit diese Inpflichtnahme von Personen gehen darf, wie sie legitimiert werden kann und welche wirksamen und ethisch angemessenen Wege zu wählen sind, um die Entscheidungen des Einzelnen zu beeinflussen, wird in den kommenden Jahren immer wieder Gegenstand der gesundheitspolitischen Diskussionen, auch im Kontext der individualisierten Medizin, sein. Diese Debatte sollte intensiv fortgeführt werden.

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