eLearning in Forschung, Lehre und Weiterbildung im Ausland
TAB-Hintergrundpapier Nr. 014. Berlin 2006, 108 Seiten
Zusammenfassung
Vor diesem Hintergrund werden die für den vorliegenden Bericht ausgewählten Länder hinsichtlich ihrer wesentlichen eLearning-Aktivitäten – insbesondere im Bereich der Hochschullehre und Weiterbildung – analysiert. In der Analyse berücksichtigt wird aber auch die internationale Orientierung der eLearning-Aktivitäten. Hier zeigt der Ländervergleich insgesamt, dass sich andere Länder weltweit kontinuierlich Anregungen zu holen scheinen und selbst auf auswärtige Märkte zielen, während sich Deutschland erst allmählich im Rahmen von zurzeit noch eher singulären (Bildungs-)Initiativen um den internationalen Bildungsmarkt bemüht. Doch auch hier ist eLearning bislang noch weitgehend ausgegrenzt (vgl. TAB 2006).
Finnland
In Finnland haben sich alle Bildungsbeteiligte und viele Institutionen aus der Wirtschaft sehr frühzeitig auf eine umfassende Strategie zur Entwicklung des eLearning verständigt und den Aufbau der Infrastruktur in den Bildungseinrichtungen und die Entwicklung von effizienten eLearning-Inhalten vorangetrieben. Finnland hat für alle Bildungsbereiche Programme aufgelegt und Netzwerke und Einrichtungen in hoher Zahl und Dichte aufgebaut. Dies fängt mit einem Netzwerk für den Vorschulbereich an und endet bei einer Virtual University und einer Open University.
Schon 1993 wurde die erste webbasierte eLearning-Community mit Hilfe der Helsinki University of Technology sowie des Finnischen Nationalfonds für Forschung und Entwicklung ins Leben gerufen. Dieser so genannte Freenet-Service richtete sich an Schüler, Lehrer und Eltern und sollte deren technische Fähigkeiten (technology skills) verbessern und ersten einfachen eLearning-Content produzieren.
Auch hinsichtlich der allgemeinen Fähigkeiten, das Internet und IuK-Technologien generell nutzen zu können, wurde vom Bildungsministerium 1995 die »Citizenship skills in the Information Society«-Initiative begründet. Als größtes Vorhaben gilt das Lernende Regionen Projekt (OSKU), dessen Ziel darin besteht, die Informationsgesellschaft lokal (in benachteiligten Regionen) verfügbar zu machen. Konkret geht es darum, diese benachteiligten Regionen stärker an das Internet anzubinden, indem einerseits auf der kommunalen Ebene Content produziert und ins Netz gestellt wird und andererseits z.B. zuvor Arbeitslose als »eTrainer« fungieren.
Die finnischen Hochschulen treten in unterschiedlicher Form als eLearning-Anbieter und/oder als in den eLearning-Prozess involvierte Einrichtungen auf. Die meisten Universitäten und Fachhochschulen haben eigenständige Angebote, die jedoch alle zugleich auch über die Finnish Virtual University (FVU) angeboten bzw. verbreitet werden. Die FVU bietet allen Studierenden Zugang zu einer nationalen Datenbank mit den Onlineangeboten der einzelnen Hochschulen und den akademischen Netzwerken.
Vor diesem Hintergrund kommt ein erster nationaler Evaluationsbericht zum Stand der Entwicklung und des Einsatzes von eLearning-Instrumenten und -inhalten zu der Einschätzung, dass eLearning in Finnland erfolgreich auf einem breiten Fundament implementiert wurde.
England
Schon relativ frühzeitig wurde in England das alle Bevölkerungsschichten betreffende Problem der fehlenden Basiskompetenzen im Umgang mit neuen Medien erkannt. Vor allem das Public Library Network bzw. People's Network sollte hier Abhilfe schaffen. Es ergänzt die im National Grid for Learning angestrengten Bemühungen um PC- und Internet-Zugang sowie um die grundlegende Entwicklung von Medienkompetenz und eGovernment, indem es kommunal etablierte Einrichtungen benutzt. Auch die Förderung von bildungsfernen bzw. sozial schwachen Schichten wird bei den Programmen für »Internet für alle« versucht. Ziele insgesamt sind eine höhere Bildungsbeteiligung und hochwertige, lernerorientierte Bildungsangebote. Bis 2010 sollen die Kenntnisse und Kompetenzen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen weltweit konkurrenzfähig sein.
Ferner sind das National Learning Network, das Joint Information Systems Committee (JISC), die im Gesundheits- und Sozialsektor verankerte University for the National Health Service (NHSU) sowie insbesondere die äußerst umfangreichen und großenteils auch internationalen eLearning-Aktivitäten der UK e-Universities und der großen Open University für Fern- und Weiterbildungsstudien zu beachten. Die Aktivitäten reichen von Initiativen für Medienkompetenz und den PC-/Internetzugang für alle Bürger über die berufliche Aus- und Weiterbildung bis zu den Hochschulen. Darüber hinaus beschäftigen sich auch einzelne Bildungseinrichtungen, insbesondere Universitäten, außerhalb der Netzwerke und zentralen Initiativen mit eLearning; die meisten agieren jedoch im Rahmen der großen Programme.
Zusammenfassend lässt sich im Hinblick auf die Implementierung von eLearning-Angeboten konstatieren, dass die Angebote stark vernetzt sind. Zahlreiche Akteure in wechselnden Kooperationen prägen die vielfältigen Bemühungen der Regierung, aber auch der Privatwirtschaft. Während der Bereich der Hochschulbildung etwas separiert erscheint, sind die Fördermaßnahmen in den anderen Bildungsbereichen eng miteinander verbunden. Ausgehend von notwendigen Grundvoraussetzungen wie »Zugang zu Computern« und »Internet für Alle«, wofür insbesondere bereits etablierte Einrichtungen wie öffentliche Büchereien genutzt werden, werden der gesamte Schulsektor und insbesondere der Bereich der Post-16- und Further Education unterstützt.
Obwohl England manche Reformen im Bildungsbereich in den letzten Jahren durchgeführt hat, bestehen nach wie vor Schwierigkeiten, auch Personen mit sozioökonomisch problematischem Hintergrund in das Bildungssystem sinnvoll zu integrieren und dort zu halten. Hier sind Maßnahmen wie »Wired up« im Rahmen des National Grid for Learning wichtig, die gerade in sozial schwachen Gebieten ansetzen. Durch die öffentlichen Aktivitäten wird auch der private Bildungsmarkt gestärkt und zielgruppenorientiert zur Weiterentwicklung angeregt.
Schweiz
Im eLR-Ranking punktete die Schweiz vor allem bei der Ausbildung und im eLearning-Einsatz ihrer öffentlichen Einrichtungen. In beiden Fällen belegt die Eidgenossenschaft den 7. Rang. Im öffentlichen Sektor zeigt die Schweiz dank ihrer Gesamtstrategie von 1998 (Aktionsplan Bildungsoffensive) ein breites Engagement, da nicht nur eLearning an Hochschulen, Berufsbildung und die Einbindung von Schulen ins Netz gefördert werden, sondern z.B. auch umfassende Informationsportale mit Services eingerichtet wurden, eGovernment gefördert wurde und auch die Rahmenbedingungen, wie z.B. Sicherheit und Rechtsfragen, von Anfang mitbedacht wurden.
In Konkurrenz zu den etablierten privaten Anbietern im Weiterbildungsmarkt treten zunehmend die Universitäten, die bezüglich des Contentangebotes Beachtliches vorzuweisen haben. Etliche Hochschulen bieten inzwischen ihre eLearning-Projekte auch auf dem freien Markt an und können so zusätzliche Finanzierungsquellen erschließen. Um der Mehrsprachigkeit des Landes Rechnung zu tragen, werden viele Onlinekurse bereits in mehreren Sprachen angeboten. Ein möglicher kommerzieller Export in das Ausland wird damit erleichtert. Am Markt sehr aktive Hochschulen, wie z.B. die Universität Basel, die ETH Zürich oder die Universität St. Gallen, die bei konkreten Projekten mit etablierten Firmen zusammenarbeiten, weisen beachtliche Erfolge auf (z.B. Credit Suisse-Universität St. Gallen). Sie werden zukünftig als ernstzunehmende Konkurrenten von Privatunternehmen im Markt agieren.
Allerdings wurden im Rahmen einer ersten nationalen Evaluation auch einige Mängel festgestellt. Zu den zentralen Kritikpunkten gehört, dass keine einheitliche Strategie mehr, wie zu Beginn im Aktionsplan Bildungsoffensive angelegt, ersichtlich sei, die unterschiedlichen Programme und Initiativen den Charakter von disziplinären Einzelprojekten hätten und untereinander zu wenig vernetzt seien. Einige Bereiche, wie z.B. »Content-Industry«, wurden hier als ausbaufähig betrachtet.
USA
Der öffentliche Sektor trägt zu einem großen Teil zur rasanten Entwicklung des amerikanischen eLearning-Angebotes bei. Von neuen eLearning-Instrumenten erhofft man sich letztlich einen Beitrag zur Stärkung des Humankapitals und der amerikanischen Volkswirtschaft sowie zur Verbesserung der Chancengleichheit. Die ergriffenen Maßnahmen sind breit gefächert. Neben bundesweiten Expertenrunden und der regelmäßigen Berichterstattung der einzelnen Staaten werden u.a. umfangreiche Bundesmittel für den Aufbau flächendeckender eLearning-Strukturen gegeben. Dies beginnt beim Aufbau der notwendigen Infrastrukturmaßnahmen, geht über die Ausbildung des notwendigen Fachpersonals bis hin zu Bemühungen um die Einführung von Standards und Qualitätsmaßstäben.
Online-Kursangebote sind mittlerweile keine außergewöhnliche Zusatzleistung von Hochschulen mehr, sondern werden als Standard erwartet. Die Onlinelehre steht nach Ansicht der Hochschulen den klassischen Methoden in nichts nach, häufig wird die Effizienz von Onlinekursen sogar höher eingeschätzt. In den meisten Hochschulen ist das Angebot von Onlinekursen Teil langfristiger strategischer Konzepte. Rund zwei Drittel aller Einrichtungen bieten gegenwärtig netzgestützte Fernkurse an oder planen dies in naher Zukunft, wobei die Beteiligung unter den öffentlichen Hochschulen größer ist als die der privaten Einrichtungen. Die Methode des asynchronen Lernens wird am häufigsten genutzt, der Lernende absolviert die Lerneinheit selbst, das Lernen unterliegt aber einer (nicht zeitgleichen) Betreuung.
Der amerikanische Markt für postsekundäres und corporate eLearning ist nach Einschätzung von Experten auch in Zukunft ein weiter wachsender Markt. Wichtigstes Segment mit einem schon im Jahr 2003 über 11,4 Mrd. US-Dollar großen Gesamtmarktvolumen sind die Bildungsinhalte selbst. Der Teilmarkt der Onlinekurse in der postsekundären Bildung entwickelt sich mit einer rasch zunehmenden Anzahl der in Onlinekurse eingeschriebenen Studierenden sehr schnell weiter, so dass allem Anschein nach bereits im Jahre 2005 über 1 Mio. Studierende ihr Studium vollständig online absolviert haben. Und auch in Zukunft wird mit einer stark erhöhten Nachfrage nach online verfügbaren Inhalten und eLearning-Instrumenten zu rechnen sein. eLearning dürfte die traditionellen Lehrmethoden in Schule, Hochschule und beruflicher Bildung dabei nur zum Teil ersetzen, vielmehr wird durch den Einsatz neuer Lehr- und Lernmethoden der Markt durch neue Zielgruppen vergrößert. Dazu gehört insbesondere auch die Internationalisierung des Bildungsangebots, und amerikanische Anbieter drängen dabei ganz besonders auf den europäischen Bildungsmarkt.
Australien
Das raumunabhängige Lernen (Distance Learning) greift in Australien auf allen Bildungsebenen auf eine lange und erfolgreiche Tradition zurück. Heute versuchen die australischen Bundes- und Länderregierungen durch die umfassende Bereitstellung von modernster Breitbandtechnologie die landesweite Entwicklung von »e-education applications« zu forcieren, und eLearning-Instrumente und -inhalte auf dem internationalen Bildungsmarkt an vorderster Stelle zu platzieren.
Die meisten Schulen haben vielfach schon seit etlichen Jahren gute informationstechnische Strukturen und eLearning ist fest in den Lehrplänen verankert. Ebenso sind Onlinekurse auch im tertiären Sektor stark verbreitet. Hochschulen und Berufsbildungsinstitute arbeiten zumeist eng zusammen. Relevante Akteure im Hochschulumfeld sind die Open Learning Agency und der Australasian Council on Open, Distance and E-Learning. Aufgrund der geografischen Verhältnisse finden sich neben computer- und netzbasierten eLearning-Angeboten auch Bildungsangebote via Satellitentechnik. Hinsichtlich der Lernszenarien werden reine Onlineschulungen oder reine Präsenzveranstaltungen den Blended-Learning-Formaten vorgezogen. Im Bereich der beruflichen Bildung ist es vor allem die Australian Flexible Learning Advisory Group, die insbesondere das Australian Flexible Learning Framework betreut und ausbaut. Einige Berufsbildungsangebote sind vollständig online, in den Universitäten gehört modernste IuK-Technologie zu den zentralen Faktoren im Forschungsbereich und in der Onlinelehre für einheimische wie ausländische Studenten. Der Bildungsexport gilt als bedeutender Wirtschaftszweig für Australien, dessen Leistungen schon jetzt auf mehr als 4 Mrd. Dollar jährlich geschätzt werden – mit Aussicht auf weiteres deutliches Wachstum.
Beim Blick auf den kommerziellen eLearning-Markt erweisen sich die technisch orientierten Unternehmen, wie z.B. Contententwickler und Anbieter von Trainingssystemen und Logistik, die eLearning-Anbieter, insbesondere die privaten Bildungseinrichtungen und die Unternehmen, sowie die Berater als zentrale Akteure. Im Bereich des Corporate Learning hängt der Einsatz des eLearning stark von der Größe des Unternehmens und der jeweiligen Unternehmensstrategie ab. Allerdings werden Bildung und Kompetenzentwicklung auch in Australien als wesentlicher Wettbewerbsfaktor angesehen und eLearning mitunter weniger aus Kostengründen, als vielmehr unter dem Aspekt der Zeit- und Ortsunabhängigkeit sowie als internationale, interaktive Kommunikationsebene in die Personalentwicklung integriert.