Staatliche Förderstrategien für die Neurowissenschaften
Programme und Projekte im internationalen Vergleich
TAB-Hintergrundpapier Nr. 015. Berlin 2006, 132 Seiten
Zusammenfassung
Im ersten Teil des Berichts wird zunächst eine Strukturierung des Themenfeldes »Hirnforschung« vorgenommen, die als Einführung in das Thema dient. Darüber hinaus soll eine Vorstellung davon gegeben werden, in welchen inhaltlichen Zusammenhängen neurowissenschaftliche Forschung heute stattfindet. Basis der Strukturierung ist das allgemein anerkannte 3-Ebenen-Modell, in dem zwischen der Erforschung innerzellulärer Prozesse (untere Ebene), der Betrachtung der Funktionsweise einzelner Zellverbände (mittlere Ebene) und der Analyse neuronaler Korrelate (obere Ebene) unterschieden wird. Dieses Modell wird durch die Unterscheidung in Klinische Forschung/Anwendungen und Grundlagenforschung ergänzt, wie sie in der forschungspolitischen Praxis üblich ist.
Inhalt des zweiten Teils des Berichts sind Darstellungen einzelner Länder, die auf Internetrecherchen, Recherchen in Fachzeitschriften sowie Experteninterviews basieren. In diesen Länderstudien werden die wichtigsten neurowissenschaftlichen Aktionsfelder bzw. die entsprechenden Forschungsfördermaßnahmen dargestellt. Folgende Länder wurden untersucht: Deutschland, USA, Japan, Frankreich, Australien, Kanada und Israel. Des Weiteren wird eine Übersicht der relevanten Fördermaßnahmen auf EU-Ebene sowie transnationaler Kooperationen und Programme gegeben.
Die jeweilige Darstellung der Förderaktivitäten folgt dabei im Wesentlichen der Unterteilung in »Übergeordnete Programme« und »Institutionelle Förderung«, wie sie bei Evaluationsstudien üblich ist. Hintergrund dieser Unterteilung ist, dass Forschungsförderung sowohl aus der Perspektive einer planenden Gesamtschau (top down) möglich ist, als auch aus einer projektspezifischen, d.h. in spezialisierten Fragestellungen verankerten Perspektive (bottom up), erfolgen kann.
Zusätzlich zur staatlich finanzierten Forschungsförderung wurden private Stiftungen und Unternehmen als Finanzierungsquellen der neurowissenschaftlichen Forschung aufgenommen.
Im dritten Teil werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Zunächst zeigt sich dabei, dass es heute in allen untersuchten Ländern ein zentrales Programm bzw. ein spezielles übergreifendes Projekt zur Förderung der Neurowissenschaften gibt. Dies dokumentiert die Bedeutung, die die Hirnforschung inzwischen weltweit hat und bekräftigt die Auffassung, dass den Neurowissenschaften heute eine Leitfunktion zukommt.
Darüber hinaus lassen sich trotz der vielfältigen und z.T. unübersichtlichen Förderaktivitäten in den betrachteten Ländern drei Gemeinsamkeiten feststellen:
- Neuere Programme und Projekte zur Hirnforschung stellen Aspekte der Interdisziplinarität in den Vordergrund. Hier sollen zum einen Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenarbeiten und zum anderen Theoretiker, Kliniker, Entwickler und Ingenieure Erfahrungen austauschen sowie Methoden und Ansätze kombinieren. Auf diese Weise soll den interdisziplinär gelagerten Anforderungen und Fragestellungen, die sich bei der Erforschung des Gehirns ergeben, Rechnung getragen werden.
- Es wird außerdem deutlich, dass sich ein großer Teil der neurowissenschaftlichen Forschungsförderung an Krankheitsbildern wie Morbus Parkinson, Morbus Alzheimer, Schizophrenie orientiert und damit in den Bereich der medizinischen Forschung fällt. Allerdings scheint hier der Schritt zur Grundlagenforschung nur ein kleiner zu sein. Denn oftmals geben klinische Befunde Anlass für Untersuchungen von grundlegenden Prozessen und Wirkungszusammenhängen und umgekehrt.
- Schließlich zeigt sich, dass das gesamte Spektrum möglicher staatlicher Fördermaßnahmen eingesetzt wird, um die neurowissenschaftliche Forschung voranzubringen. Dabei sind in allen Ländern gewisse Konzentrationen von Forschungsaktivitäten in regionalen Zentren anzutreffen. Insbesondere Japan bildet hier ein Extrembeispiel, wo beinahe die komplette Hirnforschung des Landes am RIKEN Institute for Brain Research in Tokyo angesiedelt ist. In anderen Ländern konzentriert sich die Forschungstätigkeit zwar auch regional an bestimmten Instituten oder Universitäten. Dies reflektiert aber eher gewachsene Forschungstraditionen und ist auf die Größe und das Renommee von Forschungsstandorten wie z.B. des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zurückzuführen. Experten sehen insbesondere in einer thematischen Bündelung einen Vorteil: Dort, wo Themen aller drei Ebenen der Hirnforschung an einem Ort erforscht werden, stellen sich offenbar Synergien und Erkenntnisfortschritte ein. Hier spielt das Management von Interdisziplinarität eine wichtige Rolle, das durch die räumliche Nähe erleichtert wird.
Es lassen sich innerhalb der Neurowissenschaften keine spezifischen Teilgebiete identifizieren, in denen in besonderem Maße wissenschaftliche Durchbrüche bzw. zentrale Erkenntnisse zu erwarten sind. Vielmehr wurde in den durch die Verfasser durchgeführten Expertengesprächen darauf hingewiesen, dass Durchbrüche prinzipiell aus allen Forschungszweigen der Neurowissenschaften kommen können. Auch in Fachaufsätzen und in den für die Recherche zugänglichen Konferenzunterlagen wurden keine Hinweise auf Priorisierungen bzw. geteilte Einschätzungen hinsichtlich der Bedeutung der einen oder anderen Forschungsrichtung gefunden. Abgesehen von der Erwartung, dass zentrale Erkenntnisse insbesondere durch die Kombination von Methoden, Perspektiven, Disziplinen und Techniken zustande kommen, gab es auch hier keine Übereinkunft über die künftige Bedeutung von Einzelbereichen der Hirnforschung.
In allen untersuchten Ländern werden alle Bereiche der Hirnforschung gefördert. Es lassen sich keine nationalen Schwerpunktsetzungen der Förderung identifizieren, die auf unterschiedliche strategische Zielstellungen schließen lassen. Allerdings ist es aufgrund der heterogenen Forschungsförderinfrastrukturen nicht möglich, eine detaillierte budgetmäßige Gegenüberstellung vorzunehmen. Von daher kann nicht empirisch abgesichert behauptet werden, dass alle Bereiche in gleichem Umfang gefördert werden.
Ferner wurde insbesondere bei der Betrachtung der Förderlandschaft in Deutschland deutlich, dass bewusste forschungspolitische Priorisierungen nur in sehr eingeschränktem Maße vorgenommen werden. Die Förderung der Bernstein-Zentren, die hier als Gegenbeispiel dienen könnte, ist im Vergleich zum Gesamtvolumen der Förderung ein relativ kleiner Posten. Angesichts der Tatsache, dass die Hirnforschung sich erst zu etablieren beginnt und das Zeitalter der modernen Hirnforschung erst vor wenigen Jahren begonnen hat, erscheint das Fehlen von steuernden Priorisierungen jedoch nicht verwunderlich. Eine Schlussfolgerung für die Forschungsförderung kann hier lauten, weiterhin in der Breite zu fördern, um die Etablierung des Feldes voranzutreiben und so schließlich Spitzenforschung zu ermöglichen.
Letztlich stellt sich die Frage nach der internationalen Kooperation der neurowissenschaftlichen Forschung, da bei einem derart umfangreichen Projekt wie der Erforschung des menschlichen Gehirns der internationalen Koordination eine wichtige Rolle zukommen könnte. Dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein. Jedes Land fördert gewissermaßen alle Teilbereiche der Hirnforschung für sich, so dass mögliche Synergien nicht genutzt werden und möglicherweise parallele Arbeiten an den gleichen Themen durchgeführt werden. Hier wäre zumindest auf europäischer Ebene eine Koordination von Förderaktivitäten und Forschungsprojekten prinzipiell denkbar und wünschenswert.