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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Monitoring

Technikakzeptanz und Kontroversen über Technik

Themenbereich: Technik, Gesellschaft, Innovation
Analyseansatz: Monitoring
Themeninitiative: Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung
Status: abgeschlossen
Laufzeit: 1993 bis 1994

Aufgabe des Monitoring zum Thema „Technikakzeptanz und Kontroversen über Technik“ ist die Untersuchung von Konflikten und Kontroversen um neue Technologien sowie der öffentlichen Wahrnehmung von Technik. Ziel ist es, Erkenntnisse über Ursachen und Strukturen solcher Kontroversen zu gewinnen und Vorstellungen darüber zu entwickeln, wie Technikkontroversen als gesellschaftliche Lernprozesse gestaltet werden können. Folgende Aufgaben wurden definiert:

  • Auswertung empirischer Untersuchungen über die Einstellung der Bevölkerung zur Technik und über die veröffentlichte Meinung
  • Aufarbeitung sozialwissenschaftlicher Erklärungsansätze und Untersuchungen zu Strukturen und Ursachen von Technikkontroversen
  • Bewertung von Ansätzen zur Gestaltung von Technikkontroversen (diskursive Technikbewertung, Mediation, Risikokommunikation).
  • In der ersten Phase des Monitoring wurde ein Sachstandsbericht zu den Ergebnissen der Meinungs- und Medienforschung zum Thema Technikakzeptanz vorgelegt (TAB-Arbeitsbericht Nr. 24) und erste, auf der gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Forschung aufbauende Überlegungen zu Ursachen und Strukturen von Technikkontroversen angestellt (TAB-Diskussionspapier Nr. 6).

In der zweiten Phase des Monitoring wurde mit der Vergabe einer umfangreichen vergleichenden Studie über die Charakteristika von und den politischen Umgang mit Technikkontroversen in verschiedenen westlichen Ländern (Frankreich, Großbritannien, Niederlande, USA und Japan) das Thema Ursachen und Strukturen von Technikkontroversen weiterverfolgt. Eine Auswertung dieser Studie und eine Ergänzung um die Darstellung der deutschen Situation befindet sich zurzeit in Arbeit.

Ein Einstieg in das Thema „Möglichkeiten der Gestaltung von Technikkontroversen“ wurde durch die Organisation eines Workshops mit dem Titel „Diskurse als Mittel der Konfliktaustragung im Bereich der Technikfolgen-Abschätzung“ gesucht (Oktober 1994; organisiert zusammen mit dem Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Forschungszentrums Karlsruhe und der TA-Akademie Baden-Württemberg; eine Dokumentation der Tagungsbeiträge wird voraussichtlich Anfang 1996 vorliegen). Der Workshop erbrachte einen Überblick über die mittlerweile vielfältigen Versuche der Organisation unterschiedlicher partizipativer Ansätze in der Technikfolgen-Abschätzung - von Diskursen im Rahmen von TA-Prozessen zu übergeordneten Fragen der Implementation neuer Technologien bis hin zu Mediationsverfahren bei Konflikten um Planungsvorhaben vor Ort oder dem Einsatz von „Planungszellen“ beispielsweise zu abfallwirtschaftlichen Konzepten und Standortfragen.

Aus der Vielfalt der von den Workshop-Teilnehmern angesprochenen Fragen zur Leistungsfähigkeit und politischen Bedeutung partizipativer oder diskursiver Verfahren in der TA seien hier nur einige angesprochen. Skepsis bezüglich der Leistungsfähigkeit von diskursiven TA-Verfahren machte sich zum einen fest an der Frage, inwieweit die für den Sieg des besseren Arguments notwendige Motivation der Teilnehmer zum Verzicht auf strategische Kommunikation und ihre Bereitschaft, eigene Positionen in Frage zu stellen, realisierbar ist: Sind diskursive Arrangements in der Lage, „sachrationalen“ Argumenten zum Durchbruch zu verhelfen? Des Weiteren stellte sich die Frage, wie mit dem Verhältnis von diskursiven Verfahren zu etablierten demokratischen Entscheidungsprozessen umzugehen sei: Sind TA-Diskurse in das repräsentative politische System integrierbar? In Bezug auf das Rechtssystem wurde beispielsweise die zentrale Bedeutung diskursiver Verfahren zur notwendigen Konkretisierung unbestimmter rechtlicher Sicherheitsanforderungen (bspw. durch Grenzwerte) in Kooperation verschiedener „Rationalitäten“ (unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen, ökonomischer Interessenvertreter, politisch-administrativer Akteure) betont, gleichzeitig aber vor einer Deregulierung im Sinne der Übertragung staatlicher Entscheidungen an gesellschaftliche Gruppen gewarnt. In diesem Zusammenhang wurde auch auf die Rolle des Staates als Instanz, die einen rechtlichen Rahmen für die Durchführung von Diskursen setzen muss (Beteiligungsrechte, Verbindlichkeit von Kontroversen für Entscheidungen etc.), hingewiesen.

Diskursive Verfahren der Technikfolgen-Abschätzung und Konfliktmittlung können - so ein vorläufiges Fazit - als politisch-institutionelle Innovationen mit noch weitgehend experimentellem Charakter angesehen werden. Sie können zwar keinen Gewinn an sozialer Rationalität von Entscheidungen garantieren, eröffnen aber angesichts komplexer werdender Gesellschaften, in denen insbesondere technologiepolitische Entscheidungen mit Unsicherheit behaftet sind, die Chance der Begründung kollektiv bindender Entscheidungen in kontrovers diskutierten Fragen.

Ergänzt wurden diese Arbeiten zu Strukturen und zu Möglichkeiten der Gestaltung von Kontroversen durch eine Studie zum Thema „Technikakzeptanz aus der Sicht der Industrie“. Hierzu wurde im Juli 1995 ein Arbeitspapier vorgelegt.

Klagen der Industrie über eine vermeintlich technikfeindliche deutsche Öffentlichkeit und Politik haben in letzter Zeit eine wesentliche Rolle in der politischen Debatte um Probleme des Forschungs- und Technologiestandortes Deutschland gespielt. Um einen Überblick über die Positionen und Einschätzungen der deutschen Industrie zum Thema „Technikakzeptanz“ zu gewinnen, wurde eine explorative - nicht repräsentative - Auswertung von industrienahen oder -eigenen Publikationen im Zeitraum von 1990-1994 in Auftrag gegeben. Diese öffentlich geäußerten Problemsichten der Industrie basierende Untersuchung ergab u.a., dass das Thema Technikakzeptanz von der Industrie in erster Linie im Zusammenhang mit generellen ökonomischen Problemen, wie Absatzschwierigkeiten, internationale Konkurrenz, hohe Lohnkosten, aufgegriffen wird. Technikakzeptanz bietet sich hier als Passepartout für alle möglichen Probleme an. Der vermeintliche Mangel an Technikakzeptanz wird für Erscheinungen wie Arbeitsplatzabbau, Absatzprobleme, Innovationsrückstände verantwortlich gemacht, die aber erstens durch vielfältige Probleme des Industriestandortes Deutschland bedingt sind, für die sich zweitens allenfalls mittelbar ein Zusammenhang mit dem Akzeptanzthema herstellen lässt (Lohnnebenkosten, verschärfte internationale Konkurrenz) und die drittens Ergebnis unternehmerischer Strategien sein können, die unabhängig vom Technikbild der Öffentlichkeit verfolgt werden (Rationalisierungsstrategien und Abbau von Arbeitsplätzen).

Die Industriewahrnehmung öffentlicher Technikkontroversen ist überwiegend bestimmt durch das Pauschalurteil, die Öffentlichkeit schlechthin sei „technikfeindlich“. Insofern weicht schon die Beschreibung der Situation von dem Bild ab, das sich aus sozialwissenschaftlichen Untersuchungen zum Technikbild der Bevölkerung ergibt. Zeigt sich hier eine ambivalente, sowohl positive als auch negative Erscheinungen des „technischen Fortschritts“ würdigende Haltung als typisch für die deutsche Öffentlichkeit, so dominiert aus Industriesicht in der Öffentlichkeit einseitige und emotionale Technikablehnung. Zeigen empirische Untersuchungen keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen höherer Bildung bzw. Wissen über Technik und positiver Technikeinstellung, so ist die Industriesicht auf die Öffentlichkeit geprägt von der Vorstellung, die vermeintliche Technikfeindlichkeit sei vorwiegend aus einem Mangel an Wissen und naturwissenschaftlicher Bildung zu begreifen. Auch was den Vergleich mit der Technikakzeptanz in anderen Staaten angeht, werden Ergebnisse der Akzeptanzforschung, die zeigen, dass in allen wesentlichen Industrienationen ambivalente Einstellungen zum technischen Fortschritt dominieren und Technikeuphorie selbst in Japan die Ausnahme ist, kaum zur Kenntnis genommen.

Größtenteils scheint das Bild, das man sich in deutschen Unternehmen von Technikkontroversen - sowohl bezüglich der Ursachen als auch bezüglich der Möglichkeiten ihrer Gestaltung - macht, bestimmt zu sein von eher deterministischen Vorstellungen des Zusammenhangs von technischem und sozialem Wandel. Es steht nur selten in Frage, dass technische Innovationen positiv zu bewerten sind und gewissermaßen auf direktem Wege zur Lösung sozialer oder praktischer Probleme in einer der sozialen Wohlfahrt grundsätzlich zuträglichen Art und Weise beitragen. Dies widerspricht grundsätzlich der von Teilen der Öffentlichkeit formulierten und auch in Bürgerprotesten sich artikulierenden Forderung nach einer bewussten Gestaltung des technischen Wandels. Das Problem besteht aus Sicht der Industrie darin, dass die Öffentlichkeit durch falsche Information (etwa durch Medien), hierauf beruhende irrationale Ängste, durch unvollständiges Wissen oder eine durch Wohlstand verzerrte Wahrnehmung den Beitrag von Wissenschaft und Technik zum sozialen Wohlstand nicht ausreichend zu würdigen im Stande ist. Schwierigkeiten hat eine solche Vorstellung damit - wie etwa in der sozialwissenschaftlichen Risikoforschung mittlerweile unumstritten -, die Kriterien, die der Risikobewertung von Laien zugrunde liegen, als rational anzuerkennen.

Hinzu kommt, dass Unternehmen Innovationsentscheidungen unausweichlich in erster Linie unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten wahrnehmen müssen. Die Innovationsdynamik der wissenschaftlich-technischen Entwicklung erscheint hier vor dem Hintergrund internationaler Konkurrenz um Märkte für neue Produkte oder rentable Produktionsweisen als unausweichlich und alternativlos. Im Kontext solcher ökonomischen Zwänge werden dann in der Öffentlichkeit geäußerte ethische Bedenken, Warnungen vor unabsehbaren Gefahren oder Protest von Anwohnern gegen riskante Produktionsanlagen verständlicherweise leicht lediglich als „Hemmnis“ oder als „Innovationsverweigerung“ gesehen. Es ist dadurch auch zu erklären, dass die Zielvorstellungen, die die Industrie im Angesicht von Technikkontroversen entwickelt, sich konturlos in einem „Zurück zu Akzeptanz“ erschöpfen: Wir brauchen eine „grundsätzliche gesellschaftliche Akzeptanz für technologischen Fortschritt“. Der Gedanke, dass es in modernen Gesellschaften gar keine Wege aus, sondern nur Wege in der Akzeptanzkrise geben kann, man also mit Kritik wird leben müssen und es darauf ankommen könnte, nach neuen Formen, Arenen, Foren der Austragung von Konflikten und nach neuen gesellschaftlichen Institutionen der Technikgestaltung zu suchen, kann vor dem Hintergrund einer durch betriebswirtschaftliche Zwänge und Rationalitäten geprägten Realitätssicht nur schwer Platz greifen.

Auch „aufgeklärtere“ Einlassungen vonseiten der Industrie, die das Akzeptanzproblem nicht in erster Linie als Informations- oder Wissensproblem definieren, sondern als Vertrauenskrise, das heißt als in den Beziehungen zwischen Unternehmen und Bürgern begründet, und die deshalb nicht auf schnelle Lösungen setzen sowie realistischerweise die Möglichkeiten von Image- und Informationskampagnen als gering erachten, bleiben der Vorstellung verhaftet, man müsse oder könne „Akzeptanz“ wiedererlangen, wenn man nur die richten „Hebel“ ansetze. Durchgesetzt hat sich offenbar die Einsicht, dass Innovationsmanagement ohne Reaktion auf öffentliche Bedenken nicht möglich ist, dass man die Skepsis der Öffentlichkeit ernst nehmen muss. Zwiespältig ist aber die Reaktion auf diese Einsicht. So finden sich Erkenntnisse, die auf eine demokratische Gestaltung von Technikkontroversen hinauslaufen, wie: „Eine Mehrheitsfähigkeit innovations-politischer Ziele kann nur durch den gesellschaftlichen Diskurs erreicht werden“, neben den üblichen Formeln einer Psychologisierung von Technikkontroversen als Ausdruck von „Ängsten“, denen „positiv besetzte Visionen“ entgegengesetzt werden müssen.

Die weiteren Arbeiten zum Monitoring „Technikakzeptanz und Technikkontroversen“ werden sich vor allem vertiefend mit der Frage der Gestaltung von Technikkontroversen befassen. Diesbezüglich ist an die Vergabe einer Überblicksstudie zu sozialwissenschaftlichen Ansätzen der Gestaltung von Technikkontroversen sowie einer Studie zur Frage, welche Rolle Parlemente im Zusammenhang von Technikkontroversen spielen bzw. spielen können, gedacht. Die genauere Konzipierung der letzteren Studie wird von der Auswertung der vorliegenden international vergleichenden Untersuchung zur Struktur von Technikkontroversen und zu politischen Formen ihrer Austragung in modernen Industriestaaten abhängen.

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