→Springe direkt zum Inhalt

Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

TA-Projekt

Stand der Technikfolgenabschätzung im Bereich der Medizintechnik

Themenbereich: Bio- und Medizintechnologien
Analyseansatz: TA-Projekt
Themeninitiative: Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung
Status: abgeschlossen
Laufzeit: 1994 bis 1996

Technikanwendungen in der Medizin sind von höchster individueller wie gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Der biomedizinische Fortschritt und eine zunehmende Technisierung des Gesundheitswesens werfen ethische, ökonomische und juristische Probleme auf, die von Seiten der Politik aufgenommen und bearbeitet werden müssen; eigentlich also ein ideales Objekt für Technikfolgenabschätzung, das umfangreiche Aktivitäten erwarten lässt.

Zur Überprüfung dieser Vermutung hat das TAB im Herbst 1994 die Forschungsgruppe JANUS des Zentrums Technologietransfer Bad Oeynhausen GmbH (ZTB) beauftragt, eine Studie zum "Stand der Technikfolgenabschätzung im Bereich der Medizintechnik" zu erstellen. Diese sollte zum einen Überblick über die internationalen TA-Aktivitäten seit 1980 geben und zum anderen einen ausgewählten Bereich, die Transplantationsmedizin, hinsichtlich der Hintergründe, der Ziele und Adressaten, der Konzeption und der Methodik der hierzu vorfindbaren TA-Projekte vertiefend behandeln. Der TAB-Arbeitsbericht Nr. 39 vom April 1996 stellt eine auswertende Zusammenfassung der Studie dar und enthält eine zusammenfassende Beurteilung der einschlägigen TA-Aktivitäten, insbesondere in Deutschland.

Die Bestandsaufnahme der internationalen Literatur sowie Anfragen bei einschlägigen Institutionen erbrachten 815 Studien bzw. Projekte zur Technikfolgenabschätzung im Bereich der Medizintechnik für den Zeitraum von 1980 bis 1995. Zugrunde gelegt wurde eine weit verbreitete Definition des Begriffs "Medizintechnik", auf deren Grundlage die Einzeltechnologien sieben Feldern zugeordnet wurden: Technologien zu Diagnose, Heilung und Prävention, für "Krankheitsmanagement", "critical care und survival", "Systemmanagement" und "Übergreifende Themen".

Die erfassten TA-Studien/Projekte wurden hinsichtlich der Parameter "Länder- bzw. Regionenverteilung", "Zeitlicher Verlauf und Entwicklung der TA-Aktivitäten", "behandelte Themen" (Identifikation der Schwerpunkte der internationalen TA) und "untersuchte Folgedimensionen" quantitativ ausgewertet. Im Vergleich der Kontinente/Regionen sind in Europa die TA-Aktivitäten rein zahlenmäßig am stärksten ausgeprägt. Die Datenbanken weisen besonders zahlreiche Studien für solche Länder auf, in denen es spezielle Institutionen gibt, an denen an medizintechnischen Fragestellungen kontinuierlich und mit relativ großem personellen und finanziellen Aufwand gearbeitet wird (USA, Kanada, Australien, Frankreich, Niederlande). Das Fehlen einer solchen Institution in Deutschland spiegelt sich in der verhältnismäßig geringen Anzahl nachgewiesener deutscher TA-Studien wider.

Im zeitlichen Verlauf setzte die Entwicklung zuerst in den USA ein. Gegen Mitte der 80er Jahre scheint das Interesse an medizintechnischer TA-Analyse sprunghaft zugenommen zu haben, so dass gegen Ende der 80er Jahre Europa mit Nordamerika "gleichzieht" und es danach recht rasch "überholt".

Die Zuordnung der TA-Studien zu den sieben Technikfeldern ergab, dass sich die meisten der Studien mit Technologien zur Heilung (knapp die Hälfte) oder zur Diagnose (knapp ein Drittel), den beiden zentralen Vorgängen/Aufgaben in der Medizin, befassen. Es folgen Arbeiten zu "Krankheitsmanagement" und "Übergreifende Themen und Sonstiges" (je zehn Prozent) sowie zum "Systemmanagement" (fünf Prozent). Nur wenige Studien befassen sich mit den Themen "Prävention" bzw. "critical care" und "survival".

Die thematischen Schwerpunkte, d.h. diejenigen zehn (Einzel-)Themen, die am häufigsten in den vergangenen 15 Jahren untersucht wurden, sind: Magnetresonanz-Tomographie, DNA-Diagnostik, Home-Care-Technologien, Knochenmarktransplantation, Angioplastie, Laseranwendungen, Lithotripsie, Radiotherapie, Oxygentherapie, IuK-Systeme. Gemessen an der Intensität der öffentlichen Aufmerksamkeit beschäftigen sich wenige Studien mit Fragen der Reproduktionsmedizin, mit minimal invasiver Chirurgie, Intensivmedizin und neuromedizinischen Themen.

Die Auswertung unter dem Gesichtspunkt der vorrangig untersuchten Folgedimensionen zeigt, dass technik- und ökonomiezentrierte Folgedimensionen (Fragen der medizinischen Wirksamkeit, ökonomische und Sicherheitsaspekte, Technikdiffusion und -distribution, Forschungsaspekte) deutlich dominieren. Die Bearbeitung psychosozialer und ethischer Technik-Aspekte hingegen ist relativ schwach ausgeprägt. Ebenso spielen organisatorische, rechtliche und politische Fragen, die normative Elemente einschließen und sich quantifizierenden Betrachtungsweisen entziehen, eine eher untergeordnete Rolle.

Dieser Befund wurde durch die exemplarische inhaltliche Auswertung von TA-Studien zur Transplantationsmedizin bestätigt. Ein Charakteristikum der erfassten Studien ist die Einseitigkeit ihres Fokus' und die Selektivität ihrer Fragestellung: Medizinische und betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Betrachtungen stehen im Vordergrund, es fehlen u. a. jene Dimensionen, die sich auf den gesellschaftlichen Kontext der jeweils untersuchten Therapie beziehen, so etwa strukturelle Charakteristika des Gesundheitswesens und deren Einfluss auf das Transplantationssystem.

Auf der Grundlage der erhobenen Daten war es nicht möglich, das Thema analytisch erschöpfend zu bearbeiten. Die zusammenfassende Beurteilung der Ergebnisse erfolgte daher nicht in Form eines abschließenden Urteils. Es wurden reflektierte Thesen formuliert, die zu Diskussion und Ergänzung herausfordern sollen. Dabei wurde folgenden Fragen - mit einem besonderen Blick auf Deutschland - nachgegangen: Erfassen die TA-Aktivitäten die wichtigen/wichtigsten Techniken bzw. die hierfür relevanten gesellschaftlichen Entwicklungen oder sind wesentliche Lücken vorhanden? Genügen die TA-Studien hinsichtlich ihres Konzeptes und ihrer Fragestellung den Kriterien, die eine TA anerkanntermaßen erfüllen sollte, wie z.B. Vollständigkeit und exante Orientierung? Sind die Rahmenbedingungen für TA zur Medizintechnik ausreichend angesichts der ökonomischen und gesellschaftlichen Bedeutung der Medizintechnik und der Notwendigkeit, deren Potentiale kritisch abzuschätzen und zu bewerten?

Insbesondere im Hinblick auf die Situation in Deutschland wurde eine ganze Reihe von solchen thematischen, konzeptionellen und strukturellen Defiziten diagnostiziert. Schritte zur Verbesserung der Situation könnten darin bestehen

  • Rahmenbedingungen für TA zur Medizintechnik und die Kommunikation zwischen Vertreten der "TA-Szene" zu verbessern,
  • zu beschreiben und entsprechendes Bewusstsein bei den Beteiligten zu wecken sowie
  • TA-Szene im Bereich der Medizintechnik durch die Durchführung eines Spektrums exemplarischer TA-Untersuchungen zu demonstrieren.

Der Deutsche Bundestag könnte in allen drei Bereichen Initiativen ergreifen.

Zum Seitenanfang