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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

TA-Projekt

Entwicklung und Folgen des Tourismus II

Themenbereich: Verschiedene Themen
Analyseansatz: TA-Projekt
Themeninitiative: Ausschuss für Tourismus
Status: abgeschlossen
Laufzeit: 1996 bis 1999

Für den Tourismus als globales Geschehen werfen die Strukturveränderungen im Zuge des Globalisierungsprozesses eine Vielzahl neuer Fragen auf. Dazu zählen das anwachsende Volumen der Reiseströme, der weltweite Kampf der Destinationen um alte und neue Quellmärkte, Die Gefahr von Überkapazitäten und ruinösem Wettbewerb sowie der Beitrag des Tourismus zur globalen Umweltproblematik.
Nicht nur bezüglich der ökologischen Dimension steht die Rolle der Politik und ihrer Beiträge zu einer nachhaltigen Tourismuspolitik auf dem Prüfstand. Auch andere Handlungsfelder wie die Verbesserung der Rahmenbedingungen und die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit des Tourismusstandortes Deutschland rücken verstärkt ins Blickfeld. Gesucht wird eine neue Balance zwischen den Chancen weiterer Liberalisierung und Deregulierung und den ökonomischen, sozialen und ökologischen Risiken des Tourismus.

Untersuchungsgegenstand und Zielsetzung

Zentrale Thematik des auf eine Initiative des Ausschusses für Fremdenverkehr und Tourismus (mittlerweile: Ausschuss für Tourismus) zustande gekommenen TA-Projektes "Folgen des Tourismus" ist die Frage, ob und wie eine intelligente und kooperative Tourismus"innen"politik und eine neu zu definierende Tourismus"außen"politik auf die Phänomene einer weitreichenden Umbruchsituation reagieren können.

Das Projekt wurde im Oktober 1996 begonnen. Eine erste Phase des Projektes diente der Erarbeitung eines Sachstandberichtes sowie der Identifikation von Forschungslücken zu den zentralen Dimensionen des Tourismus. Der Abschlussbericht zu Phase I konzentrierte sich auf den Tourismus der Deutschen und den Tourismus in Deutschland. Der Bericht wurde im Oktober 1997 vorgelegt (TAB-Arbeitsbericht Nr. 52).

In der zweiten Phase wurde der Tourismus im Kontext der Globalisierung betrachtet und der Tatsache der Einbettung des touristischen Geschehens in die weltweiten Wandlungsprozesse in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Rechnung getragen. Die Ursachen und Folgen der Globalisierung wurden in Beziehung zum Tourismus gesetzt werden, insofern sie sowohl bereits bestehende strukturelle Probleme des Tourismusstandortes Deutschland verstärken, andererseits aber auch Chancen und Potenziale eröffnen können. Der Bericht der Phase II wurde im März 1999 vorgelegt (TAB-Arbeitsbericht Nr. 59).

Ergebnisse

Forschungsstand

Der Bericht zur Phase I erfasst den Forschungsstand zu ausgewählten Dimensionen des Tourismus: Tourismus als Wirtschaftsfaktor, Umweltfolgen des Tourismus, Technik und Tourismus, Motive, Einstellungen und Werte, Tourismuspolitik. Vorangestellt werden Informationen zum Reiseverhalten der Deutschen.

Rahmenbedingungen und Trends des Tourismus

Die dem Tourismus vorhergesagten Wachstumsraten und seine erwartete weitere Expansion sind abhängig von bestimmten Rahmenbedingungen und Entwicklungstrends. Dazu gehören Struktur und Entwicklung der Weltwirtschaft, demographischer wie soziostruktureller Wandel, Wertewandel, globale Umweltprobleme und die weltweit sich formierenden Informationsgesellschaften. Für eine realistische Einschätzung des zukünftigen Reiseverhaltens und der Angebotstruktur müssen diese den Tourismus beeinflussenden externen Variablen berücksichtigt werden.

Tourismus im Zeitalter der Globalisierung

Globalisierungstendenzen in der Weltökonomie wirken sich auch im Tourismus aus. Anzeichen, die in diese Richtung deuten, finden sich sowohl auf der Seite der Nachfrage nach touristischen Dienstleistungen als auch auf der Angebotsseite. Neben Tendenzen zur weltweiten Angleichung der Nachfrage zeichnen sich auch solche der Differenzierung ab. Mit einer weltweiten Vereinheitlichung des Angebots ist nur im Niedrigpreissegment zu rechnen. Auch in Bezug auf den Tourismus aus und nach Deutschland lässt sich von Globalisierungstendenzen in der Nachfrage nur mit Vorsicht sprechen. Zwar weisen die Deutschen eine hohe Auslandsreiseintensität, zugleich aber eine geringe Fernreiseintensität auf.

Globalisierung im Tourismus

Ökonomie

  • horizontale und vertikale Integrationsstrategien von Tourismusunternehmen
  • Auslandinvestitionen in Hotels und Touristenattraktionen ("Globale Tourismusmärkte")
  • Global Players und strategische Allianzen (Airlines, Hotel, Reiseveranstalter usw.)
  • globales touristisches Management
  • weltweite Konkurrenz der Reisegebiete
  • Technologie
  • globale Reservierungssysteme, elektronische Marktplätze
  • standardisierte Technologien bei Transportsystemen

Kultur

  • Der "Welt-Tourist": Angleichung des Reiseverhaltens
  • Entstehung eines globalen "Reise-Village"

Technologie

  • globale Reservierungssysteme, elektronische Marktplätze
  • standardisierte Technologien bei Transportsystemen

Ökologie

  • Tourismus als "globales Umweltproblemsyndrom", Rückwirkungen des Klimawandels auf Zielgebiete

Politik

  • wachsende Bedeutung internationaler Tourismusorganisationen
  • Notwendigkeit einer weltweiten Koordination und Regulierung des Reiseverkehrs
  • Nachhaltiger Tourismus als Leitbild

Auf der Angebotsseite lassen sich deutlichere Anzeichen für Globalisierungstendenzen und -prozesse feststellen. Alle Stufen der touristischen Wertschöpfungskette (Reisemittler, Veranstalter, Transport- und Gastgewerbe) unterliegen zunehmendem Konkurrenzdruck. Größenwachstum, Konzentrationstendenzen, Nischenstrategien und Allianzen sind durchgängige Symptome. Sie fallen in den einzelnen Sektoren allerdings unterschiedlich aus.

Informations- und Kommunikationstechnologien in der Tourismuswirtschaft

Unabdingbare Voraussetzung und zentrales Element eines globalen Tourismus ist eine weltweite informationstechnische Infrastruktur.

Die vermehrte Nutzung neuer IuK-Systeme tangiert alle Stufen der touristischen Wertschöpfungskette, verändert Marktanteile, Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen und beeinflusst die Wettbewerbsfähigkeit der Akteure und Destinationen. IuK-Technologien schaffen veränderte Kommunikations- und Kooperationsformen zwischen den touristischen Anbietern und den Kunden und schwächen die Bedeutung klassischer Distributionskanäle. Der vermehrte Einsatz von IuK-Technologien führt aber auch zu einem verschärften globalen Wettbewerb im Tourismus, zur Einsparung von Arbeitskräften und zu Verdrängungseffekten und Verteilungskämpfen auf dem Markt.

Politik

Das System Tourismus repräsentiert bereits heute ein fortgeschrittenes Modell der Beziehung zwischen Wirtschaft und kooperativem Staat und weist weit entwickelte Strukturen einer Leitökonomie der Moderne auf.

Eine Analyse der Akteure auf der Ebene der internationalen Tourismuspolitik zeigt eine erstaunliche Vielfalt staatlicher und zwischenstaatlicher Organisationen einerseits und Vertretern gesellschaftlicher Gruppen wie Verbände und Nicht-Regierungsorganisationen andererseits. Zentrale Ziele in der internationalen Tourismuspolitik wie z.B. adäquate Rahmenbedingungen, Wettbewerbsvielfalt, Nachhaltigkeit oder Arbeitsplätze werden in Kooperation mit der öffentlichen Hand und Gesellschaft verfolgt. Tourismuspolitik stellt sich insofern als Verbundpolitik dar.

Eine Analyse der Konzepte und Strategien zeigt insbesondere auf internationaler Ebene die große Aufgeschlossenheit der Akteure gegenüber dem Leitbild eines nachhaltigen Tourismus. Bemerkenswert sind auch die zahlreichen Versuche, das Spannungsverhältnis zwischen Ökologie und Ökonomie durch integrierte Ansätze und Programme zu mindern. Allerdings bleibt unübersehbar, dass zwischen Privatwirtschaft und öffentlichen Akteuren wie auch Nicht-Regierungsorganisationen unterschiedliche Vorstellungen hinsichtlich der Ziele und Wege einer nachhaltigen Tourismuspolitik bestehen.

Auf europäischer Ebene ist es bislang nicht gelungen, die Potenziale einer kohärenten EU-Tourismuspolitik auszuschöpfen und gleichzeitig das Subsidaritätsprinzip konstruktiv zu gestalten. Es fehlt eine gemeinsam getragene politische Zielsetzung und ein übergeordnetes Leitbild einer europäischen nachhaltigen Tourismuspolitik. Im Blick auf die Herausforderungen eines nachhaltigen und wirtschaftlich tragfähigen Tourismus ist die Situation unbefriedigend.

Eine Analyse der bundesdeutschen Akteure in der Politik zeigt, dass zum einem Strukturen und Kapazitäten zur aktiven Gestaltung einer internationalen Tourismuspolitik verbessert werden müssen. Zum anderen müssten die bislang auf verschiedenen Ebenen existierenden Vorstellungen gesammelt und zu einem geschlossenen Konzept zusammengefasst werden. Die Wirtschaft hat sich bislang erst in Ansätzen auf die Ebene internationaler Tourismuspolitik begeben.

Themen und Optionen für eine nachhaltige deutsche Tourismusaußenpolitik ergeben sich insgesamt aus den Herausforderungen des globalisierten Tourismus und einer Verpflichtung staatlicher Politik auf das Prinzip einer nachhaltigen Entwicklung. Sie könnte anknüpfen an die bereits entwickelten Ansätze und Aktivitäten internationaler zwischenstaatlicher und gesellschaftlicher Akteure.

Optionen einer nachhaltigen Tourismusaußenpolitik

  • Umsetzung der Agenda 21 im Tourismussektor durch Leitlinien und Selbstverpflichtungen
  • ethische und soziokulturelle Dimensionen der Nachhaltigkeit
  • internationale Abkommen
  • Umweltmanagementsysteme und Ökolabel
  • Arbeitsplätze
  • Luftverkehr
  • Umweltmanagement in Zentren des Massentourismus
  • Bestpractice-Beispiele (innovative und nachhaltige Regionalkonzepte)
  • Gestaltung offener Tourismusmärkte (GATS)
  • Integration des Tourismus in den Prozess der Agenda 2000 und der Osterweiterung der EU

Fazit

Die von vielen erwartete goldene Zukunft des Tourismus ist eher offen. Die mit seiner weiteren Entwicklung verbundenen Chancen und Potenziale einerseits und die Risiken für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt andererseits liegen dicht beisammen. Weil aber der Tourismus wie nur wenige Wirtschaftssektoren zwingend auf eine intakte Umwelt und ein nachhaltiges Wachstum angewiesen ist, besteht hier noch am ehesten die Chance, Mittel und Wege zu finden, Wirtschaft und Umwelt im Zeitalter der Globalisierung in Einklang zu bringen.

Parlamentarische Behandlung

Nach der Drucklegung des ersten TAB-Berichtes als Bundestags-Drucksache (13/9446) im Dezember 1997 wurden Bericht und Projektergebnisse ausführlich im Plenum und nach Überweisung in mehreren Ausschüssen des Deutschen Bundestages behandelt. Die Beratung wurde im Juli 1998 mit Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Tourismus zunächst abgeschlossen. In der 14. Legislaturperiode wurde der Bericht neu an die Ausschüsse überwiesen.

Nach Veröffentlichung des zweiten TAB-Berichtes als Bundestags-Drucksache (14/1100) am 21.05.1999 wurde auch dieser nach einer ausführlichen Debatte im Plenum an die Ausschüsse zur Beratung überwiesen. Der federführende Ausschuss für Tourismus schloss die Beratung 2001 ab.

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