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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Informationen zur Untersuchung

Robotik und assistive Neurotechnologien in der Pflege — gesellschaftliche Herausforderungen

Vertiefung des Projekts »Mensch-Maschine-Entgrenzungen«

Themenbereich: Bio- und Medizintechnologien
Analyseansatz: TA-Projekt
Themeninitiative: Ausschuss Digitale Agenda sowie Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung
Status: abgeschlossen
Laufzeit: 2016 bis 2017

Gegenstand und Ziel der Untersuchung

Technologische Trends im Bereich der Robotik und Neurotechnologien führen mehr und mehr zu einer Verschmelzung von Mensch und Maschine. Angesichts des demografischen Wandels gilt der Bereich der Pflege und Gesundheit als ein wichtiges Anwendungsfeld für derartige Entwicklungen. Denn zukünftig ist mit stark steigenden Pflegebedarfen sowie mit einem sich verschärfenden Pflegefachkräftemangel zu rechnen, was – so wird teilweise postuliert – nur mit dem verstärkten Einsatz neuer Technologien zu bewältigen ist. Speziell autonom agierenden Servicerobotern wird großes Potenzial zugeschrieben, Pflegekräfte entlasten sowie Pflegebedürftige im Alltag unterstützen zu können – entsprechende Anwendungen befinden sich in der Entwicklung und Erprobung. Gleichzeitig liegt auf der Hand, dass es sich bei der Pflege aufgrund der fragilen Verfassung Pflegebedürftiger um einen moralisch außerordentlich sensiblen Bereich handelt, sodass sich viele normative Herausforderungen ergeben. Die Altenpflege ist damit ein Feld, in dem sich die Ambivalenzen der Mensch-Maschine-Entgrenzung in paradigmatischer Weise zuspitzen.

Im Mittelpunkt des TA-Projekts standen folgende Fragen:

  • Was können Roboter zu guter Pflege beitragen und welche ethischen Herausforderungen ergeben sich durch die zunehmende Technisierung und insbesondere Automatisierung des Pflegealltags?
  • Wie sehen die aktuellen Regelungen zum Umgang mit robotischen Pflegetechnologien aus, insbesondere in Bezug auf Sicherheits-, Haftungs- und Datenschutzfragen, und sind sie den anstehenden Herausforderungen angemessen?
  • Wie könnte eine angemessene Gestaltung der Technikentwicklung aussehen, um möglichst bedarfsorientierte und akzeptanzfähige Lösungen zu erhalten?

Ergebnisse

Im Bereich Robotik der Pflege finden seit Langem intensive Entwicklungsbemühungen statt. In die Pflegepraxis hat es bislang jedoch nur eine Handvoll Produkte geschafft. Meist handelt es sich dabei um Spezialanwendungen (etwa Esshilfen oder therapeutische Hilfsmittel wie die Roboterrobbe PARO), deren Autonomie begrenzt ist und die nicht unbedingt dem gängigen Bild eines Assistenzroboters entsprechen. Komplexere Assistenzroboter hingegen sind noch nicht über den Status einer Forschungsplattform hinausgekommen.

Dass sich robotische Pflegeanwendungen bislang noch nicht verbreitet durchgesetzt haben, ist nach Meinung verschiedener Expertinnen und Experten auch darauf zurückzuführen, dass den Bedürfnissen und Problemlagen der Pflegebedürftigen im Entwicklungsprozess bisher zu wenig Beachtung geschenkt wurde und die resultierenden Anwendungen somit keinen wirklichen pflegerischen Mehrwert bieten. Ausgangs- und Orientierungspunkt bei der Entwicklung neuer Technologien sollten deshalb die tatsächlichen Unterstützungsbedarfe potenzieller Nutzerinnen und Nutzer sowie anderweitig Betroffener, die partizipativ in den Entwicklungsprozess einzubeziehen sind, und nicht die technische Machbarkeit sein.

Von großer Bedeutung ist, dass auch ethische Aspekte verstärkt bereits im Rahmen der Technikentwicklung untersucht werden. Hier stellt sich vor allem die Frage, wie sich der Robotikeinsatz auf die zwischenmenschliche Interaktion auswirkt, ohne die gute Pflege nicht vorstellbar ist. Befürchtet wird, dass Pflegearbeit zunehmend einem mechanistischen Verständnis unterworfen wird, das heißt auf zweckbezogene Anteile verengt und die empfindungsbezogenen Aspekte entsprechend marginalisiert werden – vor allem, wenn sich dadurch betriebswirtschaftliche Einsparpotenziale realisieren lassen. Noch mangelt es an belastbaren und generalisierbaren Erkenntnissen zu den Auswirkungen robotischer Systeme auf Pflegeprozesse; umso wichtiger ist, ethische Bewertungen möglichst bereits im Vorfeld der Techniknutzung vorzunehmen und in die konkrete Technikgestaltung einfließen zu lassen.

Die Entwicklung ethisch verantwortungsvoller sowie bedarfsorientierter Pflegetechnologien ist eine langfristige und ergebnisoffene Aufgabe, die insbesondere in den frühen, produktfernen Stadien wesentlich von staatlicher Unterstützung abhängt. Sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene sind seit einigen Jahren deutliche forschungspolitische Bestrebungen erkennbar, die Befassung mit ethischen, sozialen und rechtlichen Fragen in öffentlich geförderten Projekten konsequent einzufordern. Es ist zentrale Aufgabe der Forschungsförderung, darauf zu achten, dass diese strategischen Ziele auf Projektebene auch konsequent umgesetzt werden.

Derzeit ist noch nicht absehbar, ob überhaupt bzw. wann mit einem verbreiteten Robotereinsatz in der Pflege zu rechnen ist. Gleichwohl sind die folgenden Rahmenbedingungen zu beachten, um auf neue Entwicklungen vorbereitet zu sein:

  • Sozial- und berufsrechtliche Weichenstellungen: Eine wichtige politische Aufgabe ist, dafür Sorge zu tragen, dass die durch Automatisierung entstehenden Freiräume nicht systematisch zum Personalabbau genutzt werden.
  • Sicherheits- und Haftungsfragen: Sicherungs- und Wartungspflichten der Betreiber sind transparent festzulegen und die zivilrechtlichen Haftungsregeln so auszugestalten, dass eine interessengerechte Verteilung der spezifischen Risiken eines Robotereinsatzes garantiert ist.
  • Öffentliche Debatte: Die Gestaltung guter Pflege ist letztlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die einen systematischen Austausch über die Zukunft der Pflege sowie die wünschenswerte Rolle technischer Unterstützungslösungen voraussetzt.
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