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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Informationen zur Untersuchung

Welchen Beitrag kann die Forschung zur Lösung des Welternährungsproblems leisten?

Hintergrund, zentrale Aspekte des Themas

Fehl- und Unterernährung aus Armutsgründen sind ein Problem, das zum großen Teil in Entwicklungs- und Schwellenländern auftritt und einen Kern der im Frühjahr 2008 aufgeflammten Debatte über die Zukunft der weltweiten Landwirtschaft repräsentiert. Das trotz aller Bemühungen der vergangenen Jahrzehnte immer noch vorhandene Welternährungsproblem betrifft weltweit derzeit ca. 1 Milliarde Menschen, entgegen den Hoffnungen früherer Jahre wird angesichts stark schwankender Nahrungsmittelpreise (u.a. aufgrund von Produktionsproblemen als Folge der negativen Auswirkungen des Klimawandels, der wachsenden Nachfrage nach Agrarrohstoffen für die stoffliche und energetische Nutzung sowie einen überproportional steigenden Fleischkonsum bei weiter wachsender Weltbevölkerung) mittlerweile wieder mit steigenden Zahlen betroffener Menschen gerechnet.

Eine wichtige Unterscheidungsebene des Welternährungsproblems betrifft die Ursachen. Zu unterscheiden ist zwischen akuten Hungerkrisen mit vorübergehenden Ursachen einerseits und chronischem Hunger und Unterernährung mit strukturellen Ursachen andererseits. Akute Ernährungskrisen können durch die Folgen ungünstiger Wetterbedingungen wie Dürre oder Überschwemmungen, durch Naturkatastrophen wie Erdbeben, durch ökonomische Zusammenbrüche oder militärische Konflikte und Bürgerkriege ausgelöst werden. Hinter aktuellen Ursachen stehen allerdings oftmals auch langfristige Probleme, wie beispielsweise die Zunahme der Überschwemmungen, die im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu sehen ist.

Neben dem grundlegenden Zusammenhang von Armut und Hunger gibt es eine Vielzahl von strukturellen Faktoren, die zu Unter- und Fehlernährung beitragen. Die zwei grundsätzlichen Kategorien der Versorgung mit Lebensmitteln sind die Bereitstellung bzw. Produktion und die Verteilung bzw. der Zugang. Probleme der Bereitstellung oder Produktion können lokal, regional, national oder auch kontinental auftreten, gleiches gilt für Verteilung und Zugang. Für alle Einzelaspekte bzw. ‑dimensionen gilt, dass ein entscheidender Faktor das gute Regieren, die »Good Governance«, ist – bezüglich der gesellschaftlichen Verteilung der Betriebsmittel (Kapital, Boden, Saatgut etc.), der Ausgestaltung der landwirtschaftlichen Praxis, des Umgangs mit den natürlichen Ressourcen, der Marktgestaltung, der Verwaltungsstrukturen sowie der Sozial- und Politiksysteme insgesamt. All dies (und vieles mehr) beeinflusst Umfang und Ausprägung von Fehl- und Unterernährung, die durchaus auch in Industrieländern auftreten, hier oft in einem Überschneidungsbereich zwischen Armut, Uniformiertheit und Problemen der Prioritätensetzung unter prekären Lebensbedingungen.

Weil die Ursachen so vielfältig sind (von der Welthandelspolitik als Bedingungsfaktor der wirtschaftlichen Entwicklung allgemein sowie der Absatzmärkte für landwirtschaftliche Produkte aus Entwicklungsländern über Fragen der Migration bis zur Wasserverfügbarkeit) und sich gegenseitig beeinflussen, fällt es schwer, all diejenigen Disziplinen der Agrar-, Bio- und Umweltwissenschaften, der Ökonomie, der Sozial- und Politikwissenschaften zu benennen, deren Forschung besondere Beiträge zur Lösung des Welternährungsproblems leisten können. In allen einschlägigen neueren Stellungnahmen und Berichten, u.a. des G8-Gipfels im Juli 2008, des International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology (IAASTD), der Weltbank und auch der deutschen Bundesregierung, wird Wissenschaft und Technik – und damit auch einer zukünftigen intensiv(er)en Forschung – eine wichtige Rolle zugesprochen. So fordert der Bericht der Bundesregierung »Globale Ernährungssicherung durch nachhaltige Entwicklung und Agrarwirtschaft« vom Juni 2008 eine Intensivierung der Agarforschung sowohl grundsätzlich als auch spezifisch mit Blick auf das Problem der Nutzungskonkurrenzen beim Ausbau der Bioenergienutzung. Um Ertragssteigerungen erreichen zu können, seien Forschungsanstrengungen entlang der gesamten landwirtschaftlichen Produktionskette inklusive der Zulieferindustrien notwendig.

Explizit genannt werden eine Verbesserung der Potenziale der landwirtschaftlichen Kulturpflanzen, die Ausbildung von Fachkräften der Entwicklungsländer und die Unterstützung des Wissens- und Technologietransfers durch gemeinsame FuE-Projekte und durch die Verstärkung der landwirtschaftlichen Ausbildung und Beratung vor Ort. Besonders hervorgehoben wird die Unterstützung der internationalen Agrarforschung (u.a. durch die Consultative Group on International Agricultural Research, CGIAR) sowie die Erforschung des »Innovationsfelds Pflanze« im Rahmen der »Hightech-Strategie« der Bundesregierung. Verwiesen wird auf den »Forschungsrat Bioökonomie«, der Expertise aus Wissenschaft, Wirtschaft und gesellschaftlichen Gruppen bündeln soll und Handlungsempfehlungen für eine abgestimmte nationale und europäische Forschungsstrategie entwickeln soll. Mit Blick auf die nötigen weiteren Schritte wird die Notwendigkeit einer international koordinierten Vorgehensweise besonders betont, die laut allen genannten Stellungnahmen auch eine Intensivierung der Forschungsförderung (in allen relevanten Disziplinen) umfassen muss.

Ziel und Vorgehensweise

Fortschritte bei der Lösung des Welternährungsproblems können nur erzielt werden, wenn die beiden hochkomplexen Problemkreise und ihre Herausforderungen angegangen werden:

  • Wie können Hunger und Mangelernährung als Armutsfolge in Entwicklungs- und Schwellenländer überwunden werden?
  • Wie können Nahrungsmittelproduktion und Ernährungssicherung für die weiter wachsende Weltbevölkerung in umwelt- und sozialverträglicher Weise gewährleistet werden?

Das TAB-Projekt wird grundsätzlich beide Perspektiven berücksichtigen, ohne allerdings das Armutsproblem in all seinen Dimensionen und Facetten umfassend abzubilden. Es wird sich vielmehr vorrangig auf Fragen der verbesserten zukünftigen landwirtschaftlichen Produktion, Lagerung und Verteilung von Lebensmitteln sowie auf die Beeinflussbarkeit des Bedarfs bzw. der Nachfrage (als Resultat von Bevölkerungszahl und Konsumverhalten/mustern) konzentrieren.

Die genannten Dokumente bilden einen Ausgangspunkt, um herauszuarbeiten, in welchen als besonders relevant erkannten Teilbereichen des Welternährungsproblems besonders großer Forschungsbedarf besteht. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Einschätzungen, welche Fragestellungen, Technologien und Verfahren besonders erforschungs- und unterstützungswürdig, weil vielversprechend zur Milderung des Welternährungsproblems sind, stark von den verfolgten landwirtschaftlichen Entwicklungskonzepten abhängen. Diesbezüglich legt z.B. der IAASTD-Bericht eine deutlich größere Betonung auf die Förderung ökonomisch bedrohter Subsistenzbetriebe in Entwicklungsländern, deren Betreiber selbst einen großen Teil der hungernden Weltbevölkerung ausmachen, während die Weltbank eher die bereits jetzt wettbewerbsfähigeren Landwirte stärker technologisch unterstützen möchte. In ihrem letzten Weltentwicklungsbericht betont sie insbesondere das Problem der Umsetzung vorhandenen Wissens in lokal und regional wirksame Produktionsstrategien. Ein besonderes Augenmerk muss nach Ansicht vieler Experten auf den Aspekt der verbesserten Beteiligung der Zielgruppen sowohl bei der Formulierung von Forschungsfragen als auch bei der Wahl der Forschungsstrategien (»Partizipative Forschung«) wie bei der Umsetzung in die Praxis gelegt werden.

Im Projekt des TAB soll vor allem untersucht werden, von welchen Disziplinen der deutschen Wissenschaft bzw. FuE besonders relevante und weiterführende große Fortschritte und Lösungsbeiträge zu erwarten sind, sodass eine intensivere Unterstützung naheliegt. Gefragt werden soll, wo spezifische Restriktionen zu überwinden und neue Formen der inter- und transdisziplinären Forschung und Wissenschaft zu erkunden und zu entwickeln sind. Im Mittelpunkt des TAB-Projekts wird im Frühjahr 2010 ein Symposium zum zukünftigen Forschungs- und Förderungsbedarf stehen. Zur Vorbereitung des Symposiums soll eine Reihe von Kurzexpertisen an Experten unterschiedlicher Fachrichtungen, Institutionen und NGOs vergeben werden.

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