→Springe direkt zum Inhalt

Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Informationen zur Untersuchung

Gesundheits-Apps

Themenbereich: Technik, Gesellschaft, Innovation
Analyseansatz: Innovationsanalyse
Themeninitiative: Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung
Status: laufend
Bearbeitungsstand: Berichterstellung
Laufzeit: 2016 bis 2017

Thematischer Hintergrund

In den vergangenen Jahren sind die Zahl von Apps (Applikation/Anwendungsprogramm) sowie die Zahl mobiler Endgeräte wie Smartphone oder Tablet im privaten und beruflichen Alltag stark gestiegen. Das Angebot umfasst nahezu alle Themen- und Lebensbereiche, hohe Wachstumsraten zeigen sich bei gesundheitsbezogenen Apps. Neben medizinischen Apps (»Medical Apps«), die vorrangig für Fachpersonal in Medizin und Pflege oder chronisch Kranke angeboten werden, ist mittlerweile auch eine Vielzahl an Gesundheits-Apps für die allgemeine Bevölkerung auf dem Markt verfügbar. Standen am Anfang bei der Entwicklung der Gesundheits-Apps – mit Blick auf die Nutzungsfunktion und grafische Ausgestaltung – nur einfache Apps zur Verfügung, können heute durch die Leistungssteigerung der mobilen Endgeräte mittels der Gesundheits-Apps immer mehr und qualifiziertere Gesundheitsdaten erfasst und auch analysiert werden.

Die Anwendungen der Gesundheits-Apps decken weite Bereiche ab, die von der Gesundheitsförderung über die Primär- und Sekundärprävention (Erhalt der Gesundheit bzw. Vorbeugung von Krankheiten, Früherkennung bzw. Verhinderung der Verschlimmerung einer Erkrankung) bis zur Tertiärprävention (Verhinderung einer Verschlimmerung oder des Eintritts von Komplikationen bei einer bereits manifesten Erkrankung) reichen. So können beispielsweise beim Freizeitsport kontinuierlich Vitaldaten erfasst und ausgewertet werden, die Kalorien verzehrter Nahrungsmittel addiert und mit dem individuell-spezifischen Kalorienbedarf abgeglichen werden, es können aber auch chronisch Kranke bei der Bewältigung ihres Lebensalltags und beim Selbstmanagement ihrer Krankheit unterstützt werden. Den Gesundheits-Apps wird ein hohes Leistungsspektrum zugesprochen: Wissen zu schaffen und für etwaige Gesundheitsrisiken zu sensibilisieren, Wohlbefinden und Gesundheitskompetenz zu steigern, die Vorbeugung zu stärken und Verhaltensänderungen effektiv anzustoßen und (idealerweise) zu verstetigen, die Diagnostik zu ergänzen, den Erfolg von Behandlungen zu überwachen, die Therapietreue zu fördern und vieles andere mehr. Bei all dem werden die gesundheitsbezogenen Daten kontinuierlich ortsunabhängig erfasst und – auch unter Heranziehung weiterer Datenbestände – nahezu in Echtzeit ausgewertet.

Der europäische Markt für Gesundheits-Apps ist sehr unterschiedlich entwickelt. Der deutsche Markt ist einer der größten in Europa. Dabei ist der Aufwand für die Entwickler und Anbieter vergleichsweise gering, denn bisher kann jeder seine Apps relativ einfach ins Netz bzw. auf die entsprechenden Plattformen stellen, der Markt reguliert sich weitgehend selbst. Ausnahmen, die eine Überprüfung von staatlicher Seite bedingen, gelten für medizinische Apps, die als Medizinprodukt bewertet und entsprechende Standards erfüllen müssen, wenn die Software laut Hersteller »der Erkennung, Verhütung, Überwachung, Behandlung oder Linderung von Krankheiten« dient. Für die Verbraucher bleiben die Grenzen zwischen Gesundheits- und Medizin-Apps aber oftmals fließend.

Sowohl Sicherheit, Schutz und Weiterverwendung der persönlichen Daten als auch die wissenschaftliche Grundlage der Outputs von Gesundheits-Apps sind – den Ergebnissen aktueller Studien zufolge – oft intransparent. Zudem mangelt es an verbindlichen Standards, um die Qualität und Vertrauenswürdigkeit von Gesundheits-Apps einschätzen zu können. Gleichzeitig ist die Szene der lebensstilorientierten Quantified-Self-, Self-Tracking- oder Life-Logging-Aktivisten, die Vitalwerte und andere Gesundheitsdaten in jeglicher Form kontinuierlich erfassen und auch über Apps und Cloud-Services speichern und analysieren lassen, in Deutschland durchaus groß (Quantified Self = Selbstvermessung; Self Tracking = Protokollierung von Körper- und Fitnessdaten; Life-Logging = Mitschneiden von persönlichen Ereignissen). Die Erhebung von Gesundheitsdaten schreitet also voran.

Die Nutzung und Verbreitung von Gesundheits-Apps birgt nicht nur Chancen, sondern auch Risiken, insbesondere mit Blick auf den Datenschutz: Die erhobenen Datenmengen werden immer größer und vielfältiger, können immer schneller bearbeitet werden (Big Data im Gesundheitswesen) und integrieren oft personenbezogene und Standortdaten. Die durch die Gesundheits-Apps (kontinuierlich) gewonnenen Daten können für den Erhalt der Gesundheit von Menschen sehr hilfreich sein. Andererseits steht ein großer Teil der Bevölkerung der zunehmenden Datensammlung in allen Lebensbereichen durch eine Reihe aufgetretener Skandale im Umgang mit sensiblen Daten, wie etwa die NSA-Überwachung, zum Teil unsicher, zum Teil aber auch sehr kritisch gegenüber. Da die Server für die Datenspeicherung zudem oft nicht in Deutschland bzw. Europa stehen, unterliegen die Betreiber auch nicht dem deutschen/europäischen Recht bzw. dem Einfluss der zugehörigen Datenschutzeinrichtungen. Mit der Safe Harbor-Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Oktober 2015 mit Bezug zur Entscheidung der EU-Kommission hinsichtlich des Transfers persönlicher Daten außerhalb der EU werden jetzt Grundsatzfragen zum europäischen Datenschutz neu diskutiert, die einen hohen Bezug zum Thema »Gesundheits-Apps« aufweisen.

Ziel und Vorgehensweise

Vor diesem Hintergrund ist das Ziel der Untersuchung eine Analyse der Verbreitung und Nutzung von Gesundheits-Apps einschließlich einer Diskussion der hiermit verbundenen gesellschaftlichen Chancen und Risiken. Zu den Untersuchungsschwerpunkten zählen:

  • Übersicht über verfügbare Gesundheits-Apps und ihre Funktionalitäten unter besonderer Berücksichtigung der Grauzone zu den Medizin-Apps;
  • Synopse zum wissenschaftlichen Status quo der Verbreitung und Nutzung sowie dem möglichen Nutzen von Gesundheits-Apps;
  • Identifikation technologischer und sozio-ökonomischer Trends mit Einfluss auf die weitere Entwicklung, Nutzung und Anwendung von Gesundheits-Apps;
  • rechtliche Einordnung von Gesundheits-Apps, Bewertung der rechtlichen Bedingungen und des Rechtsrahmens für die Konzeption, Nutzung und Verbreitung von Gesundheits-Apps in Deutschland, Indentifikation offener Rechtsfragen und politischer Handlungsoptionen (unter Berücksichtigung von Datenschutz, Datensicherheit, Data Privacy und Location Privacy);
  • Analyse der Problemwahrnehmungen und Wertorientierungen (beispielsweise im Hinblick auf Änderungen des Körperbildes sowie des Arzt-Patienten-Verhältnisses) gesellschaftlicher Stakeholder (z.B. Verbraucher und Verbraucherorganisationen, Anbieter von Gesundheits-Apps, Fachkräfte des Gesundheitssektors, Kranken-, Lebens- oder Berufsunfähigkeitsversicherungen) unter Berücksichtigung etwaiger Zielkonflikte, Wissens- und Wahrnehmungslücken bei gesellschaftlichen Stakeholdern;
  • Identifikation von Handlungs- und Gestaltungsoptionen für den Deutschen Bundestag.

Die methodische Herangehensweise fokussiert auf Literatur- und Dokumentenanalysen unter Berücksichtigung aller involvierten Fachdisziplinen und wissenschaftlichen bzw. TA-relevanten Perspektiven sowie leitfadengestützen Experteninterviews. Darüber hinaus soll eine Befragung im Stakeholder Panel TA (https://www.stakeholderpanel.de) durchgeführt werden. Im Rahmen der Untersuchung soll außerdem ein intensiver Austausch mit den EPTA-Mitgliedern TA-Swiss – vor allem im Hinblick auf das geplante Projekt »Quantified Self - Schnittstelle zwischen Lifestyle und Medizin« – und Rathenau-Institut – insbesondere mit Bezug zum Projekt »The electronic lifestyle coach« – erfolgen.

Zum Seitenanfang