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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Informationen zur Untersuchung

Anwendungspotenziale der Erdfernerkundung für Entwicklungsländer

Themenbereich: Verschiedene Themen
Analyseansatz: TA-Projekt
Themeninitiative: Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Status: abgeschlossen
Laufzeit: 2010 bis 2012

Gegenstand und Ziel der Untersuchung

Bei der Erdfernerkundung werden Objekte auf der Erde aus großer Distanz beobachtet, indem von ihnen reflektierte und ausgesendete elektromagnetische Strahlung gemessen wird. Diese Messwerte können für unterschiedliche Nutzergruppen in diversen Anwendungsgebieten vielfältige Informationen liefern. Dazu müssen sie jedoch spezifisch aufbereitet werden.

Vorteile der Fernerkundung ergeben sich insbesondere bei der Exploration schwer zugänglicher Gebiete. Die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten reichen vom Ressourcenmanagement in Land- und Forstwirtschaft über die Gewinnung von Umweltinformationen, die Kartierung und Planung von Siedlungen und Infrastruktur bis zum Katastrophenmanagement. Ein großes Potenzial wird gerade auch für Entwicklungsländer angenommen, da dort angesichts geringerer, bodennah erhobener Datenbestände die Vorzüge der Fernerkundung (weitgehend autonome, systematische Datenerfassung von schwer zugänglichen Gegenden) besonders zum Tragen kommen können. Aufgrund zunehmender ökologischer und sozialer Probleme (Desertifikation, Erosion, Stadtentwicklung) in Entwicklungsländern scheint ein Bedeutungsgewinn wahrscheinlich.

Dennoch ist nach anfänglicher Euphorie in den 1980er und 1990er Jahren das Interesse an der Anwendung der Fernerkundung im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit deutlich zurückgegangen. Vor diesem Hintergrund ist das TAB beauftragt worden, den derzeitigen Stand der Technik und die gegenwärtigen Anwendungen insbesondere in den Ländern Afrikas darzustellen, um auf dieser Grundlage zukünftige Kooperationsmöglichkeiten zu beschreiben. Schwerpunkte der Ist-Zustands-Analyse waren einerseits die technischen Möglichkeiten von Industrieländern, insbesondere die derzeitigen fernerkundungsrelevanten Aktivitäten in Deutschland und der Europäischen Union, und andererseits die Möglichkeiten afrikanischer Länder. Aufbauend auf dieser Bestandsaufnahme wurden sich abzeichnende Potenziale für eine problemlösungsorientierte Anwendung von Fernerkundungstechniken in Entwicklungsländern herausgearbeitet. Dabei wurde insbesondere untersucht, welche Strukturen auf nationaler und internationaler Ebene geeignet sind, die Verwendung der Fernerkundung in den Ländern Afrikas zu befördern.

Ergebnisse

Weltraumpolitik und Regulierung

Im Gegensatz zur flugzeugbasierten Fernerkundung – die den zum staatlichen Hoheitsgebiet gehörenden Luftraum nutzt und deshalb in den nationalstaatlichen Zuständigkeitsbereich fällt – nutzt die satellitenbasierte Fernerkundung den hoheitsfreien Weltraum. Bei der Regulierung von Aktivitäten im Weltraum übernahmen die Vereinten Nationen in den 1960er Jahren eine zentrale Rolle. 1967 wurde der Weltraumvertrag verabschiedet – die bis heute wichtigste völkerrechtlich verbindliche Grundlage zur Nutzung des Weltraums. Durch ihn wird eine weitgehende, jedoch keine schrankenlose Freiheit für die Erforschung und die wirtschaftliche Nutzung des Weltraums gewährt. Forschung und Nutzung sollen zum Vorteil und im Interesse aller Länder ungeachtet ihres wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungsstandes erfolgen. Die wichtigste Einschränkung dieser Freiheiten bezieht sich auf die Nutzung, die ausschließlich friedlich zu sein hat (kein Waffeneinsatz). Erdfernerkundung ist eine grundsätzlich zulässige Raumfahrtaktivität, auch wenn sie sowohl zu zivilen (z.B. Umweltbeobachtungen) als auch zu militärischen (z.B. Aufklärung/Spionage) Zwecken eingesetzt werden kann.

Nachdem in den 1980er Jahren immer mehr Länder Fernerkundungssatelliten starteten und flächendeckend immer spezifischere Daten erhoben, drängten vor allem die von der ressourcenintensiven technologischen Entwicklung weitgehend ausgeschlossenen armen Länder auf spezifische Regelungen. Gleichzeitig wurde es zunehmend schwieriger, einen vertraglichen Konsens zu finden. 1986 wurde ein Prinzipienkatalog zur Fernerkundung aus dem Weltraum verabschiedet, der jedoch nur empfehlenden Charakter hat. Darin werden Erdfernerkundungsaktivitäten einerseits uneingeschränkt gebilligt, d.h. sie können ohne vorherige Zustimmung oder Unterrichtung von zu erkundenden Staaten vorgenommen werden, andererseits sollen sie zum Vorteil und im Interesse aller Länder erfolgen. Insbesondere Entwicklungsländern soll eine Beteiligung zu annehmbaren Bedingungen angeboten werden.

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich der Grundsatz, dass Satelliteneigentümer auch Dateneigentümer sind und Urheberrechte haben. Den beobachteten Regionen werden bisher keine Rechte eingeräumt – was insbesondere Entwicklungsländer bemängeln. Zunehmend entstehen allerdings Graubereiche bei höchstaufgelösten und aktuellsten Daten, bei denen führende Industrieländer zum Schutz der Sicherheit sehr wohl auf nationaler Ebene Hoheitsansprüche geltend machen, die Erhebung und Verbreitung solcher Daten beschränken (Verbotsprinzip mit Erlaubnisvorbehalt) und diese Beschränkungen teilweise auch über Handelssanktionen international einfordern.

Aufgrund der Dual-Use-Eigenschaft der Technologie beschränken die westlichen Industrieländer den Export nahezu aller Technikbestandteile einschließlich möglicher Trainingsprogramme zum Bau und Betrieb von Satelliten über multilaterale Exportkontrollregime. Sicherheitspolitische Gründe, die durch nationale wirtschaftspolitische Interessen technologieführender Länder verstärkt werden, begrenzen einen Transfer sowohl der Fernerkundungstechnologie als auch spezifischer höchstaufgelöster Satellitendaten erheblich und schließen ihn in fragile Staaten nahezu aus. Für sicherheitspolitisch unkritische Satellitendaten werden jedoch zunehmend Anwendungsbereiche gesucht, auch um die erheblichen, vor allem öffentlichen Mittel, die für die Installation und den Ausbau der Satelliteninfrastruktur zur Erdfernerkundung seit Jahrzehnten bereitgestellt werden, zu rechtfertigen.

Prozesskette Erdfernerkundung und Initiativen zum Technologietransfer

Die Prozesskette der satellitengestützten Fernerkundung wird unterteilt in den Infrastrukturbereich (Satellitenbau, Platzierung und laufender Betrieb bis hin zum Datenempfang und -zugang) und den Inwertsetzungsbereich (Datenverarbeitung, Informationsgenerierung, Entwicklung von Geoinformationssystemen).

Satelliteninfrastruktur

Das Spektrum der zivil nutzbaren Fernerkundungssatelliten reicht von technisch hochkomplexen, aufwändigen bis zu vergleichsweise kleinen, einfachen und damit nicht so kostenintensiven Satelliten. Auch wenn es gewisse Überschneidungen bei den jeweiligen Aufnahmeverfahren gibt, hat nahezu jedes Fernerkundungssystem eigene Spezifika. Die zu untersuchenden Objekte und die anvisierten Einsatzgebiete spezifizieren jeweils die Technik. Satellitenkonfigurationen, die für spezifische Analysefragen der Industrieländer der nördlichen Hemisphäre optimiert wurden, können für vergleichbare Analysefragen in Entwicklungsländern durchaus eine gute Datengrundlage liefern, nicht jedoch automatisch für alle. Ob für spezifische Anwendungsgebiete in Afrika bereits verfügbare Fernerkundungsdaten ausreichen oder aber explizit erhoben werden müssen, ist im Einzelfall zu prüfen.

Nur Staaten mit langjährigen und sehr ambitionierten, staatlich forcierten und geförderten Weltraumprogrammen konnten bisher das nötige Wissen, die technischen Voraussetzungen und die erforderlichen Ressourcen bereitstellen, um alle Teilbereiche der Fernerkundung eigenständig abzudecken. Europäische Länder stimmen ihre fernerkundungsrelevanten Ambitionen teilweise über zwischenstaatliche Organisationen ab (Eumetsat, ESA, zunehmend auch über die EU). Einige europäische Länder entwickeln neben diesen multilateralen Fernerkundungsprojekten zusätzliche, national eigenständige Fernerkundungsaktivitäten, wobei Frankreich als europäischer Vorreiter in Bezug auf die Fernerkundungstechnologie gilt. Deutschland verfügt ebenfalls über spezifische Kompetenzen, wobei die nationale Weltraumstrategie wesentlich auf eine wissenschaftlich-technologische Vorreiterposition in sich abzeichnenden Anwendungsbereichen mit hohem Marktpotenzial abzielt.

Vereinzelt haben afrikanische Länder (Algerien, Nigeria, Ägypten sowie ansatzweise Marokko) in Kooperation mit europäischen Ländern erste Kompetenzen in Bezug auf den Bau und/oder den Betrieb von Fernerkundungssatelliten aufbauen können. Lediglich Südafrika hat eigenständig mit dem Bau und Betrieb von Fernerkundungssatelliten begonnen, ohne dass explizite Technologietransferprogramme dieses Engagement beförderten. Gebaut wurden Kleinsatelliten, die Standarddaten liefern, ohne Anspruch auf technologische Exklusivität (keine höchste Lagestabilität und autonome Navigationsfähigkeit der Flugkörper, keine höchstspezifischen und -präzisen Sensoren, für deren Datenaufbereitung ebenfalls spezifische Prozeduren und Verarbeitungstechniken erforderlich sind). Gemeinsame Strukturen zur Ressourcenbündelung wie in Europa gibt es in Afrika bisher nicht. Jedoch verfolgt Südafrika derzeit das Ziel, bis 2018 ein übernationales afrikanisches Fernerkundungssystem aus mehreren Kleinsatelliten zu entwickeln, zu bauen und zu betreiben. Algerien, Kenia, und Nigeria wollen sich beteiligen.

Seitdem die Fernerkundungstechnologie nicht mehr ausschließlich auf hochkomplexe, für vielfältigste Fragestellungen konzipierte und folglich sehr kostenintensive Satelliten ausgerichtet wird, sondern die Entwicklung auch in Richtung kleinerer Satelliten mit einfacherer Ausstattung tendiert, sinken zumindest einige Barrieren für einen Technologietransfer in afrikanische Länder. Doch auch diese Mikro- oder Nanosatelliten sind Hochtechnologieprodukte, die vielfältige Spezialkenntnisse und einen erheblichen Ressourceneinsatz erfordern, sowohl zum Bau als auch zum Betrieb und zur Nutzung. Folglich wird auch zukünftig ein Bedarf an Technologietransferprogrammen zum Bau von Satelliten bestehen. Inwiefern die bisherigen meist kommerziellen Programme diesen anvisierten Transfer auch realisieren und dadurch als nachhaltig bezeichnet werden können, bleibt zu prüfen. Die geltenden Exportkontrollregime der westlichen Industrieländer begrenzen einen Technologietransfer weitgehend. Statt einen Technologietransfer in Bezug auf den Bau von Satelliten für Afrika zu unterstützen, engagieren sich Regierungen einzelner technologieführender Länder eher beim Datenzugang und der Entwicklung von Datenanwendungen.

Datenzugang

Eine wachsende Zahl von Satelliten liefert kontinuierlich größer werdende Datenmengen, die teilweise bereits wenige Stunden nach der Aufnahme von spezifischen Geschäftseinheiten der jeweiligen Satellitenbetreiber zur Verfügung gestellt werden. Anwender können diese über leistungsstarke Internetverbindungen oder einen Zugang zu spezifischen satellitenbasierten Datenverteilsystemen mit entsprechenden Endgeräten beziehen. Formal behält der Betreiber die Urheberrechte an den Daten, gewährt über Lizenzvereinbarungen jedoch bestimmte Datennutzungsmöglichkeiten und legt gegebenenfalls Gebühren/Preise fest. Folgende, teilweise ineinander übergehende Zugangsformen gibt es gegenwärtig:

  • vollständig freier und kostenloser Datenzugang (teilweise mit Gebühren je nach Bereitstellungsaufwand);
  • Aufteilung des Datenzugangs in einen nichtkommerziellen (z.B. Forschung, Katastrophenmanagement) und einen kommerziellen Nutzungsbereich (z.B. Planung von Bauvorhaben);
  • ausschließlich kommerzieller Vertrieb.

Etliche technologieführende Länder, darunter Deutschland, sind gegenwärtig bestrebt, ihre nationalen Erdbeobachtungsaktivitäten verstärkt in kommerzielle Strukturen zu überführen, wodurch sie auch die Entscheidungsgewalt für den Datenzugang zunehmend aus der Hand geben. Nationale Initiativen zur Erleichterung des Datenzugangs für Entwicklungsländer bis hin zu Open-Data-Initiativen werden vor diesem Hintergrund zumindest erschwert. Da Eumetsat, ESA und EU zwischenstaatliche Organisationen sind, haben deren Mitglieder jedoch Gestaltungsmöglichkeiten, um insbesondere für Anwendungen in Afrika den Zugang zu Fernerkundungsdaten zu erleichtern. Die Datenpolitiken dieser Organisationen sind ähnlich, aber nicht deckungsgleich: Die größten Datenzugangsfreiheiten insbesondere für Aktivitäten in Afrika gewährt Eumetsat; die ESA differenziert stärker zwischen nichtkommerzieller und kommerzieller Nutzung; die Europäische Kommission spricht sich für einen freien Datenzugang aus, jedoch gibt es jenseits von Absichtserklärungen bisher kaum konkrete Verfahrensvorschläge. Innerhalb dieser Organisationen bedürfte es »nur« politischer Weichenstellungen, um die für die Mitglieder aufgebauten Daten- und Informationssysteme auch für afrikanische Nutzer zu öffnen.

Die europäischen Strukturen scheinen besonders geeignet, um über Erleichterungen beim Datenzugang die Anwendungsmöglichkeiten der Fernerkundung in Afrika zu verbessern. Dass diese Strukturen zur Förderung auch genutzt werden, belegen explizite Technologietransferprogramme für Afrika, die beispielsweise Eumetsat seit etlichen Jahren in Kooperation mit der Europäischen und Afrikanischen Union kontinuierlich verfolgt und ausbaut. Durch diese Programme sollen Kooperationen zwischen europäischen und afrikanischen Institutionen verstärkt und nicht nur der Datenzugang, sondern auch deren Anwendung erweitert werden.

Inwertsetzung: Verwendung von Satellitendaten in Afrika

Es bedarf umfangreicher spezifischer Kenntnisse, um Satellitendaten aufzubereiten, sie zu interpretieren und nutzbare Informationen zu extrahieren. Dazu werden Satellitendaten regelmäßig mit Daten aus anderen Quellen verknüpft. Geoinformationsdienstleister entwickeln möglichst zielgruppenspezifische Informationsprodukte/-dienste, die schrittweise zu sogenannten Geoinformationssystemen ausgebaut werden können. Aufbereitungs- und Analyseverfahren von Fernerkundungsdaten, die für spezifische Nutzergruppen in Industrieländern entwickelt wurden, können nicht ohne Adaptation in Entwicklungsländern sinnvoll eingesetzt werden. Ursache hierfür ist u.a., dass

  • die zu beobachtenden Objekte zumindest teilweise eigenständige Spezifika haben oder sich gänzlich von Objekten der nördlichen Hemisphäre unterscheiden (z.B. anderer Pflanzenbestand, Wüsten);
  • Quantität und Qualität von notwendigen bodennahen Daten in Entwicklungsländern deutliche Unterschiede zu Industrieländern aufweisen;
  • in Entwicklungsländern spezifische Nutzergruppen für die jeweiligen Informationsdienste erst erschlossen werden müssen, die wahrscheinlich in anderen Strukturen als in Industrieländern zu finden sein werden, deren spezifischer Informationsbedarf und deren technische Kapazitäten sich von Nutzergruppen in Industrieländern wahrscheinlich deutlich unterscheiden.

Industrieländer können Nutzungsmöglichkeiten der Fernerkundung erheblich verbessern, indem sie den Datenzugang vereinfachen und Fachkenntnisse zur Datenaufbereitung einbringen. Die Realisierung dieser Möglichkeiten wird jedoch nur gelingen, wenn vielfältiges Engagement in den Ländern Afrikas ebenfalls in den Prozess zur Entwicklung von Informationsprodukten einfließt. Insbesondere gilt es auch vor Ort Fachkenntnisse aufzubauen und handlungsfähige Akteure zu erschließen, die Geoinformationen nutzbringend verwenden können.

Mehrere weltweite Initiativen sowohl zur Überwachung verschiedener Umweltabkommen als auch beim Katastrophenmanagement bieten Anknüpfungspunkte und befördern die Anwendung der Fernerkundung in erheblichem Umfang. Eine Vielzahl von Einzelprojekten bis hin zu umfangreicheren Anwendungsinitiativen für Entwicklungsländer sowie explizite Schwerpunkte in Kooperationsprojekten zum Aufbau internationaler Geoinformationssysteme sind ein klarer Beleg. Mehrere, insbesondere europäische Programme versuchen gezielt, die Anwendungen der Fernerkundungstechnologie in Afrika zu fördern, Beispiele sind:

  • Die Internationale Charta für Weltraum und Naturkatastrophen und die UN-SPIDER-Initiative wurden Anfang des Jahrtausends initiiert, um in Katastrophenfällen durch die schnelle Bereitstellung von Satellitenaufnahmen die Lage zu beurteilen und Hilfsmaßnahmen zu unterstützen.
  • Eumetsat sowie der Europäischen und Afrikanischen Union haben eine Langfristkooperation vereinbart (seit 2001, derzeit geplant bis 2018), die darauf abzielt, in afrikanischen Ländern die technische Ausstattung zu verbessern und Kompetenzen aufzubauen, um Daten von europäischen Wetterbeobachtungssatelliten in unterschiedlichen Anwendungsbereichen nutzen zu können.
  • Die Europäische Weltraumorganisation ESA hat zusammen mit anderen weltraumaktiven Ländern Anfang des Jahrtausends die »TIGER-Initiative« gestartet, die das Wasserressourcenmanagement in afrikanischen Staaten unterstützen will.
  • Der französische Satellitendatenanbieter Spot Image hat 2007 das Non-Profit-Programm »Planet Action« initiiert, das Fernerkundungsdaten zur Auseinandersetzung mit und der Bewältigung von Folgen der Klimaänderung insbesondere in Entwicklungsländern zur Verfügung stellt. Bisher wurden mehr als 400 Projekte unterstützt.
  • »Copernicus and Africa« ist eine seit wenigen Jahren anlaufende Initiative, die u.a. im Rahmen der europäischen Forschungsförderung europäisch-afrikanische Kooperationsprojekte zur Nutzung und/oder Erweiterung des europäischen Geoinformationssystems Copernicus (bis 2012 GMES) in Afrika unterstützt (Eine ähnliche Aktivität auf globaler Ebene ist »AfriGEOSS«).

Inwiefern es mit diesen unterschiedlich strukturierten Ansätzen gelingt, die Fernerkundung in Afrika verstärkt nutzbringend anzuwenden, zu institutionalisieren und einen Beitrag für einen nachhaltigen Technologietransfer zu leisten, sollte begleitend untersucht werden.

Handlungsoptionen

Afrika ist der Kontinent mit der geringsten Verfügungsgewalt über zivile Fernerkundungssysteme. Kein Kontinent hat weniger Voraussetzungen sowohl in Bezug auf die technischen Erfordernisse als auch in Bezug auf die erforderlichen Kenntnisse zur Nutzung. Auch wenn Fernerkundungssatelliten tendenziell kleiner und einfacher werden und der Zugang zu verfügbaren Daten tendenziell leichter wird, ist die Fernerkundung nach wie vor als Hochtechnologie einzustufen, die einen erheblichen Wissenstransfer erfordert, zeitintensiv ist und wahrscheinlich nur schrittweise in mehreren Etappen etabliert werden kann. Bei der Planung von Programmen zur Unterstützung des Kompetenzaufbaus in afrikanischen Ländern sollte dies berücksichtigt werden.

Kooperationen beim Ausbau der Satelliteninfrastruktur

Bisher wurden in Deutschland eigenverantwortliche Fernerkundungsmissionen stark im nationalen Alleingang durchgeführt. Die bi- und multilateralen Kooperationsbeziehungen insbesondere der USA und Frankreichs könnten als Referenzmodelle für die zukünftige Ausrichtung der deutschen Fernerkundungsaktivitäten fungieren. Zu prüfen wäre, inwiefern sie insbesondere für Kooperationen mit solchen afrikanischen Ländern tragen, die die Bundesregierung als neue Gestaltungsmächte bewertet. Mit dem in Planung befindlichen nationalen Fernerkundungssatelliten EnMAP, der u.a. auch für Monitoringmaßnahmen zur Verhinderung von Entwaldung und Waldschädigungen konzipiert (REDD-Mechanismen) und folglich auch auf Regionen in Entwicklungsländern ausgerichtet werden wird, könnte Deutschland Zeichen setzen und eine Vorreiterposition bei der Nord-Süd-Kooperation einnehmen.

Weiterentwicklung von Transferprogrammen zum Bau und Betrieb von Fernerkundungssatelliten

In den vergangenen Jahren wurden unterschiedliche stufenförmige Transferprogramme für Bau, Betrieb und Nutzung von Satelliten in europäischen Ländern initiiert, entwickelt und aufgelegt, die auch afrikanische Länder vereinzelt in Anspruch nahmen. Auch in Deutschland gibt es ein ursprünglich universitäres Ausbildungsprogramm zum Bau und Betrieb von Mikrosatelliten, das auf einen schrittweisen Kompetenzaufbau bezüglich des Baus und Betriebs einfachster Satelliten abzielt. Eine Analyse der Stärken und Schwächen, der Möglichkeiten der Anbieter und der Erwartungen der Kunden könnte helfen, die bestehenden Programme weiterzuentwickeln. Die frühzeitige Berücksichtigung von späteren Anwendungen könnte das deutsche Programm attraktiver für afrikanische Akteure machen. Eine Verknüpfung beispielsweise mit Umweltmonitoringanwendungen (z.B. Waldüberwachung, Feuerlokalisierung), für die es in Deutschland bereits hervorragende Kompetenzen gibt, könnte anwendungsbezogene Kooperationen fundieren.

Datenzugang bei öffentlich finanzierten Satelliten

Die Entscheidung der US-Regierung, die mit öffentlichen Geldern finanzierten Fernerkundungsdaten frei zugänglich zu machen, sowie die chinesisch-brasilianische Entscheidung, die Daten des bilateralen Fernerkundungssystems CBERS Anwendern in Afrika kostenlos zur Verfügung zu stellen, werden allgemein als ein wichtiger Beitrag für die Entwicklung von Anwendungspotenzialen und deren Realisierung in Afrika angesehen. Diese Maßnahmen tragen zum Abbau bestehender Barrieren bei und fördern eine selbstbestimmte Nutzung der Fernerkundung in afrikanischen Ländern, wozu unterschiedliche völkerrechtliche Vereinbarungen auffordern.

Auch die deutsche Politik könnte beim Datenzugang Zeichen setzen. Das betrifft in erster Linie Daten von öffentlich finanzierten Fernerkundungssystemen. Neben den Daten ziviler Fernerkundungsmissionen könnte dies perspektivisch auch Daten militärischer Satelliten betreffen, wenn sicherheitspolitische Gründe keine Geheimhaltung mehr erfordern. Zu überlegen wäre auch, inwiefern dies Fernerkundungssysteme betrifft, bei denen nichtkommerzielle und kommerzielle Nutzungsbereiche getrennt gehandhabt werden. Je nach vertraglicher Ausgestaltung werden im nichtkommerziellen Nutzungsbereich regelmäßig wissenschaftliche Zwecke akzeptiert, sie könnten um Anwendungen in Entwicklungsländern erweitert werden. Die Thematik des Datenzugangs mit seinen unterschiedlichen Verfahrensweisen sollte explizit untersucht werden, um die notwendige Wissensbasis für einen politischen Meinungsbildungsprozess zu schaffen.

Umfassende Erhebung laufender Aktivitäten und begleitende Evaluation

Im vorliegenden Bericht wurden ohne Anspruch auf Vollständigkeit beispielhafte Anwendungen der Fernerkundung in Afrika vorgestellt, die durch unterschiedliche Ressorts (z.B. BMZ, BMBF) wie auch durch internationale Initiativen gefördert wurden. Aufgrund der ressortverteilten Zuständigkeiten für einzelne Aspekte der Fernerkundung und der Vielzahl weiterer Akteure in der Entwicklungszusammenarbeit erscheint eine umfassende Inventur der Aktivitäten im Bereich Anwendung der Fernerkundung in Entwicklungsländern notwendig, auf deren Grundlage einerseits eine ressortübergreifende nationale Strategie zur systematischen Unterstützung dieses Aktivitätsfeldes entwickelt und die andererseits zu einem Geoinformationssystem ausgebaut werden könnte, welches die Transparenz der Entwicklungszusammenarbeit und die Planung zukünftiger Projekte verbessern kann.

Dies scheint insbesondere im Bereich der Anwendung der Fernerkundung wichtig, weil ein nachhaltiger Technologietransfer aufgrund der Komplexität der Thematik nur in längeren Zeiträumen stufenweise gelingt, Forschungs- aber auch Entwicklungszusammenarbeitsprojekte jedoch meist nur wenige Jahre dauern. Die Entwicklung von begleitenden Evaluationskonzepten, anhand derer der Technologietransfer in die Länder Afrikas bewertet werden kann, wäre hilfreich. Auch auf europäischer Ebene, insbesondere bei den im Rahmen der EU-Forschungsrahmenprogramme geförderten Kooperationsprojekten zur Anwendung der Fernerkundung in Afrika, könnte eine solche umfassende Erhebung helfen, die programmatischen Möglichkeiten und Grenzen besser zu erfassen und den schrittweisen Technologietransfer systematischer zu verfolgen.

Nationale Leuchtturmpartnerschaften mit ausgewählten Ländern und Institutionen

In unterschiedlichen Anwendungsbereichen der Fernerkundung, die aufgrund globaler Veränderungen zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen werden, verfügen deutsche Institutionen und Geodienstleistungseinrichtungen über spezifische und zum Teil herausragende Kompetenzen (z.B. Klimaforschung, geowissenschaftliche Forschung, Hydrologie, Land- und insbesondere Forstmonitoring, Waldbrandüberwachung). Mit der Entwicklung einer ressortübergreifenden Strategie zur Anwendung der Fernerkundung, die explizit auch Entwicklungsländer in den Blick nimmt und die weltraumstrategische, wissenschaftliche und wirtschaftskooperative Möglichkeiten bündelt, könnte sich Deutschland neu positionieren. Hier könnten Leuchtturmpartnerschaften mit ausgewählten Ländern und Institutionen im Einklang mit der Strategie zur Zusammenarbeit mit neuen Gestaltungsmächten angestrebt werden, die sich mit dem Afrika-Konzept der Bundesregierung verknüpfen ließen. Auch mit unterschiedlichen in Deutschland angesiedelten UN-Koordinierungsstellen (Katastrophenmanagement, internationale Umweltvereinbarungen) könnten Anwendungsstrategien der Fernerkundung abgestimmt werden. Als internationale Multiplikatoren, die Netzwerke mit relevanten Akteuren vor Ort aufbauen und unterstützen, bieten sich vielfach Möglichkeiten der strukturellen Verankerung, sodass Geoinformationen in praxiswirksame Maßnahmen eingebunden werden können.

Stärkung der Afrikainitiativen europäischer Organisationen

Die von Eumetsat, ESA und EU initiierten Afrikaprogramme haben die nationalen Aktivitäten mehrerer europäischer Länder zur Anwendung der Fernerkundung in Afrika erheblich erweitert. Durch unterschiedliche parallel laufende Aktivitätsfelder wird ein schrittweiser Technologietransfer in die Länder Afrikas in unterschiedlichen Anwendungsbereichen angestrebt, der weit größere Kooperationen anvisiert, als dies einzelne bilaterale Vereinbarungen könnten. Die Stärkung der bereits etablierten europäischen Afrikainitiativen erscheint notwendig. Eine begleitende neutrale Evaluation unter Berücksichtigung sowohl europäischer als auch afrikanischer Perspektiven sowie eine transparente Bewertung der Zielerreichung könnten dazu beitragen, Stärken gezielt auszubauen und mögliche Schwächen bei der Programmentwicklung zu reduzieren, um sicherzustellen, dass die Kooperationspartner in afrikanischen Ländern schrittweise komplexere Aufgabenbereiche übernehmen.

Darüber hinaus wäre zu überlegen, inwiefern einzelne interessierte Länder in Afrika an den Fernerkundungsaktivitäten der europäischen Organisationen z.B. in Form von kooperierenden Partnerschaften stärker teilhaben und als strategische Akteure die Etablierung länderübergreifender kooperativer Organisationsformen in Afrika befördern können. Deutschland als wichtiges Mitglied von Eumetsat, ESA und EU kann deren Aktivitäten in relevantem Maß mitgestalten.

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