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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

08.12.2015 | Veranstaltung

25 Jahre TAB - Musik, Menschen und Maschinen

Das »Geschäft« des TAB ist die nüchterne, ausgewogene und dadurch manchmal etwas trockene Analyse – aber bei der Feier zum 25-jährigen Bestehen der Unternehmung Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag wurde besonderer Wert auf Lebendigkeit gelegt, was von den zahlreichen Gästen aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sehr positiv aufgenommen wurde. Die komplette Veranstaltung ist in der Mediathek des Bundestages dokumentiert und zeigt unter anderem einen ungewöhnlichen musikalisch-künstlerischen Auftakt, der in der zentralen Halle des Paul-Löbe-Hauses wohl keine Alltäglichkeit darstellte – während gleichzeitig direkt nebenan drei Bundestagsausschüsse tagten.

Danach ging es zwar nicht genauso überraschend, aber doch sehr vielfältig weiter. Sowohl Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert als auch die Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, Patricia Lips, betonten in ihren Ansprachen die Relevanz und fast schon Selbstverständlichkeit der Beratung des Parlaments durch das TAB. »Die Ursache für die kontinuierliche und erfolgreiche Beratungsarbeit des TAB ist die unabhängige, neutrale wissenschaftliche Expertise mit dem Anspruch höchster Fundierung, aber auch die transparente und verständliche Vermittlung komplexer Sachverhalte.«, erklärte Lips. Und der Bundestagspräsident unterstrich, dass das TAB zwar sinnvollerweise beim Forschungsausschuss angebunden sei, aber »die Urteilsfähigkeit des Parlaments im Ganzen begleiten und befördern« solle.

Jean-Yves Le Déaut, Abgeordneter der Assemblée Nationale und Präsident der französischen TAB-Schwestereinrichtung L'Office parlementaire d'évaluation des choix scientifiques et technologiques (OPECST), lobte in seinem Grußwort den intensiven Austausch zwischen den Parlamenten der Nachbarländer zu Fragen von Forschung und Technologie, sowohl bilateral als auch im europäischen Netzwerk parlamentarischer TA-Einrichtungen (EPTA). Auch die Leiter des österreichischen ITA, Dr. Michael Nentwich, sowie der schweizerischen TA-SWISS, Dr. Sergio Bellucci, waren anwesend und folgten einer kurzen Podiumsdiskussion mit den für TA zuständigen Berichterstattern der Bundestagsfraktionen über Nutzen und Nutzung der bisher vom TAB vorgelegten ca. 200 Technikfolgenanalysen aus Sicht der Abgeordneten und Fraktionen.

Schon im Vorfeld hatte Dr. Philipp Lengsfeld (CDU/CSU) betont, »dass die Berichte des Büros für Technikfolgen-Abschätzung nicht nur wichtige Impulse für die Facharbeit der Ausschüsse liefern, sondern auch Hintergrunddaten für fachübergreifende Initiativen, wie z.B. eine Wiederbewertung der Sommerzeit.« René Röspel (SPD) hält die wissenschaftlichen Einschätzungen des TAB als Grundlage parlamentarischer Entscheidungen für unverzichtbar, denn »um neue Technologien sinnvoll und nachhaltig für die Gesellschaft nutzen zu können, müssen vorab deren Chancen wie auch Risiken bekannt sein.« Ralph Lenkert (Die LINKE.) erklärte: »Insbesondere bei der Durchdringung vieler Lebensbereiche durch digitale Technologien sind Orientierungs- und Entscheidungshilfen für uns Abgeordnete notwendig. Wie verändern sich Verhaltensweisen, Natur und Umwelt durch den technischen Fortschritt? Als Analyst und Sensor für diese Fragestellungen ist das TAB unverzichtbar und seit 25 Jahren fraktionsübergreifend als wissenschaftliche Beratungsinstanz anerkannt.« Und Harald Ebner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) meinte: »Das Tempo technologischer Neuerungen ist enorm, und ihre Auswirkungen sind schwer einzuschätzen. Politik muss die Herausforderung bewältigen, die richtigen Entscheidungen zum Umgang mit neuen Technologien zu treffen – trotz eines hohen Maßes an Nichtwissen und vieler Unsicherheitsfaktoren. Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag ist dabei eine unentbehrliche Hilfe.«

Verschmelzung von Mensch und Maschine

Mit den Tendenzen einer »Mensch-Maschine-Entgrenzung« wurde im zweiten Teil der Veranstaltung dann ein geradezu idealtypisches Thema für die Technikfolgenabschätzung verhandelt. Immer leistungsfähigere Neurotechnologien werden zwar primär zu therapeutischen Zwecken entwickelt, finden aber zunehmend auch ohne medizinischen Anlass Anwendung zur Erweiterung menschlicher Fähigkeiten.

Prof. Dr. Armin Grunwald, Leiter des TAB, beleuchtete in seinem Vortrag, wohin die Entwicklung in Zukunft gehen könnte. Er beschrieb eine Vision, bei der die Maschine in den Menschen einzieht, ihm quasi unter die Haut fährt. Und zwar nicht in Form von »primitiven« Implantaten und Prothesen, sondern von Chips, die nicht nur helfen, durch Unfall oder Alter verlorene Defizite wieder auszugleichen, sondern ganz neue Funktionen zulassen und ermöglichen. Dahinter stehe die Frage, ob die technische Zivilisation die Weiterentwicklung unserer Spezies ermögliche. Oder ganz anders gefragt: Ist Technik intelligenter als Natur?

Ein anschauliches Beispiel bot die myoelektrische Armprothese, also eine Prothese, die in den Muskelzellen elektrische Spannung im Mikrovoltbereich erzeugt, die der Anwender Karl Heinz Ammon vorführte. Ammon, dem bei einem Unfall unterhalb des Schultergelenks der Arm abgequetscht worden war, kann mit Hilfe der Prothese sein Handgelenk um 360 Grad drehen. Wie dieses komplizierte Elektrodenmodell funktioniert, wurde von Martin Pusch vom strategischen Technologiemanagement der Otto Bock HealthCare GmbH erklärt.

Der gesellschaftliche Nutzen, aber auch mögliche Risiken heutiger und zukünftiger Neurotechnologien waren danach Gegenstand einer Diskussionsrunde unter der Überschrift »Cyborgs und Maschinen-Menschen – zwischen Therapie und Utopie«, die vom Wissenschaftsjournalisten Volkart Wildermuth kenntnisreich und umsichtig moderiert wurde. Enno Park, Vorsitzender des Vereins Cyborgs, berichtete von seinen Hörerlebnissen mit einem Cochlea-Implantat. Mit diesem modernen vollimplantierten Hörgerät könne er zwar nicht in allen Situationen so gut hören wie ein gesunder Mensch, aber dafür habe er die Möglichkeit, zum Beispiel auch Ultraschall wahrzunehmen – allerdings sei das Hörerlebnis eher enttäuschend, weil Ultraschall nur ein sehr geringe Reichweite habe. Prof. Dr.-Ing. Tanja Schultz vom Lehrstuhl für kognitive Systeme der Universität Bremen stellte eine Methode vor, mit der aus den Hirnsignalen beim Sprechvorgang der Inhalt in Form des gesprochenen Textes abgeleitet werden kann. In Zukunft gehe es darum, Maschinen zu entwickeln, die ein besseres Verständnis vom Menschen bekommen und so dessen Bedürfnisse besser befriedigen können.

Prof. Dr.-Ing. Thomas Stieglitz vom Lehrstuhl für biomedizinische Mikrotechnik der Albert-Ludwig-Universität Freiburg verwies allerdings auf die bestehenden Probleme mit der Abstoßung von Neuroimplantaten, da es nach wie vor alles andere als einfach sei, die natürliche Abwehr des Körpers zu überwinden. Und Prof. Dr. Christiane Woopen, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, unterstrich die Bedeutung der Frage nach den Folgen solche Eingriffe: Wollen wir einen dritten Arm einbauen, weil das effektiver ist? Werden wir demnächst menschliche Kampfmaschinen bauen, wo die Prothesenhand durch eine Waffe ersetzt wird? Solche Fragen müssten aus ethischer Sicht in Zukunft diskutiert werden, mahnte sie.

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