→Springe direkt zum Inhalt

Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

TA-Projekt

Gendoping

»Gendoping« geistert wie ein Phantom seit Jahren durch die Debatten und Zukunftszenarien des Sports. Entstanden ist es durch die Übertragung der weitreichenden Ziele und Anwendungsvisionen der Humangenomforschung auf die Welt des Sportes. Aufgrund der langen und ungebrochenen Dopingtradition erscheint es vor allem im Spitzensport plausibel, dass trotz Verbot und Androhung weitreichender Sanktionen in seinem illegalen und betrügerischen Umfeld eine besondere Bereitschaft besteht, auch hochriskante und medizinisch kaum geprüfte Mittel und Verfahren auszuprobieren und anzuwenden. Die sich abzeichnende gesellschaftliche und politische Brisanz ergibt sich aus der wachsenden Anzahl an Möglichkeiten einer gezielten und subtilen, vermutlich immer schwerer nachweisbaren Manipulation der Genaktivität zur sportlichen Leistungssteigerung.

Gegenstand und Ziel der Untersuchung

Angesichts dieser thematischen Brisanz hat der Sportausschuss die Bearbeitung des Themas durch das TAB angeregt. Klärungsbedarf bestand vor allem hinsichtlich der wissenschaftlichen Kenntnisse und technischen Möglichkeiten derer sich Gendoping missbräuchlich bedienen könnte, der gesundheitlichen Risiken durch diesen Missbrauch, der sich abzeichnenden Einfallstore, der möglichen Reaktionen durch Verbots- und Kontrollstrukturen und der Möglichkeiten, bestehende Anti-Dopingmaßnahmen durch spezifische Anti-Gendopingmaß-nahmen zu ergänzen.

Das Projekt wurde im April 2008 mit der Vorlage des Endberichts (TAB-Arbeitsbericht 124) abgeschlossen.

Ergebnisse

Das wissenschaftliche Fundament neuer (Gen-)Dopingmöglichkeiten bilden die zunehmenden Kenntnisse über molekulare Mechanismen und Funktionen der Zellen und seiner unterschiedlichen Bestandteile und die darauf aufbauenden immer avancierteren molekularbiologischen Techniken, von denen sich die Medizin neue Therapieansätze gegen Krankheiten erhofft, die jedoch auch zu (Gen-)Dopingzwecken missbraucht werden können.

Definition

Der Begriff »Gendoping« wird häufig sehr eng gefasst, nämlich lediglich als Missbrauch gen- und zelltherapeutischer Strategien, bei denen genetisches Material in Form von DNA oder RNA einer Zelle, einem Organ oder einem Organismus zugeführt wird (Gendoping im engeren Sinn [i.e.S.]). Das TAB folgte in seiner Analyse der weiteren begrifflichen Fassung von Gendoping, die auch die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) verwendet. Entsprechend ihrer Verbotsliste ist Gendoping explizit auch eine Beeinflussung der Genaktivität mit anderen Methoden (Gendoping im weiteren Sinn [i.w.S.]).

Potenziell missbrauchsfähige Verfahren

Unter die Gendopingdefinition fallen alle Verfahren aus dem Bereich der Gentherapie, also Strategien zur Behebung genetischer Defekte, bei denen Gene bzw. genetische Elemente in Zellen mittels Transportvektoren (»Genfähren«) eingebracht werden. Diese therapeutischen Gene können theoretisch in jede Zelle, d.h. in normale Körperzellen (somatische Zellen) wie auch in Keimbahnzellen (Ei- oder Samenzellen) eingebracht werden. Sowohl in Deutschland als auch weltweit gibt es jedoch einen weitreichenden Konsens, dass lediglich somatische Gentherapieversuche nach genauer wissenschaftlicher und ethischer Prüfung sowie unter Einhaltung strenger Überwachungs- und Kontrollverfahren am Menschen vertretbar sind. Bisher am Menschen getestete somatische Gentherapieversuche richteten sich vor allem gegen Krebserkrankungen, monogene Erbkrankheiten, Infektionskrankheiten (v.A. HIV) und kardiovaskuläre Störungen. Der Gentransfer erfolgte dabei entweder ex-vivo, d.h. spezifische, meist Stammzellen, wurden dem Körper entnommen, mit dem entsprechenden therapeutischen Gen bestückt und wurden anschließend wieder in den Körper eingebracht (bisher konnten nur wenige Arten somatischer Zellen in Kultur genommen werden und nur bei wenigen gelang die Rückübertragung in den Körper), oder in-vivo, d.h. das therapeutische Gen wurde direkt im Organismus in Zellen eingeschleust (auch hier traten bisher unterschiedliche praktische Schwierigkeiten auf, für die auch die verwendeten Vektoren verantwortlich gemacht werden; eine Prozesssteuerung ist bei diesem Behandlungsansatz bisher kaum möglich).

Bei allen gentherapeutischen Behandlungsstrategien spielen die Transportvektoren eine wichtige Rolle. Es gibt unterschiedliche Arten, die auf jede Therapieform abgestimmt werden. Bisher wurden meist abgewandelte Viren eingesetzt. Da diese jedoch für etliche Nebenwirkungen mitverantwortlich gemacht werden, testet man zunehmend auch neue Transportmöglichkeiten bis hin zu sogenannter »nackter DNA«.

Andere therapeutische Strategien versuchen das Einbringen von zusätzlichen Genen zu umgehen und zielen stattdessen auf die Veränderung des Expressionsprozesses einzelner vorhandener Gene (z.B. durch Aktivierung, Verstärkung, Abschwächung oder Blockade). Dabei ist jeder einzelne Schritt der Genexpression (vom Ablesen der genetischen Information über die Produktion bis zur Wirksamkeit der Proteine) einer physiologisch hochkomplexen Regulierung unterworfen und bietet Ansatzpunkte zur Modifikation.

Die zugrundeliegenden biochemischen und physiologischen Prozesse sind jedoch, sowohl auf der Ebene der Zellen als auch auf der Ebene der Gesamtregulation im Körper, in ihrer Komplexität bisher nur teilweise verstanden. Aus der Erforschung der vernetzten Regelkreise leistungsphysiologisch relevanter Eigenschaften resultiert eine Vielzahl von Ansatzpunkten für pharmakologische und molekularbiologische therapeutische Interventionen, die jedoch auch zum (Gen)Doping missbraucht werden können.

Was Gendoping nicht ist

Eine häufig anzutreffende Vorstellung vom Ziel möglichen Gendopings ist die einer »Verbesserung« der genetischen Ausstattung (Gendisposition) von Athleten, z.B. mittels gezielten Austauschs oder Hinzufügens von Genvarianten oder gar mittels pränataler Auslese. Eine detaillierte Untersuchung der Ergebnisse der Genomanalyse ergab jedoch, dass das molekulargenetische Wissen zu »Hochleistungsgenvarianten« bislang äußerst begrenzt, unscharf und widersprüchlich ist, sodass »erfolgversprechende« Verfahren zur gezielten Veränderung der genetischen Disposition auf absehbare Zeit höchst unwahrscheinlich sind. Das TAB-Projekt hat also keinerlei Hinweise darauf erbracht, dass Strategien der Menschenselektion oder -züchtung für sportliche Leistungssteigerungen in absehbarer Zukunft technisch umsetzbar wären. Entsprechende Vor- und Darstellungen sind wissenschaftlich derzeit nicht untermauert.

Ziele, Entwicklungsstand, Nachweisbarkeit

Die Ziele eines möglichen Gendopings unterscheiden sich wahrscheinlich nicht wesentlich von bisherigen Dopingstrategien. Sie werden in drei physiologischen Bereichen und deren molekularer Regulation gesehen:

  • Skelettmuskulatur: Wachstum, Struktur, Kraft, Ausdauer, Regeneration (Molekulare Ziele: Myostatin, HGH/IGF/MGF, Pax7, PPAR-delta)
  • Sauerstoffversorgung: Hämoglobinkonzentration, Blutgefäßversorgung
    (Molekulare Ziele: EPO, HIF, VEGF)
  • Energiebereitstellung: Fettsäure- und Glucosestoffwechsel in Leber und Muskel (Molekulare Ziele: FATPs, GLUTs, PTP-1B)

Konkrete Hinweise auf eine in manchen Darstellungen angeführte genetische Beeinflussung der Schmerzempfindlichkeit konnten nicht gefunden werden.

In den genannten Bereichen gibt es unterschiedliche Forschungsansätze und Entwicklungsvorhaben zur Behandlung von Krankheiten (Muskel-, Blut- oder Herzerkrankungen, Krebs, Diabetes, Adipositas), denen aufgrund der direkten leistungssteigernden Wirkung ein unmittelbares Missbrauchspotenzial innewohnt. Diese Verfahren mit direktem Bezug zur physischen Leistungssteigerung (Induktion der Expression von VEGF-2, Hemmung von Myostatin) befanden sich meist im präklinischen Stadium (Tierversuche; über Anwendungen am Menschen wurde bisher noch nicht berichtet). Auch relevante therapeutische Strategien ohne direkten Bezug zu leistungssteigernden Strukturen haben bisher nur vereinzelt die klinische Phase III (Wirksamkeitsnachweis) erreicht. Noch führte kein therapeutisches Forschungsvorhaben zu einer Zulassung.

Trotzdem bleibt festzuhalten, dass Gewebshormone (z.B. Wachstumsfaktoren) – diejenigen Moleküle, die bereits heute in der »konventionellen« Dopingpraxis interessant sind – besonders häufig Studiengegenstand waren. Es erscheint deshalb durchaus plausibel, dass zukünftig die Möglichkeiten einer gezielten und subtilen, vermutlich immer schwerer nachweisbaren Manipulation zunehmen werden. Ob dies durch die Übertragung von genetischem Material im eigentlichen Sinn (DNA oder RNA) oder sonst wie pharmakologisch erfolgt, ist zwar für die Entwicklung von Nachweis- und Kontrollverfahren wichtig, für eine darüber hinaus gehende Folgenbetrachtung und Vorsorgeforschung insbesondere unter dem Blickwinkel zukünftiger Antidoping-Maßnahmen jedoch weitgehend irrelevant.

Exakte Nachweisverfahren für unterschiedliche Gendopingstrategien gibt es bisher noch nicht. Sehr wahrscheinlich wird der Nachweis noch aufwendiger als bisher und infolge dessen werden die Anforderungen an die Dopingkontroll- und Sanktionssysteme ebenfalls weiter steigen. Die Einhaltung des bereits rechtlich verankerten Verbots von Gendoping sowohl durch das Arzneimittelgesetz als auch durch die weit umfangreicheren Anti-Doping-Bestimmungen innerhalb des organisierten Sports lässt sich ohne gerichtsfeste Tests jedoch nicht überprüfen.

Risikoabschätzung

Die theoretisch »elegante« Gentherapie ist in der Praxis schwierig und nach wie vor extrem risikobehaftet. Komplikationen wie heftige Immunreaktionen, leukämieähnliche Zustände oder gar Todesfälle gehen mit ihr einher. Bewertungen der gentherapeutischen Resultate, die auf einer Abwägung des Krankheitsverlaufs mit und ohne Therapeutikum basieren, sind nach wie vor kontrovers und nur in Zusammenhang mit der Schwere der Krankheit zu sehen. Nebenwirkungen und potenzielle Risiken wegen der missbräuchlichen Verwendung durch gesunde, zum Teil physisch extrem belastete Sportler sind hingegen kein Gegenstand medizinischer Forschung. Deshalb können die gesundheitlichen Risiken eines Missbrauchs für Dopingzwecke auf der Basis klinischer Medikamentenprüfungen prinzipiell nicht abgeschätzt werden.

Zusätzlich zu den spezifischen Nebenwirkungen einzelner Medikamente traten durch extreme physische Belastungssituationen, durch Überdosierungen sowie die gleichzeitige Einnahme verschiedener Mittel auch in der Vergangenheit bei einzelnen dopenden Sportlern Gesundheitsschäden, zum Teil mit Todesfolge, auf. Aus dieser Perspektive können auch Gendopingmethoden kaum noch riskanter sein. Die derzeitige Dopingsituation zeigt jedoch, dass sich einzelne Sportler auch durch unbekannte gesundheitliche Risiken und mögliche Nebenwirkungen bis hin zur möglichen Todesfolge nicht abschrecken lassen. Auch ist anzunehmen, dass einzelne Personen nicht warten werden, bis wissenschaftlich fundierte Therapiezulassungen vorliegen.

Einfallstore

Über extremrisikobereite Personen wird Gendoping früher oder später Eingang in die Sportwelt finden. Auch wenn Aussagen zur Risikobereitschaft von Sportlern eher Vermutungen als gesicherte Erkenntnisse sind, scheint es plausibel, dass Gendoping an der Leistungsspitze des Wettkampfsports sowie im besonders ehrgeizigen Bodybuilding zuerst manifest werden wird. Dies wird durch die bestehenden Gendoping-Verbotstatbestände des Arzneimittelgesetzes und der in weiten Teilen des Wettkampfsports gültigen organisationsinternen Anti-Gendoping-Regelungen aufgrund der offenen Nachweisfrage kaum verhindert werden können. Wie schnell und stark sich Gendoping von dort ausbreiten kann, wird von einer Reihe weiterer Barrieren abhängen.

Wie bereits heute werden Sportarten, bei denen Erfolg direkt mit vergleichsweise singulären physiologischen Leistungen verknüpft ist und mit großem ideellen und materiellen Nutzen einhergeht, sowie Sportarten, in denen Dopingverhalten wenig thematisiert und wenig effizient bekämpft wird, am ehesten betroffen sein.

Erfolgte in der Vergangenheit die Erstanwendung von Dopingmitteln zuerst im Spitzensport und breitete sich von dort weiter aus, könnte Gendoping mehr oder weniger parallel zum Spitzensport oder sogar noch früher auch im Sport zur individuellen Körperformung Eingang finden – einige Personen aus dem Bodybuildingbereich bieten sich bereits heute proaktiv als Testpersonen an.

Handlungsoptionen für Sport und Politik

Um zu vermeiden, dass durch Gendoping die Dopingspirale eine neue Drehung erhält und Erfolge im Anti-Doping-Kampf entwertet werden, müssten aus Sicht des TAB vier Elemente einer spezifischen Anti-Gendopingstrategie umgesetzt werden:

  • kontinuierliche Beobachtung gendoping-relevanter wissenschaftlicher Trends und pharmazeutischer - Entwicklungsvorhaben im Sinne eines Frühwarnsystems;
  • Forschung und Entwicklung im Bereich Nachweis, Test und Kontrollverfahren;
  • Konkretisieruing der Doping-Verbotsliste, um die Bestimmtheit der bestehenden Straftatbestände zu gewährleisten;
  • Aufklärung und Information (Gendoping-Prävention sollte als eigenständige Aktivität losgelöst vom Dopingkontroll- und -sanktionssystem etabliert werden und alle Risikogruppen in den Blick nehmen)

Wesentliche Ergebnisse des TA-Projektes »Gendoping« wurden im März 2008 auf einer gemeinsamen öffentlichen Sitzung des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung und des Sportausschusses präsentiert. Die Kombination aus der Ergebnispräsentation durch das TAB mit einer anschließenden offenen, lebhaften und sachlichen Diskussion zwischen den anwesenden Mitgliedern des Deutschen Bundestags, dem TAB-Team, sieben Projektgutachtern, Medienvertretern und der interessierten Öffentlichkeit schlug sich in einer starken medialen Resonanz nieder. Diese ist sicher auch der besonderen Brisanz des Themas zuzuschreiben, denn im Gendoping bündelt sich wie in einem Brennglas die übergreifende Thematik des Dopings im Sport. Es sollte für alle in der Verantwortung stehenden Akteure ein starkes Argument für die Fortführung und Weiterentwicklung der bestehenden Anti-Doping-Aktivitäten sein.

Zum Seitenanfang