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Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag

Informationen zur Untersuchung

Bakteriophagen in Medizin, Land- und Lebensmittelwirtschaft – Anwendungsperspektiven, Innovations- und Regulierungsfragen

Themenbereich: Bio- und Medizintechnologien
Analyseansatz: Innovationsanalyse
Themeninitiative: Ausschuss für Gesundheit, Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft sowie Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung
Status: laufend
Bearbeitungsstand: Gutachtersuche
Laufzeit: 2021 bis 2022

Thematischer Hintergrund

Viren, die bestimmte Bakterien gezielt angreifen, sogenannte Bakteriophagen (kurz Phagen), wurden in den 1910er Jahren erstmalig beschrieben und bald danach als therapeutische Option zur Bekämpfung bakterieller Infektionen erforscht und entwickelt. Nach der Entdeckung der Antibiotika (einzelne chemische Verbindungen mit antibakterieller Wirkung, wie Penicillin) und ihrem breiten Einsatz wurden Phagen seit den 1940er Jahren praktisch nur noch in Ländern der damaligen Sowjetunion (vor allem Russland und Georgien) sowie in Polen zur Behandlung bakteriell verursachter Erkrankungen beim Menschen genutzt.

Als möglicher Lösungsansatz für die zunehmende Problematik antibiotikaresistenter pathogener Bakterien werden Phagen jedoch seit einiger Zeit weltweit stärker in den Blick genommen. Mittlerweile wurden Heilversuche mit Bakteriophagen auch in einigen westlichen Ländern, wie Belgien, Frankreich und den USA, erleichtert. Darüber hinaus werden in verschiedenen Ländern in Europa (Belgien, Frankreich, Großbritannien, Schweiz), klinische Studien zur Behandlung von Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien durchgeführt. Dabei werden sowohl einzelne Phagenisolate als auch Kombinationen verschiedener Phagen (Phagencocktails) sowie isolierte Phagenproteine untersucht.

Für die Land- und Lebensmittelwirtschaft werden Bakteriophagen ebenfalls erforscht und vereinzelt bereits kommerziell vermarktet: gegen bakterielle Pflanzenkrankheiten, zur Gesunderhaltung bzw. Behandlung von Geflügel, Rindern oder Bienen sowie zur Kontrolle von pathogenen Bakterien, wie Listerien, Salmonellen und EHEC, auf Fleisch-, Fisch- und in Milchprodukten.

Zu weiteren Anwendungsoptionen am Menschen gehört die Nutzung als hochempfindliche Nachweismethode für bakterielle Infektionen. Darüber hinaus könnten Phagen für therapeutische oder auch präventive Interventionen in das Darmmikrobiom (das komplexe, aus verschiedenen Bakterien und deren jeweiligen Phagenarten sowie Pilzen bestehende Ökosystem im Darm), das eine wichtige Rolle bei verschiedenen Krankheiten spielt, entwickelt und eingesetzt werden. Neben der großen Vielfalt natürlich vorkommender Bakteriophagen können sie durch gezielte genetische Veränderungen für verschiedene Anwendungen mit neuen Eigenschaften versehen oder optimiert werden. Eine erste klinische Studie zur Evaluierung eines mittels des CRISPR/Cas-Systems genetisch modifizierten Bakteriophagen, der Harnwegsinfektionen bekämpfen soll, wurde kürzlich in den USA begonnen.

Angesichts zunehmender Forschungs-, Entwicklungs- und Vermarktungsaktivitäten von phagenbasierten Anwendungen erscheint eine Untersuchung des Innovationspotenzials sowie von möglichen Sicherheits- und Regulierungsfragen von großer forschungspolitischer Relevanz. Umfassendere politikorientierte Ausarbeitungen zum Thema scheint es bislang nicht zu geben.

Ziel und Vorgehensweise

Vor diesem Hintergrund sieht das Projekt des TAB, das aus drei Ausschüssen des Deutschen Bundestages angeregt wurde, eine breite, aber konzentrierte Analyse von Chancen, Risiken und möglichen Förder- und Regelungsansätzen des Einsatzes von Bakteriophagen in Medizin, Land- und Lebensmittelwirtschaft vor. Ziel ist die Erarbeitung einer Orientierungshilfe für politische Mandatsträger zur Beschreibung der Innovationspotenziale vor dem Hintergrund sich abzeichnender Regulierungsfragen im Gesundheits-, Verbraucher- und Umweltschutz. Die Analyse soll sowohl hinsichtlich der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten sowie der innovationspolitischen Rahmenbedingungen als auch hinsichtlich der gesetzlichen Regulierung in vergleichender internationaler Perspektive erfolgen.

Stand der Projektbearbeitung

Als Informationsbasis für das Projekt sollen zwei Gutachten zum Stand von Forschung, Entwicklung und Anwendung, zu Sicherheits- und Regulierungsfragen sowie zu bestehenden Hemmnissen (und ihrer möglichen Überwindung) vergeben werden – eines zum Bereich Medizin, eines zur Land- und Lebensmittelwirtschaft. Derzeit werden Gutachter/innen gesucht.

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