Entwicklung und Folgen des Tourismus I

  • Project team:

    Dr. Thomas Petermann (Projektleitung)

  • Thematic area:

    Digital society and economy 

    Energie und Umwelt

  • Topic initiative:

    Ausschuss für Fremdenverkehr und Tourismus

  • Analytical approach:

    TA-Projekt

  • Startdate:

    1996

  • Enddate:

    1997

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Für den Tourismus als globales Geschehen werfen die Strukturveränderungen im Zuge des Globalisierungsprozesses eine Vielzahl neuer Fragen auf. Dazu zählen das anwachsende Volumen der Reiseströme, der weltweite Kampf der Destinationen um alte und neue Quellmärkte, die Gefahr von Überkapazitäten und ruinösem Wettbewerb sowie der Beitrag des Tourismus zur globalen Umweltproblematik.
Nicht nur bezüglich der ökologischen Dimension steht die Rolle der Politik und ihrer Beiträge zu einer nachhaltigen Tourismuspolitik auf dem Prüfstand. Auch andere Handlungsfelder wie die Verbesserung der Rahmenbedingungen und die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit des Tourismusstandortes Deutschland rücken verstärkt ins Blickfeld. Gesucht wird eine neue Balance zwischen den Chancen weiterer Liberalisierung und Deregulierung und den ökonomischen, sozialen und ökologischen Risiken des Tourismus.

Untersuchungsgegenstand und Zielsetzung

Zentrale Thematik des auf eine Initiative des Ausschusses für Fremdenverkehr und Tourismus zustande gekommenen TA-Projektes "Folgen des Tourismus" ist die Frage, ob und wie eine intelligente und kooperative Tourismus"innen"politik und eine neu zu definierende Tourismus"außen"politik auf die Phänomene einer weitreichenden Umbruchsituation reagieren können.

Stand der Arbeiten

Das Projekt wurde im Oktober 1996 begonnen. Eine erste Phase des Projektes diente der Erarbeitung eines Sachstandsberichts sowie der Identifikation von Forschungslücken zu den zentralen Dimensionen des Tourismus. Neben einer Analyse des Reiseverhaltens der Deutschen wurden fünf Themenbereiche behandelt: Tourismus als Wirtschaftsfaktor, Umweltfolgen des Tourismus, Technik und Tourismus, Motive, Einstellungen und Werte, Tourismuspolitik. Der Abschlußbericht zu Phase I konzentrierte sich auf den Tourismus der Deutschen und den Tourismus in Deutschland. Der Bericht wurde im Oktober 1997 vorgelegt (TAB-Arbeitsbericht Nr. 52).

In der zweiten Phase wird der Tourismus im Kontext der Globalisierung betrachtet und der Tatsache der Einbettung des touristischen Geschehens in die weltweiten Wandlungsprozesse in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Rechnung getragen. Die Ursachen und Folgen der Globalisierung werden in Beziehung zum Tourismus gesetzt werden, insofern sie sowohl bereits bestehende strukturelle Probleme des Tourismusstandorts Deutschland verstärken, andererseits aber auch Chancen und Potentiale eröffnen können. Der Bericht der Phase II wurde im März 1999 vorgelegt.

Vorläufige Ergebnisse

Rahmenbedingungen und Trends des Tourismus

Die dem Tourismus vorhergesagten Wachstumsraten und seine erwartete weitere Expansion sind abhängig von bestimmten Rahmenbedingungen und Entwicklungstrends. Hierzu zählen die Struktur und Entwicklung der Weltwirtschaft, der demographische wie der soziostrukturelle Wandel, der Wertewandel, globale Umweltprobleme und die weltweit sich formierende Informationsgesellschaft. Für eine realistische Einschätzung des zukünftigen Reiseverhaltens und der Angebotsstruktur müssen diese den Tourismus beeinflussenden externen Variablen berücksichtigt werden.

Tourismus im Zeitalter der Globalisierung

Globalisierungstendenzen in der Weltökonomie wirken sich auch im Tourismus aus. Anzeichen, die in diese Richtung deuten, finden sich sowohl auf der Seite der Nachfrage nach touristischen Dienstleistungen als auch auf der Angebotsseite.

Neben Tendenzen zur weltweiten Angleichung der Nachfrage zeichnen sich auch solche der Differenzierung ab. Mit einer weltweiten Vereinheitlichung des Angebots ist nur im Niedrigpreissegment zu rechnen. Auch in Bezug auf den Tourismus aus und nach Deutschland lässt sich von Globalisierungstendenzen in der Nachfrage nur mit Vorsicht sprechen. Zwar weisen die Deutschen eine hohe Auslandsreiseintensität, zugleich aber eine geringe Fernreiseintensität auf.

Auf der Angebotsseite lassen sich deutlichere Anzeichen für Globalisierungstendenzen und -prozesse feststellen. Alle Stufen der touristischen Wertschöpfungskette (Reisemittler, Veranstalter, Transport- und Gastgewerbe) unterliegen zunehmendem Konkurrenzdruck. Größenwachstum, Konzentrationstendenzen, Nischenstrategien und Allianzen sind durchgängige Symptome. Sie fallen in den einzelnen Sektoren allerdings unterschiedlich aus.

Informations- und Kommunikationstechnologien in der Tourismuswirtschaft

Unabdingbare Voraussetzung und zentrales Element eines globalen Tourismus ist eine weltweite informationstechnische Infrastruktur.

Die vermehrte Nutzung neuer IuK-Systeme tangiert alle Stufen der touristischen Wertschöpfungskette, verändert Marktanteile, Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen und beeinflusst die Wettbewerbsfähigkeit der Akteure und Destinationen. IuK-Technologien schaffen veränderte Kommunikations- und Kooperationsformen zwischen den touristischen Anbietern und den Kunden und schwächen die Bedeutung klassischer Distributionskanäle. Der vermehrte Einsatz von IuK-Technologien führt aber auch zu einem verschärften globalen Wettbewerb im Tourismus, zur Einsparung von Arbeitskräften und zu Verdrängungseffekten und Verteilungskämpfen auf dem Markt.

Politik

Das System Tourismus repräsentiert bereits heute ein fortgeschrittenes Modell der Beziehung zwischen Wirtschaft und kooperativem Staat und weist weit entwickelte Strukturen einer Leitökonomie der Moderne auf.

Eine Analyse der Akteure auf der Ebene der internationalen Tourismuspolitik zeigt eine erstaunliche Vielfalt staatlicher und zwischenstaatlicher Organisationen einerseits und Vertretern gesellschaftlicher Gruppen wie Verbände und Nicht-Regierungsorganisationen andererseits. Zentrale Ziele in der internationalen Tourismuspolitik wie z.B. adäquate Rahmenbedingungen, Wettbewerbsvielfalt, Nachhaltigkeit oder Arbeitsplätze werden in Kooperation mit der öffentlichen Hand und Gesellschaft verfolgt. Tourismuspolitik stellt sich insofern als Verbundpolitik dar.

Eine Analyse der Konzepte und Strategien zeigt insbesondere auf internationaler Ebene die große Aufgeschlossenheit der Akteure gegenüber dem Leitbild eines nachhaltigen Tourismus. Bemerkenswert sind auch die zahlreichen Versuche, das Spannungsverhältnis zwischen Ökologie und Ökonomie durch integrierte Ansätze und Programme zu mindern. Allerdings bleibt unübersehbar, dass zwischen Privatwirtschaft und öffentlichen Akteuren wie auch Nicht-Regierungsorganisationen unterschiedliche Vorstellungen hinsichtlich der Ziele und Wege einer nachhaltigen Tourismuspolitik bestehen.

Auf europäischer Ebene ist es bislang nicht gelungen, die Potentiale einer kohärenten EU-Tourismuspolitik auszuschöpfen und gleichzeitig das Subsidaritätsprinzip konstruktiv zu gestalten. Es fehlt eine gemeinsam getragene politische Zielsetzung und ein übergeordnetes Leitbild einer europäischen nachhaltigen Tourismuspolitik. Im Blick auf die Herausforderungen eines nachhaltigen und wirtschaftlich tragfähigen Tourismus ist die Situation unbefriedigend.

Eine Analyse der bundesdeutschen Akteure in der Politik zeigt, dass zum einen Strukturen und Kapazitäten zur aktiven Gestaltung einer internationalen Tourismuspolitik verbessert werden müssen. Zum anderen müssten  die bislang auf verschiedenen Ebenen existierenden Vorstellungen gesammelt und zu einem geschlossenen Konzept zusammengefasst werden. Die Wirtschaft hat sich bislang erst in Ansätzen auf die Ebene internationaler Tourismuspolitik begeben.

Themen und Optionen für eine nachhaltige deutsche Tourismusaußenpolitik ergeben sich insgesamt aus den Herausforderungen des globalisierten Tourismus und einer Verpflichtung staatlicher Politik auf das Prinzip einer nachhaltigen Entwicklung. Sie könnte anknüpfen an die bereits entwickelten Ansätze und Aktivitäten internationaler zwischenstaatlicher und gesellschaftlicher Akteure.

Fazit

Die von vielen erwartete goldene Zukunft des Tourismus ist eher offen. Die mit seiner weiteren Entwicklung verbundenen Chancen und Potentiale einerseits und die Risiken für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt andererseits liegen dicht beisammen. Weil aber der Tourismus wie nur wenige Wirtschaftssektoren zwingend auf eine intakte Umwelt und ein nachhaltiges Wachstum angewiesen ist, besteht hier noch am ehesten die Chance, Mittel und Wege zu finden, Wirtschaft und Umwelt im Zeitalter der Globalisierung in Einklang zu bringen.

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