Machbarkeitsstudie für ein »Forum für Wissenschaft und Technik«

  • Project team:

    Leonhard Hennen (Projektleiter), Christine Katz, Herbert Paschen, Arnold Sauter

  • Thematic area:

    Digital society and economy

  • Topic initiative:

    Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung

  • Analytical approach:

    TA-Projekt

  • Startdate:

    1995

  • Enddate:

    1996

sprungmarken_marker_2548

Untersuchungsgegenstand und Zielsetzung

In dem Maße, in dem sich die wissenschaftlich-technische Entwicklung beschleunigt, intensiviert sich die öffentliche Diskussion über die positiven wie negativen Effekte von Wissenschaft und Technik für Umwelt und Gesellschaft. In der Einschätzung der Chancen und Risiken neuer Technologien weichen die Ansichten von Experten und Laien oft erheblich voneinander ab. Die Suche nach gesellschaftlichem Konsens in Fragen der Technikbewertung wird daher vor allem eine Suche nach neuen Verständigungsmöglichkeiten zwischen wissenschaftlich-technischen Experten, Politik und Öffentlichkeit sein. Von dieser Einsicht getragen sind in den letzten Jahren von Seiten des (ehemaligen) BMFT Überlegungen angestellt worden, in Deutschland ein »Science Center« nach amerikanischem Vorbild aufzubauen. An diese Überlegungen knüpfen die Bemühungen eines in Göttingen gegründeten Fördervereins »Forum für Wissenschaft und Technik« an, der die Errichtung eines Science Centers als deutsches Zentrum der öffentlichen Diskussion um Wissenschaft und Technik plant. Diese Initiativen hat der Deutsche Bundestag aufgegriffen und das TAB, nach Befürwortung der ersten konzeptionellen Überlegungen durch den Ausschuss für Bildung, Wissenschaft, Forschung, Technologie und Technikfolgenabschätzung, mit der Durchführung einer Machbarkeitsstudie beauftragt.

Stand der Arbeiten

Ausgehend von der Vorgabe, dass das »Forum für Wissenschaft und Technik« als Zentrum von bundesweiter Bedeutung angelegt sein soll, hat das TAB in seinen ersten Überlegungen zum Konzept im Oktober 1995 drei Elemente (Ausstellungen, Tagungen, wissenschaftliche Einheit) vorgeschlagen, die insgesamt die bundesweite Bedeutung des Forums am Standort Göttingen sicherstellen könnten. Die im September 1996 dem Ausschuss vorgelegte Studie (TAB-Arbeitsbericht Nr. 44) umfasst zum einen die Entwicklung eines inhaltlichen und organisatorischen Konzeptes für die drei Elemente des geplanten »Forums«. Außerdem wurde geprüft, ob die durch die Arbeiten des Fördervereins und der mittlerweile gegründeten Gesellschaft »Forum für Wissenschaft und Technik« in Göttingen vorbereiteten baulichen und organisatorischen Gegebenheiten zur Realisierung des Konzeptes geeignet sind.

Ergebnisse

Ausstellungen, Diskussionen, Forschung - »Philosophie« und Aufgaben des Forums

Die Überlegungen des TAB lassen sich von der Einsicht leiten, dass sich sowohl die Beförderung der gesellschaftlichen Diskussion als auch die bundesweite Bedeutung nur durch eine Konzeption werden realisieren lassen, die an den öffentlichen - teils kontroversen - Diskussionen um Wissenschaft und Technik ansetzt und diese offensiv aufgreift. Damit setzen sich die Aufgaben des Forums deutlich sowohl von den gängigen Aufgaben klassischer Wissenschafts- und Technikmuseen als auch von dem zurzeit an verschiedenen Stellen in der Bundesrepublik aufgegriffenen Konzept der Science Center ab.

Nach den Vorstellungen des TAB sollte sich das Forum für Wissenschaft und Technik als Ort verstehen, an dem die verschiedenen, oft gegensätzlichen, Sichtweisen auf Wissenschaft und Technik zur Sprache kommen und Gelegenheit zum Austausch haben. An der Schnittstelle von Wissenschaft und Öffentlichkeit kommt dabei der Ermöglichung der Kommunikation zwischen Experten und Laien besondere Bedeutung zu. Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, sind Aktivitäten des Forums in drei Bereichen erforderlich:

  • Es bedarf zum einen eines sich an ein breites Publikum richtenden Ausstellungsbereiches, der Wissenschaft in ihren gesellschaftlichen Bezügen und als Gegenstand unterschiedlicher gesellschaftlicher Bewertungen zeigt.
  • Es bedarf umfangreicher, bundesweit »sichtbarer« und für alle Interessenten - insbesondere auch für Laien - offener Tagungs- und Diskussionsangebote, die von den Themen und den Zielsetzungen her über die in Science Centern üblichen ausstellungsbegleitenden Bildungsangebote hinausgehen.
  • Und es bedarf schließlich des Aufbaus eigener wissenschaftlicher Kompetenz zum Thema »Wissenschaft/Technik und Öffentlichkeit«, die das Forum als Zentrum auch der wissenschaftlichen Reflexion über Ursachen, Strukturen sowie Möglichkeiten der Gestaltung öffentlicher Auseinandersetzungen über Wissenschaft und Technik auszuweisen in der Lage ist.

Das Forum kann sich durch diese drei Tätigkeitsbereiche als wissenschaftlich kompetente, dem Diskurs verpflichtete, für alle gesellschaftlichen Gruppen und Positionen offene Institution präsentieren. Nach einer ersten planerischen Prüfung und einer ersten Skizze zum Ausbau einer für die Ausstellungen vorgesehenen ehemaligen »Lokhalle« scheinen die in Göttingen (in Gestalt des dort in Entwicklung befindlichen »Otto-Hahn-Zentrums«) vorhandenen baulichen Gegebenheiten für die Realisierung des vorgeschlagenen Gesamtkonzeptes geeignet zu sein.

Ausstellungen - »Science in Context«

Die Ausstellungen im »Forum für Wissenschaft und Technik« sollen, entsprechend der Aufgabenstellung als bundesweites Diskussionsforum über Wissenschaft und Technik, unter dem Motto »Science in Context« stehen. Wissenschaft und Technik sollen nicht als solche thematisiert, sondern in ihren politischen, ökonomischen und sozialen Bezügen und Bedeutungen transparent gemacht werden.

Die Erarbeitung eines konkreten Ausstellungskonzeptes erfordert eine langfristige und intensive Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Ausstellungsexperten. Alleine für die Konzipierung einer größeren Ausstellung bis hin zu konkreten Anweisungen für deren gestalterische Umsetzung, dem sogenannten »Drehbuch«, setzen Ausstellungsexperten einen Zeitraum von 2-3 Jahren an. Das TAB hat daher für drei der für das Forum vorgesehenen Ausstellungsthemen - Kernausstellung: »Science in Context«, Multimedia, Hirnforschung - lediglich eine Stoffsammlung mit Gestaltungshinweisen vorgelegt, die als Grundlage für ein noch zu entwickelndes Ausstellungskonzept dienen können. Für das Thema »Analyse des menschlichen Genoms« wurde exemplarisch ein Vorschlag zur konkreten Umsetzung erarbeitet.

Das TAB schlägt vor, dass sich die Ausstellungen des geplanten Forums zwar von dem an Science Centern verfolgten Konzept der sogenannten »hands on«-Exponate leiten lassen sollte. D.h. den Besuchern muss - unter dem Gesichtspunkt einer möglichst publikumswirksamen Ausstellung - eigenes Experimentieren und Ausprobieren im Umgang mit neuen technologischen Entwicklungen ermöglicht werden. Grundsätzlich sollten die Ausstellungen aber nicht der Präsentation von Wissenschaft und Technik an sich (von Geräten und Verfahren), sondern von Wissenschaft und Technik in ihren ökonomischen, sozialen und politischen Bezügen dienen. Wissenschaft und Technik sollen als Teil des gesellschaftlichen Lebens und auch in ihrem inneren sozialen Funktionieren kenntlich gemacht werden. Klassische Wissenschaftsmuseen und auch Science Center tendieren z. T. dazu, ein nicht mehr zeitgemäßes Bild des Zusammenhangs von Wissenschaft und Gesellschaft zu transportieren. Wissenschaftlich-technischer Wandel erscheint dann als einer eigenen unentrinnbaren Logik der Höherentwicklung folgender, nicht steuerbarer Prozess, der unser Leben gleichsam »von außen« verändert.

Dagegen soll der Versuch gestellt werden, den Prozess von Wissensgenerierung und Entwicklung neuer Technologien als menschliche und soziale Aktivität durchschaubar zu machen; als Aktivität, die in Institutionen abläuft und bestimmten Regeln folgt; als Aktivität, die ein bestimmtes Instrumentarium und Verfahren nutzt, die durch ökonomische und andere Anreize angestoßen wird, die politisch reguliert und finanziert wird, die äußeren Zwecksetzungen folgt und sich fügt, aber auch selber neue Zwecke und Ziele setzen kann, und die Gegenstand gesellschaftlicher Bewertung, Wertschätzung und Kritik ist.

Eine sogenannte »Kernausstellung« zum Thema »Science in Context« soll die besondere Perspektive, die das Forum auf Wissenschaft und Technik anlegt, deutlich machen und thematisch nicht auf ein bestimmtes Technologiefeld oder eine wissenschaftliche Disziplin abstellen. Sie soll die Besucher, indem das Themenfeld »Technik und Gesellschaft« insgesamt erschlossen wird, gleichsam an die Perspektive heranführen, die dann auch in den thematisch fokussierten Ausstellungen - Multimedia (Informations- und Kommunikationstechnik), Hirnforschung und Analyse des menschlichen Genoms - angelegt wird.

Tagungsbereich: Kommunikation zwischen Laien und Experten

Der Bereich Tagungen soll so angelegt sein, dass kleinere Veranstaltungen (Seminare, Workshops) sowohl wissenschaftlicher Art (interdisziplinäre Workshops) als auch für eine breitere Öffentlichkeit (Lehrer, Journalisten, interessierte Laien) und Entscheidungsträger aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft angeboten werden können. Diese Veranstaltungen sind als Angebot zu sehen, bestimmte Aspekte der in den Ausstellungen behandelten Themen zu vertiefen bzw. Fragen, die sich in einer Ausstellung nur anreißen lassen, aufzugreifen.

Es sind vor allem aber größere öffentliche Tagungen, über die es gelingen soll, dem Forum in der technologie- und wissenschaftspolitischen Diskussion einen hohen Stellenwert zu verschaffen. Neben großen interdisziplinären wissenschaftlichen Kongressen wird dies am ehesten (und der allgemeinen Zielsetzung des Forums entsprechend) durch die Organisation eines - für Deutschland neuen und in der internationalen Diskussion um »Public Understanding of Science« derzeit stark beachteten - Typs von Konferenzen, der die Meinung von Laien und Experten miteinander konfrontiert, gewährleistet werden können: sogenannte Konsensus Konferenzen.

Konsensus Konferenzen sind darum bemüht, das Wissen und die Bewertung von Laien in Diskussionen um die gesellschaftliche Bedeutung und Problematik neuer Technologien einzubringen (vgl. hierzu auch TAB-Brief Nr. 10). Neben dem Prinzip der Laienberatung kennzeichnen Konsensus Konferenzen auch der öffentliche Charakter der Veranstaltung und ihr Bezug auf parlamentarische Instanzen als Adressat. Es geht bei Konsensus Konferenzen darum, eine breite öffentliche Debatte über das behandelte technologiepolitische Thema in Gang zu bringen und hierüber zur politischen Willensbildung beizutragen. Konsensus Konferenzen bieten damit die besten Voraussetzungen dafür, das Forum als zentralen Ort einer wissenschaftlich-öffentlich-politischen Diskussion zu etablieren. Auch die nach der jetzigen Planung im Ausstellungsbereich vertretenden Themen sind bestens geeignet, durch die Veranstaltung von Laienkonferenzen aufgegriffen zu werden. Sie werden in der Öffentlichkeit z. T. kontrovers diskutiert und haben bereits Fragen politisch-rechtlicher Regulierung aufgeworfen bzw. werden dies in Zukunft voraussichtlich tun.

Wissenschaftliche Einheit - Public Understanding of Science

Die generelle Aufgabe der Forschungseinheit in bezog auf die Grundidee des Forums für Wissenschaft und Technik besteht darin, das Forum als wissenschaftlich ausgewiesenes Zentrum der Diskussion um Wissenschaft und Technik in Deutschland zu profilieren. Soll das Forum als Plattform der Kommunikation von Wissenschaft und Öffentlichkeit bundesweit Anerkennung finden, muss es sich als kompetenter Ansprechpartner, wenn nicht gar als ein Fokus der wissenschaftlichen Forschung zu den mit seiner eigenen Leitidee verbundenen Fragen etablieren. Die seriöse Evaluation der eigenen Aktivitäten des Forums (im Ausstellungs- und Tagungsbereich), die nötige Weiterentwicklung der Aufgaben des Forums und seines Selbstverständnisses, die notwendige Profilierung des Forums als Ort der Innovation hinsichtlich der Vermittlung von Experten- und Laienkultur, die nötige Akzeptanz des Forums als Ansprechpartner von Wissenschaft, Industrie, Politik und gesellschaftlichen Initiativen, wie auch die Notwendigkeit, thematisch und didaktisch das Forum »up to date« zu halten, erfordern eigene wissenschaftliche Kompetenz und Forschung, einen Bezug zu Lehre und Fortbildung sowie eigene Publikationstätigkeit.

Vorgeschlagen wird deshalb die Einrichtung einer eigenen Forschungseinheit mit 6 wissenschaftlichen Mitarbeitern am Forum für Wissenschaft und Technik, die sich primär mit Fragestellungen aus dem Forschungsfeld »Public Understanding of Science« (PUS) befassen soll. Über die Untersuchung des politischen, sozialen und kulturellen Kontextes der Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit gehen in das Forschungsprogramm von PUS Fragen der Technikbewertung, der Ethik moderner Wissenschaft, der Technik- und Wissenschaftssoziologie, aber auch der Policy Analyse und demokratietheoretische Fragestellungen ein. Neben der Forschungstätigkeit könnte sich das Forum über die wissenschaftliche Einheit durch Publikationen, möglicherweise die Herausgabe einer wissenschaftlichen Zeitschrift, die im deutschsprachigen Raum zum Thema »Public Understanding of Science« fehlt, die Veranstaltung von Kongressen und durch Aktivitäten in der wissenschaftlichen Lehre und in der Fortbildung (z.B. für Journalisten) profilieren.

Kosten/Finanzierung

Die Untersuchung des Finanzbedarfs und der Finanzierungsmöglichkeiten des Forums wurde für die einzelnen Elemente des Forums jeweils für die Vollausstattung (Basisversion) der Elemente und für eine Minimalversion vorgenommen. Der zeitliche Auf- und Ausbau des Forums wird bis zum Jahr 2006 angesetzt, wobei davon ausgegangen wird, dass im Jahr 2000 der Ausbau der sogenannten Lokhalle und die »Bespielung« des größten Teils der Ausstellungsfläche (bis auf die Flächen für Wechselausstellungen) realisiert sein wird.

  • Die Personalstärke des Forums wird ca. 60 Personen betragen müssen, wobei davon ausgegangen wird, dass die technische Entwicklung der Ausstellungen nach außen vergeben wird.
  • Der Finanzbedarf des Forums wird im Jahre 2000 (wegen der anfallenden Kosten für den Ausbau der Halle und die Erstellung der Ausstellungen) mit ca. 34 Mio. DM in der Basisversion bzw. 23 Mio. DM in der Minimalversion am größten sein.
  • Beim Endausbau des Forums wird der Finanzbedarf (Personal, Miete für die Lokhalle u. a.) im Jahre 2006 in der Basisversion ca. 19,4 Mio. DM und in der Minimalversion 15,6 Mio. DM betragen. Hierbei sind für die Basisversion bereits Einnahmen von 11,6 Mio. DM und für die Minimalversion Einnahmen in Höhe von 7,4 Mio. DM abgerechnet.
  • Aufgrund von Erfahrungen in bestehenden Science Centern und eigener Recherchen des mit der Erstellung des Finanzierungskonzeptes beauftragten Gutachters kann davon ausgegangen werden, dass auch langfristig rund ein Drittel der laufenden Kosten über Einnahmen des Forums (Eintrittspreis, Verkauf Museumsladen u. a.) und ein weiteres Drittel durch Sponsoring gedeckt werden könnten. Es bleibt ein Drittel der Kosten, das durch öffentliche Mittel abgedeckt werden müsste.
  • Grundsätzlich verstehen sich die Berechnungen als Ausgangsbasis für die
  • weitere Planung des Forums und dienen der Identifizierung von Faktoren, die geeignet erscheinen, die Gesamtkosten zu reduzieren. Bei einer Reduktion der Ausstattung des Forums (Ausstellungsfläche, Personal, etc.), wie sie das Minimalszenario vorsieht, wäre zu berücksichtigen, dass eine solche Auslegung des Forums dem Anspruch, nationale Bedeutung zu erlangen, möglicherweise nicht gerecht werden kann.

Publikationen