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Herausforderungen für die Pflanzenzüchtung: Auswirkungen des Strukturwandels in der Pflanzenzüchtung auf die genetische Diversität, die Sortenvielfalt und die Leistungsfähigkeit der heimischen Landwirtschaft

  • Projektteam:

    Arnold Sauter (Projektleitung), Monika Zulawski

  • Themenfeld:

    Landwirtschaft und Ernährung

  • Themeninitiative:

    Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft

  • Analyseansatz:

    TA-Projekt

  • Starttermin:

    2016

  • Endtermin:

    2022

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Gegenstand und Ziel der Untersuchung

Die Pflanzenzüchtung trägt erheblich zum Erhalt und zur Steigerung der landwirtschaftlichen Flächenproduktivität bei. Außerdem spielt sie eine wichtige Rolle bei der Anpassung an den Klimawandel und bei der effizienteren Nutzung von Betriebsmitteln. Pflanzenzüchtung ist forschungsintensiv und auf das Zusammenspiel von öffentlicher und privater Forschung angewiesen.

International hat in der Pflanzenzüchtung ein erheblicher Strukturwandel stattgefunden. Viele Züchtungsunternehmen sind von multinationalen Agrochemieunternehmen übernommen worden. Die drei größten Unternehmen haben mittlerweile einen Anteil von mehr als 60 % am globalen Saatgutmarkt. Dieser Konzentrationsprozess ist eng verknüpft mit der Entwicklung und Anwendung moderner Biotechnologien. Die mit der Gentechnik verbundenen sehr hohen FuE-Kosten haben dazu geführt, dass nur wenige multinationale Unternehmen mit der notwendigen Finanzkraft hier aktiv sind. Der weltweite Strukturwandel in der Züchtungsbranche ist auch in Deutschland spürbar, aber die deutsche Pflanzenzüchtung ist nach wie vor mittelständisch geprägt und umfasst etwa 60 Unternehmen mit eigenen Zuchtprogrammen.

Im Jahr 2016 waren in Deutschland über 3.200 Sorten (landwirtschaftliche Kulturpflanzen und Gemüse) zugelassen. Die genetische Vielfalt vieler Kulturpflanzenarten ist jedoch in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen, etliche Arten wurden aus dem Anbau verdrängt. Die Pflanzenzüchtung beeinflusst die Biodiversität in der Landwirtschaft auf verschiedene Weise, je nachdem, wie viele unterschiedliche Sorten entwickelt und angeboten werden, welche Eigenschaften sie haben und wie die Agrarsysteme gestaltet sind, in denen sie angebaut werden. Grundsätzlich kann die Pflanzenzüchtung sowohl zum Verlust als auch zur Förderung und Erweiterung von Biodiversität in der Landwirtschaft beitragen. In jedem Fall ist die Züchtung auf das Vorhandensein und den Zugang zu vielfältigen pflanzengenetischen Ressourcen als Ausgangsmaterial angewiesen.

Ziel der vorliegenden Untersuchung, die vom Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung auf Anregung des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft in Auftrag gegeben wurde, war es, einen Überblick über Potenziale und Aufgaben, Stärken und Schwächen der deutschen (kon-ventionellen und ökologischen) Pflanzenzüchtung gegenüber den Herausforderungen einer ressourcenschonenden, nachhaltigen Landwirtschaft angesichts des Klimawandels, der Bedürfnisse einer weiter wachsenden Weltbevölkerung sowie des Biomassebedarfs einer zukünftigen Bioökonomie zu erarbeiten.

Inhalte des Berichts und zentrale Schlussbemerkung

Pflanzenzüchtung, Sortenentwicklung und Rechtsrahmen

Im Kapitel 2 werden kompakt die Zielstellungen und Methoden der Pflanzen(züchtungs)forschung, die Phasen der Sortenentwicklung und die resultierenden Sortentypen sowie die gesetzlichen Regelungen für Sortenschutz und Saatgutzulassung behandelt. Etwas ausführlicher wird der recht komplizierte internationale Rechtsrahmen dargestellt, zum einen für die Pflanzenzüchtung hinsichtlich des Verhältnisses von Patent- und Sortenschutz und zum anderen für den Zugang zu und den Umgang mit genetischen Ressourcen.

Saatgutmarkt, Forschungsakteure, Kulturarten

Im Kapitel 3 wird der globale sowie der europäische Saatgutmarkt beschrieben und die privatwirtschaftlichen, die öffentlichen und die gemeinnützigen Akteure der deutschen Pflanzenzüchtung und ihre Geschäftsmodelle vorgestellt. Hinsichtlich wichtiger Kategorien von Kulturarten (Gemüse, Getreide, Ölsaaten und andere Biomasselieferanten) sowie für den ökologischen Landbau wird ein genauerer Blick auf die Zuchtziele, die Züchtungsunternehmen und ‑initiativen sowie die Zahl zur Verfügung stehenden Sorten geworfen.

Biologische Vielfalt in der Landwirtschaft: Status quo und Entwicklungstendenzen

Kapitel 4 fasst den Wissensstand zum Status quo und zu den Entwicklungstendenzen der biologischen Vielfalt in der deutschen Landwirtschaft zusammen. Nach einer Einführung in die Mechanismen der Entstehung und des Verlustes von Agrobiodiversität (ABD) wird deren Ausmaß auf Ebene der Produktions(öko)systeme, der Kulturpflanzenarten sowie der Sortenvielfalt einschließlich der genetischen Diversität diskutiert. Dargestellt werden Möglichkeiten zur Förderung der ABD durch die Pflanzenzüchtung sowie Aktivitäten und Einschätzungen von Stakeholdern im Bereich der Erhaltung und Förderung der ABD.

Handlungsoptionen zur Stärkung einer vielfältigen und vielfaltsfördernden Pflanzenzüchtung

Im Kapitel 5 werden wichtige Einflussfaktoren und daraus resultierende Herausforderungen für die (deutsche) Pflanzenzüchtung, die sich aus aktuellen wissenschaftlich-technologischen Entwicklungen, Einflüssen von Nachfrageveränderungen verbundenen Betriebsmittelmärkten, der Umwelt- und Energiepolitik sowie durch den Rechtsrahmen für die Nutzung und den Schutz von genetischen Ressourcen und Pflanzensorten ergeben, herausgearbeitet. Vorgestellt werden abschließend politische und gesellschaftliche Handlungsoptionen zur Stärkung einer vielfältigen und vielfaltsfördernden Pflanzenzüchtung in drei Handlungsfeldern:

  • Fortentwicklung der Förderung, der Ausrichtung und der Kooperationsformen der Pflanzenzüchtung(sforschung)
  • Erhaltung, Entwicklung und Steigerung der ABD
  • Ausgestaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen

Schlussbemerkung: Zur Bedeutung der Pflanzenzüchtung als zentrales Element einer zukunftsfähigen, nachhaltigen Landwirtschaft

Die mit dem TAB-Arbeitsbericht Nr. 197 vorgelegte Analyse und Darstellung der Pflanzenzüchtung in Deutschland belegen eine durchaus vielfältige Akteurslandschaft, mit Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten im Hinblick auf eine noch stärker als bislang vielfaltsfördernde Züchtungsforschung und Sortenentwicklung.

Grundsätzlich ist die Pflanzenzüchtung ein zentrales Element und damit Voraussetzung einer zukunftsfähigen, nachhaltigen Landwirtschaft. Deren Ausgestaltung ist auch im Jahr 2023 eine der großen politischen und gesellschaftlichen Zukunftsaufgaben in einem komplexen Spannungsfeld verschiedener Kontroversen, die selbst wiederum eine Reaktion auf ökologische, ökonomische, soziale und (tier)ethische Herausforderungen sind. Dabei ist es auf der einen Seite nötig zu versuchen, ein Gesamtkonzept für eine zukunftsfähige, nachhaltige Landwirtschaft zu entwickeln, auf der anderen Seite wird es auch unumgänglich bleiben, in Teilbereichen zu Verbesserungen zu gelangen.

Das Thema bzw. die Zielstellung einer vielfaltsbasierten und ‑orientierten Pflanzenzucht erscheint besonders geeignet, um in einem größeren Rahmen einen konstruktiven, integrativen Verständigungsdialog zu führen und Grabenkämpfe, wie sie in ansonsten gerade für die Pflanzenzucht relevanten Themen, wie gentechnisch veränderte Pflanzen und Pflanzenschutzmittel, immer noch dominieren, zu vermeiden bzw. zu überwinden:

  • Alle beteiligten Akteure wissen um die Bedeutung der (agro)biologischen Diversität hinsichtlich Sortenvielfalt, Arten im Anbau und Bewirtschaftungsweisen.
  • Zwar werden in der breiten Öffentlichkeit Bedeutung und Leistungen der Pflanzenzüchtung wenig wahrgenommen und vermutlich oftmals unterschätzt. Lediglich einzelne Facetten werden sehr stark öffentlich thematisiert und teils heftig kritisiert, insbesondere die Anwendung gentechnischer Methoden und damit verbundene Fragen der Patentierung sowie der globalen Konzentration im Saatgutsektor.
  • Dennoch erscheint es möglich und nötig, eine unkonstruktive weitere Polarisierung zu vermeiden und stattdessen gerade hinsichtlich der Förderung einer vielfältigen Pflanzenzüchtung alle oder zumindest sehr viele Akteure einzubinden. Günstigerweise handelt es sich bei der Förderung der Agrobiodiversität nicht um eine Entweder-oder-Frage – auch teil- und schrittweise Maßnahmen und Verbesserungen sind sinnvoll.
  • Auch wenn sicher nicht zu viel Einigkeit erwartet werden sollte, dürfte bezüglich wichtiger Teilfragen, z. B. zur Intensivierung der Forschungsförderung für Sorten für den ökologischen Landbau, ein weitgehender Konsens herstellbar sein, u. a. weil eine der Nachhaltigkeitszielvorgaben 20 % Ökolandwirtschaft umfasst.
  • Darüber hinaus erscheint es notwendig, die weitere Ausgestaltung nachhaltiger Landwirtschaft als gesamtgesellschaftlichen Diskussions- und Suchprozess zu gestalten, nachdem eine breite Öffentlichkeitsbeteiligung dazu bislang nicht stattgefunden hat.

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