
Seltene Erden – die Versorgungslage unter Berücksichtigung geopolitischer Risiken und der Fortschritte beim Recycling und der Etablierung einer Kreislaufwirtschaft
- Projektteam:
Simone Ehrenberg-Silies, Tobias Hungerland, Susann Bernhold, Nikolas Hubel
- Themenfeld:
Digitale Gesellschaft und Wirtschaft, Energie und Umwelt, Infrastrukturen und Sicherheit
- Themeninitiative:
Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung
- Analyseansatz:
TA-Kompakt
- Starttermin:
Oktober 2024
- Endtermin:
2026
In Kürze
Seltene Erden sind Rohstoffe, die für zahlreiche Zukunftstechnologien benötigt werden und eine zentrale Rolle in der Energiewende, der Digitalisierung und der industriellen Wertschöpfung spielen. Ihre Förderung und Weiterverarbeitung sind jedoch stark in China konzentriert, wodurch für Deutschland und Europa erhebliche Abhängigkeiten entstehen.
Die Studie bietet einen kompakten Überblick zur aktuellen und künftigen Versorgungslage, zu geopolitischen Entwicklungen sowie zu möglichen Bedarfen in zentralen Anwendungsfeldern. Betrachtet werden zudem Potenziale und Herausforderungen entlang der Wertschöpfungskette, insbesondere im Hinblick auf Recycling und die Etablierung einer Kreislaufwirtschaft.
Was sind seltene Erden und was macht sie so besonders?
Seltene Erden sind Mineralien bzw. Metalle. 16 Elemente des chemischen Periodensystems werden ihnen zugerechnet. Sie werden in leichte, mittelschwere und schwere seltene Erden unterschieden.
Seltene Erden sind – anders, als die Bezeichnung suggeriert – keinesfalls selten. Schätzungen gehen davon aus, dass die weltweiten Reserven in etwa 100 Mio. t betragen. Einzelne Elemente wie Cer kommen sogar häufiger in der Erdkruste vor als Kupfer.
Der größte Anteil des weltweiten Verbrauchs seltener Erden geht auf die Magnetherstellung zurück (44,3 %). Hierfür werden die seltenen Erdelemente (SEE) Neodym, Praseodym, Samarium, Lanthan, Terbium und Dysprosium benötigt. Die Magnete werden in der Konstruktion von Motoren und Generatoren für Windräder, Elektro- und Hybridfahrzeuge, in Festplatten, Lautsprechern sowie für Kernspintomografen eingesetzt. Insofern sind SEE vor allem für die Sektoren Erneuerbare Energien und E-Mobilität relevant. Ebenso spielen sie in moderner Militärtechnologie eine wichtige Rolle.
Seltene Erden sind für zahlreiche Zukunftstechnologien relevant, die im Umgang mit der 3D-Transformation (Digitalisierung, Dekarbonisierung und demografischer Wandel) unterstützen. Seltene Erden sind auch für moderne Militärtechnik von Bedeutung.
Welche Abhängigkeiten bestehen entlang der Wertschöpfungs- und Lieferkette?
China hat eine marktbeherrschende Stellung bei seltenen Erden inne. Auch Deutschland ist massiv von chinesischen Importen abhängig insbesondere im Hinblick auf seltene Erdmetalle.
Reserven seltener Erden befinden sich überwiegend in China. Auch in Brasilien, Indien und Australien existieren nennenswerte Vorkommen.
Heutzutage werden mit 270.000 t seltener Erdoxide (Rare Earth Oxides – REO) 70 % der weltweit abgebauten Menge in China gefördert, wo sich 15 der weltweit etwa 40 aktiven Bergbaustandorte befinden. Mit großem Abstand folgen die USA (45.000 t REO), Myanmar (31.000 t REO), Australien, Nigeria und Thailand (jeweils 13.000 t REO). Kleine Mengen werden auch von Indien (2.900 t REO), Russland (2.500 t REO), Madagaskar (2.000 t REO), Vietnam (300 t REO), Malaysia (130 t REO) und Brasilien (20 t REO) abgebaut.
Nur 19 Bergbauprojekte außerhalb Chinas werden als weit fortgeschritten eingestuft. Die Zeitspanne von der Exploration bis zur Produktion einer Mine umfasst typischerweise Jahrzehnte.
Die Dominanz Chinas bei der Raffination bzw. Weiterverarbeitung seltener Erden ist noch weitaus größer als beim Abbau. 90 % der weltweiten Wertschöpfung finden diesbezüglich in China statt.
Durch gezielte industriepolitische Maßnahmen zur Integration von Rückgewinnungstechnologien in bestehende Produktionsprozesse ist China inzwischen auch beim Recycling international führend.
2010 hat China durch Exportbeschränkungen für seltene Erden erstmals den westlichen Industrienationen seine Marktmacht demonstriert. 2023 verbot es die Ausfuhr von Technologien zur Gewinnung und Trennung seltener Erden und versuchte, dadurch seine Dominanz zu zementieren. Als Reaktion auf US-amerikanische Exportbeschränkungen für Halbleiter sowie die von den USA erhobenen Strafzölle erließ China im April 2025 und im Oktober 2025 weitere Ausfuhrrestriktionen, die auch seltene Erden und daraus gefertigte Magnete sowie Recyclingtechnologien umfassen. Ende Oktober 2025 kündigte China an, die Exportkontrollen für ein Jahr auszusetzen.
Welche Ansätze für mehr Rohstoffsouveränität gibt es und wie tragfähig sind diese?
Vor dem Hintergrund der angespannten geopolitischen Situation gewinnen politische Maßnahmen zur Erreichung von Rohstoffsouveränität an Bedeutung.
Die EU strebt mit der Verordnung (EU) 2024/1252[1] (Critical Raw Material Act – CRMA) mehr Rohstoffsouveränität an. Richtwerte, die bis 2030 erreicht werden sollen, sind: 10 % des jährlichen EU-Verbrauchs sollen aus eigenem Bergbau stammen und 25 % aus Recycling gedeckt werden. Zudem sollen 40 % des Verbrauchs, bezogen auf Zwischenbearbeitungsschritte, aus eigener Raffination/Verarbeitung kommen. Maximal 65 % des Jahresverbrauchs eines Rohstoffs sollen noch aus einem einzelnen Drittland kommen. Erreicht werden sollen diese Ziele durch strategische Projekte entlang der Wertschöpfungskette, nationale Explorationsprogramme, Monitoring- und Stresstests für die Versorgungssituation, die Verpflichtung großer Unternehmen zur Risikoprävention, die Stärkung der Kreislaufwirtschaft sowie Handelsabkommen und strategische Partnerschaften.
Verschiedene Ansätze zur Marktgestaltung sind vorstellbar, mit denen sich außerhalb Chinas primäre und sekundäre Rohstoffe konkurrenzfähig produzieren lassen könnten und mit denen auf Preisvolatilitäten reagiert werden könnte, etwa die Bildung eines garantierten Referenzpreises mit Gewinnabschöpfung oder eine staatliche Rohstoffreserve.
Substitution, bezogen auf Material, Technologie und Funktionalität, kann ebenfalls einen Beitrag zur Rohstoffsouveränität leisten. Zur Verminderung des Bedarfs an schweren SEE in Permanentmagneten wird an nanotechnologischen Möglichkeiten zur besseren Verteilung von Dysprosium und Terbium in Neodym-Eisen-Bor-Magneten sowie an nicht auf SEE basierenden Magnetmaterialien geforscht. In der Anwendung sind bisher vor allem Lösungen relevant, die auf Mengenreduzierung von SEE und die Substituierung von Technologien zielen.
[1] Verordnung (EU) 2024/1252 vom 11. April 2024 zur Schaffung eines Rahmens zur Gewährleistung einer sicheren und nachhaltigen Versorgung mit kritischen Rohstoffen und zur Änderung der Verordnungen (EU) Nr. 168/2013, (EU) 2018/858, (EU) 2018/1724 und (EU) 2019/1020
Welches Potenzial haben Recycling und die Etablierung einer Kreislaufwirtschaft für mehr Rohstoffsouveränität?
Eine Wiederverwertung von SEE erfolgt durch Wiederverwendung (Re-Use) oder Recycling, wobei letzteres in rohstoffliche und werkstoffliche Verfahren unterteilt wird. Während Re-Use große, gut zugängliche Magnete erfordert, sind Recyclingprozesse oft energie- und umweltintensiv. Werkstoffliches Recycling kann zudem die Eigenschaften der Magnete verändern. Aktuell ist das Recycling wirtschaftlich nur bei Permanentmagneten rentabel, nicht jedoch bei anderen SEE-haltigen Komponenten.
Recyclingunternehmen stehen vor der Herausforderung, mit Primärrohstoffen preislich konkurrieren zu müssen. Rezyklate sind derzeit meist teurer. Zusätzlich erschweren geringe Mengen an Altmagneten und die Heterogenität der Stoffströme die Rückgewinnung. Viele SEE-haltige Produkte, wie Windkraftanlagen oder E-Auto-Motoren, haben das Ende ihrer Lebensdauer noch nicht erreicht. Zudem fehlt in der EU ein geschlossenes Verwertungssystem. Ohne eigene Weiterverarbeitung müssen recycelte SEE oder Oxide, Legierungen und Komponenten wieder nach China exportiert werden.
China ist bereits Vorreiter bei der Integration von Rückgewinnungstechnologien in bestehende Produktionsprozesse. Auch in Europa könnten gezielte industriepolitische Maßnahmen und die erwartete Zunahme an End-of-Life-Materialien das Recycling voranbringen. Prognosen zufolge ließe sich in etwa 10 Jahren bis zu einem Drittel der SEE-Nachfrage durch Recycling decken, vorausgesetzt, die wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen entwickeln sich entsprechend.
Wie könnten sich Liefer- und Wertschöpfungsketten bei seltenen Erden in den nächsten 10 Jahren entwickeln? Welche Szenarien sind wahrscheinlich?
Entwicklungen in den Bereichen Bergbau, Verarbeitung/Raffination, Recycling/Kreislaufwirtschaft, Substitution, Handels- und Zollpolitik, Nachfrage sowie Marktgestaltung werden Liefer- und Wertschöpfungsketten – und damit den Grad der Rohstoffsouveränität – maßgeblich beeinflussen. Diese Faktoren stellen zentrale Stellgrößen für die Versorgung mit seltenen Erden dar: Es sind Schlüsselfaktoren. Für jeden von ihnen sind unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten (Projektionen) plausibel, die auf Basis der Unterkapitel erarbeitet wurden. Im Rahmen eines schlüsselfaktorbasierten Szenarioansatzes lassen sich diese Projektionen zu drei konsistenten Szenarien bündeln.
Szenario „Blockierte Souveränitätswende“: Die globale Ordnung im Jahr 2035 hat sich in zwei Blöcke aufgespalten – China und Russland auf der einen Seite, die USA und die EU auf der anderen Seite, wobei die USA und China teilweise als eigenständige Supermächte agieren. Sicherheit hat Vorrang vor Nachhaltigkeit. Die Nachfrage nach seltenen Erden verschiebt sich deshalb von grünen Technologien hin zum militärischen Bereich und steigt nur verhalten an. Afrikanische und asiatische Länder schließen lieber mit den USA und China Rohstoffpartnerschaften als mit der EU. Investitionen in den Rohstoffabbau stagnieren aufgrund der schwachen Nachfrage, geopolitischer Unsicherheiten und chinesischer Gegenstrategien, die die Souveränitätsbestrebungen der EU torpedieren sollen. Chinas bereits gefestigte Stellung im Bergbau und in der Raffination ermöglicht es dem Land, seine Dominanz nachhaltig zu verteidigen. Recycling und Substitution bleiben Randthemen ohne signifikanten Einfluss auf die Versorgungslage. Chinas Marktmacht und Europas Zögerlichkeit verhindern eine relevante Rohstoffunabhängigkeit.
Szenario „Fragmentierte Souveränitätswende“: Die EU sieht sich mit einer multipolaren Weltordnung konfrontiert, in der Länder Klima- und Umweltthemen sehr unterschiedlich priorisieren. Die Nachfrage nach SEE steigt daher nur moderat an. Die EU konkurriert mit vielen Ländern um Rohstoffpartnerschaften, manche kann sie abschließen. China setzt seine Exportkontrollen fort: Mit Förderprogrammen und der Einführung eines Referenzpreismodells wird ein Investitionsklima geschaffen, das Bergbauprojekte außerhalb Chinas ermöglicht. Hiervon profitiert direkt wie indirekt auch die EU. Die Weiterverarbeitungskapazitäten in Europa werden ausgebaut. Durch gezielte politische Maßnahmen entsteht eine europäische Recycling- und Vorproduktinfrastruktur. Stoffströme enden aber häufig noch außerhalb Europas. Es können teilweise Fortschritte in der Substitutionsforschung erzielt werden. Durch neue Bezugsquellen und eigene Verarbeitungsstufen kann die EU ihre Handlungsspielräume bedingt erweitern.
Szenario „Proaktive Souveränitätswende“: Handels- und Zollkonflikte flauen ab. Die Rückkehr von Klima- und Umweltfragen auf die politischen Agenden lässt die Nachfrage nach SEE beträchtlich zunehmen. Die EU schließt Rohstoffpartnerschaften ab und investiert mittels Public Partnerships in aussichtsreiche Bergbauprojekte. Dies wird dazu beitragen, ihre Versorgung in den 2040er und 2050er Jahren zu sichern. Dass es bis 2035 kaum Fortschritte im Bergbau außerhalb Chinas gegeben hat, verursacht inzwischen kaum Probleme. Denn die EU hatte Mitte der 2020er Jahre noch rechtzeitig ihre Souveränitätsstrategie nachjustiert und konsequent auf Recycling und Substitutionsforschung gesetzt. Als Brückeninstrument zur Dämpfung damaliger, durch China erzeugter Preisvolatilitäten diente die EU-Reserve für SEE. Inzwischen ist die EU gegen die Störung und Unterbrechung von Lieferketten gewappnet: Ein beträchtlicher Teil seltener Erden, die sie benötigt, befindet sich in Art von Reserven und recyclingfähigen Produkten in ihrem Hoheitsgebiet.
Welche Handlungsperspektiven lassen sich ableiten?
Durch Recycling, Kreislaufstrategien, Substitution und den Aufbau einer SEE-Reserve kann mittelfristig die strategische Souveränität der EU bei seltenen Erden erhöht werden. Der Vorteil ist, dass diese Maßnahmen an SEE ansetzen, die sich bereits in der EU befinden bzw. – im Fall von Substitution – auf die Verminderung der Nachfrage abzielen.
Methodisches Vorgehen
Die Studie kombiniert qualitative und explorative Forschungsmethoden. Grundlage bildet eine systematische Analyse der aktuellen Fachliteratur sowie Interviews mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Industrie und Verbänden mit Bezug zu Geopolitik, Wertschöpfungsketten, Recycling und Kreislaufwirtschaft.
Auf dieser Basis wurden mithilfe eines schlüsselfaktorbasierten Szenarioansatzesdrei alternative Szenarien zur Rohstoffsouveränität in Bezug auf seltene Erden aus EU-Perspektive entwickelt . Zentrale Einflussfaktoren wie Bergbau, Verarbeitung, Recycling, Substitution, Handels- und Zollpolitik, Nachfrage sowie Marktgestaltungwurden identifiziert und in unterschiedlichen Ausprägungen kombiniert.
Die daraus abgeleiteten Szenarien wurden in einem Expertenworkshop diskutiert und weiterentwickelt. Sie dienen als konsistente Zukunftsbilder, um mögliche Entwicklungen sowie damit verbundene Chancen und Risiken einzuordnen.
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TA-Kompakt Nr. 6 Die Studie bietet einen kompakten Überblick zur aktuellen und künftigen Versorgungslage, zu geopolitischen Entwicklungen sowie zu möglichen Bedarfen in zentralen Anwendungsfeldern. Betrachtet werden zudem Potenziale und Herausforderungen entlang der Wertschöpfungskette, insbesondere im Hinblick auf Recycling und die Etablierung einer Kreislaufwirtschaft.
In der Reihe TA-Kompakt werden aktuelle Themen wissenschaftlich fundiert für den Deutschen Bundestag in konzentrierter Form aufbereitet und unterstützen politische Entscheidungsprozesse. |
Im Bundestag
Der Abschlussbericht zum TA-Projekt wurde am 22. April 2026 vom Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung abgenommen und geht damit in die parlamentarische Arbeit ein.
Vorgang - Bericht auf dem Parlamentsserver (DIP)
Technikfolgenabschätzung (TA)
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