Spitze Eisberg über Wasser und Eisberg unter WasserAles Utouka/123rf.com

Umgang mit Nichtwissen bei explorativen Experimenten

  • Projektteam:

    Johannes Schiller (UFZ)
    Arnold Sauter
     

  • Themeninitiative:

    Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung

  • Analyseansatz:

    TA-Projekt

  • Starttermin:

    2014

  • Endtermin:

    2022

Unsicheres Wissen bzw. Nichtwissen, das Ursache, Antrieb und inhärenter Teil aller wissenschaftlichen Forschung ist, erhält beim Übergang hinaus in die Welt (der explorativen Experimente) eine deutlich größere Tragweite, da negative Effekte viel schwieriger beherrschbar sind als im Labor. Das wirft die Frage eines guten gesellschaftlichen Umgangs mit unvermeidbarem Nichtwissen und den damit verbundenen Unsicherheiten über die möglichen Folgen der Experimente auf. Vor diesem Hintergrund wurde das TAB beauftragt, Konzepte zur Risikoabschätzung explorativer Experimente und Verfahren zum Umgang mit dem verbundenen Nichtwissen im Sinn einer guten Governance zu untersuchen.

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Hintergrund, zentrale Aspekte des Themas

Wissenschaftliche Experimente lassen sich im Kontext neuer Technologieentwicklungen oftmals nicht auf Labore beschränken, in denen kontrollierbare Bedingungen herrschen, sondern finden in der Umwelt bzw. der Gesellschaft statt. Explorative Experimente dieser Art werden häufig bei Erstentwicklungen wie auch bei Folgeanwendungen von Technologien durchgeführt, deren kurz- und langfristige Auswirkungen auf die Umwelt bzw. Gesellschaft weder vorhersehbar noch kontrollierbar und damit unsicher sind. Als neuere Beispiele lassen sich Fracking, »carbon capture and storage« (CCS), die Exploration tiefer geothermischer Ressourcen oder die Eisendüngung von Ozeanen (z. B. im Rahmen von LOHAFEX), aber auch Entwicklungen in der Medizin sowie in der Bio- und Gentechnologie (z. B. Gentherapie, grüne Gentechnik) anführen. Nichtwissen bezüglich Art und Ausmaß möglicher Wirkungen für Umwelt und Gesellschaft ist untrennbarer Teil von explorativen Experimenten, die im Zusammenhang dieser Technologieentwicklungen durchgeführt werden. Wie das Beispiel LOHAFEX zeigt, können auch grenzüberschreitende Probleme auftreten, was neue transnationale Forschungspolitiken und -kooperationen erforderlich macht.

Insofern die Gesellschaft selbst Teil derartiger Experimente wird und von möglichen ungünstigen Entwicklungen (z. B. grundlegende Veränderungen der Ökosysteme) direkt betroffen ist, stellt die Einschätzung möglicher Gefahren und Risiken sowie die Entwicklung von Strategien im Umgang mit ihnen eine besondere Herausforderung dar. Dabei ist der vielschichtige Anspruch gesellschaftlicher Akteure auf Mitgestaltung offenkundig, was sich allein daran zeigt, dass schon die Durchführung von sondierenden Forschungen (vor Ort) auf massive Proteste stoßen kann. Der grundsätzliche Verzicht Deutschlands auf entsprechende Forschungsaktivitäten könnte jedoch das Risiko bergen, nicht mehr angemessen auf internationale Impulse reagieren zu können und den Anschluss an und den Einfluss auf Entwicklungen auf internationaler Ebene zu verlieren. Umso wichtiger werden somit Mechanismen und Verfahren, die verantwortungsvolle und demokratische Entscheidungen über explorative Experimente ermöglichen.

Vor diesem Hintergrund stellen sich grundsätzliche Fragen, wie mit unvermeidbarem Nichtwissen und möglichen Gefahren umgegangen und wie das Verhältnis von Wissenschaft, Gesellschaft und Politik gestaltet werden soll. Die Gentechnik verdient in diesem Kontext besondere Beachtung, da in diesem Forschungsfeld bereits umfangreiche und wegweisende Sicherheitskriterien auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene festgelegt worden sind, denen ein Stufenkonzept (geschlossenes System – Freisetzung – allgemeine Anwendung) zugrunde liegt. Inwiefern ist das Stufenkonzept eine Gestaltungsidee, die auch in anderen Bereichen explorativer Experimente Anwendung finden kann oder finden sollte? Welche Instrumente der Regulierung (z. B. Ethikkommissionen oder Verwaltungsverfahren) sind an welcher Stelle zielführend, und wie können sie so gestaltet werden, dass einerseits Autonomie, Funktionalität und Qualitätssicherung von Forschung nicht beeinträchtigt, andererseits aber berechtigte Schutzinteressen von Mensch und Umwelt nicht ignoriert werden? Welche Formen der Beteiligung von nichtwissenschaftlichen Akteuren sind sinnvoll, und wie können sie organisiert und institutionalisiert werden? Das TAB wurde beauftragt, diese Fragen in einem TA-Projekt zu untersuchen und Handlungsoptionen für den Deutschen Bundestag aufzuzeigen.

Ziel und Vorgehensweise

Grundsätzlich gilt es zu analysieren, wie mit Nichtwissen bei explorativen Experimenten umgegangen wird und welche Herausforderungen sich hieraus für Forschung und Politik im Umgang mit Nichtwissen bei explorativen Experimenten ergeben. Die Regulierungsansätze und die wissenschaftlichen Instrumente und Verfahren für die Abschätzung von Gefahren explorativer Experimente sollen dafür genauso untersucht werden wie Beteiligungsoptionen von Bürgerinnen und Bürgern. Daraus sollen politischer und rechtlicher Handlungsbedarf abgeleitet und entsprechende Strategien der politischen Gestaltung aufgezeigt werden.

Um dies zu erreichen, soll an drei konkreten Fallbeispielen exemplarisch der Umgang mit Nichtwissen bei explorativen Experimenten analysiert werden. Neben (1) der Gentechnologie, zu der bereits umfangreiche Erfahrungen vorliegen, sollen (2) die Eisendüngung von Ozeanen (der Fall LOHAFEX) sowie (3) geowissenschaftliche Experimente (Fracking, Geothermie, Verpressung von CO2 im Untergrund) untersucht werden. Dabei sollen jeweils die Besonderheiten wie auch allgemeine Aspekte herausgearbeitet werden.

Zu diesen Aspekten gehören die gegebenen und wünschenswerten Regulierungen wie auch die Frage, ob Instrumente zur Verfügung stehen, um Risiken und Chancen von explorativen Experimenten zu erfassen und mit Nichtwissen im Hinblick auf Folgen von Forschung umgehen zu können. Sind herkömmliche Instrumente und Verfahren der Abschätzung und des Managements von Gefahren und Risiken ausreichend und beispielsweise im Fall grenzüberschreitender Experimenten angemessen? Darüber hinaus ist auch zu analysieren, welche politischen Verfahren bereits vorhanden sind (z. B. formelle Verfahren der Öffentlichkeitsbeteiligung, informelle Formen wie Bürgerdialoge und Plattformen), um die explorative Forschung der gesellschaftlichen Mitgestaltung zugänglich zu machen. Auf dieser Basis soll schließlich identifiziert werden, ob und in welcher Weise Forschungs-, Regelungs- und Anpassungsbedarf besteht, d. h. welche Instrumente ggf. neu entwickelt bzw. welche bestehenden Instrumente nachjustiert und welche rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen oder angepasst werden müssten.

Stand der Projektbearbeitung

Der vom TAB verfasste Endbericht in Form eines Hintergrundpapiers wurde vom Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung abgenommen und wird aktuell für die Veröffentlichung vorbereitet.

Weitere Literatur zum Thema (Auswahl)


2015
Nichtwissenskulturen und Nichtwissensdiskurse : Über den Umgang mit Nichtwissen in Wissenschaft und Öffentlichkeit
Wehling, P.; Böschen, S.
2015. Baden-Baden : Nomos, 2015 (Wissenschafts- und Technikforschung ; 15) 
2014
Diskursrisiken der Kommunikation von Nichtwissen. Der Fall “Nanotechnologie”
Lösch, A.
2014. Technikfolgenabschätzung, Theorie und Praxis, 23 (2), 33–40 
Vorsorge, Nichtwissen und Evidenzpolitik
Böschen, S.
2014. Gen-ethischer Informationsdienst, (223), 17–20 
2012
Neue Wissensarten: Risiko und Nichtwissen
Böschen, S.; Wehling, P.
2012. Maasen, S. [Hrsg.] Handbuch Wissenschaftssoziologie Wiesbaden : Springer VS, 2012, 317–327 
Nichtwissen und Wissensregime. Neue Konfliktlagen und Probleme von Wissenskommunikation
Böschen, S.
2012. Janich, N. [Hrsg.] Nichtwissenskommunikation in den Wissenschaften : Interdisziplinäre Zugänge Frankfurt am Main [u.a.] : Peter Lang, 2012 (Wissen - Kompetenz - Text ; 1), 235–267 
Risiko als Medium zur Kommunikation von Nichtwissen. Eine soziologische Fallstudie zur Selbstregulierung der Nanotechnologie
Lösch, A.
2012. Janich, N. [Hrsg.] Nichtwissenkommunikation in den Wissenschaften : interdisziplinär Zugänge Frankfurt a.M. [u.a.] : Peter Lang, 2012 (Wissen - Kompetenz - Text ; 1), 171–207 
2000
Risikokommunikation und die Risiken der Kommunikation wissenschaftlichen Wissens. Zum gesellschaftlichen Umgang mit Nichtwissen
Bechmann, G.; Stehr, N.
2000. GAIA - Ökologische Perspektiven für Wissenschaft und Gesellschaft, 9, 113–21