Weltkugel vor Geldscheinen_ Welt ohne BargeldAleksandr Belugin/123rf.com

Welt ohne Bargeld – Veränderungen der klassischen Banken- und Bezahlsysteme

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Thematischer Hintergrund

Bargeld ist in Deutschland das einzige unbeschränkte gesetzliche und nach wie vor auch das am häufigsten verwendete Zahlungsmittel. Trotzdem wird die Verbreitung unbarer Zahlungsmittel durch einen abnehmenden Preis und einer besseren Verfügbarkeit und Verbreitung von Basistechnologien, Verbraucherwünschen nach bequemeren Zahlungsmitteln mit Zusatzfunktionen und der Corona-Pandemie immer weiter vorangetrieben. Zudem erleichtern gesetzliche Regulierungen zur Öffnung von Datenbeständen und proprietären Systemen sowie Initiativen der Marktakteure selbst Open Banking, also die Verknüpfung von Dienstleistungen verschiedener Anbieter durch das Öffnen von Schnittstellen als Grundlage für die Entwicklung neuartiger unbarer Bezahllösungen.

Zahlreichen neuen Playern gelang bereits der Markteintritt im Finanz- und Bankenbereich, wodurch das Bankenökosystem nachhaltig verändert wurde. Dazu gehören sowohl große Unternehmen mit etablierten Technologieplattformen wie Alibaba, Amazon und Facebook (BigTechs) genaus wie (junge Unternehmen, die technologiebasierte, spezialisierte und kundenorientierte Finanzdienstleistungen entwickeln und anbieten (FinTechs).

Ziel der Kurzstudie war es, aktuelle Entwicklungen im Zahlungsverkehr zu analysieren. Zudem sollten die spezifischen Eigenschaften von Bargeld sowie ausgewählter unbarer Zahlungslösungen in den Blick genommen und miteinander verglichen werden genauso wie das Zahlungsverhalten in Deutschland, Schweden und China. Eine Betrachtung des sich wandelnden Machtgefüges im Zahlungsverkehr durch das Auftreten neuer Akteure und die darauf folgenden Reaktionen traditioneller Kreditinstitute und Zentralbanken sollte die Untersuchung abrunden.

Zentrale Ergebnisse

Gegenüber unbaren Zahlungsmitteln bildet Bargeld ein wichtiges Korrektiv im Zahlungsverkehr. Kein unbares Zahlungsmittel erreicht ein ähnlich hohes Inklusionsniveau und schützt vergleichbar die Privatsphäre. Durch Wertaufbewahrung in Bargeld können Verbraucher/innen Negativzinsen vermeiden. Allerdings mindern hohe Bargeldbestände die geldpolitischen Steuerungsmöglichkeiten der Zentralbanken.

Zwar ist der Einsatz von Bargeld für Verbraucher/innen, etwa im Handel, kostenlos, das Inverkehrbringen von Bargeld und die Bargeldinfrastruktur sind es jedoch nicht. Eine Entwicklung wie in Schweden, wo Bargeldverkehr kaum noch eine Rolle spielt,ist selbst mittelfristig in Deutschland unwahrscheinlich; dennoch könnte sich auch hierzulande die Frage nach den Kosten und der Kostenübernahme für eine Bereitstellung der Bargeldinfrastruktur stellen, wenn die Bargeldnutzung weiter abnimmt. Um ein Mindestmaß an Bargeldversorgung zu gewährleisten, müsste dann ggf. wie in Schweden mit gesetzlichen Maßnahmen reagiert werden.

Die Nutzung unbarer Zahlungsmittel nimmt auch in Deutschland weiter zu. Von besonderer Bedeutung sind kartengestützte Zahlverfahren – entweder direkt mit der Plastikkarte (Debit- oder Kreditkarte) oder mit der virtuellen Karte, über die unbare Zahlweisen im Hintergrund abgewickelt werden, wie beim mobilen Bezahlen und bei Internetbezahlverfahren üblich.

Die Nutzung von unbaren Zahlungsmitteln ist für Verbraucher/innen voraussetzungsreicher als die Verwendung von Bargeld. Vor einer Nutzung muss mit einem privaten Zahlungsdienstleister ein Vertrag geschlossen werden, der nicht in jedem Fall leicht verständlich formuliert ist. Zahlungsdienstleister können Händler/innen und Kund/innen die Nutzung ihrer Zahlungslösung verweigern, etwa wenn die Bonität nicht gegeben ist oder wenn ein Händler zwar legale, aber nicht mit den ethischen Vorstellungen des Zahlungsdienstleisters vereinbare Angebote und Dienstleistungen anbietet. Zudem sind die meisten unbaren Zahlungslösungen ohne ein Girokonto nicht nutzbar.

Das Sicherheits- und Datenschutzniveau der jeweiligen unbaren Zahlungslösungen ist sehr unterschiedlich. So kann das Bezahlen mit Debitkarten im Vergleich zu vielen anderen unbaren Zahlweisen als relativ sicher bewertet werden, und auch das Datenschutzniveau ist vergleichsweise hoch. Kreditkarten schneiden in beiden Punkten schlechter ab.

Im Allgemeinen ist das Datenschutzniveau bei neuartigen Zahlungslösungen wie Internet-bezahlverfahren und mobilem Bezahlen niedriger als bei Kartenzahlungen, da hier auch Daten erhoben und verarbeitet werden, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Bezahlvorgang stehen.

BigTechs sind inzwischen etablierte Akteure im Zahlungsverkehr. Ihre Motive für den Markteintritt und die verfolgten Geschäftsmodelle sind vielfältig. Sie reichen von der Datengewinnung für Werbezwecke über das Ziel, Kund/innen möglichst lang im eigenen Ökosystem zu halten, bis hin zur Erzielung von Entgelten durch das Angebot von Zahlungsverkehrsprodukten. Da Bezahlen mehr und mehr zu einer integrierten Funktion wird, laufen Banken Gefahr, zu Abwicklern im Hintergrund zu werden und damit ihre Sichtbarkeit beim Kunden zu verlieren.

Angesichts der Präsenz und der Marktmacht US-amerikanischer Kartenanbieter und BigTechs und des voraussichtlich zunehmenden Einflusses chinesischer BigTechs im Zahlungsverkehr ist die Erhaltung der Handlungsfähigkeit des europäischen Bankenwesens von großer Bedeutung. Die zentralen Ideen in diesem Bereich sind die Entwicklung von Produkten für unterschiedliche Zahlungssituationen unter einer europäischen Dachmarke, die auf Instant Payments beruhen (Echtzeitüberweisungen, bei denen der Transfer von Geldbeträgen vom Konto des Zahlungspflichtigen zum Konto des Zahlungsempfängers nur wenige Sekunden dauern), sowie die Schaffung eines europäischen Kartensystems.

Im Juni 2021 fiel zudem die Entscheidung der EZB, in eine Untersuchungsphase zur möglichen Gestaltung des digitalen Euros einzutreten. Diese dauert voraussichtlich bis Oktober 2023 an.

Veranstaltung

Öffentliches Fachgespräch am 18. Juni 2020 im Bundestag: 
Welt ohne Bargeld – Veränderungen der klassischen Banken- und Bezahlsysteme

Publikationen


2022
Welt ohne Bargeld – Veränderungen der klassischen Banken- und Bezahlsysteme
Ehrenberg-Silies, S.; Peters, R.; Wehrmann, C.; Christmann-Budian, S.
2022. Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB). doi:10.5445/IR/1000148253VolltextVolltext der Publikation als PDF-Dokument
Welt ohne Bargeld – Veränderungen der klassischen Banken- und Bezahlsysteme
Ehrenberg-Silies, S.; Peters, R.; Wehrmann, C.; Christmann-Budian, S.
2022, April. Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) VolltextVolltext der Publikation als PDF-Dokument

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