Mögliche Schäden reichen von Datendiebstahl über Erpressung mit gestohlenen oder verschlüsselten Daten bis zu Unterbrechung der Energieversorgung und Hardwaresabotage. Beide systemischen Risiken können alle im Systembild abgebildeten Bereiche beeinträchtigen. Mit zunehmender Abhängigkeit von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) nimmt das Gefährdungspotenzial von Technikversagen weiter zu, etwa durch Softwarefehler oder Fehlbedienung (Mayer et al. 2021). Betrei­ber kritischer Energieinfrastrukturen müssen bereits heute Anfor­derungen gemäß dem Gesetz zur Erhöhung der Sicherheit informationstechnischer Systeme (IT-Sicherheitsgesetz)1 und Energiewirtschaftsgesetz (EnWG)2 erfüllen und für den Fall von schwerwiegenden Versorgungsstörungen effektive Präventions- und Reaktionsmaßnahmen ergreifen (BSI 2023b). Seit dem Beginn der Energiewende leisten dezentrale Anlagen einen zunehmend wichtigen Beitrag zur Energieversorgung und darauf ausgerichtete Cybersicherheitsmaßnahmen sind erforderlich (Mayer et al. 2021).

Die zunehmenden geopolitischen Konflikte verstärken die Gefährdung des Ener­gieinfrastruktursystems, wie die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine und die damit verbundenen Veränderungen in den globalen Energieversorgungs­ketten und Rahmenbedingungen der Energieversorgung in Deutschland zeigen (Korzynietz et al. 2023). Versorgungsengpässe bei Energie, kritischen Rohstoffen und Lieferketten, ausgelöst durch geopolitische Konflikte und steigende Nachfrage nach kritischen Rohstoffen und Technologien, bergen ein erhebliches Gefährdungspotenzial mit potenziell gravierender Schadenshöhe und hoher Eintrittswahrscheinlichkeit (Cox/Jakob 2023). Auch die Trendanalysen betonen die hohe Relevanz dieser Risiken. Diese Engpässe beeinflussen vor allem die Bereiche VorleistungenPrimärenergieträgerEnergieumwandlung und teilweise die Speicherung im Infrastruktursystem.

Das Gefährdungspotenzial durch die eng miteinander verknüpften systemischen Risiken globale Erwärmung und Wetterextreme ist vor allem in der langfristigen Perspektive sehr hoch. Wetterextreme beeinflussen das Energiesystem von der Primärenergieversorgung über die Energieumwandlung und Speicherung bis zur Verteilung und sind eine der Hauptursachen für Energieversorgungsunterbrechungen (Che-Castaldo et al. 2021; Mayer et al. 2021). Die Auswirkungen der globalen Erwärmung, wie steigende Durchschnittstemperaturen und sich verändernde Windgeschwindigkeiten, wirken auf Verbrauch und auf Erzeugung (Jasiūnas et al. 2021).

Von dem systemischen Risiko Machtkonzentration geht gemäß der Quellenanalyse für das Infrastruktursystem Energie ein mittleres Gefährdungspotenzial aus. Allerdings ist im Zuge der Digitalisierung eine zunehmende Bedeutung von Plattformen im Energiesektor zu konstatieren, die viele Daten, unter anderem zum Nutzungsverhalten, erfassen, aggregieren und verarbeiten (Jasiūnas et al. 2021), die aber nicht allen Marktteilnehmenden zur Verfügung stehen.

Das systemische Risiko Pandemien und Epidemien wird mit Bezug zum Gefährdungspotenzial dagegen eher als gering eingeschätzt. Hier sind direkte Schäden durch Personalausfälle in allen im Systembild Energie abgebildeten Bereichen möglich. Zudem kann die Stabilität des Systems durch verändertes, untypisches Verbrauchsverhalten gefährdet werden (BBK 2019; Mayer et al. 2021).

Des Weiteren ist das systemische Risiko gesellschaftlicher Polarisierung für das Infrastruktursystem Energie mit einem Gefährdungspotenzial verbunden, dass sich vor allem auf das Erreichen der Energiewendeziele bezieht und sich in polarisierten Haltungen zu Veränderungen äußert. Dies zeigt sich in mehr oder weniger organisiertem Widerstand, besonders in den Bereichen Energieumwandlung und Verteilung, z.B. beim Bau von Windkraftanlagen oder dem Ausbau von Übertragungsnetzen (Mayer et al. 2021; Voß et al. 2021). Die Kaskadeneffekte geopolitischer Konflikte und daraus resultierender Preiserhöhungen im Verbrauch verstärken zudem die Risiken für wirtschaftliche Abwanderung und polarisierende Energiearmut (Henger/Stockhausen 2022) und werfen gleichzeitig neue Fragen der Energiegerechtigkeit auf.

Nicht zuletzt gefährdet das systemische Risiko Pfadabhängigkeiten das Erreichen der Transformationsziele in allen Bereichen des Energiesystems. Pfadabhängigkeiten werden aktuell meist als begünstigend für die Beibehaltung eines fossilen Energiesystems diskutiert. Sie können sich aber auch im Rahmen des Ausbaus erneuerbarer Energien herausbilden und ein langfristiges Festlegen auf bestimmte Entwicklungspfade bewirken (Jakob et al. 2022; PowerShift 2023).

Fußnoten

Einschätzung der Robustheit

 

Die Robustheit des (gegenwärtigen) Infrastruktursystems Energie hinsichtlich systemischer Risiken, wurde im Rahmen der empirischen Erhebungen und der Panelbefragung bewertet. Die Gesamtbewertung des Energiesystems über alle systemischen Risiken liegt bei einer mittleren Robustheit. Bei der Bewertung einzelner systemischer Risiken zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede. Insbesondere gegenüber Cyberkriminalität wird die Robustheit am geringsten eingeschätzt, wobei etwa ein Drittel der Expert/innen sie als sehr gering und ein weiteres Drittel als gering beurteilt. Auch bei geopolitischen Konflikten und Wetterextremen wird das Energiesystem von einer deutlichen Mehrheit der Expert/innen als wenig robust wahrgenommen. Die Einschätzung der Robustheit gegenüber dem Risiko von Pfadabhängigkeiten wird als mittel bewertet. Eine hohe Robustheit wird vor allem in Bezug auf das systemische Risiko von Pandemien und Epidemien gesehen.